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19.10.2011

Ist Schottland das wahre Mutterland des Fußballs?

»Es gab keine Revolution im 19. Jahrhundert«

Interview: Andreas Bock  Bild: Imago

England gilt als das Mutterland des Fußball. Oder haben sich die Historiker geirrt? Das Fußballmuseum in Glasgow fand heraus, dass bereits im 15. Jahrhundert in Schottland Fußball gespielt wurde. Wir sprachen mit Leiter Richard McBrearty.

Ist Schottland das wahre Mutterland des Fußballs?  - »Es gab keine Revolution im 19. Jahrhundert«


Richard McBrearty, vor einigen Jahren behaupteten Sie, dass Fußball in Schottland schon immer ein Sport der Arbeiterklasse gewesen sei. Nun berichten Sie davon, dass König James IV. bereits im 15. Jahrhundert einen Fußball gekauft haben soll. Nach Working Class klingt das nicht.

Richard McBrearty: Es ist eine Sache der Perspektive. Grundsätzlich halte ich an der These fest, dass der Fußball wie wir ihn heute kennen, in der Breite eine Sache von Arbeitern war. Allerdings, und das wurde in der Vergangenheit häufig übersehen, war Fußball nie ein Sport, der in einem bestimmten Jahr oder Jahrzehnt in England erfunden wurde.



Sondern in Schottland?

Richard McBrearty: Das wäre anmaßend und würde auch andere Entwicklungen wie in China übersehen, wo schon im 3. Jahrhundert ein fußballähnliches Spiel mit dem Namen Ts’uh-küh ausgetragen wurde. Ich störe mich vielmehr an dem Wort »erfunden«.

Wieso?

Richard McBrearty: Weil es einhergeht mit der Annahme, dass eine wie auch immer geartete Geburt des Fußballs an einem Datum festgemacht werden kann. Viele verweisen etwa auf das Jahr 1848, als Studenten der Universität Cambridge die ersten Fußballregeln aufstellten. Oder sie sprechen von dem Jahr 1857, als der FC Sheffield gegründet wurde. Ich könnte hier den John Hope Football Club aus Edingburgh anführen, von dem es Zeugnisse aus dem Jahr 1824 gibt. Doch darum geht es nicht. Es geht darum zu zeigen, dass die Geschichte des Fußballs seit über 500 Jahren in Bewegung ist.

Welche Daten sind denn für Ihre Geschichtsschreibung relevant?

Richard McBrearty: Etliche. Zum Beispiel das Jahr 1568, als die schottische Königin direkt nach dem »Battle of Langside« ein Fußballspiel zu ihrer Belustigung im Schloss Carlisle anschaute. Dieses Spiel dauerte exakt zwei Stunden. Aus diesem Schloss haben wir übrigens auch den ältesten noch existierenden Ball. Er stammt aus den 1540er Jahren.  

Sie fanden sogar heraus, dass bereits Ende des 15. Jahrhunderts Fußbälle hergestellt wurden.

Richard McBrearty: Diese waren kleiner als die heutigen. Im Jahr 1497 wünschte sich etwa König James IV. zwei Bälle dieser Art. Der Finanzminister bestellte ihm diese Bälle. Das geht aus Kontobewegungen hervor.

Wie wurde denn damals Fußball gespielt?

Richard McBrearty: Gemeinhin geht man davon aus, dass Fußball vor dem Jahr 1848 eine anarchisches, wildes Spiel war. Man erzählt von einer unüberschaubaren Anzahl an Spielern, von Rugby-Anleihen und Toren, die manchmal mehrere Meilen entfernt voneinander standen. Das mag zum Teil stimmen. Wir haben aber Dokumente, die beweisen, dass Fußball auch schon im 16. Jahrhundert in einem abgesteckten Rahmen stattfand.

Mit zehn Feldspielern und einem Torwart?

Richard McBrearty: Zum Teil, ja. Es gab zwar keine schriftlich fixierten Regeln, wohl aber ungeschriebene Richtlinien, die man vor den Spielen festlegte. Auch ist es ein Irrtum zu glauben, dass Fußball nur auf riesigen Feldern gespielt wurde. In einem Schlossgarten, das ist auch dokumentiert, wurde im Jahr 1604 Fußball gespielt. Dieser Garten maß gerade mal 50 Meter in der Länge. So etwas deutet auch darauf hin, dass Fußball kein wildes Gebolze war, sondern ein technisches Spiel.

Aus welchen Dokumenten beziehen Sie Ihr Wissen?

Richard McBrearty: Das ist ganz unterschiedlich. Wir fanden vor einigen Jahren etwa ein fantastisches Latein-Lehrbuch aus dem Jahr 1636. Es stammt aus der Aberdeen Grammar School. Der Autor des Buches versucht den Schülern die Sprache über Sport und Spiele nahezubringen. In dem Buch werden Golf, Handball und Fußball erwähnt. Fußball, so schreibt der Autor, wird mit zwei Teams gespielt, es gibt zwei Kapitäne, die zwei gleich große Mannschaften wählen. Wie heute beim Trainingskick. Außerdem ist hier von Torhütern die Rede. Das Interessante daran: Im 19. Jahrhundert spielten die Fußballteams mitunter ohne Keeper.

Die Geburt des Fußball wird trotz Ihrer Recherchen weiterhin im 19. Jahrhundert verortet. Wieso wird die Evolutionsthese nicht Teil eines größeren öffentlichen Diskurses?

Richard McBrearty: Weil die Dokumente und Mythen über den Fußball vor 1848 als anarchisches Spiel einfach überwiegen. Zwar liebten die Royals das Spiel, doch sie verboten es den einfachen Menschen, weil sie diese für die zahlreichen Kriege im Schwertkampf oder als Artilleristen ausbilden wollten. Sie sollten ihre Energien nicht im Fußball verschwenden. So gibt es unzählige Zeitdokumente darüber, wie schlimm sich Fußball auf die Bevölkerung auswirkte.

Es gab tatsächlich Schwerverletzte bei den wilden Spielen.

Richard McBrearty: Sogar Tote. Die Spiele fanden an öffentlichen Plätzen statt, viel wurde auch zerstört. Daher sind solche Spiele natürlich viel häufiger dokumentiert worden und unterstreichen somit das Bild, das wir vom Fußball vor dem 19. Jahrhundert haben. 

Was halten Sie eigentlich von dem Slogan »Football's Coming Home«, der impliziert, dass England das Mutterland des Fußballs ist?

Richard McBrearty: Ich recherchiere aus einer schottischen Perspektive, daher kann die Arbeit als England-Affront verstanden werden. Doch darum geht es mir nicht. Meine Arbeit soll nicht die großen Ereignisse des Fußballs im 19. Jahrhundert schmälern. Ich möchte lediglich zeigen, dass der Fußball nicht durch eine Revolution am Tag X geboren wurde, sondern durch eine Evolution entstanden ist.






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Kommentare

  • User
  • 20.10.2011 01:31:03 Yvy

    Mir ist das schon lange klar, da es in Edinburgh nachweislich in den 1840ern einen Football Club gab.
    Die Schotten waren um 1900 so gut, daß sie haufenweise nach England transferiert wurden, haben die Engländer (die nur Dribbling kannten), mit Paßspiel haushoch abgeledert und soweit ich weiß, entstand der Schalker Kreisel nach schottischem Vorbild.
    Einige schottische Spieler wurden sogar shanghait und in Fässern heimlich nach England entführt.

    Eigentlich bodenlos, daß sich die Mutterland-Lüge so lange hält.

    Sehr lehrreich ist für Ur-Fußball-Freaks die 7-DVD-Doku
    History Of Football - The Beautiful Game. Sie beginnt bei den Mayas vor 4000 Jahren :-)
    Leider gelegentlich antideutsche Untertöne.

  • User
  • 20.10.2011 01:32:29 Yvy

    1824, muß ich vorhin in meiner Begeisterung überflogen haben.

    1824 !

  • User
  • 20.10.2011 10:20:40 Marco Polo

    In dem Buch werden Golf, Handball und Fußball erwähnt.

    Also soweit ich weiß wurde Handball in Deutschland erfunden.

    Zur AUssage England als Mutterland des Fußballs fällt mir nur eines ein: Quark mit Soße. Hier zeigt ja ein Historiker sehr schön, dass es eine Jahrhundert alte Vorgeschichte gab, die dann in den uns als Gründungsgeschichten verkauften Ereignissen mündete. Wenn man aber genau ist muss man diese "Gründung" als einen weiteren Evolutionsschritt zum uns heute bekannten Fußball verstehen. Fußball definiert sich über die Regeln, und die heute gültigen Regeln wurden in der Schweiz festgelegt.

  • User
  • 20.10.2011 10:36:20 qwertz3000

    Alles Quatscht. Wiki sagt, die Chinesen haben es erfunden. Nach 100 Jahren war es ihnen dann aber zu langweilig. Dann haben die Schotten es wohl wiederentdeckt.

  • User
  • 20.10.2011 10:38:24 gelsenkirchen

    Also soweit ich weiss wurde Handball in Deutschland erfunden.

    ja, wie man wohl immer davon ausging dass Fußball auch in England "erfunden" wurde. Manchmal hilft es die Artikel nicht nur zu lesen sondern dies auch aufmerksam zu tun.
    es wäre nur zu verwunderlich als wäre das hin- und herwerfen eines balles mit den händen tatsächlich erst anfang des 20. jahrhunderts entstanden.


    und die heute gültigen Regeln wurden in der Schweiz festgelegt[/]

    und wie passt dann die geschichte des crystal palace FC da rein? unter dessen regeln fand das erste offizielle länderspiel statt und auf denen fußen die heutigen fussballregeln.
    wenn man jedoch jeweils die letzte revision der fußballregeln als "heute gültig" nimmt, dann ist es kein wunder dass diese in der schweiz festgelegt wurden, befindet sich die FIFA doch in zürich...

  • User
  • 20.10.2011 10:50:43 mehmetwirdankendir

    Ich merke die Diskussion spitzt sich zu. Daher meine bescheidene Meinung. Ich ging immer von Großbrittannien als Ursprung des modernen Fußballs aus und freue mich jedes mal aufs neue, wenn sich neben England auch Schottland qualifiziert.

  • User
  • 20.10.2011 11:01:15 Wirsching

    Muss ich scheißen, dann scheiß ich Richtung Wales

  • User
  • 20.10.2011 11:27:09 Yvy

    Klar, man muß weg von der Vorstellung, daß irgendwer einfach so aus dem Nichts ein völlig neues Spiel erfunden hat.
    Die Majas glaub ich hatten auch schon ein Spiel, wo man Bälle in hochgehängte Körbe werfen muß. Oder Köpfe der Besiegten...

    Die ersten Fußballregeln der Neuzeit wurden wohl in England festgelegt, aber das wars dann schon.

  • User
  • 20.10.2011 11:59:21 alterzabo

    Heute 01:32:29 von Yvy
    1824, muß ich vorhin in meiner Begeisterung überflogen haben.

    1824 !


    1824 Hoffenheim...

  • User
  • 20.10.2011 12:45:27 MarcRamone

    Die Mayas spielten mit einem Kautschuckball und ohne Hände und Füße und der Ball sollte in einen hoch gehängten Ringe befördert werden. Die Ballspielplätze sind zum Teil wirklich beeindruckend!

    Die Köpfe wurden nicht als Spielgerät benutzt...

    Noch etwas umstritten ist allerdings das Köpfen der Spieler nach dem Spiel. Meist ist zu lesen, dass der Verlierer geköpft wurde manchmal aber wohl auch der Sieger.
    Dabei muss man wissen, dass die Mayas eine andere kulturell geprägte (oder eingetrichterte?) Einstellung zum Blut und Tod hatten.

    Und das alles ist auch schon einige Jahre her...

  • User
  • 20.10.2011 13:02:17 gelsenkirchen

    das köpfen der gegner hatte auf schalke noch bis in die 80er jahre hinein tradition und wurde durch den langweiligen, stockkonservativen, von muff verkrusteten DFB erst unter androhung eiunes zwangsabstiegs verboten!

  • User
  • 20.10.2011 13:05:32 giselher

    Dabei muss man wissen...

    Junge, Junge. Und das alles im Sinne des Bildungsauftrags.

  • User
  • 20.10.2011 14:51:33 AbteilungAttacke

    Also, ich habe ja gehört, das deutsche Auswärtstrikot ist deswegen grün, weil so ein dem Alkohol zugetaner, irischer Taxifahrer (ja, ja, besoffener Ire ist eine Tautologie, schon klar) dem Hotte wilde Geschichten erzählt hat. Wann gibt es darüber einen Bericht ?

  • User
  • 20.10.2011 14:57:18 L3v3l0rd

    Das hab ich auch gehört!

  • User
  • 21.10.2011 16:19:26 valenciano

    Finde die besonderen Regeln des Association Football machen ihn schon einzigartig, und die sind halt soweit ich weiss in England gemacht. Und besonders das verbieten des Handspiels ist dabei wichtig. Denn Rugby nennt sich in vielen englischsprachigen Bereichen auch Football. Von so Sachen wie gaelic oder australian rules Football gar nicht zu sprechen, die auch alt sind aber eben viel mehr handspiel beinhalten. Uebrigens im australian football ohne Torwart und ohne Abseits. Welche Mannschaftssport hat denn sonst kein abseit in irgendeiner Form (und sowas wie vollleyball mit getrennten Feldern zaehlt nicht). Ernste Frage!

  • User
  • 21.10.2011 16:21:52 valenciano

    und schon beantwortet. Feldhockey, offiziel seit 1998

  • User
  • 21.10.2011 22:53:38 qwertz3000

    Das Trinken aus den Schädeln der Besiegten sollte wieder ins Regelwerk Einzug finden!

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