Portugals Superstar Cristiano Ronaldo
Geniale Nervensäge
Text: Jens Kirschneck Bild: Imago
Viele Experten erwarten, dass Cristiano Ronaldo der beste Spieler dieser Europameisterschaft sein wird. Uneingeschränkt lieb haben ihn die Leute deshalb noch lange nicht, dabei ist der Mann ein Ereignis.
Als Cristiano Ronaldo vor fünf Jahren auf der internationalen Fußballbühne auftauchte, erschien sein Spiel zumindest dem nicht mediterran oder südamerikanisch sozialisierten Teil des Publikums sehr gewöhnungsbedürftig. Wenn der Flügelstürmer mit dem Ball am Fuß auf einen Gegenspieler zulief, reihte er so lange einen Übersteiger an den anderen, ohne Anstalten zu machen, am Kontrahenten vorbeizuziehen, dass man als stumpfer Nordeuropäer dachte: »Alter, mach hin!« Heute sieht das alles ein bisschen anders aus. Zwar ist der 23-jährige Portugiese noch immer nicht der Lieblingsspieler von Fußballanhängern, die das geradlinige Spiel und die ehrliche Zweikampfführung genießen, aber er verliert sich längst nicht mehr in seinen Kunststückchen. Cristiano Ronaldo macht hin. Und wie.
Ende Januar trat er beim Match von Manchester United in Portsmouth einen Freistoß, der die Augenzeugen an ihrer Realitätswahrnehmung zweifeln ließ. Normalerweise gibt es ja nur wenige Optionen, diese knapp links und rechts der Tormitte liegenden 25-Meter-Dinger ins Ziel zu treten. Entweder der Schütze versucht einen scharf angeschnittenen Schlenzer über die Mauer hinweg (den sogenannten »Hässler«), oder er probiert es mit Gewalt durch die Mauer hindurch oder mit List unter der Mauer her, oder er spekuliert auf die Torwartecke. Ronaldo aber tat nichts von alledem. Er baute sich auf wie ein Westernheld, breitbeinig und mit in die Hüfte gestemmten Armen, nahm einen schnurgeraden, höchstens drei oder vier Schritte langen Anlauf und drosch den Ball mit dem Vollspann über die Mauer. Nach allem, was die Menschheit über Physik und Ballistik weiß, hätte dieser Schuss entweder über das Stadiondach fliegen oder aber einen, wenn nicht mehrere Menschen auf der Hintertortribüne verletzen müssen. Doch aus einem Grund, der sich auch beim x-ten Betrachten der Szene nicht erschließt, schlug er im Torwinkel ein. Hinterher gab ein Spieler von Portsmouth zu Protokoll, er habe noch nie ein solch schönes Tor gesehen, und auch Ronaldo selbst war beeindruckt: »Vielleicht war es tatsächlich der beste Freistoß, den es jemals in der Premier League gab.«
Er hat diesen ekelhaft austrainierten Oberkörper
Nein, an mangelndem Selbstbewusstsein leidet Cristiano Ronaldo nun wirklich nicht. Ein anderes Zitat von ihm lautet: »Wenn mich jemand als den Besten der Welt bezeichnen würde, würde mich das nicht überraschen.« Das hat sich früher nicht mal Mario Basler getraut. Es ist also kein Wunder, dass sich Ronaldo, obwohl sein Fußballspiel viele wunderbare Komponenten aufweist, noch immer nicht ungeteilter Beliebheit erfreut. Die Liste der Vorwürfe gegen ihn ist so lang, dass sie einem Staatsanwalt Munition für ein mehrstündiges Plädoyer liefern würde. Erstens, gerade in England besonders brisant: Er ist ein Schwalbenkönig. Zweitens, und da wären wir wieder bei den Übersteigern, denn die gibt es immer noch, wenn auch zweckgebundener als früher: Er macht seine Gegner lächerlich. Drittens: Er ist weinerlich und schaut nach Fouls oft aus der Wäsche wie ein kleiner Rotzlöffel, dem man seinen Lolli weggenommen hat. Viertens: Er hat diesen ekelhaft austrainierten Oberkörper. Fünftens: Und überhaupt.
Aus Heft #79 06 / 2008
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