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09.08.2011

Dettmar Cramer gratuliert Mario Zagallo zum 80. Geburtstag

»Wie Platini und Beckenbauer!«

Interview: Alex Raack  Bild: Imago

Er war der erste Fußballer, der als Spieler und Trainer Weltmeister wurde. Heute feiert der Brasilianer Mario Zagallo 80. Geburtstag. Sein alter Weggefährte Dettmar Cramer erinnert sich an Holzfiguren und Parallelen zu Franz Beckenbauer.

Dettmar Cramer gratuliert Mario Zagallo zum 80. Geburtstag - »Wie Platini und Beckenbauer!«


Dettmar Cramer, wir würden gerne mit Ihnen über Mario Zagallo sprechen.

Dettmar Cramer: Gerne. Wieso?

Weil er heute seinen 80. Geburtstag feiert.

Dettmar Cramer: Der Mario? Heute? Wissen Sie, ob er gerade zu Hause ist?

Nein.

Dettmar Cramer: Naja, dann werde ich ihn gleich mal anrufen. Mario Zagallo – ein wunderbarer Mensch! Da fällt mir direkt eine Geschichte ein. Wollen Sie die hören?

>>> Die schönsten Fotos von Weltmeister Mario Zagallo!



Natürlich!

Dettmar Cramer: Das war 1958 bei der Weltmeisterschaft in Schweden. Vor dem Finale Schweden gegen Brasilien besuchte ich gemeinsam mit Sepp Herberger die Pressekonferenz. Auf der Bühne saß Vicente Feola, Brasiliens Nationaltrainer. Ein Journalist fragte ihn: »Senhor Feola, sagen Sie uns etwas zu ihrem 4-2-4-System!« Feola ließ sich die Frage mehrfach übersetzen, dann schüttelte er sein rundes Mondgesicht und sagte: »Ach, sie meinen, ich habe vier Abwehrspieler, zwei Mittelfeldspieler und vier Stürmer!«

Die Geschichte haben Sie uns doch schon einmal erzählt!

Dettmar Cramer: Nun seien Sie nicht so ungeduldig, es geht noch weiter. Feola meinte dann: »Wenn sie wirklich von einem ´System´ schreiben möchten, dann seien sie auch genau: Ich spiele mit 4-2,5-3,5.« Dieser halbe Mittelfeldspieler und halbe Stürmer, das war Mario Zagallo! War Brasilien im Angriff, bildete er mit Pelé, Vava und Garrincha den furiosen Vierersturm. War der Gegner am Ball, unterstützte er Didi und Zito im Mittelfeld. Er konnte laufen wie ein Hund, war grazil wie eine Ballerina, aber ausdauernd wie ein Langstreckenläufer. Und vor allem: Ein überaus intelligenter Fußballer!

War er denn so belesen?

Dettmar Cramer: Sie verstehen mich falsch. Intelligenz hat zunächst nichts mit Intellekt zu tun. Intelligent ist einer, wenn er das angelernte praktische Wissen mit seiner Erfahrung verbinden kann. Michel Platini hat mir mal gesagt: »Wenn mich früher jemand während des Spiel gefragt hätte: ´Michel, wo steht in diesem Moment der rechte Verteidiger der gegnerischen Mannschaft?´, dann hätte ich ihm mit geschlossenen Augen sagen können: ´Direkt auf der linken Strafraumkante.´« Diese Fähigkeit hatte auch Zagallo: Ein grandioses Spielverständnis, eine hohe Spielintelligenz.

Das hat Ihn schließlich als Spieler zum zweifachen Weltmeister gemacht. 1958 und 1962...

Dettmar Cramer: Korrekt. Ich erinnere mich an eine Szene aus dem WM-Finale 1958 gegen Schweden. Da umspielt der Schwede Lennart Skoglund auf der linken Seite Brasiliens Djalma Santos und hebt den Ball über Torwart Gilmar hinweg ins lange Eck. Und wer steht plötzlich dort neben dem Pfosten und köpft den Ball aus der Gefahrenzone? Mario Zagallo, der Linksaußen! In vielen Dingen hat mich Mario Zagallo immer an Franz Beckenbauer erinnert.

Wie meinen Sie das?

Dettmar Cramer: Der Franz wusste auch immer, welcher Gegenspieler nach den nächsten drei Pässen an den Ball kommen würde. Deswegen stand er auch immer richtig. Wie Zagallo.

1970 wurde Mario Zagallo erneut Weltmeister mit Brasilien. Diesmal als Trainer.

Dettmar Cramer: Es war nur logisch, dass er nach der Fußballerkarriere als Trainer weiterarbeiten und auch Erfolg haben würde. In Brasilien nennen sie Zagallo auch »den Professor«. Warum? Weil er Fußball immer gelehrt hat, nicht zelebriert oder gearbeitet.

Wie würden Sie Ihn in seiner Arbeit als Trainer beschreiben?

Dettmar Cramer: Auch da bietet sich eine Anekdote an, die er mir 2004, beim 100. Geburtstag des DFB, erzählte. Früher – bis heute hat sich das ja eigentlich nicht geändert – war es üblich, die taktischen Besprechungen an einer Tafel aufzumalen oder mit Magneten darzustellen. Die Tafeln hingen vertikal an der Wand. Er aber hat das Spielfeld auf einen Tisch gemalt und sich extra für die Taktikanalysen kleine Holzfigürchen schnitzen lassen, die er dann vor seinen Spielern über den Tisch ziehen konnte. Seine Spieler fanden das großartig. Pelé zum Beispiel soll so begeistert gewesen sein, dass er den Holzfiguren kleine schwarze Bärte aufmalte oder Gesichter einschnitzte.

Dettmar Cramer, wenn Sie Mario Zagallo gleich anrufen, was werden Sie ihm für Glückwünsche mit den Weg geben?

Dettmar Cramer: Ich werde sagen: Lieber Mario, pass auf Dich auf, wir brauchen Dich noch!






»El Lobo«, den Wolf, nennen ihn seine Landsleute: Mario Zagallo zeigt Roberto Rivelino den gepflegten Pass mit dem Innenrist.


Fotostrecke

  • »El Lobo«, den Wolf, nennen ihn seine Landsleute: Mario Zagallo zeigt Roberto Rivelino den gepflegten Pass mit dem Innenrist.
  • 33 Länderspiele, 5 Tore, zwei WM-Titel: Die Quote des Fußballers Zagallo lässt sich sehen. Nach seiner aktiven Karriere übernahm er 1966 Botafogo, bis heute hat er mehr als ein Dutzend Klubs trainiert.
  • So groß mit Hut: Zagallo, der selbst libanesiche Vorfahren hat, brachte 1990 die Vereinigten Arabischen Emirate zur WM nach Italien. Ein historischer Erfolg für den Wüstenstaat. Später wurde er entlassen. Ohne Begründung.
  • Wie Vater und Sohn: Als technischer Direktor begleitete Zagallo auch die WM-Auswahl seines Landes zum Weltturnier 1994 in den USA. Hier herzt er Kapitän Carlos Dunga nach dem Sieg im Finale gegen Italien. »Zagallo war stets der Godfather des brasilianischen Fußballs«, sagt Dettmar Cramer.
  • Der ganze Stolz des Landes: 1958 holt Zagallo (vordere Reihe, zweiter von rechts) den ersten von insgesamt zwei WM-Titeln als Spieler. Vorne in der Mitte: Der blutjunge Superstar des Turniers, Pelé.
  • Eine der bittersten Stunden den brasilianischen Fußballs: 1998 verliert die Selecao das WM-Finale gegen Frankreich mit 0:3. Auch, weil Superstar Ronaldo völlig außer Form ist. Später werden Gerüchte, der Sportartikelhersteller Nike habe Brasiliens Verantwortliche dazu gedrängt, Ronaldo trotz seines epileptischen Anfalls in der Nacht vor dem Finale spielen zu lassen. Zagallo sagt: »Nike hatte damit nichts zu tun. Ronaldo wollte spielen. Und wenn so ein Spieler vor der steht und sagt: `Ich bin einsatzbereit!´, dann lässt du ihn auch spielen.«


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