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Die Geburt einer Fußballnation

Die erste Elf

Text: Johannes Scharnbeck  Bild: Patrick Gripe

Die erste Elf

Sie sind einfach nicht zu übersehen. Selbst am Abend vor dem großen Spiel gegen Ungarn leuchten im Meer der Shopper in der Fußgängerzone von Montenegros Hauptstadt Podgorica überall die knallroten Trainingsanzüge der Nationalspieler auf. Der Abwehrchef betrachtet Turnschuhe im Schaufenster, der Jungstar feixt mit einem ehemaligen Schulkameraden und zwei Mittelfeldabräumer blicken zwei flanierenden Schönheiten nach. Wenn sich Ballack, Frings und Podolski so volksnah unter die Bevölkerung mischen würden wie die montenegrinischen Kicker, es hätte wohl ein Verkehrschaos zur Folge. Die Nationalspieler des kleinen Gebirgslandes aber suchen in jeder freien Minute den Kontakt zu ihren Landsleuten.



Im Vorfeld der Länderspielpremiere flanieren sie allabendlich durch die Innenstadt – immer in Signalrot, der Farbe von Montenegros Flagge. Große Menschenaufläufe lösen sie dabei nicht aus. In einem Land mit 630 000 Einwohnern, die auf einer Fläche so groß wie Schleswig-Holstein zusammenleben, kennt jeder irgendwie jeden. Die Nähe zu den Kickern gehört in Montenegro dazu. Bei einer Pressekonferenz fragt ein Journalist sogar, warum man die Spieler nicht noch öfter in der Stadt sähe.

»Dieser Tag wird in die Geschichte eingehen«

»Ich muss allen erzählen, wie wichtig dieses Spiel ist – für mein Herz«, erklärt Vlado Jeknić den engen Kontakt zu den Fans. Damit meint der 23-jährige Verteidiger jedoch nicht, dass die Länderpartie für ihn den Job eines Kardiologen erledigt. Für ihn ist das Match, wie für alle seine Teamkollegen, eine Frage der Ehre, eine Herzensangelegenheit. Von den 22 Spielern, die nominiert wurden, ist Jeknić der Einzige, der in Deutschland unter Vertrag steht. Seit Sommer 2005 kämpft er mit Wacker Burghausen in jeder Saison um den Klassenerhalt in der 2. Liga. Jetzt sitzt er inmitten seiner Mannschaftskameraden in der Lobby des Hotels »Crna Gora« – serbisch für »schwarze Berge« (Montenegro) – und durchforstet die Sportseiten der Tageszeitungen nach seinem Namen. Dabei zu sein, wenn die Fußball-Auswahl am 24. März 2007 das erste Länderspiel in der Geschichte Montenegros absolviert, bedeutet alles für Jeknić: »Dieser Tag wird in die Geschichte eingehen, so wie der 21. Mai 2006.«

Der 21. Mai war der Geburtstag des jüngsten Staates in Europa. Damals votierten die Montenegriner in einem Referendum mit der knappen Mehrheit von 55,5 Prozent für die Loslösung von Serbien. Daraufhin verkündete die Regierung der »schwarzen Berge« am 3. Juni feierlich die Unabhängigkeit. Bei der WM 2006 spielte also ein Land, das es offiziell gar nicht mehr gab. Im WM-Kader stand mit Torwart Dragoslav Jevrić allerdings auch nur ein Montenegriner. Serbien, dessen Bevölkerungszahl zwölf Mal so groß ist, stellte seit jeher den Großteil der Spieler. Auch im Fußball Jugoslawiens war der Teilrepublik von der Adriaküste nur eine Nebenrolle vergönnt. Umso stolzer sind die Montenegriner auf die wenigen Spieler, die in der jugoslawischen Nationalmannschaft Berühmtheit erlangten: Nikola Jovanović, der 1979 als erster Ausländer für Manchester United auflief; Predrag Mijatović, der Siegtorschütze für Real Madrid im Champions-League-Finale 1998 und Dejan Savićević, der mit Roter Stern Belgrad (1991) und dem AC Mailand (1994) die Königsklasse gewann und heute Präsident des montenegrinischen Fußball-Verbandes ist.

Ihr Abschlusstraining absolviert die Nationalmannschaft einen Tag vor dem Spiel im Stadion eines Vorstadtklubs von Podgorica. Die Anlage versprüht deutsches Verbandsliga-Flair: eine Haupttribüne mit Holzbänken, verrostete Zäune am Spielfeldrand, vier ausgeblichene Werbebanden. Hier bestreitet sonst Meisterschaftskandidat Zeta Golubovci seine Heimpartien. Das Länderspiel gegen Ungarn wird aber in Podgoricas Gradski-Stadion ausgetragen, der einzigen Spielstätte in Montenegro, die derzeit den Standards der UEFA entspricht.

Während der Nationaltrainer Zoran Filipović die erste Übungseinheit vorbereitet, schnappt sich jeder Spieler einen Ball. In einem abgesteckten Feld in Strafraumgröße sollen die Auswahl-Kicker eine Kombination aus Fußball und Handball spielen. Filipović lässt sie das tun, was sie am besten können: improvisieren. Die Spieler jonglieren den Ball, versuchen akrobatische Flugeinlagen und lachen über die Verrenkungen der Kollegen. Die Mannschaft wirkt eher wie eine verschworene Abschlussklasse als wie ein Nationalteam. Doch der Ehrgeiz, sich für das Duell gegen Ungarn zu empfehlen, ist unterschwellig spürbar. Im Trainingsspiel sprinten Jeknić und Kollegen jedem Ball hinterher als ginge es um den EM-Titel.

Die meisten Spieler wissen nur zu gut, dass sie für die Auswahl Serbien und Montenegros nie nominiert worden wären. Auch der Star und Kapitän der Elf, Mirko Vučinić, ist beim AS Rom nur Ersatz. Der Großteil der »mutigen Falken«, wie sie hier ihre Nationalmannschaft nennen, steht bei kleinen osteuropäischen oder montenegrinischen Klubs unter Vertrag, die zu den grauen Mäusen in der gemeinsamen Liga mit den serbischen Vereinen zählten. Der größte Erfolg von Montenegros Vorzeigeklub, Budućnost Podgorica, war das Erstrunden-Aus im UI-Cup 2005 gegen Deportivo La Coruña. Seit der Staatsgründung darf der Klub nun auf eine regelmäßige Teilnahme an UEFA-Wettbewerben hoffen. In der neuen Profi-Liga spielen zwölf Teams, die jeweils dreimal pro Saison gegeneinander antreten.



Aus Heft #66 05 / 2007


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