Die Geschichte der Fußballfans

11FREUNDE-Spezial: Nr. 1

Die Geschichte der Fußballfans

Neu hier? Alle Infos zu 11Freunde Community
09.07.2011

Vor fünf Jahren: Das WM-Finale

This is the end, beautiful friend

Text: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

Vor fünf Jahren fand das Finale der WM 2006 statt. Wir erinnern noch einmal an die 1000 Grätschen des Giftzwergs Gattuso, die 1000 Arme des Gigi Buffon – und an die existentialistische Selbstzerstörung des großen Zinedine Zidane.

Vor fünf Jahren: Das WM-Finale - This is the end, beautiful friend


Was war bloß in ihn gefahren? Nach einem galligen Monolog seines Gegenspielers Marco Materazzi machte Zizou plötzlich kehrt und rammte ihm wie ein blindwütiger Stier den Kopf gegen den Brustkasten. Immerhin: Es war eine der konsequentesten Tätlichkeiten aller Zeiten: Zidane wollte Materazzi wehtun. Vielleicht hätte er, um noch einen Funken Würde hinüberzuretten, sofort freiwillig vom Platz gehen sollen. Schiri Elizondo und auch seine Assistenten hatten jedoch gar nichts mitbekommen. Materazzi, fulminant am Solar Plexus getroffen, lag immer noch japsend im Niemandsland, als die ersten Italiener zu lamentieren begannen. Erst da reagierte der vierte Unparteiische Cantalejo und informierte den Linienrichter. War das die Geburtsstunde des Videobeweises? Auch wenn Zidane vollkommen zu Recht Rot sah und sich auch seine halbherzige Reklamation hätte sparen können: Die Entscheidung fiel in einer Grauzone des Regelwerks.



Es wird wohl immer Spekulation bleiben, was genau Materazzi gesagt hat. Eines dürfte klar sein: Es war keine alltägliche Beleidigung, sondern muss eine Ehrabschneidung sondergleichen gewesen sein. Lippenleser wollen erkannt haben, dass Materazzi Zidane mit Terrorismus und seine Schwester mit Prostitution in Zusammenhang gebracht habe. Hinzu mag wohl der Stress gekommen sein: Zidane wusste, dass seine Zeit unwiederbringlich ablief, nur zehn Minuten Fußball lagen noch vor ihm. Hinter ihm lag eine hochkarätige Chance: Er hatte einen perfekten Kopfball in Richtung des italienischen Tores abgeschossen, doch Gigi Buffon hielt auf die einzig mögliche Weise. Weltklasse! Die meisten anderen Keeper hätten sich alle Gräten gebrochen. Vielleicht wusste Zidane: Das war die letzte Großchance seiner Karriere gewesen, und er hatte sie nicht genutzt. Doch auch wenn er durch Verbalattacken und das eigene Scheitern zermürbt gewesen sein mag: Ein solcher Ausbruch wie der Rammstoß gegen Materazzi ist unentschuldbar.



Pirlo, das unsichtbare Genie


Noch in der siebten Minute war Gigi Buffon gegen ihn chancenlos gewesen: Zidane hatte einen Elfmeter mit der ihm eigenen Coolness und Eleganz unter die Latte und ins Tor gezirkelt. Nur zwölf Minuten später gelang jedoch seinem Antipoden der Ausgleich: Nach einer Ecke von Andrea Pirlo sprang Materazzi mehrere Meter höher als Patrick Vieira und köpfte ein. Fabien Barthez flog zappelnd ins Leere.

Überhaupt Barthez. Nicht ohne Grund verloren Menschen mit gewissen Sympathien für die Franzosen immer dann die Contenance, wenn der Ball auch nur im Entferntesten in seine Nähe geriet. Er wirkte auch in einfachen Dingen wie dem Wegdreschen fahrig, und bestimmt hätten sich unerfahrene Abwehrspieler davon infizieren lassen. Doch vor Barthez standen keine Geringeren als Lilien Thuram und William Gallas, die eine nahezu undurchdringliche Mauer bildeten. So blieb Luca Toni unsichtbar, Francesco Totti hingegen hätte froh sein können, wenn er denn wenigstens auch unsichtbar geblieben wäre. So wurde deutlich, dass er ein Spieler ist, der in von der Physis geprägten Partien entweder zum Memmen oder Ausrasten oder zu beidem gleichzeitig neigt. Gestern memmte er bloß und wurde später durch Daniele de Rossi ersetzt.

Es war wohl Pirlo, der das Spiel der Italiener gestaltete. Man muss sich das von Experten erklären lassen, denn besonders augenfällig ist die Leistung dieses Spielers nicht. Er rennt und rennt und rennt – und rennt dabei nicht ins Leere wie etwa der Portugiese Maniche im Halbfinale gegen die Franzosen, sondern steht immer da, wo er zu stehen hat. Dann tackelt er, gewinnt sehr oft den Ball und spielt dann den unspektakulären, aber effektiven Pass. Ihm zur Seite steht Genaro Gattuso, dieser Jens Jeremies/Berti Vogts-Epigone. Auch er rennt Furchen in den Rasen, hat sich dabei aber voll und ganz dem Zerstören verschrieben. Damit ist er das Bindeglied zur italienischen Abwehr, die auch ohne Alessandro Nesta, dafür mit Materazzi und vor allem mit Kapitän Fabio Cannavaro, dem kopfballstärksten Zwerg aller Zeiten, maßgeblich dafür verantwortlich war, dass der Titel nach Italien ging. Denn auch als die Angriffe der Franzosen kamen wie langsam steigendes Wasser, vermochte sie den Rückstand zu verhindern. Und wenn sie doch einmal durch Dribblings von Thierry Henry oder Franck Ribery überwunden werden konnte: Buffon war da.


weiterlesen [1] [2]





Ähnliche Artikel

Kommentare

  • User
  • 09.07.2009 22:27:03 Roderick92

    also der materazzi ist ja echt ein a****loch und hat diesen kopfstoß auch echt verdient. aber beide aktionen gehören einfach nicht auf den fußballplatz. weder respektlose beleidigungen, noch kopstöße.

  • User
  • 09.07.2009 23:28:16 flow_loehne

    Ich stand als Volunteer am Spielfeldrand - neben der Eckfahne - und selbst ich habe den Kopfstoß nicht gesehen, wie auch die Mehrzahl der Zuschauer, die ein lautes Pfeifkonzert losgelassen habe. Schade dass Zidanes Karriere so zu Ende gehen musste. Aber irgendwie doch typisch für einen wie ihn!

  • User
  • 10.07.2009 11:31:04 ololo

    ich habe eine ewigkeit gebraucht, um zu registrieren, was da passiert ist. und mindestens genausolange bis ich in der Lage war, mir Geschehenes nochmal anzugucken. Bei der letzten Dokumenta wurde die Kopfstoßszene im Rahmen einer Videoinstallation auch gezeigt und ich mußte verletzt sofort diesen Raum verlassen. Das ist sicherlich überzogen, jedoch können wir uns alle nicht vorstellen, was einem durch den Kopf gehen muß (und wie es im Herzen aussieht), wenn man soweit als Spieler gekommen ist wie Zidane, nach einer katastrophalen Vorrunde (die wenigstens haben an ein Weiterkommen der Franzosen geglaubt) dann doch weiterkommt. Kritik auszuhalten, weil der befreundete Torwart keine Bank auf dem Platz ist.Wissend, jedes Spiel kann das letzte sein. Die Mannschaft zu "führen". Und sie spielten für ihn.
    Nach wie vor berührt mich diese Szene. Zidane ist für mich nach wie vor "verehrungswürdig". Er hat den Stolz Materazzis nicht verletzt. Anders als zum Beispiel Wayne Rooney, der dem Gegenspieler schonmal gern ins Gemächt tritt.
    Und ihn, Zizou, umgibt eine Aura, die Musiker (Mogwai) wie Schriftsteller (Zidanes Melancholie) inspiriert.
    Ich hoffe, er bedauert nicht was passiert ist. Für mich ist er nach wie vor ein ganz Großer!

  • User
  • 09.07.2011 19:39:01 El Train

    Deshalb hat Italien den Titel fraglos verdient.

    Dem wage ich doch zu widersprechen.

  • User
  • 09.07.2011 20:03:30 AntiBFC

    Nur Deutschland hätte es 2006 verdient, Weltmeister zu werden. Vielleicht noch Frankreich wegen der KO-Runde. Alle anderen sog. Favoriten waren durch die Bank einfach nur schlecht.

  • User
  • 09.07.2011 20:06:51 Jim Panse

    Ein Titel für Italien ist NIE verdient!

  • User
  • 09.07.2011 20:07:13 AntiBFC

    Und natürlich Zidane, meiner Meinung nach der Beste Abschied aller Zeiten. Vom Weltklassespieler zur lebenden Legende.

  • User
  • 09.07.2011 20:15:21 currygoi

    Ein Titel für Italien ist NIE verdient!

    FAST richtig! Das einzige Mal das es verdient gewesen wäre - da hat´s nicht geklappt. Und zwar bei der Euro 2000.

  • User
  • 09.07.2011 20:17:27 gelsenkirchen

    hahaha, jetzt hört doch mal auf mit diesem blödsinnigen verdient/unverdient-quatsch!

  • User
  • 09.07.2011 20:21:58 AntiBFC

    Ich verdiene mehr als ich kriege.

  • User
  • 09.07.2011 20:23:43 Jim Panse

    Aufs Maul? ;)

  • User
  • 09.07.2011 20:25:14 currygoi

    Womit hat Zidane das nur verdient?
    Und Materazzi hat gekriegt was er verdient hat!

  • User
  • 09.07.2011 20:30:39 AntiBFC

    In erster verdiene ich mehr Bier, mehr Frauen und verdammt nochmal mehr Italiener-Rammstöße.

  • User
  • 10.07.2011 01:05:08 Lios

    Schön, dass Andrea Pirlos Leistung hier extra erwähnt wird; für mich war er der beste Spieler der WM-06 und auch gegen Deutschland war er derjenige dessen Geistesblitz das Spiel entschied - dieser Pass zum 1:0 war unglaublich.

  • User
  • 10.07.2011 16:18:19 mehmetwirdankendir

    Ich war zunächst auch für Italien. Altes Urlaubsland und wenn, dann darf uns nur der Weltmeister schlagen.
    Während des Finales kippte meine Stimmung.
    Es kam die Frage auf, die ich mir alle 2 Jahre stelle:
    Wie kann ein Land mit so schönen Menschen/Landschaften/Gebäuden/Musik/Kunst nur einen derartig verabscheuungswürdign Fußball spielen?

  • User
  • 10.07.2011 20:15:44 Cantona 7

    für mich ist er immernoch der beste fussballer den ich bisher gesehen habe...er hatte einfach eine ganz besondere art mit dem ball umzugehen, so wie ein henry...das sind einfach spieler die kannst du schon alleine von ihrem laufstil und ihrer ballbehandlung erkennen!

    wenn ich alleine an das tor im cl finale gegen leverkusen denke! ...einfach der wahnsinn!!!!

  • User
  • 10.07.2011 20:22:33 gelsenkirchen

    neben diesem "verdient/unverdient" geblubber - kann man bitte ma aufhören den artikel "ein" vor spielernamen zu verwenden?

  • User
  • 10.07.2011 21:10:02 Cantona 7

    wie konnte ich nur!

  • User
  • 10.07.2011 21:36:53 Jim Panse

    Nur dass das Tor gegen Bayer wegen falschem Einwurf eigentlich irregulär war.

  • User
  • 11.07.2011 06:58:31 AntiBFC

    ein gelsenkirchen darf beiträge kritisieren ;)

  • User
  • 11.07.2011 11:22:29 skifahrer

    Wer so einen schlechten Trainer hat, wie die Franzosen ihn hatten, durfte trotz Zizou nicht Weltmeister werden: die Italiener waren platt und mausetot ab der 75. Minute.
    Und was macht dieser Domenech, dem auf der PK nach einem verlorenen WM-Finale ein Heiratsantrag einfällt ?
    Er lässt defensiv spielen bis zum 11m-Schiessen. Aber die Franzosen sind ja selbst schuld, wenn sie diesem Clown eine solche Traumtruppe, die da 2006 auf dem Platz stand, anvertrauten.

  • User
  • 11.07.2011 11:30:11 nerd

    der letzte grosse Fussballer

zum Forum

Logge Dich ein, um einen Beitrag zu schreiben!

VON DEN LESERN EMPFOHLEN



DIE AKTUELLE UMFRAGE

Thema: Fußballfans. Eure Wunschgäste für Maischberger, Lanz, Plasberg und Co.?

Werner Schulze-Erdel
Charly Steeb
Alf
Bono
Frank Zander
Zini
Max Power
Johannes B. Kerner
Günter Wallraf
Campino
Andreas Elsholz
Alfred Biolek
Vera Int-Veen
Marius Müller-Westernhagen
Ich




Glückwunsch zum 12. Geburtstag, Marek Lesniak!


Rekordtorschützen in der U21

  • Pierre Littbarski (21 Spiele, 18 Tore)
  • Heiko Herrlich (20 / 17)
  • Benjamin Auer (23 / 15)
  • Mike Hanke (26 / 14)

11Freunde Liveticker

11FREUNDE @ TWITTER

Wie war Deine Reaktion auf Zidanes Kopfstoß gegen Materazzi?

Entsetzen
Freude
Phantomschmerz
Mitleid
Weltuntergangsstimmung
Belustigung
Wut
Respekt
Angst
Gleichgültigkeit
Alles gleichzeitig