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12.11.2011

Der legendäre »100.000 Mark Sturm« von Preußen Münster

Das Jahr der 100.000

Text: Alex Raack  Bild: Privat

Der Ursprung aller Vereinsmäzene: 1950 formten westfälische Geschäftsmänner ein Starensemble – Preußen Münsters »100 000 Mark Sturm« wurde zur Legende. Vor dem Klassiker gegen Arminia Bielefeld (heute, 15 Uhr) erinnern wir daran.

Der legendäre »100.000 Mark Sturm« von Preußen Münster - Das Jahr der 100.000


Fünf Jahre sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs vergangen. Münster ist dabei, den Krieg abzuschütteln, der wie eine Bleiweste auf der Stadt liegt. Noch sind die Spuren der Zerstörung durch tausende Bomben unübersehbar, aber immerhin fließt schon wieder das erste Bier. Im Gasthaus »Stuhlmacher« am Prinzipalmarkt, dort wo das Herz von Münster schlägt, zapft Besitzer Franz Feldhaus frisches Pils im Akkord. An der Theke drängeln sich die Gäste. Das Geschäft läuft gut und hat dem jungen Mann zu schnellem Wohlstand verholfen. Gemeinsam mit anderen Münsteranern sitzt Josef Oevermann in einem der hinteren Räume. »Opa«, wie sie ihn hier nennen, hat mit seinem Hoch- und Tiefbauunternehmen bereits die halbe Stadt wiederaufgebaut. Am Stammtisch »Matterhorn« trifft sich die Elite der Stadt. Man spricht über Geschäfte, Politik – und über Preußen Münster. Spätestens seit dem Aufstieg in die Oberliga 1948 ist der örtliche Sport Club Preußen auch in der Oberschicht das große Gesprächsthema geworden. Angesteckt mit dem Virus Fußball wurden alle von »Opa« Oevermann, der vor dem Krieg selbst für Preußen gekickt hat. Inzwischen leitet er als Obmann die Geschicke des Vereins. Aus der Runde im »Stuhlmacher«, wo sich Lebensmittelhändler, Bauunternehmer und Kaufmänner die Klinke in die Hand geben, entwickelt sich schon bald der selbsternannte »Preußen-Ring«, eine Art Sponsorenpool der lokalen Wirtschaft. Zwischen Zigarrenqualm und Bierschaum werden Pläne geschmiedet. Denn man hat Großes vor.



Das Ziel: Preußen Münster soll die beste Mannschaft Deutschlands werden. In der Universitätsstadt sieht man sich längst wieder auf Augenhöhe mit den Branchengrößen aus Essen und Gelsenkirchen, jetzt sollen zählbare Erfolge her. Mit dem aktuellen Kader ist das ein unrealistisches Ziel. Der »Preußen-Ring« sucht nach Spitzenspielern, Ausnahmekönnern, echten Stars. Doch die sind schwer zu finden und noch schwerer nach Münster zu locken. Von einem Transfermarkt der Gegenwart, wo man sich mit Geld alles kaufen kann, ist man noch so weit entfernt, wie die Erde vom Mond: Das im Mai 1949 eingeführte Vertragsspielerstatut verhindert offiziell die Zahlungen hoher monatlicher Geldbeträge. Laut Statuten liegt das Maximalgehalt bei 320 DM, inklusive Leistungszulagen von 10 DM pro Spiel. Mit enormen Gehältern lassen sich die Fußballer nicht von ihren Vereinen weglocken. Preußens Macher müssen sich etwas anderes einfallen lassen.

Die Neuzugänge: Lammers, Rachuba, Rudi Schulz

Wie man die bestehenden Gesetze im Fußball elegant aushebeln kann, hat Josef Oevermann schon 1949 bewiesen. Zu den ein Jahr zuvor aufgestiegenen Preußen stießen damals zwei absolute Top-Stürmer: Jupp Lammers und Siegfried Rachuba. Lammers, ein angehender Sportlehrer, hatte sich von Oevermann mit Aussicht auf einen sicheren Studienplatz und bezahlte Unterkunft überzeugen lassen und wechselte vom FC Bocholt nach Münster. Dem gelernten Anstreicher Siegfried Rachuba versprach der Preußen-Obmann die Einrichtung eines eigenen Malereigeschäfts und damit eine Existenzgrundlage. Für den 27-Jährigen ein Angebot mit Zukunft, auch er sagte zu.

1950 geht die Einkaufstour weiter. Der 23-jährige Rudi Schulz, einer der besten Außenläufer Westdeutschlands, wechselt aus Dortmund in die Domstadt – als Gegenleistung vermittelt der Verein ihm die Ausbildung bei der lokalen Raiffeisenversicherung. Mit ihm kommt BVB-Kollege Adi Preißler, zweifacher Torschützenkönig der Oberliga und im Westen ein echter Star. Ihm verspricht Verhandlungsführer Oevermann eine Großtankstelle und ein für damalige Verhältnisse gewaltiges Handgeld von 10 000 DM.

Der größte Coup von Mäzen Oevermann: Fiffi Gerritzen

Doch seinen größten Coup feiert der umtriebige Unternehmer kurze Zeit später: Er überredet den Oldenburger Felix »Fiffi« Gerritzen, nach Münster zu kommen. In der Oberliga Nord zum Nationalspieler gereift, lockt ihn nun der SCP mit einem Job als Chef-Chauffeur bei der Provinzial-Versicherung. Gerritzen geht trotz zahlreicher Angebote aus ganz Deutschland nach Münster – auch weil Vater Gerritzen seinem Junior rät: »Geh nach Münster. Schöne Stadt.« Mit der Zusage des pfeilschnellen Außenstürmers wird ein bis dahin in Deutschland einmaliger Kraftakt beendet. Nie zuvor hat sich ein Verein mit dem Einkauf ortsfremder Starspieler eine solche Spitzentruppe zusammengestellt. Die neue fünfköpfige Angriffsreihe, bestehend aus Lammers, Rachuba, Schulz, Preißler und Gerritzen, gehört nominell mit zum Besten, was der deutsche Fußball in dieser Zeit zu bieten hat. Ein Journalist findet schnell den passenden Namen für diese außergewöhnliche Offensive: Der »100 000 Mark Sturm« ist geboren.



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