Drei Jahre nach dem Sommermärchen
...dann leben sie noch heute
Text: Marco Weber und Daniel Wehner Bild: Imago
Knapp drei Jahre sind vergangen, seitdem die deutsche Nationalmannschaft das ganze Land in einen Fußball-Rausch getrieben hat. Zeit genug, um genauer hinzusehen, was aus den gefeierten Helden von 2006 geworden ist.
Tor
Jens Lehmann
WM-Held, Champions League-Held und was nicht sonst noch alles. Jens Lehmann spielte, auch wenn ihm die Krönung durch einen Titel versagt blieb, eine phantastische Saison. Er parierte unhaltbare Bälle, fing flatternde Flanken im Minutentakt und strahlte mehr Coolness als ein Fisherman`s Friend aus.

Die Argentinier bekommen noch heute Kopfschmerzen, wenn sie an ihn denken. Vom Punkt scheiterte erst Riquelme im Champions-League-Halbfinale, dann ließen sich Ayala und Cambiasso im WM-Viertelfinale von Zettel-Jens den Schneid abkaufen. Selbst die größten Titan-Kahn-Anhänger konnten endlich verstehen, warum Klinsi ihren Olli für den Jens aus dem Kasten genommen hat.
Zwei Jahre später sah das ganz anders aus. Lehmann patzte, motzte und verspielte die Gunst von Arsenal-Trainer Wenger. Der zog ihm mit Almunia einen spanischen Keeper vor, der es bei jedem Bundesligisten schwer hätte, Nummer eins zu werden. Statt nach Europas Fußballkrone zu greifen, schmollte Lehmann auf der Ersatzbank von Highbury.
Die Euro 2008 durfte er dennoch spielen. Löws Mitleid und die mangelnde Erfahrung der Konkurrenten ermöglichten ihm den letzten großen internationalen Auftritt. Danach ging es, kurz vor dem Eintritt ins Rentnerleben, nochmal ins schöne Schwabenland zum VFB Stuttgart. Lehmann lebt mit seiner Familie am Starnberger See, fliegt mit dem Hubschrauber zum Training, bezieht ein deftiges Salär und genießt trotz einiger haarsträubender Fehlgriffe eine in manchen Kreisen große Wertschätzung. Das Leben könnte kaum besser laufen – und wenn er dann endlich mal einsehen würde, dass seine Zeit als deutsche Nummer eins lange vorbei ist, wird er es auch so richtig genießen können.
Abwehr
Per Mertesacker
Bei der WM zeigte der Hannoveraner Spitzenleistungen und nach dem Turnier ging es endlich zu einem Spitzenteam - zu Werder Bremen. Gleich zu Beginn warf ihn eine schwere Verletzung zurück, so dass der lange Blonde erst an Spieltag fünf ins Geschehen eingreifen konnte und anfangs Probleme hatte, sich einzufügen. Seitdem bildet er mit dem Brasilianer Naldo die Bremer Innenverteidigung.
Ob in der Bundesliga, der Champions League, im Uefa-Cup oder im Nationalteam: Mertesacker ist immer dabei und bringt durchweg »solide« Leistungen. Solide ist kein schlechtes Wörtchen für die Leistungen eines Verteidigers, auch wenn er die überragende Form von 2006 noch nicht wieder erreicht hat. Mal ein Ausreißer nach oben, mal spielt ihn ein wendiger Angreifer schwindlig – und dennoch: Per Mertesacker im Jahr 2009 ist ein solider Verteidiger auf internationalem Format.
Robert Huth
»Huuuuuuth, Huuuuuth«, schallte es 2006 durch die deutschen WM-Arenen. Schuld daran war ein junges deutsches Talent, das sein Glück sehr früh auf der Insel gesucht hatte. Mit 17 ging Robert Huth zum FC Chelsea und kam dort, trotz größtmöglicher Konkurrenz, zu einigen Einsätzen. Die Deutschen liebten ihn zunächst, dann verspotteten sie ihn ob seiner mangelnden technischen Qualitäten, aber zur WM hatten ihn dann doch wieder alle lieb.
So lief es bis 2006, danach verschwand er von der internationalen Bildfläche. Knapp neun Millionen Euro zahlte der FC Middlesbrough nach der WM für »The Berlin Wall«, wirklich rechtfertigen konnte er die immense Summe bis heute nicht. Gespielt hat er meist nur, wenn ein anderer Verteidiger ausgefallen war. Noch magerer fällt seine Nationalmannschaftsbilanz seit der WM aus: Ein Mal hat ihn Jogi Löw 2008 eingeladen und genau dieses eine Mal musste er auch noch verletzt passen. Aktuell kämpft er mit seinem Team gegen den Abstieg, auf dem Feld und in den letzten Spielen sogar des öfteren von Anfang an.
Philipp Lahm
Es ist vor dem WM 2006-Spiel gegen Argentinien, als Philipp Lahm am Treppenaufgang zum Spielfeld steht und darauf wartet, dass es losgeht. Neben ihm: Weltstars wie Riquelme, Sorin und Crespo. Die Hymne Herbert Grönemeyers wird aus dem Stadion in den Gang getragen, und Lahm entscheidet sich mitzupfeifen, völlig entspannt, als würde er gerade freihändig auf dem Fahrrad zum Bäcker fahren.
Diese Leichtigkeit scheint er bewahrt zu haben. Er ist eine der wenigen Konstanten der Nationalelf und des FC Bayern München. Natürlich kennt der Außenverteidiger auch Formschwächen, wie nach der WM durchlebt. Doch entscheidend ist, dass er zurück zu alter Stärker gefunden hat. Im Rückspiel des Champions-League-Viertelfinals gegen Barcelona hat er bewiesen, wie wichtig er für die Bayern ist – und auch für die ganz Großen in Europa sein könnte.
Christoph Metzelder
Das Prädikat »El fenómeno« umschreibt in Spanien normalerweise Fußball-Zauberer wie Ronaldo (anno 2002). Im Falle Christoph Metzelders kann es auch auf eine gewisse Eigenart angewandt werden, die kaum einem Zweiten so sehr zu eigen ist: Die Diskrepanz zwischen Klubleistung und seinem Stellenwert in der Nationalmannschaft.
In sieben Jahren Borussia Dortmund brachte er es im Durchschnitt auf 18 Bundesligaspiele pro Saison. In Madrid wurde der Innenverteidiger in der vergangenen Saison an 38 Spieltagen neunmal eingesetzt, in dieser achtmal. Wenn er im Verein nicht gerade verletzungsbedingt fehlt oder unter Formschwäche ob kürzlich kurierter Verletzung leidet, spielt er meist souverän. In der Nationalelf dagegen war seine Ausfallquote lange Zeit gering. Auf den Punkt genau war er für jedes der großen Turniere zur Stelle. Der Verlauf seiner Vereinssaison mochte noch so bitter gewesen sein, im Nationaltrikot strahlte Metzelder Verlässlichkeit aus. Die EM 2008 kratzte zwar dezent an seinem Nimbus, doch dürfte er – falls fit – neben Mertesacker weiterhin gesetzt sein.
Arne Friedrich
Dafür, dass Arne Friedrich seit der WM 2002 das Image eines steifen Abwehr-Holzers hat, brachte er es von da an auf respektable 60 weitere Einsätze. Wozu er tatsächlich im Stande ist, zeigte er seinen Kritikern im EM-Viertelfinale 2008, als er Christiano Ronaldos Straßenfußballer-Spektakel im Keim erstickte und dem portugiesischen Superstar mit konzentrierter Defensiv-Penetranz den Spaß verdarb.
Auch am momentanen Überraschungserfolg der Hertha hat er großen Anteil, vermieste er doch gemeinsam mit Josip Simunic zahlreichen Stürmern die Trefferquote. Boris Becker sagte einmal über Rainer Schüttler: »Er hat aus dem Unmöglichen das Mögliche gemacht.« Gleiches könnte man auch über Friedrich sagen.






