Der Ausverkauf des englischen Fußballs
Die Hand, die sie füttert
Text: Johannes Lindenlaub Bild: Imago

Englands Premier League steht vor dem Ausverkauf: von 20 Vereinen befinden sich neun bereits in Privatbesitz, zwei weiteren droht die Übernahme. Die Frage, warum immer mehr Klubs verkauft werden, lässt sich leicht beantworten: Weil es geht. Und zwar relativ einfach. Denn in England existiert keine „50 plus x“-Regel wie in Deutschland.
Diese Regel besagt, dass ein Verein über die Hälfte seiner Anteile selbst besitzen muss. Der Privatbesitz eines Klubs wird auf diese Weise verhindert – noch, denn Reinhard Rauball, der neue Ligapräsident, will bekanntlich alles auf den Prüfstand stellen. Explizit nennt er dabei oben genannte Regelung. Unterstützung erfährt er dabei unter anderem von Hannovers Präsident Martin Kind, einem Vereinspatriarchen alter Schule. Der Hörgeräteproduzent möchte wahrscheinlich lieber heute als morgen sein liebstes Steckenpferd komplett übernehmen.
Die Vorteile scheinen klar auf der Hand zu liegen: Durch externes Kapital wird frisches Geld in die Kassen der Klubs gespült, teure Transfers können realisiert werden, und die Bundesliga findet wieder Anschluss an die Konkurrenz aus Spanien, Italien und vor allem England.
Gerade England ist nämlich nicht von derartigen Beschränkungen des freien (Fußball-) Markts betroffen. Zwar kann der Verband den Verkauf eines Vereins an bestimmte Personen verhindern, allerdings nur auf Basis von wenig verbindlichen Richtlinien.
Einer dieser Gummiparagraphen besagt etwa, dass der potentielle neue Eigner eine „fähige und anständige Person“ zu sein hat – wie flexibel handhabbar eine solche Einschränkung ist, zeigt sich deutlichst bei Thaksin Shinawatra. Dessen auffälliges Finanzgebaren und Menschenrechtsverletzungen als thailändischer Ministerpräsident stellten keinerlei Hinderungsgrund für die Übernahme Manchester Citys im Juni dieses Jahres dar.
Hobbys: lesen, schwimmen, Chelsea
Damit wird bereits deutlich, dass die Premier League nun mit ganz anderen Problemen zu kämpfen hat. Denn nur, weil es einfach ist, kauft natürlich niemand einen Fußballverein. Hinter jeder Investition stecken bestimmte Motive, die nicht in jedem Fall deutlich zu Tage treten. Die Annahme etwa, dass es nur ums Geld gehe, greift zu kurz, wie allein das Beispiel Roman Abramowitschs zeigt. Er buttert seit 2003 Millionen in den FC Chelsea, ohne auch nur im Ansatz entsprechende Gegenleistungen zu erhalten. Sein einziges Motiv scheint der Spaß an der Sache selbst zu sein – mittlerweile, denn zur Zeit seines Investments war der Russe in Anbetracht des Prozesses gegen den einstigen Ölbaron Chodorkowski darauf bedacht, sein Geld aus Russland abzuziehen. Als Fußballfan leistet er sich nun mit dem Traditionsklub ein Hobby, das seinen finanziellen Möglichkeiten entspricht.
Um ein neues Phänomen handelt sich dabei indes nicht. Schon lange bevor die Ölgelder des Russen das Gesicht der Premier League zu verändern begannen, kauften sich Privatpersonen in Englands Klubs ein.
Zum Beispiel Elton John: Der Popstar übernimmt bereits 1976 den damaligen Viertligisten FC Watford und führt ihn unter Einsatz seiner Musikmillionen bis in die Premier League und ins Finale des FA-Cups. Während Abramowitsch den FC Chelsea als „Vehikel für seine Bekanntheit“ (Jorge Valdano) benutzt, ist Elton John der klassische Mäzen. Aus Liebe zum Fußball fördert er seinen Heimatverein, ohne eine Gegenleistung dafür zu erwarten. Im Gegenteil: Als Schwuler im homophoben Fußballgeschäft ist John natürlich eine Reizfigur. Die im Stadion auf ihn angestimmten Spottgesänge („Setz’ dich nicht neben Elton John, der geht dir an den Hintern") nimmt er mit britischem Humor, begrüßt sie sogar, weil er, wie er sagt, nicht als Star behandelt werde. Mittlerweile hat er sich jedoch aus dem Fußballgeschäft zurückgezogen.
Ergänzung zu Heft #71 10 / 2007







