Aktuelles Heft

11FREUNDE-Spezial: Nr. 1

Liebe Leser,

»Warum gehen die Leute zum Fußball«, fragte einst Sepp Herberger und gab sich selbst die Antwort: »Weil sie nicht wissen, wie es ausgeht!« Bei allem Respekt vor den einfachen Wahrheiten Herbergers gibt es jedoch womöglich noch den einen oder anderen Grund mehr, warum viele Millionen Menschen am Wochenende nicht das heimische Gemüsebeet wässern oder der Familienkutsche die dringend nötige Politur verpassen, sondern stattdessen mit Schal um den Hals ins Stadion eilen.
Manche tun das, weil sie in der Loge wichtige Businesskontakte pflegen müssen. Andere gehen hin, weil es im örtlichen Supermarkt in der Vorwoche zwei Tickets zum Preis von einem gab. Nicht wenige jedoch finden sich Samstag für Samstag auf der Tribüne ein, weil sie für den Fußball an sich und ihren Verein im Speziellen etwas sehr Altertümliches empfinden. Um es in der blumigen Sprache des Boulevards zu sagen: Ja, es ist Liebe!

Diese Liebe zeigt sich in vielerlei Gestalt. Da ist der jugendliche Anhänger, der sich am Wochenende auf den Stehtraversen die Seele aus dem Leib brüllt. Da ist der alte Knacker, der zehn Minuten vor Spielende abwinkend und mit der Versicherung »Isch geh nimmer nuff« die Sitztribüne verlässt, um zwei Wochen später selbstverständlich wieder seinen Stammplatz einzunehmen. Und da ist der Familienvater, der seine Kinder zum samstäglichen Stadionbesuch in wahlweise Bochum, Karlsruhe oder Saarbrücken zwingt, obwohl der Nachwuchs glaubhaft beteuert, Anhänger des FC Bayern München zu sein.

Sie alle eint die tiefe Überzeugung, dass sie nicht Zuschauer, sondern Akteure des Spiels sind. Dass ihre Anwesenheit, ihre Unterstützung, ihre Zuneigung zum Klub etwas bewirkt. Deshalb tragen sie Schals und schwenken sie Fahnen, deshalb singen sie, deshalb setzen sie sich frühmorgens ins Auto, weil am Abend der eigene Klub 700 Kilometer entfernt ein Auswärtsspiel zu bestreiten hat.

Es liegt nun im Wesen der Liebe, dass sie auch unglücklich machen kann. Das liegt mitunter am Verein, dem man anhängt. Bewusst wollen wir keine Beispiele nennen, das wäre unfair gegenüber Arminia Bielefeld, Rot-Weiss Essen und Kickers Offenbach. Das liegt oft aber auch an den äußeren Umständen. Denn es ist in den letzten Jahren nicht einfacher geworden, Fußballfan zu sein. Das liegt einerseits daran, dass die Freiräume der Anhänger in den Stadien immer geringer werden, andererseits daran, dass die Inszenierung der Fußballspiele als familientaugliche Events statt auf ungestüme Leidenschaft auf künstlich gesteuerte Emotionen setzt. Gesungen wird, wenn der Videowürfel das Zeichen gibt.

Und deshalb ist diese Spezialausgabe nicht nur ein Magazin zur Geschichte der Fußballfans, sondern zugleich auch ein flammendes Plädoyer an die Akteure des Geschäfts, der Fankultur den Respekt entgegenzubringen, den sie verdient.

Viel Spaß beim Lesen!

Inhaltsverzeichnis

Ein Bild von einem Fan: So sieht es aus, wenn man Fußball liebt
Früher war alles gestern: Christoph Biermann über 40 Jahre Fankultur

Veteranen-Stammtisch: Drei Althauer mit der Hand auf dem Herzen

Schaubild: Fangesten und ihre Bedeutung

Der erste 12. Mann: Wie im England der 20er Zuschauer zu Fans wurden
Mit dem LKW zum HSV: Fans aus Algermissen auf dem Weg in die Weltstadt

Kultfan: Chelsea-Andy

Kurz nach’m Kriech: Erinnerungen an den Westfalenpokal 1947
Eine Schnulze für Liverpool: Gerry Marsden über »You’ll Never Walk Alone«
Ausgerechnet Mexiko: Deutsche Schlachtenbummler bei der WM 1970

Kultfan: Der Rote Dieter

Ein Lob der Stehtribüne: Philipp Köster über das Reservat wahrer Emotion

Schaubild: Stadionmode im Wandel der Zeit

Fanblock versus Ostblock: Die Fans von Lechia Danzig und ihr Ruf nach Freiheit
Neapel sehen und jubeln: Wie im Italien der 80er die Ultrakultur entstand
Das Tier im Fan: Die Katastrophe von Heysel und ihre Folgen

Kultfan: St.-Pauli-Willi

Und jetzt alle!: Die besten Kurvenlieder aller Zeiten

Des Wahnsinns fette Beute: Ein Mann namens John Portsmouth FC Westwood

Schaubild: Stadionfraß im weltweiten Vergleich

Durch den Wilden Osten: Auf Auswärtsfahrt mit dem BFC Dynamo
Der Mann, den es nicht gibt: Fabian Jonas über die Leiden eines Exil-Bayern

Love hurts: Fußballer im Schwitzkasten ihrer Fans

Kultfan: Catweazle

Grüß Gott, da sind wir wieder!: Die Neugründung von Austria Salzburg
Tanze Samba mit mir: Ein Tag mit den Anhängern von Flamengo
Zeitstrahl: Die Geschichte der Fans

Das Spiel lesen: Die besten Bücher über Fußballfans

Impressum

Regeln und Knochen - beides gebrochen

Ruhe, jetzt reden die Alten! Drei Fanveteranen aus Dortmund, Frankfurt und Hamburg über Ultras, Kutten – und die ewige Liebe

Tifosi kommt von Typhus

Achtung, ansteckend: In Neapel entstand Mitte der achtziger Jahre die moderne Ultrakultur

Ich spürte das Donnern des Kop

Der Musiker Gerry Marsden über sein Lied, das erst Liverpool eroberte - und dann die ganze Fussballwelt

Hobbys: Lesen... und Fußball

Penibler Bibliothekar und wahnsinniger Portsmouth-Fan: John Westwood zeigt, was die Liebe zu einem Klub anrichten kann