Fußballpionier Arthur Friedenreich
Der spielende Mensch
Text: Andreas Bock Bild: Archiv

Edson Arantes do Nascimento verlässt das Feld und 175 000 Menschen erheben sich von ihren Sitzen. Manche stehen andächtig auf den Tribünen, Tränen laufen über ihre Wangen, andere schreien: »Fica!« (»Bleib!«) Es ist ein verzweifeltes Echo, das auf den Rängen des Estádio do Maracanã verhallt. Denn Arantes do Nascimento, den alle nur Pelé nennen, hat sich längst entschieden: Das Länderspiel am 11. Juli 1971 gegen Österreich wird sein letztes gewesen sein. Nun bahnt er sich seinen Weg durch die Menge. Die Fans haben ihm eine Krone aus Gold aufgesetzt, die linke Hand hält ein Zepter. Er verlässt die Bühne als Rei do Futbol.

Als Brasilien zum ersten Mal die Südamerikameisterschaft gewinnt, ist der König des Fußballs noch nicht geboren. Und so kennt Pelé die Geschichten jenes Turniers nur aus den Erzählungen der Altvorderen. Doch er weiß um all die Mythen, die sich um den ungekrönten König dieser Copa, um Arthur Friedenreich, ranken. »Arthur war ein ganz großer Spieler in Brasilien«, erinnert sich Pelé. »Mein Vater hat oft von seinen Toren geschwärmt.«
554 Treffer habe Friedenreich erzielt, sagt sein Biograf Alexandre da Costa. Die Legende (und mit ihr die FIFA-Statistik) indes behauptet, Friedenreich sei der erfolgreichste Torjäger aller Zeiten gewesen. Da ist von 1239 Spielen und 1329 Toren die Rede, von einem Rekord, der alle anderen Stürmer, auch Pelé und Gerd Müller, auf die Plätze verweisen würde. Einigen kann man sich immerhin auf Friedenreichs wichtigstes Tor.
Sekunden danach scheint nichts mehr wie zuvor
Er erzielt es im Jahr 1919, im Finale jener Copa América, im längsten Spiel ihrer Geschichte. Weil es zwischen Brasilien und Uruguay nach 90 Minuten 0:0 steht, wird eine Verlängerung von viermal 15 Minuten anberaumt. Lange sieht es so aus, als müsse ein Münzwurf über Sieg oder Niederlage entscheiden. Doch dann in der 150. Minute, der letzten des Spiels, erwacht ein ganzes Land aus seiner Apathie. Friedenreich trifft zum 1:0, Sekunden danach ist das Spiel aus. Und Sekunden danach scheint nichts mehr wie zuvor. Die nationalen Zeitungen berichten erstmals ausführlich von einem Fußballspiel, später wird jene 150. Minute gar zur Geburtsstunde des brasilianischen Fußballs stilisiert und Arthur Friedenreich zum Inbegriff des Homo ludens, des spielenden Menschen, der im wahrsten Sinne des Wortes sein eigenes Elend überspielt.
Dabei erzählt das Leben von Arthur Friedenreich gar nicht die Geschichte des gebeutelten Jungen aus den Favelas. Zwar kommt er am 18. Juli 1892 in Luz, einem Viertel von São Paulo, zur Welt, doch seine Geschichte beginnt in Europa, in Hamburg. Von dort emigriert sein Vater, der Ingenieur Oscar Friedenreich, nach Brasilien. 1897 folgt ihm Hans Nobiling, ein ehemaliger Spieler des SC Germania Hamburg, und gründet zwei Jahre später den Sport Club Germânia São Paulo.






