HSV-Legende Harry Bähre über die Bundesliga-Gründung
»Es gab Bratwurst und neue Schuhe«
Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Harry Bähre ist der erste Spieler der Bundesliga. Sein Spielerpass hat die Nummer 001. Heute wird er 70 Jahre alt. Wir sprachen mit der HSV-Legende über den Abschied aus der Oberliga, gesparte Groschen und Schwarzprämien.
Harry Bähre, Sie sind der erste Bundesliga-Spieler. Wie kam es denn dazu?
Harry Bähre: Der HSV war die erste Mannschaft, die eine Lizenz für die Bundesliga beantragte und da kein Spieler von uns einen Nachnamen mit dem Anfangsbuchstaben »A« hatte, erhielt ich vom DFB den Spielerpass 001. Das wurmte einige Kollegen.
Im Ernst?
Harry Bähre: Nein, Spaß beiseite. Uwe Seeler zog ich ein wenig auf, weil ich endlich mal vor ihm stand. Und Charly Dörfel flachste: »Du bist zwar 001, doch ich bin 007.« Was gar nicht stimmte, wie ich später herausfand. Charly bekam
nach Fritz Boyens und seinem Brunder Bernd Dörfel die Nummer 004.
Mit Dörfel spielten Sie auch beim legendären FC Lessing. Was hatte es mit dieser Mannschaft auf sich?
Harry Bähre: Es war eine Straßenmannschaft von Freunden, die sich regelmäßig am Lessingtunnel in Hamburg-Altona traf. Unter anderem spielten die Dörfel-Brüder, Hubert Stapelfeld, Heiko Kurth und ich in diesem Team – also fünf spätere Bundesligaspieler des HSV. Zugleich war Charly noch für den SV Polizei aktiv, ich für Ottensen 07 in Altona.
Ende der fünfziger Jahre wechselten Sie in die A-Jugend des HSV. Wäre es nicht naheliegender gewesen zu Altona 93 oder St. Pauli zu gehen?
Harry Bähre: Der HSV war damals aber schon der größere Klub. Außerdem konnten die anderen Vereine mit dem Angebot des HSV nicht mithalten.
Was gab es denn?
Harry Bähre: Neue Fußballschuhe, Fahrgeld, nach dem Spiel Bratwurst und Faßbrause. Für einen 16-Jährigen der Himmel auf Erden.
Das Fahrgeld sparten Sie aber.
Harry Bähre: Ich bin damals immer von unserer Wohnung in Altona zum Bahnhof Schlump gejoggt. Ich sah das als Training. Außerdem wollte ich den Groschen für die Straßenbahn sparen. Das Geld investierte ich für die Kinovorstellung am Samstag, die kostete 50 Pfennig.
Durften Sie als 16-Jähriger schon mit Uwe Seeler trainieren?
Harry Bähre: Anfangs war es eher so, dass wir Butjer seine Balljungen waren. Bei jedem Training der ersten Mannschaft postierten wir uns hinter dem Tor, in der Hoffnung unsere Idole würden daneben schießen. Dann fischten wir die Bälle aus den Gebüschen und hatten einen guten Grund zu ihnen zu gehen. Wir konnte kurz schnacken oder uns ein neues Autogramm fürs Album ergattern. Zwei Jahre später spielte ich mit ihnen zusammen in der Oberliga-Mannschaft. Eine gute Zeit!
Ihr Debüt gegen Holstein Kiel verlief sensationell.
Harry Bähre: Ich war 18 Jahre alt und absolvierte eine Lehre als Litograf in der Hamburger Innenstadt, direkt am Gänsemarkt. Das Spiel sollte um 17 Uhr am Rothenbaum stattfinden, dumm war nur, dass ich erst um 17 Uhr Feierabend hatte. Mein Chef ließ nicht mit sich reden, denn er interessierte sich einen feuchten Kehricht für Fußball. Also machte ich die Mittagpause durch und verschwand um kurz nach halb fünf aus dem Büro. Ich war dennoch zu spät. An der Haltestelle sah ich die Straßenbahn abfahren. Also nahm ich meine Beine in die Hand und rannte los. Vier Kilometer bis zum Rothenbaum. Ich kam völlig verschwitzt an.
Ihr Trainer Günter Mahlmann kochte vor Wut?
Harry Bähre: Ich musste erst einmal reinkommen. Am Spielereingang stand ein Ordner, der mich fragte: »Bursche, was willst du hier.« Ich antwortete: »Ich spiele hier mit.« Er grinste spöttisch: »Das sagen sie alle.« Da bog Mahlmann um die Ecke und schrie: »Wo kommst du denn her? Schweinerei!« Dass der nie auf die Idee gekommen ist, meinen Chef anzurufen.
Sie durfte dennoch von Beginn an spielen?
Harry Bähre: Ich lief quasi einfach weiter aufs Feld und schoss in der 55. Minute den 1:0-Siegtreffer. Ein tolles Spiel. Zumal Mahlmann höchst versöhnlich war. Er kam nach dem Spiel zu mir und drückte mir was in die Faust. Als ich meine Hand öffnete sah ich einen 50-Mark-Schein. »Nicht weitererzählen«, sagte er und zwinkerte mir zu. Das war also meine Torprämie.
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