Der Rumpelfußball der Nationalmannschaft
Zurück in die Zukunft
Text: Johannes Aumüller Bild: Imago
Die deutsche Nationalelf gewinnt gegen Österreich, überzeugt aber spielerisch erneut nicht. Grund zum Pessimismus? Nein. Endlich ist alles wie früher. Beim Fan stellt sich wieder das klassische Nationalmannschaftsgefühl ein.
Wenn in 100 Jahren die Historiker die Geschichte des deutschen Fußballs diskutieren, dürften sie sie mit ziemlicher Einigkeit in drei Epochen gliedern: die Zeit vor Klinsmann (K), die Zeit K sowie die Zeit nach K. Heftige Kontroversen hingegen wird es darüber geben, ob und - wenn ja -, wie weit die Zeit K denn noch in die Jahre hineingestrahlt hat, in denen Jürgen Klinsmann schon gar nicht mehr Trainer war.
Bis einschließlich der im November abgelaufenen EM-Qualifikation sah es so aus, als würde sich unter der Trainerschaft von Joachim Löw nicht nur die Zeit K verlängern, sondern sich daraus sogar ein K plus entwickeln. Bei Spielen wie dem 2:1-Sieg gegen Tschechien vereinigte die Nationalmannschaft die Elemente der Klinsmann-Zeit mit weiterführenden Errungenschaften der Löw-Ära - es war eines der besten Spiele, wenn nicht gar das beste Spiel, der jüngeren Nationalmannschaftsgeschichte.
Erinnerungen an die WM 2002
Doch spätestens nach der EM-Vorrunde sind alle Optionen eines K-plus-Ansatzes vom Tisch. Der sogenannte Rumpel-Fußball ist wieder zurück, und das ist auf den ersten Blick natürlich kein gutes Zeichen.
Doch man übersieht leicht, dass es in den Vor-K-Zeiten des Rumpelfußballs nicht nur ein bitteres EM-Vorrunden-Aus 2004 und ein noch bittereres EM-Vorrunden-Aus 2000 gab. Sondern dazwischen war ja auch noch in Japan und Südkorea dieses kleine Mehrnationenturnier namens Weltmeisterschaft, das natürlich nix ist im Vergleich zu so einer großartigen Veranstaltung wie einer Europameisterschaft, für die Deutschen aber trotzdem im Finale brasilianisch endete.
Die aktuelle Vorrunde erinnert frappierend an die ersten Spielen dieser WM 2002. Zunächst ein relativ locker herausgespielter Sieg (8:0 gegen Saudi-Arabien/2:0 gegen Polen), aus dem im Anschluss viel zu hohe Anforderungen abgeleitet wurden; dann ein Rückschlag (1:1 gegen Irland/1:2 gegen Kroatien); und schließlich in einem spannenden letzten Gruppenspiel die mühsame Qualifikation für die nächste Runde (2:0 gegen Kamerun/1:0 gegen Österreich).
Deutschland hat sich in diesen ersten drei EM-Spielen zurücküberholt in die Zeit vor K, und das ist auf den zweiten Blick eine phantastische Nachricht. Deutschland spielt nicht mehr vertikal und nicht mehr schnell in die Spitze, zumindest deutlich seltener. Deutschland spielt wieder so, wie Deutschland immer gespielt hat.
Die Mannschaft läuft, sie kämpft, sie überzeugt defensiv mit ihrer Kopfball- und ihrer Zweikampfstärke, sie gewinnt offensiv die Spiele mit Standardsituationen. Beim Fan stellt sich wieder das klassische Nationalmannschaftsgefühl ein: Man darf wieder ausgiebig über sie meckern und lästern, und jeder C-Liga-Kicker darf mit Ernst in der Stimme von sich behaupten, dass er gegen Österreich mehr Tore erzielt hätte als Mario Gomez. Was soll's - die Nationalelf gewinnt trotzdem.






