Wenn Kleine Großes leisten
Ein, zwei, viele Hoffenheims
Text: Karsten Doneck Bild: Imago
Der Sinsheimer Stadtteil Hoffenheim ist nicht der einzige kleine Ort, der im Fußball Großes leistet. Wir haben fünf Geschichten von berühmten Dörfern zusammengetragen – vom Erzgebirge über die Pfalz bis nach Schottland.
BSG EMPOR LAUTER
In den fünfziger Jahren sorgt das 8000-Seelen-Örtchen Lauter aus dem Erzgebirge für Aufsehen in der Oberliga, der höchsten Spielklasse der DDR. Seit der Saison 1952/53 spielt die BSG Empor Lauter erstklassig und erreicht in den ersten beiden Jahren respektable Mittelfeldplätze. Nach acht Spieltagen steht man im Herbst 1954 sogar an der Tabellenspitze.
Dann schlägt das Schicksal in Form der Staatsmacht zu. Insgesamt neun der 14 Vereine der Oberliga kommen damals aus Sachsen, der Norden der DDR ist hingegen seit der Saison 1951/52 nicht mehr in der höchsten Liga vertreten. Gerade ist in Rostock zwar das moderne Ostseestadion eröffnet worden, allein ein erstklassiger Fußballklub fehlt. So entscheidet sich die DDR-Sportführung, Empor Lauter mitten in der Saison nach Rostock zu delegieren. Am 24. Oktober 1954 findet das letzte Spiel von Empor Lauter gegen Rotation Babelsberg statt. Während des Spiels geht das Gerücht von der Versetzung der Mannschaft nach Rostock um, die amtliche Bekanntmachung folgt erst eine Woche später. Trotz wütender Proteste der Lauterer Bevölkerung gehen schließlich elf Spieler und Trainer Oswald Pfau nach Rostock, wo Empor Lauter in den kurz zuvor gegründeten Verein Empor Rostock integriert wird.
Am 14. November 1954 gibt der SK Empor Rostock sein Debüt in der Oberliga. Aus Empor Rostock sollte später Hansa Rostock werden.
SV ALSENBORN
Gerade einmal 2800 Menschen leben in Alsenborn, zwölf Kilometer nordöstlich von Kaiserslautern. Auch auf der Fußball-Landkarte ist Alsenborn nur ein unbedeutender Fleck. Der SV spielt in der Kreisliga, verlor sein letztes Punktspiel daheim 2:5 gegen TuS 1951 Schmalenberg, ist nun Tabellenzwölfter – das Leben eines Dorfklubs.
Aber dieser SV Alsenborn hat einmal in Deutschland die Fußball-Gemüter bewegt. Ende der Sechzigerjahre erlebt der Verein seine große Zeit. Dreimal scheitern die Alsenborner gegen Kontrahenten wie Hertha BSC, Arminia Bielefeld und SC Freiburg nur knapp in der Aufstiegsrunde zur Fußball-Bundesliga.
Als es 1975 um die Qualifikation zur neu eingeführten 2. Bundesliga geht, erfüllt der SV Alsenborn alle sportlichen Anforderungen. Aufsteigen darf die Mannschaft aber nicht. Der 1. FC Saarbrücken rückt anstelle der Alsenborner hoch. Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) sieht die technischen und wirtschaftlichen Voraussetzungen bei Alsenborn als nicht gegeben an. Der Klub sucht Hilfe bei der Zivilkammer in Kaiserslautern und bekommt von dieser Stelle bescheinigt, dass die sportliche Qualifikation höher anzusiedeln sei. Die Angelegenheit geht zurück zum DFB, der schlussendlich befindet, dass die Alsenborner Platzanlage und die wirtschaftliche Unsicherheit des Klubs nicht den Erfordernissen genügen. Von einem Skandal ist die Rede. Zumal der mächtige DFB- Mann Hermann Neuberger Ehrenmitglied beim 1. FC Saarbrücken ist.
Bekannt wurde der SV Alsenborn auch, weil Fritz Walter, Weltmeister 1954 und seit 1965 in Alsenborn wohnhaft, die Mannschaft trainierte. Walter schrieb sogar ein Buch über den SV: »Aufstieg einer Dorfmannschaft.«
FC 08 HOMBURG/SAAR
Homburg, mit knapp 40 000 Einwohnern bis zum Aufstieg Hoffenheims die kleinste Bundesligastadt der Geschichte, spielt nur drei Jahre in der Erstklassigkeit und sorgt eher außerhalb des Platzes für Schlagzeilen. Neben schillernden Persönlichkeiten wie Ex-Nationalspieler Jimmy Hartwig und kauzigen Trainertypen wie Uwe Klimaschewski oder Udo Klug liegt dies vor allem am Vorstandsvorsitzenden Manfred Ommer.
Vor der Saison 1987/88 gewinnt Ommer einen Kondomhersteller als Trikotsponsor. Die Sittenwächter des DFB drohen mit Punktabzug, der Schriftzug muss zunächst mit einem schwarzen Balken abgedeckt werden. Erst ein Gerichtsurteil erlaubt den Saarländern die Trikotwerbung.
Der Sieg vor Gericht ist einer der wenigen Erfolge der Homburger in ihrem zweiten Bundesligajahr, an dessen Ende der Abstieg steht. Zwar gelingt der direkte Wiederaufstieg, doch ein Jahr später ist es mit der Erstklassigkeit endgültig vorbei. Mittlerweile kicken die Homburger in der fünftklassigen Oberliga, von Erstligafußball wird im Waldstadion nur noch geträumt.
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