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Vor dem African Cup of Nations

Der Bison muss nicht sprechen

Text: Daniel Theweleit  Bild: Imago

Der Bison muss nicht sprechen

Wunderbare Stürmer aus Afrika sind keine Rarität mehr. George Weah war ein König, Anthony Yeboah ein Juwel, und heute zählen Samuel Eto’o und Didier Drogba zu den fünf besten Torjägern auf dem Globus. Auch großartige Mittelfeldspieler hat der Schwarze Kontinent schon geboren, die inspirierte Kunst von Jay-Jay Okocha oder das geschmeidige Spiel eines Abedi Pelé waren Geschenke für den Fußball. Defensiv denkende Fußballstrategen von Weltformat suchte man jedoch lange Zeit vergebens in Afrika. Bis Michael Essien auftauchte.



Der Mittelfeldspieler vom FC Chelsea sei der perfekte Spieler, hat Jose Mourinho, sein ehemaliger Trainer, einmal über Essien gesagt. Der 26-Jährige macht praktisch keinen Fehler, ist überall einsetzbar, findet in der Defensive immer den richtigen Laufweg, und Zweikämpfe führt er so kraftvoll, dass ihm einst der Spitzname »Bison« verpasst wurde. Vor allen Dingen jedoch lenkt er das Spiel mit einer Intelligenz, die es in dieser Kombination aus Willenskraft, Geschmeidigkeit und Dynamik nur selten gibt. »Er muss nicht sprechen, er reißt eine Mannschaft durch seine Aktionen mit«, sagt Hans Sarpei von Bayer Leverkusen, der mit Essien in Ghanas Nationalteam spielt. Beim Afrika Cup vom 20. Januar bis 10. Februar wollen die beiden als Gastgeber ihren ersten Titel mit der Nationalmannschaft gewinnen, und Essien könnte beim Heimturnier endgültig zu einem Denkmal werden in Ghana. Manche glauben ohnehin längst, dieser Spieler sei ein Prophet des afrikanischen Fußballs. Der Vorbote einer glanzvollen und ruhmreichen Zukunft, die bei der WM 2010 in Südafrika endlich anbrechen soll.

Die Goldgräberstimmung lebt

Es ist schon viel über die Potenziale des Kontinents diskutiert worden, nur ausgeschöpft wurden sie bislang nicht im Ansatz. Als der große Pelé Kameruns tolle Auftritte bei der Weltmeisterschaft 1990 in Italien sah, prognostizierte er begeistert, dass noch »vor dem Jahrtausendwechsel ein afrikanisches Team Weltmeister« werden würde. Die Realität sah anders aus. Mehr als Kameruns Viertelfinaleinzug hat bislang keine Mannschaft erreicht. Die Versuche, Afrikas Fußballschätze zu bergen, sind eine Sisyphosaufgabe.

Die Goldgräberstimmung lebt jedoch. Berti Vogts, der als Nationaltrainer Nigerias arbeitet, wird ganz aufgeregt, wenn er an die Möglichkeiten des Kontinents denkt. »Würde man den Fußball hier in Nigeria einmal richtig organisieren, wäre diese Nation mit ihren 180 Millionen Einwohnern hinter Brasilien das Land mit den meisten und besten Fußballern der Welt«, sagt er. Trainer, die einen genauen Blick in die Länder südlich der Sahara werfen, sind fasziniert vom Talent der Spieler, die sie dort vorfinden. Uli Stielike, kürzlich zurückgetretener Trainer der Elfenbeinküste, meint: »Noch nie hatte ich so viele so starke Spieler in einer Mannschaft.« Und der Weltenbummler Otto Pfister, ein Afrikakenner, ist fest von einer genetischen Überlegenheit schwarzer Fußballer im Vergleich mit den Weißen überzeugt. Gemessen an der Beweglichkeit afrikanischer Spieler seien Europäer »hüftsteif«, sagt er, und spricht von einer »souplesse naturelle«, was frei übersetzt ungefähr »gottgegebene Schmiegsamkeit« heißt. Pfister schwärmt von der angeborenen Technik, zu der sich eine Überlegenheit im Ausdauerbereich geselle. »Läuferisch sind die Afrikaner unschlagbar, das sieht man schon in der Leichtathletik«, findet der 70-Jährige, der sieben unterschiedliche afrikanische Nationalteams trainiert hat und 2008 mit Kamerun seinen vierten Afrika Cup als Trainer erleben wird. Vermutlich ist es kein Zufall, dass auch europäische Nationalmannschaften wie England und Frankreich längst von farbigen Spielern geprägt werden. Blickt man auf die Nachwuchsteams des DFB, scheint dieser Trend nach den Vorreitern Asamoah und Odonkor langsam auch in Deutschland angekommen zu sein.



Aus Heft #74 01 / 2008


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