Milan den Mailändern
A Country For Old Men (2)
Text: Henrik Ystén Bild: Imago
Vor 20 Jahren wurde Silvio Berlusconis AC Mailand zum ersten bösen Superklub. Eine Geschichte über einen in den Wahnsinn getriebenen Gattuso, eine frei gehaltene Rückennummer für den Maldini-Sohn und einen gefürchteten Pippo Inzaghi.
Die »Osteria Mimmo« auf dem Corso Garibaldi ist eine typisch italienische Kneipe: weiße Tischtücher, helle Räume und eine Mama, die das Finanzielle regelt, während sich der Rest der Familie um den Service kümmert. An diesem Nachmittag ist die Promidichte ungewöhnlich hoch. Eros Ramazotti sitzt an einem Tisch, Marcello Lippi an einem anderen, und ganz hinten im Restaurant essen Zinédine und Veronique Zidane zu Mittag. Sie sind in der Stadt, um Zinédines früheren Mitspieler bei Real Madrid, Luís Figo, zu besuchen. »Eh, Monsieur! Ça va?«, ruft Zidane, als er Ibrahim Ba entdeckt. Ibrahim geht zum Tisch und begrüßt das Paar. Sie kennen sich gut aus der französischen Nationalelf und der italienischen Liga. »Spielst du zur Zeit?«, fragt Zidane. »Nein, ich habe Probleme mit dem Knöchel«, erwidert Ibrahim. »Immer noch?« »Ja, ich wurde letzten Sommer operiert.« Zidane nickt und fragt, ob sie sich später treffen sollen. »Auf jeden Fall. Das können wir vor dem Spiel machen. Ruf mich an«, sagt Ibrahim.

Gattuso wurde zum 30. Geburtstag in den Wahnsinn getrieben
Es ist seine Stammkneipe. Er ist so oft hier, dass er manchmal am Tresen einspringt und Espresso macht. An den Wändern hängen signierte Fotos von Spielern – ein sicheres Zeichen dafür, dass Ibrahim nicht der einzige Fußballer ist, der regelmäßig zu Besuch kommt. Ich frage, ob sich die Mailänder Spieler auch außerhalb des Platzes oft treffen. »Ja, wir verbringen unglaublich viel Zeit miteinander. Die Übernachtungen in Milanello, die ganzen Reisen. Enge Freundschaften werden geschlossen, und die Atmosphäre im Verein ist sehr gut.« Er berichtet vom Trainingslager in Dubai im vergangenen Winter. Es war kurz vor Gennaro Gattusos 30. Geburtstag, und die Mitspieler hatten sich dazu entschlossen, den Mittelfeldmann tüchtig zu feiern. Schon zwei Wochen vor dem Geburtstag begann Kacha Kaladse bei jeder Trainingseinheit das Wort an Coach Ancelotti zu richten: »Mister, ich will nur anmerken, dass es noch zwei Wochen bis zu Gattusos großem Geburtstag sind«, worauf alle Spieler applaudierten und gratulierten. Am Tag darauf passierte dasselbe, und so ging es weiter, tagaus, tagein. Wenn Kaladse den Countdown vergaß, sagte Ancelotti: »Kala, wolltest du nicht noch etwas mitteilen?« Der einzige Tag, an dem das Thema nicht aufgegriffen wurde, war Gattusos Geburtstag selbst. »Aber dann machten wir hinterher weiter. ›Mister, heute ist es zwei Tage her, dass der große Gattuso Geburtstag hatte.‹ Gattuso wurde wahnsinnig und fragte, was wir mit ihm anstellen würden. So etwas ist typisch für diesen Klub, man lacht viel zusammen. So war es nicht in allen Teams, in denen ich gespielt habe.«
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Es gibt verschiedene Theorien darüber, warum Ibrahim Ba, der von 1997 bis 2003 schon einmal bei Milan unter Vertrag stand, nach wenig überzeugenden Gastspielen in der Türkei, England und Schweden im Alter von 33 Jahren noch einmal zurückgeholt wurde. Der Journalist Alberto Costa glaubt, dass der Verein Ibrahim als Glücksbringer sieht. Als der Franzose nach Milanello zurückkehrte, begann der AC Mailand wieder zu gewinnen. »Es klingt unglaublich«, sagt Costa, »vor allem, weil es hier um einen großen Verein geht, der beim Training und der medizinischen Betreuung absolut wissenschaftlich arbeitet.« Thomas Nordahl meint, es wäre typisch Milan, früheren Spielern zu helfen, besonders denen, die gute Freunde der grauen Eminenzen im Klub sind. In Ibrahim Bas Fall war das Paolo Maldini.
Aber natürlich gibt es auch andere Gründe für Ibrahims Comeback in Milanello. Nach einiger Zeit mit ihm merkt man, dass er frei von Starallüren, sozial kompetent und ein angenehmer Gesprächspartner ist. Man bekommt gute Laune in seiner Gesellschaft. In einer Umgebung, in der Leistungsdruck und Versagensangst regieren, ist das eine nützliche Eigenschaft. Ba selbst sieht das durchaus ähnlich: »Als ich im Herbst 2006 zurückkam, hatte ich keinen Vertrag und verdiente kein Geld, doch ich habe alles dafür getan, die Mannschaft zusammenzuschweißen. Ich glaube, Ancelotti weiß, dass ich das nicht tat, weil ich mir einen Vorteil davon versprach, sondern weil ich so bin.«
Fast alle Jugendmannschaften werden von alten Kämpen trainiert
Eine Stunde später haben wir die »Osteria Mimmo« und Zinédine Zidane hinter uns gelassen. Ibrahim Ba ist 20 Minuten südwärts nach Vismara gefahren, wo sich das Nachwuchszentrum des AC Mailand befindet. Ibrahim deutet auf ein paar Knirpse, die einen vier Meter hohen Hügel rauf und runter laufen: »In dieser Mannschaft spielt Christian.« Christian, das ist Christian Maldini, zehn Jahre alt. Als sein Vater Paolo kurz vor Weihnachten bekanntgab, dass er seine letzte Saison spielen würde (was er mittlerweile revidiert hat), teilte der Verein mit, dass er die Rückennummer drei bis zu dem Tag freihalten würde, an dem Christian in die erste Mannschaft käme. Wenn es Christian schafft, wäre er die dritte Generation der Maldinis beim AC Mailand – Großvater Cesare hat zusammen mit Gunnar Nordahl in den 50ern gespielt. Und auch wenn Vater Paolo versucht, in der Öffentlichkeit den Druck von seinem Sohn fernzuhalten, kann er in Interviews seine Hoffnungen nur schwer verbergen: »Es war ein großartiges Gefühl, als er den ersten Vertrag mit Milan unterzeichnete«, sagte er kürzlich. »In der Schule sagen die Lehrer zu ihm, er solle nicht nur an den Fußball denken. Ich sage ihm oft, er solle nicht nur an die Schule denken.«
Aus Heft #80 07 / 2008







