Zu Gast beim FC Arsenal
Im Stadion der Stille
Text: Bastian Henrichs Bild: Imago

Das Ritual ist bekannt und immer gleich. Vor dem Spiel treffen sich die Fans des FC Arsenal in einer x-beliebigen Kneipe am Stadion und trinken sich warm. Dann geht’s hinein in die Arena. Doch während überall auf der Welt Fußball ein Gemeinschaftserlebnis unter Freunden ist, muss jeder Arsenal-Fan nun allein seinen Platz aufsuchen. Jeder hat seine angestammte Sitzschale irgendwo im weiten Rund, und mit hoher Wahrscheinlichkeit sitzt nebenan derselbe Typ, der auch im letzten Heimspiel dort saß. Die Freunde und Mitglieder des eigenen Fanklubs aber nehmen ganz woanders Platz. Wenn das Spiel dann vorbei ist, trifft man sich wieder in der Kneipe. Wie soll da Stimmung aufkommen? »Das ist das Problem«, findet auch Trevor Wilson, seit knapp 30 Jahren Arsenal-Fan.
Der FC Arsenal hat Fans aus aller Welt. 109 Fangruppen sind als offizielle Fanklubs beim Verein registriert, darunter Gruppen von den Färöer Inseln, aus Vietnam oder aus Sambia. Probleme, sein Stadion voll zu kriegen, kennt der Verein nicht. Deshalb halten die Verantwortlichen es nicht für nötig, den Kontakt mit den Fans zu pflegen, geschweige denn auf irgendwelche Forderungen der Fans einzugehen. Hauptsache die Karten werden verkauft. Fußball in der neuen, 60 432 Menschen fassenden Arena des FC Arsenal soll ein möglichst stressfreies Freizeiterlebnis sein. Um das zu gewährleisten, gibt es Verbote, Vorschriften und obskure Ideen. Die Fans – das ist allerdings überall in England der Fall – dürfen keine Fahnen mit ins Stadion nehmen, Choreografien gibt es nicht. Das Stadion – egal, ob früher das Arsenal-Stadium oder jetzt die neue Arena – ist immer ausverkauft und es ist oft schwierig, an Tickets zu kommen, ohne einem Supporter-Club anzugehören. Das erklärt die hohe Anzahl und den eigentlichen Nutzen der Fanvereinigungen. Die Dauerkartenplätze werden vom Verein wahllos festgelegt, weshalb einzelne Fangruppierungen nicht zusammen sitzen können. Die Folge: Selbst bei Champions-League-Spielen herrscht bedächtige Stille auf den Tribünen.
Lautstärkepegel auf dem Niveau einer Universitätsbibliothek
Schon das alte Arsenal-Stadium wurde von bösen Zungen nur »Library of Highbury« genannt. Doch bei Arsenal will man sich nicht nachsagen lassen, dass es keine Fankurve gibt: Im neuen Stadion am Ashburton Grove ist extra ein »Singing-Block« eingerichtet worden, um die ursprünglichen Fußballfans, die voller Leidenschaft 90 Minuten durchsingen wollen, von denjenigen zu trennen, die nicht mehr als ein paar »Arsenal, Arsenal«-Rufe zustande bekommen. Dort sitzt dann eine kleine Minderheit in ihren farbigen Schalensitzen und versucht verzweifelt, den Lautstärkepegel vom Niveau einer Universitätsbibliothek auf das eines Stadions zu heben.
Die hohen Eintrittspreise haben den Fan verändert. Und die Sitzplatzordnung die Stimmung. Trevor Wilson geht noch weiter: »Der Sitzplatz-Wahn und festgelegte Plätze haben die organisierte Fankultur kaputt gemacht«, resümiert er. Stefan Malz, heute Regionalligaspieler beim FSV Ludwigshafen-Oggersheim, hat dreieinhalb Jahre bei den »Gunners« gespielt. Seiner Meinung nach ist die Stimmung im Arsenal-Stadion gut: »Arsenal-Fans haben nicht die Schlachtgesänge, wie sie aus Deutschland bekannt sind. Ausschlaggebend ist aber das Flair des Stadions«, sagt er. »Die Fans sind sehr fanatisch und enthusiastisch, aber sie haben eine höhere Toleranzgrenze, wenn es mal schlecht läuft. Und sie sind viel respektvoller den Spielern gegenüber.« Es lässt sich leicht ein Zusammenhang zwischen der respektvollen Behandlung der Spieler und der untergegangenen Fankultur auf der einen Seite, und der soziodemografischen Herkunft der heutigen Fans auf der anderen Seite herstellen. Immer mehr wohlhabende Menschen gehen ins Stadion, und die Arbeiterklasse muss draußen bleiben. Den typischen Arsenal-Fan von heute beschreibt Wilson als gut verdienenden, wahrscheinlich verheirateten Mann zwischen 35 und 55. Die einfachen Arbeiter, die vor langer Zeit die Fanbasis stellten – der Verein entstand im Arbeiterviertel Woolwich – sind längst verdrängt worden. Auch Jugendliche sind kaum zu sehen. In der jüngeren Vergangenheit löste sich die regionale Verankerung der Fans zu den »Gunners« immer deutlicher. Immer größere Anhängeranteile kommen von außerhalb Londons und aus dem gesamten Rest Englands. Ein Effekt, der wohl auch mit dem großen Erfolg der Mannschaft unter Arsène Wenger zu tun hat. Der Erfolg sorgt dafür, dass der Verein viele sogenannte »Modefans« hinzu gewonnen hat.
Aus Heft #76 03 / 2008





