Bremer Reiseunfreudigkeit
Nichts los in Istanbul?
Text: Alex Raack Bild: Imago
Am Mittwoch steht der SV Werder im zweiten Europapokalfinale seiner Vereinshistorie. Tickets für das Finale gibt es noch wie Sand am Meer. Ist der Bremer Anhang des Europapokals überdrüssig?
Ein Bild für die Götter: Uli Borowka, zweibeiniger Vorschlaghammer aus der Bremer Defensivschule, lässt sich vom frisch geföhnten Mannschaftskollegen Dieter Eilts die Haare scheren. Fleischmaske für Borowka, nach dem Sieg der Bremer im Europapokalfinale 1992 in Lissabon. Der umschrieb seinen neuen Kopfschmuck mit gewohnt markigen Worten: »Der Eilts hat mir die Rübe kahl geschoren. Sieht doch bombig aus, auch wenn es meiner Frau nicht gefallen wird.«
Der Europapokal und Werder Bremen – das ist seit mehr als zwei Jahrzehnten eine höchst unterhaltsame Beziehung. Anderlecht, BFC Dynamo, Wynton Rufer, AC Mailand – die Kette an anekdotenreichen Schlagworten könnte noch ewig weiter geführt werden. Am kommenden Mittwoch steht der SVW in Istanbul im zweiten Europapokal-Endspiel seiner Vereinshistorie. Wieder so ein Tag, an dem grün-weiße Geschichte geschrieben werden kann. Schade nur, dass der Bremer Anhang nur mit einem Minimalaufgebot am Bosporus vertreten sein wird.
Nach aktuellem Stand machen sich gerade einmal 5000 Werder-Fans auf den Weg nach Istanbul, im altehrwürdigen Şükrü-Saracoğlu-Stadion drohen die grün-weißen Farben nur ein Farbklecks in der Trassenlandschaft zu werden. Bereits nach den ersten Verkaufstagen der Final-Tickets wunderte man sich auf der Bremer Geschäftsstelle über die »zurückhaltende Resonanz«, wie es eine Mitarbeiterin vornehm ausdrückte. Noch nie war es einfacher Karten für ein Uefa-Cup-Finale zu bekommen.
58 Euro muss man laut offizieller Preisliste für das eine der blau-grauen Eintrittskarten der billigsten Kategorie zahlen. Bei ebay bekommt man inzwischen für knapp 50 Euro zwei Tickets – aus der teuersten Kategorie. Eine Katastrophe für findige Schwarzmarkt-Händler, die sich fühlen müssen, wie die Lehmann Brothers.
12.000 Plätze sind für den Bremer Anhang in Istanbul reserviert. Sollten sich wirklich nur knapp die Hälfte aus Bremen auf den Weg machen, wäre das stimmungstechnisch ein Desaster. Bei Werder ist man scheinbar Europapokal-müde geworden. Schon beim zweiten Auswärtsspiel in Barcelona in der Champions League bestand ein Großteil der im Bremer Block sitzenden »Fans« aus Pauschalurlaubern der Reisegiganten Neckermann und Co. Menschen, die Fußball als ähnlich unterhaltsames Event betrachten wie den Besuch der Oper oder der La Catedral in Barcelonas Innenstadt. Final-Atmosphäre wird mit diesen Stimmungskillern nicht wirklich aufkommen.
Bereits 1992 waren gerade einmal 15.000 Zuschauer zum Endspiel in Lissabon gegen den AS Monaco (wobei der monegassische Anhang aus gefühlt zwei gefüllten Passagiermaschinen bestand). Nicht auszudenken, wenn auch 2009 in Istanbul Plätze frei bleiben würden. Sicher, die Bremer Fangemeinde ist in punkto Größe und Reisefreudigkeit nicht vergleichbar mit den Branchengrößen aus Gelsenkirchen, Dortmund und Hamburg, aber ein deutsches Uefa-Cup-Finale mit weniger als 10.000 mitgereisten Bremer Fans wäre einfach nur traurig.
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