Warum Wiese nie die deutsche Nummer 1 wird
Der Wiesling
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Im Pokal-Halbfinale seines SV Werder Bremen gegen den Hamburger SV hielt Tim Wiese wie ein Berserker. Doch schon damals zeichnete sich ab: Er wird nie die deutsche Nummer 1. Die Zeit der Machos ist unwiederbringlich vorüber.
Wie Oma schon sagte: Man kann nur jemanden hassen, den man eigentlich auch lieben könnte. Und umgekehrt. Love me or hate me: Das war bei Oliver Kahn schon so, dem Titan. Und es scheint, als hätte Fußball-Deutschland einen legitimen Nachfolger des hassgeliebten Megakeepers gefunden: Tim Wiese.
An diesem Wiese kann man sich richtig schön abarbeiten. Braun gebrannt, großmäulig, mit geöltem Haar und Paradiesvogeltrikot, war der 1,93-Mann mit dem 1,94-Ego auch in den eigenen Reihen nie unumstritten. Vielen Werder-Fans war er zu laut, zu rheinländisch, irgendwie peinlich. Sie sehnten sich nach seinem brummbärigen Vorgänger Andreas »Dicker« Reinke zurück. Sie nahmen ihm seine Übermotiviertheit übel, seinen Hang zur Schönfliegerei, den Blick auf die Galerie, seinen Narzissmus. Johan Micoud durfte das, Diego natürlich auch – aber ein Keeper soll den Kasten sauber halten, das muss nach Arbeit aussehen, nicht nach Spaß. Wir sind hier ja schließlich in Norddeutschland.
Gestählt von Lehrmeister »Tarzan«
Wieses einziges Zugeständnis an seine Kritiker war, dass er sein pinkes Jersey nun öfter im Spind ließ und sich für ein gelbes entschied. Die Show an sich aber ging weiter: Der so überkandidelte wie fatale Abroller im Champions-League-Achtelfinale 2006 gegen Juventus Turin wurde zum Sinnbild eines Keepers, der vor Kraft kaum laufen kann. Freilich: Muskelberg Wiese, zunächst nach den Vorstellungen seines Lehrmeisters Gerry »Tarzan« Ehrmann modelliert und nun durch Nahrungsumstellung etwas geschmeidiger geworden, schüchtert jeden Stürmer ein, der auf ihn zukommt. Doch sein aggressiver Eifer ist zuweilen so diffus, dass er auch seine eigenen Verteidiger verunsichern kann.
Und dann kommt es zu Abenden wie dem gestrigen. Im Pokalhalbfinale gegen den HSV wächst Wiese über sich hinaus. In der Verlängerung eilt Pitroipa allein aufs Tor zu. Wiese riskiert alles, setzt außerhalb des Strafraums zu einer Fluggrätsche an, für die er auch im Knast landen könnte. Doch er trifft den Ball, verhindert so die späte Niederlage. Dass Hamburg aus allen Lungen buht, erhöht seinen Adrenalinspiegel nur noch, und – besoffen vom Stresshormon – hält er drei von vier Elfmetern.
»Grandios« (Clemens Fritz), »unglaublich« (Sebastian Boenisch) und »absolutely perfect« (Diego), frohlockten seine Kollegen. Mit ihm gemeinsam zu jubeln war denkbar schwer, er flitzte durch das Stadion wie ein schreiend gelber Komet, gab Interviews, schwenkte Phallus-Symbole. Er allein hatte dieses Spiel am Ende gewonnen. Und nie war klarer, wer dieser Wiese wirklich ist: Ein Einzelsportler in einer Mannschaftssportart. Wer mit Wiese spielt, spielt nie zu elft. Er spielt zu zehnt mit einem Joker. Das ist so im Sieg – und in der Niederlage.
Oliver Kahn, der 2001 an selber Stätte mit einer Eckfahne schlief, weil der FC Bayern durch einen Freistoß von Patrick Andersson in letzter Minute Deutscher Meister geworden war, lächelte väterlich in seiner Experten-Box. Er mag sich in Wiese wieder finden, wenngleich diesem noch die Abstürze fehlen, die Kahn 1999 im Champions-League- und 2002 im WM-Finale erlebte. Auch er war ein solcher Einzelsportler, ein Joker. Nachdem er im CL-Achtelfinalhinspiel 2004 gegen Real Madrid einen Freistoß von Roberto Carlos durch die Unterhose rutschen ließ, war er überzeugt: »Das Rückspiel gewinne ich allein!« Darauf muss man – als Keeper, der bekanntlich selten Tore schießt – erst mal kommen. Aber so sind sie nun mal, diese Kerle: Kahn, vor ihm Toni Schumacher und Uli Stein, »Tarzan« Ehrmann und jetzt eben Wiese.
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