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12.06.2010

1994: Als Nigeria groß aufspielte

Die mit den zwei Gesichtern

Text: Johannes Scharnbeck  Bild: Imago

Selten war Afrikas Hoffnung auf den WM-Titel so realistisch wie 1994, als Nigerias Elf mit Technik und Athletik beeindruckte. Doch das Team scheiterte an taktischen Schwächen und musste sich 1996 mit dem Olympiasieg trösten.

1994: Als Nigeria groß aufspielte - Die mit den zwei Gesichtern


Es war einer der emotionalsten Momente der WM 1994: Wie der nigerianische Stürmer Rashidi Yekini das Tornetz umklammert, es mit weit aufgerissenem Mund von sich hält, um es dann fast liebevoll an sich zu schmiegen und dabei unablässig zu murmeln: »Rashidi Yekini, Rashidi Yekini…« Sekunden zuvor hatte der bullige Angreifer das erste Tor Nigerias bei einer Weltmeisterschaft geschossen und sofort realisiert, dass er sich unsterblich gemacht hatte.



Im Auftaktspiel der Gruppe D trafen an diesem 21. Juni Nigeria und Bulgarien aufeinander. In einem 90-minütigen Offensivfestival demontierte das Ensemble um den damaligen Frankfurter »Jay-Jay« Okocha einen hilflosen Gegner, der mit dem 0:3 am Ende noch gut bedient war. Die Fußballwelt war sich einig: Dieses Team, die »Super Eagles«, konnte eventuell sogar um den WM-Titel mitspielen. Eine Einschätzung, die aber schon vier Tage später teilweise revidiert werden musste: Da nämlich hatten jene leichtfüßigen Nigerianer in einem zerstörerischen Gewaltakt alle Fußballkunst preisgegeben und gegen alles getreten, was in argentinischen Trikots herumlief. Das Spiel ging 1:2 verloren und mit ihm viele Sympathien, die sich Nigeria zuvor erworben hatte.

Diese zwei Gesichter waren typisch für ein Team, das fußballerisch zweifelsohne zu den besten der 90er Jahre gehörte. Einerseits technisch brillant, athletisch und spielfreudig, andererseits unkonzentriert, überheblich und auf entscheidenden Positionen schlecht aufgestellt. So ist es fast einhelliger Tenor, dass die Hauptschuld am späteren Achtelfinal-Aus gegen Italien den holländischen Trainer Clemens Westerhof trifft. Der eigensinnige Niederländer, der aus seiner offenen Abneigung gegen die »afrikanische Art« nie einen Hehl machte, drückte den Westafrikanern seine Vorstellung eines europäischen Defensivfußballs auf, der die Stärken der Elf ignorierte. Nach der 1:0-Führung gegen die Italiener durch Emmanuel Amunike beorderte Westerhof fast all seine Mannen nach hinten und ließ einzig Yekini noch stürmen. Der konstatierte nach dem Abpfiff: »Je mehr wir angreifen, desto besser können wir verteidigen. Das ist unser Spiel.« Der einzige, der das nicht verstanden hatte, war Clemens Westerhof.

»Die wollen nicht einfach gewinnen«

Überhaupt ist schwer nachzuvollziehen, wie dieser Mann fünf Jahre die Geschicke der Nationalmannschaft leiten konnte. Immer wieder äußerte er sich abschätzig über seine Spieler. »Sie essen fettig, vergnügen sich mit ihren oder anderen Frauen und haben sich nicht unter Kontrolle«, war einer jener Sätze, die Westerhof Journalisten freimütig in die Blöcke diktierte. »Die wollen nicht einfach gewinnen, die wollen sich als Helden feiern lassen, den Gegner demütigen«, ein anderer. Nach der schmerzlichen Niederlage im Achtelfinale sprach der Holländer von der Dummheit seiner Spieler und behauptete, ihr Verhalten sei typisch für Afrikaner – der Schwarze müsse sich dem Weißen eben immer überlegen fühlen. Das niederländische Fachblatt »Voetbal International« nannte Westerhof einen Kolonialherren und zeichnete damit ein präzises Bild dieses Ignoranten. Seine Selbstherrlichkeit führte unmittelbar nach dem WM-Aus dazu, dass die Spieler ihn aus dem Hotel warfen, weil sie seine Anwesenheit nicht mehr ertrugen.



Ergänzung zu 11 FREUNDE-Spezial: 90er

Das waren die Neunziger


weiterlesen [1] [2]





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Kommentare

  • User
  • 11.03.2010 11:03:41 Thotov

    Auch wenn der Text als Ergänzung zum 11 Freunde-Spezial aufgeführt wird: Ist der nicht schon mal erschienen? Kommt mir bekannt vor...

  • User
  • 11.03.2010 15:56:00 Catilina

    die Hauptschuld am späteren Achtelfinal-Aus gegen Italien den holländischen Trainer Clemens Westerhof trifft.

    Blame it on whitey.

  • User
  • 11.03.2010 16:15:38 Catilina

    Die Hauptschuld ist wohl bei der geringen Frustrationstoleranz von Spielern zu suchen, die an guten Tagen jeden Gegner an die Wand spielen, aber schnell die Lust verlieren, wenn ein Spiel sich nicht allein durch Kreativität entscheiden läßt.

    Insofern die Holländer traditionell dasselbe Problem haben - nämlich das Problem, daß spielerische Überlegenheit zuweilen in Überheblichkeit umschlägt - war Westerhof sicherlich der falsche Trainer.

    Der letzte EM-Auftritt der Niederländer war dafür symptomatisch: Drei Spiele lang gelingt alles, jeder Paß kommt an, der Distanzschuß kracht in den Winkel, statt auf dem Oberrang der Tribüne zu landen, die Kombinationen schneiden durch die gegnerische Abwehr wie ein heißes Messer durch Butter . Woran es dann letzlich fehlte, war die Fähigkeit, vermurkste Spiele zu gewinnen, und das Spiel gegen die Russen war über weite Strecken ein solches Murks-Spiel.

    Beim afrikanischen Fußball der frühen 90er lagen Erfolg und Niedergang eng beieinander. Anderthalb Jahre vor der WM `94 galt Ghana als das beste afrikanische Team. Ein halbes Jahr vor der WM hatte Nigeria den Ghanaern den Rang abgelaufen.

    Vieles hat sich seither verbessert, und wenn Spieler wie Essien und Eboué von den technischen Fähigkeiten eines J.J. Okocha auch weit entfernt sind, so sind sie dennoch die besseren Fußballer.

  • User
  • 27.03.2010 03:02:58 Catilina

    Selten war Afrikas Hoffnung auf den WM-Titel so realistisch wie 1994

    Vier Jahre zuvor war Afrika, vertreten durch Kamerun, dem Titel sogar noch ein Stück nähergekommen; und die haben in dem Viertelfinale die Engländer 120 Minuten lang nach allen Regeln der Kunst an die Wand gespielt und sind aufgrund Linekers Cleverneß und zweier fragwürdiger Elfmeter ausgeschieden - eine Tatsache, die die Briten so vollständig verdrängt haben wie die amerikanische Waffenhilfe im II. Weltkrieg.

    Ich fand das damals höchst kurios, wie die Briten und ihre Apologeten die Bedeutung dieses Spiels kleinzureden versuchten. Einer dieser Apologeten war mein Vater, Trainer im mittleren Amateurbereich (Bezirksoberliga, Landesliga, trainiert derzeit einen ehemaligen DDR-Oberligaverein). Mein alter Herr versteht `ne Menge von Fußball, war aber immer gnadenlos voreingenommen zugunsten des englischen Spiels: Anfang der 90er war er allen Ernstes der Überzeugung, daß das Liverpool-Team der frühen 80er "sogar Milan niedergekämpft" hätte (i.e., die Milan-Mannschaft unter Sacchi und Capello).

    Im Viertelfinalspiel gegen England waren die Kameruner einfach zu überlegen, als daß das Argument, sie spielten einen taktisch naiven Fußball, Gültigkeit beanspruchen könnte. Auch die deutschen Turniergewinner waren froh, daß sie es im Halbfinale nicht mit den Kamerunern zu tun bekamen. Das Spiel hatte auf die Platzhirsche im internationalen Fußball eine verstörende Wirkung, weil es

    a.) geheime Zweifel nährte, ob wirklich die besten Mannschaften der Welt im Halbfinale standen

    b.) eine Mannschaft, in der zehneinhalb völlig namenlose Spieler standen (einzig Milla bildete eine halbe Ausnahme), einen Fußball spielten, wie ihn die technischen Teams unter den Favoriten, Brasilien und Argentinien, längst verlernt hatten.

    Darum die Rationalisierungen.

    Was afrikanische Teams angeht, war auch das Achtelfinale zwischen Brasilien und Ghana bei der letzten WM eine seltsame Erfahrung. Das Ergebnis war standesgemäß (3-0), doch konnte keinem unvoreingenommenen Beobachter entgehen, daß das Kurzpaßspiel der Afrikaner geschliffener wirkte, ja daß die Brasilianer bei diesem Spiel streckenweise den Eindruck machten wie ein kämpferisch-taktisch orientiertes europäisches Team, das es an einem schlechten Tag mit einer technischen Mannschaft zu tun bekommt (z.B. Deutschland mit Jugoslawien bei 98er WM).

  • User
  • 27.03.2010 13:14:52 AntiMöller

    Das unterschreibe ich, ausser, -und hier schöne Grüsse an Deinen Vater- dass Liverpool niemals gegen den AC hätte bestehen können. Liverpool wäre erst gar nicht in die Zweikämpfe gekommen.. Die hätten den Ball gar nicht gesehen.

  • User
  • 27.03.2010 14:42:43 Catilina

    @ AntiMöller

    Das habe ich ihm selber schon gesagt.
    Ich habe vor ein paar Jahren mal das Weltpokalspiel von 1981, Liverpool gegen Flamengo, bei einem Bekannten auf Video gesehen.
    Flamengo war keine taktisch so versierte und defensiv starke Mannschaft wie Milan ca. 1987-95, aber trotzdem hat man gesehen, wie schnell gegen einen richtig spielstarken Gegner die Liverpool-Maschine ins Stottern geriet. Zwar soll man die Bedeutung solcher Spiele nicht überschätzen, aber Liverpool war in dem Match einfach zu chancenlos, als daß man sagen könnte, sie hätten einfach nur `nen schlechten Tag erwischt. Flamengo gewann 3-0, Zico schoß alle 3 Tore, es hätten aber auch 6 sein können. Die Liverpooler Verteidiger landeten bei ihren flying tackles desöfteren in der Bandenwerbung bzw. auf der Tartanbahn.

  • User
  • 12.04.2010 02:27:41 Catilina

    Nach der 1:0-Führung gegen die Italiener durch Emmanuel Amunike beorderte Westerhof fast all seine Mannen nach hinten und ließ einzig Yekini noch stürmen. Der konstatierte nach dem Abpfiff: »Je mehr wir angreifen, desto besser können wir verteidigen. Das ist unser Spiel.«

    Man kann Westerhof seinen Mangel an Diplomatie zum Vorwurf machen, aber nicht, daß er seine Mannschaft gegen Italien defensiv einstellte.

    "Wir sind Braislien, wir greifen immer an", bekam ein gewisser Roberto Falcao, Mittelfeldspieler des AS Rom, von den anderen Spielern der Selecao zu hören, als er mit dem Hinweis, daß die Italiener die Meister der Konterattacke seien, eine defensivere Spielweise anmahnte. Der Rest ist - wie man so schön sagt - Geschichte.

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