Milan den Mailändern
A Country For Old Men (1)
Text: Henrik Ystén Bild: Imago
Vor 20 Jahren wurde Silvio Berlusconis AC Mailand zum ersten bösen Superklub. Heute sieht das ganz anders aus. Milan ist eine kuschelige Großfamilie, in der auch betagte Profis ihr Auskommen haben, wenn sie über die richtigen Beziehungen verfügen.
Filippo Inzaghi, 34, parkt seinen weißen Geländewagen auf dem Kiesweg. Vor dem Haus steht der 35-jährige Torwart Željko Kalac, in der Bar bestellt der 37-jährige Cafu einen Espresso. Es ist Montagnachmittag, die Sonne scheint über Milanello – dem Trainingsgelände des AC Mailand nördlich der Stadt – und die Spieler bereiten sich für das Achtelfinale der Champions League gegen Arsenal vor, eine Mannschaft, die von der englischen Presse »Wenger’s young guns« betitelt wird.
Im Presseraum eine Etage tiefer stellt sich Trainer Carlo Ancelotti den Journalisten: Wie kann Arsenal dem Druck auf San Siro standhalten? Wie kann Milan mit Arsenals Tempo mitgehen? Das erste Spiel im Emirates Stadium endete 0:0. »Ein 0:0 ist ein spezielles Ergebnis vor einem solchen Spiel«, sagt Ancelotti. »Wir müssen alles richtig machen, intelligent spielen, Geduld haben und die Kontrolle gewinnen.« Ein italienischer Journalist hebt die Hand und meint: »Milanello ist in Anlehnung an den letzten Film der Coen-Brüder ›A Country For Old Men‹ genannt worden. Glauben Sie ernsthaft, im Mai nach Moskau zu fahren und sich den Fußball-Oscar holen zu können?« Ancelotti lacht: »In unserem Alter bezeichnet man sich nicht so gerne als alt, man bevorzugt den Begriff Routinier. Aber wir werden alles tun, um ins Endspiel zu kommen.«
Milans Trainer verlässt das Podium und geht die Treppe zum Café hinauf. Alles ist in Rot, Schwarz und Weiß gehalten, die Wände sind geschmückt mit Pokalen und Fotos mit Spielern in Siegerposen. Ancelotti setzt das Gespräch mit den Journalisten in kleiner Runde fort. Nach und nach kommen die auf das Training wartenden Spieler dazu. Ich stelle mich an die Espressobar und betrachte das aktuelle Mannschaftsbild. Zu sehen sind Massimo Ambrosini, in seiner vierzehnten Saison bei den Profis, der 36-jährige Serginho, der 36-jährige Favalli und Emerson, der erst 32 ist, aber schon aussieht wie mindestens 47. Wenn nicht der Trainerstab in der mittleren Reihe weiße Shirts statt der rotschwarz-gestreiften Trikots anhätte, wäre es schwer, inmitten all der Herren in ihren besten Jahren die Spieler von den Trainern zu unterscheiden. In der linken oberen Ecke posiert Ibrahim Ba, 35. Vor drei Jahren saß er bei Djurgårdens Stockholm fast nur auf der Bank. Was zum Teufel hat der hier zu suchen?
Manchmal wurden Spieler geholt, weil man sie nicht als Gegner wollte
Silvio Berlusconi hat den AC Mailand im März 1986 gekauft. Damals hatte der Verein die Serie A seit 1979 nicht mehr gewonnen. Mit Berlusconi begann eine neue Ära. Man umwarb einheimische Stars wie Roberto Donadoni und Daniele Massaro, und für die folgende Saison wurden die holländischen Superstars Marco van Basten und Ruud Gullit eingekauft. Der Erfolg stellte sich sofort ein. 1988 holte Milan den Scudetto, im Jahr darauf gewann man die Champions League. Doch damit gab sich der Klub nicht zufrieden, Geld spielte keine Rolle. Am laufenden Band wurden namhafte Spieler verpflichtet, meist, weil sie in der Mannschaft gebraucht wurden. Manchmal, weil man sie nicht als Gegner haben wollte. Trainer Arrigo Sacchi war einer der Ersten, der seinen Kader rotieren ließ, damit das Team die ganze Saison überstand. Berlusconi wiederum scheute sich nicht zu sagen, dass Fußball für ihn ein Geschäft sei – der Verein, sein Medienimperium und die politische Karriere, alles ging Hand in Hand. Linke begannen, den Rechtspopulisten Berlusconi und sein Milan zu hassen. Die Gegner hassten den fast unschlagbaren AC und seine reichen Eigentümer. Der Klub spaltete die Leute: Es war eine fantastische Fußballmannschaft, aber es war auch ein zusammengekaufter Haufen, bei dem Superstars auf der Bank saßen, anstatt die Zuschauer auf den Rängen zu unterhalten. Kurzum, der AC Mailand war der Beginn einer neuen Ära im Fußball.
Das alles ist 20 Jahre her. Heute wirkt Milan nicht mehr ganz so frisch. In einem Ligaspiel gegen Siena hatte die Startelf neulich ein Durchschnittsalter von 33 Jahren. Trainer Ancelotti und seine Assistenten Tassotti und Costacurta sind allesamt ehemalige Milan-Spieler, und einer ihrer ehemaligen Kollegen ist noch immer aktiv. Paolo Maldini absolvierte 1985 sein Debüt in der ersten Mannschaft und ist seitdem dem Verein treu geblieben. In einem Interview hat er erzählt, dass er morgens immer zuerst nach dem Wetter schaut. »Das ist das Wichtigste für mich. Wenn es regnet, bekomme ich Gliederschmerzen«, gestand der bald 40-Jährige ein. Als die Presse im vergangenen Sommer über die neuesten Transfers berichtete, konnte man lesen, dass Juventus Vicenzo Iaquinta von Udinese umwarb. Inter holte sich Cristian Chivu von der Roma, die wiederum Ludovic Giuly vom FC Barcelona verpflichtete. Beim AC Mailand standen am Ende zwei Namen auf dem Zettel: Kakás kleiner Bruder Digão. Und Ibrahim Ba.
Aus Heft #80 07 / 2008





