Die Reise des Carsten Jancker
The Long Way Home
Text: Andreas Bock Bild: Imago
Ein Jahr nach dem Gewinn der Champions League verlässt Carsten Jancker den FC Bayern und treibt rastlos umher. Über Italien nach China und zurück. Das Tor wirkt überall wie vernagelt. Jetzt ist er angekommen. Und trifft wie einst Rabah Madjer.
Es sieht immer noch ein bisschen plump aus, wenn Carsten Jancker eine Flanke annimmt und weiterleitet, wenn er aufs Tor schießt, im Fallen nach dem Ball stochert, auf das Anspiel lauert und in die freie Gasse sprintet. Es wirkt ungewollt, irgendwie behäbig. Erst wenn sich Carsten Jancker mit seinem Rücken in den Gegenspieler hinein drückt und sein massiger Körper den Ball gekonnt abschirmt, hat man das Gefühl, hier passiert etwas mit Absicht. Man hat das Gefühl, es ist alles so, wie es immer war.

Eigentlich war die Karriere von Carsten Jancker längst vorbei. Nicht erst seit letztem Winter, als er geläutert in das Flugzeug in Shanghai stieg, wo er ein paar Monate zuvor mit euphorischem Jubel und glitzerndem Pomp als der torgefährliche große Deutsche empfangen wurde, nein, eigentlich hatte der ganze Fußballzirkus Carsten Jancker bereits am Dorfplatz vergessen, als die Presseagenturen den endgültigen Kader für die Weltmeisterschaft 2002 über die Kanäle jagten.
Fünf Stürmer waren da gelistet: Miroslav Klose, Oliver Bierhoff, Gerald Asamoah, Oliver Neuville und – Carsten Jancker. Ein seltsames Gedankenspiel von Rudi Völler, denn Jancker, der in der Vorsaison als eine Art »Running Gag« mit null Toren durch die Bundesliga geisterte, erhielt den Vorzug vor Martin Max, der zerknirscht mit 18 Buden und seiner Torjägerkanone zu Hause auf dem Sofa kauerte.
Aus dem »Null-Tore-Stürmer« wird der »Zwei-Tore-Stürmer«
Entgegen Völlers Prophezeiungen rehabilitiert sich Carsten Jancker in Fernost nicht. Der Bayern-Stürmer trifft zwar im ersten Spiel gegen Saudi Arabien, hat aber in den folgenden Gruppenspielen gegen Kamerun und Irland nur gefühlte drei Ballkontakte. Das Spielgeschehen in den Finalrunden muss Jancker von der Reservebank aus verfolgen.
Es beginnen die Jahre der öffentlichen Demontage des einstigen Helden. Der Weg wird steiniger, das konnte man bereits erahnen, als bekannt wurde, dass Jancker den FC Bayern verlassen wird. Indes, dass Jancker so ins Stolpern gerät, war nicht abzusehen. Unten angekommen ist er im Sommer 2002 aber noch nicht. Im Gegenteil: Der Spieler Carsten Jancker, der Vizeweltmeister, ist in den kommenden Jahren bei Vereinen und Spielerberatern begehrt wie Trikots von Oliver Kahn in Südostasien. Immer wieder klopfen sie bei ihm an, bei dem einstigen Bayern-Torjäger, dem Champions-League-Gewinner, dem Weltpokalsieger. Immer wieder wird sein Name diskutiert. Wenn die eigenen Stürmer nicht treffen, soll wenigstens einer her, der schon mal getroffen hat – auch wenn man sich kaum noch dran erinnern kann.
In Deutschland will Jancker aber nicht bleiben, er wechselt zunächst nach Italien zu Udinese Calcio. Doch die Fußstapfen des anderen großen Deutschen, Oliver Bierhoff, der zwischen 1995 und 1998 für Udinese spielte, sind gewaltig, Jancker kann sie nicht mal im Ansatz ausfüllen. In der Redaktion der »Gazetta dello Sport« ist man sich schon nach wenigen Spielen einig, dass Carsten Jancker der schlechteste Transfer ist, den man je in Italien getätigt hat. Erbost schreibt man eines Tages: »Jancker vergibt die leichteste Chance in der Geschichte.« Immerhin wird später aus dem »Null-Tore-Stürmer« der Bundesliga doch noch der »Zwei-Tore-Stürmer« der Serie A– Jancker benötigt 36 Spiele für diese zweifelhafte Ehre.
Desillusioniert von den Versprechungen und frustriert von den italienischen Defensivbollwerken löst Jancker seinen Vertrag vorzeitig auf. Mittlerweile, 2004, scheint auch ein Comeback in der Bundesliga unwahrscheinlich, die »Bild«-Zeitung nennt ihn »Mr. Chancentod«. Doch das Stigma, ein ewiges Missverständnis zu sein, hält FCK-Boss René C. Jäggi nicht davon ab, den Stürmer zu verpflichten. Glücklich macht das in der Pfalz niemanden.
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