Die Geschichte der Fußballfans

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20.02.2012

Walter Seinsch, der Macher beim FC Augsburg

Spaziergang in die Bundesliga

Text: Christoph Biermann  Bild: Carsten Behler

Wenn seine Mannschaft spielt, geht Walter Seinsch durch den Wald. Doch der lange Aufstieg des Bundesliganeulings FC Augsburg wäre ohen den Präsidenten des Klubs nicht möglich gewesen. In 11FREUNDE #115 stellen wir ihn vor.

Walter Seinsch, der Macher beim FC Augsburg - Spaziergang in die Bundesliga


Im Garten des Hauses von Walther Seinsch steht ein Buddha aus Stein so deutlich am Ende des perfekt gepflegten Rasens platziert, dass man ihn für ein Bekenntnis halten könnte. »Den habe ich aus dem Gartencenter«, ruft der Präsident des FC Augsburg von der Küche herüber und kommt mit dem Kaffee zurück ins Wohnzimmer, das die Größe einer Schulturnhalle hat. Kunstbände und Reisebücher stehen in den Regalen, eine beeindruckende Fensterfront geht zum Garten hinaus. Als Seinsch sich setzt, sagt er, dass ihm an der buddhistischen Weltanschauung einiges gefällt. Er sagt das so betont beiläufig, als wolle er darüber nicht reden. Und die sanfte Stimme des 69-Jährigen täuscht nicht darüber hinweg, dass er es gewohnt ist, sich und seinen Willen durchzusetzen.



Das war schon früh so, als er mit 14 Jahren die Schule verließ, eine Lehre als Steuerberater begann und bereits zwei Nebenjobs hatte. Später kämpfte Seinsch sich zum Manager bei Kaufhof hoch und gründete schließlich die beiden Textilmarktketten Takko und Kik. 1997 verkaufte er sie, um in einen Ruhestand zu gehen, der natürlich keiner werden sollte. Denn Seinsch kümmert sich nun noch mehr um seine neun Kinder, von denen sechs adoptiert sind. Er engagierte sich zwischenzeitlich politisch und gründete zudem die Stiftung »Gegen Vergessen. Für Demokratie«, die Forschungsarbeiten über den Nationalsozialismus unterstützt. Nicht zuletzt suchte er aber einen Verein, um seiner Fußballbegeisterung eine Heimat zu geben.

Einzelgänger, die ihre Klubs erst groß machten

In der Geschichte der Bundesliga hat es immer wieder Männer gegeben, die alleine Klubs groß machten. Klaus Steilmann, wie Seinsch ein Textilunternehmer, bei Wattenscheid 09, der legendäre Jean Löring bei Fortuna Köln oder zuletzt Dietmar Hopp in Hoffenheim. Doch bei Seinsch liegt der Fall trotz einiger Parallelen anders. Als sich zur Jahrtausendwende herumgesprochen hatte, dass in Lindau am Bodensee, wo er damals vor allem lebte, ein so fußballverrückter wie wohlhabender Mann gerne bei einem Klub einsteigen würde, verstanden die Bittsteller zumeist nicht, dass dieser mehr wollte, als einfach nur geplünderte Kassen aufzufüllen.

»Er ist ein Visionär und als klassischer Unternehmer zugleich knochentrocken«, sagt Augsburgs Manager Andreas Rettig. Wer Seinsch in seinem pinkfarbenen Polohemd und weißen Turnschuhen für einen erfolgreichen Macher hält, der es mit zunehmendem Alter etwas lockerer angehen lässt und sein Golfhandicap verbessern will, der täuscht sich. Seinsch ist auch keiner dieser Männer, die sich einen Fußballklub als Spielzeug halten, damit Geselligkeit erkaufen oder zur Befriedigung der persönlichen Eitelkeit leisten. »Ich habe mein Ego schon in früheren Zeiten befriedigt«, sagte er.

Seinsch bekommt leuchtende Augen: »Liverpool!«

Was ihn am Fußball wirklich fasziniert, liegt zunächst vor allem den Gefühlen vieler normaler Fans verblüffend nahe. Man merkt das etwa, wenn Seinsch voller Begeisterung von einem Traum zu erzählen beginnt, den er kürzlich in der Stadionzeitung beschrieben hat. Er handelt von einem Europapokalspiel des FC Augsburg, bei dem er von 20 000 Fans begleitet wird, die jede Aktion des Teams auf dem Platz bejubeln und mit der Anfeuerung nicht aufhören, obwohl es zur Pause mit 0:3 zurückliegt. Mit dieser Unterstützung schafft die Mannschaft in der zweiten Halbzeit die Wende und gewinnt noch 4:3. »Sie wissen schon, worauf ich mich da bezogen habe«, sagt Seinsch mit leuchtenden Augen und gibt die Antwort gleich selbst: »Liverpool!« Die Engländer gewannen gegen den AC Mailand vor sechs Jahren das Finale der Champions League und feierten eines der größten Comebacks der Fußballgeschichte auch deshalb, weil ihre Fans nie den Glauben daran verloren.
Doch die Fußballträume des Walther Seinsch enden nicht hier, beim Spiel und seinen Mythen. »Es macht ja gerade der Begriff ›Sozialromantiker‹ die Runde, aber Seinsch ist wirklich einer«, sagt Walter Sianos. Den Fanbeauftragten hat Seinsch in den Aufsichtsrat des FCA geholt, weil er fand, dort sollte ein Vertreter der Anhängerschaft sitzen. »Gerade die Fans, die lange dabei sind, lieben ihn«, sagt Sianos. Sie haben ihn oft genug als deftig volksnahen Präsidenten zum Anfassen erlebt und können sich daran erinnern, dass Seinsch beim FCA nicht zuletzt deshalb einstieg, weil dort ein »Fußball gegen Rassismus«-Transparent am Zaun hing.

»Wir müssen das Positive, Menschliche und Soziale, das der Fußball mit sich bringt, so weit wie möglich erhalten«, sagt Seinsch, und das führt bei ihm zu mitunter verblüffenden Haltungen. Die Proteste gegen Montagsspiele in der zweiten Liga kritisiert er als egoistisch, weil doch sonst nicht Hunderttausende die Spiele im Free-TV sehen könnten. Andererseits hat er neulich bei einem Treffen mit Fans die Einrichtung einer Sozialkasse für jene vorgeschlagen, die unter Hartz IV fallen und plötzlich nicht mehr genug Geld für eine Eintrittskarte haben. »Ich fand die Idee toll, der Verein hätte sogar etwas dazugetan, aber sie hatte null Resonanz«, sagt Seinsch.
Er denkt eher sozialpraktisch als sozialromantisch und beschwört kein Fußballidyll: »Fast das ganze Leben ist Kommerz, und wir sind es auch. Wer das nicht akzeptieren will, muss zu Schwaben Augsburg gehen, aber die spielen eben in der Landesliga.«

50 Stunden in der Woche für ein neues Stadion

Manager Andreas Rettig hat oft genug erlebt, wie grantig Seinsch werden kann, wenn auf der Geschäftsstelle des Klubs zu viel Papier verbraucht wird oder die Putzfrau zu oft kommt. Saniert hat er den FC Augsburg nicht durch großzügige Alimente, sondern klassisch unternehmerisch. Seinsch stieg im Januar 2000 erst ein, nachdem der mit vier Millionen Euro überschuldete Verein aus finanziellen Gründen keine Lizenz bekam und in die vierte Liga abgestiegen war. Dann setzte er bei den Gläubigern zunächst einen massiven Schuldenerlass durch und brachte anschließend vor allem seine Arbeitskraft ein. In den ersten Jahren waren das oft mehr als 50 Stunden in der Woche, in denen es vor allem darum ging, den Bau eines neuen Stadions durchzusetzen.



Aus Heft#115 06/2011

Hertha gehts nicht– Ein Jahr mit Michael Preetz


weiterlesen [1] [2]



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Kommentare

  • User
  • 21.06.2011 16:26:40 Fix

    Noch ein Dietmar Hopp in der Buli, auch wenn wesentlich sympathischer, bleibt er ein Mann der sich den fußballerischen Erfolg kaufen will.

  • User
  • 21.06.2011 16:57:35 Rhoenschaf

    ach Fix dann lass ihn doch, ob nun die Telekom Millionen in den FCB steckt, ein Unternehmen wie Gazprom Millionen in Gelsenkirchen versenkt oder Evonik schwarz gelbe finanziert...es ist doch letzten endes wurscht woher die Kohle kommt.
    Immerhin die 25 Mio fürs Stadion oder die Millionen für die Sanierung des Vereins kamen NICHT vom Steuerzahler wie bei so vielen anderen Stadien das ist doch schon mal was finde ich.

  • User
  • 21.06.2011 19:30:44 Fix

    und die eintracht sponsoring by the commerzbank, commerzbank sponsoring by the german steuerzahler (also bis vor kurzem), hat die commerzbank eigtl. zinsen für die steuermillarden gezahlt?

  • User
  • 22.06.2011 09:14:04 Rhoenschaf

    Ich glaub nichtdas die Zinsen zahlen. Du hast übrigens den Sponsor Fraport vergessen, das ist auch ein ehm. Staatsbetrieb, die Stadt und der Bund haben auch richtig Kohle ins "WM"-Stadion gesteckt usw. sowas stört mich mehr wie ein Typ der Kohle in einen Verein steckt die er sonst auch in die Schweiz, Lichtenstein oder zu Edelnutten schaffen könnte.
    Wobei man jetzt trefflich streiten kann ob Fußballer nicht auch Edel....ach lassen wir das ;)
    Ich verstehe halt nicht so ganz die Einstellung das ein reicher Sack schlechter ist als der Staat also quasi der dumme Steuerzahler.

  • User
  • 22.06.2011 09:40:50 Fix

    nochmal zur Commerzbank: der Staat hat sich von der Commernzbank 25% in Form von Anleihen / Aktien (weiß net wie man das bei ner Bank nennt) gesichert & könnte somit doch maximal an ner Gewinnausschüttung teilnehmen aber keine Zinsen verlangen soweit meine mageren Wirtschaftskenntnisse.

    Der Staat kann sich schon verantwortlich für den Fußball und speziell für einen Verein fühlen, da viele Menschen in Vereinen Kicken (Freizeitbeschäftigung) und viele Menschen jedes Wochenende ins Stadion pilgern. Diese Menschen könnten auf dumme Gedanken kommen wie bspw. sich politisch engagieren, obwohl das eine das andere nicht ausschließt. Stichwort: Brot & Spiele, sorg dafür dass die Menschen nicht hungern und biet ihenen nen Spektakel, dann läufts schon irgendwie.

    Zu den Investoren gerade von privater Seite scheint mir deren Investment doch stärker den fußballerischen Markt zu verzerren als das staatlichen supporting, deshalb mag ich das nicht so. Außerdem sind mir eben jene Mäzen zuwider die sich als Alleinherrscher des Vereins im Stadion generieren (das scheint Seinisch nicht zu machen).

  • User
  • 22.06.2011 09:43:36 saloth sar

    Zu den Investoren gerade von privater Seite scheint mir deren Investment doch stärker den fußballerischen Markt zu verzerren als das staatlichen supporting

    warum? gibt's fuer die annahme belege oder ist das nur ein gefuehl?

  • User
  • 22.06.2011 10:57:50 Rhoenschaf

    Fix, du vergleichst Äpfel mit Birnen, meine Freundin z.B. interessiert sich 0,0 für Fußball subventioniert ihn aber mit der Zwangsabgabe die da Steuern heißt.
    Walther Seinsch macht das mit seinem Geld und da ist kein müder Cent von meiner Freundin drin da die nie bei Kik oder Takko einkaufen war. Von daher (siehe oben) ist diese "Empörung" das ein einzelner Geld in einen Vereinsteckt für mich persönlich irgendwie lächerlich, EnBW hat beim KSC auch schon Trainer entlassen...aber das ist ok war ja "nur" der Konzern der Sponsert ;)

  • User
  • 22.06.2011 12:45:10 Fix

    @ Sar: bspw. Leipzig RB steckt viel Geld in nen leipziger verein, (erfolg mal außen vor) Trainingszentrum, Spieler, etc. und andere leipziger vereine haben geldnöte. für mich wird da der das fußballerische potential eines vereins zu ungunsten anderer vereine der liga, in der rb spielt verzerrt.

    @ schaf: dafür geht deine freunde bspw. in den zoo, museum, theater, etc. in ihrer freizeit, nehm ich jetzt mal an oder guckt gebüren finanziertes fernsehn und wird so beschäftigt (stichwort spiele).
    wenn du nun darauf hinaus willst, dass hauptsache der steuerzahler nicht oder nur gering in nen verein investiert, dann kann ich dein argument mit ner privatperson, die den verein sponsort, verstehen.

  • User
  • 22.06.2011 12:49:17 Marco Polo

    Mir fällt auf, dass viele Fußballfans denken es habe mal eine Zeit gegeben, in der Vereine nicht wegen des Geldes einzelner Reicher, die sie unterstützt haben, sondern nur und ausschließlich auf Grund der Kompetenz einzelner Mitglieder, die mit Weitsicht und hartem aber nicht bezahlten Einsatz ihren Verein Stück für Stück bis zur Spitze des nationalen Sports geführt haben.
    Ich gebe zu, das war wirklich eine Zeit in der der Fußball noch besser war als heute. Kann mir aber jemand sagen wann das war? Von allen Vereinen die heute im bezahlten Fußball ein Unternehmen besitzen ist kein Einziger zu finden, der nicht irgendwann von einem Mäzen in irgendeiner Form unterstützt worden wäre. Und sei es nur in den 20ern oder 30ern gewesen, wodurch der Verein sich dan seiner frühen Erfolge, den Stempel Traditionsclub geholt hat, was sehr vieles erleichtern kann.

    Dass einzelne Mäzene oder Unternehmen oder der Staat einzelne Vereine hochgepuscht haben ist so alt wie der Fußball selbst. Das ist nunmal der Kapitalismus, da herrschen gewisse Gesetze. (Ohne Moss nichts los.) Wobei ich anmerken will, dass in der Planwirtschaft des Ostblocks ein Verein es noch viel schwieriger hatte auf Grund von harter Arbeit hochzukommen, weil der Staat und seine Organe gewisse Proteges hatte. Sei es BFC Dynamo gewesen, oder mehrere Moskauer Vereine die je dem Geheimdienst, der Armee oder der Polizei gehörten. Da konnten einzelne Vereine sich noch so anstrengen, über kurz oder lang konnten sie vom Regime kalt gestellt werden. Die 11Freunde Artikel zum diesem Thema zeigen sehr schön, dass punktuell ein Verein sich mal eine Saison durchsetzen konnte, aber langfrisitg war da nichts zu holen. Da ist mir doch der Kapitalismus als Basis für den sportlichen Wettbewerb lieber, und ich sage das als überzeugter Linker.


    Ich gebe zu mir wäre der Paradiesische Zustand, den sich viele wünschen irgendwie auch lieber. Aber dann müssten wir eine Klassenlose Gesellschafft haben. Man kann nunmal nicht beides haben. Einen vollen Kühlschrank, ein iPhone, 45 Zoll FullHD Fernseher oder einen Computer für weniger als 500€, und gleichzeitig diesen Paradiesischen sportlichen Wettbewerb. Da muss man sich entscheiden.
    Ich möchte anmerken, dass ich der Meinung bin, dass man diesen paradisischen sportlichen Wettbewerb niemals gehabt hat und auf absehbare Zeit auch nicht haben wird. Es wird gegessen was auf den Tisch kommt.

    Mahlzeit.

  • User
  • 22.06.2011 12:54:07 saloth sar

    fix, verzehrt nicht ein staatlicher zuschuss, wie zb in kaiserslautern, ebenso die strukturen i8n der region? gubt es nicht auch in rheinland pfalz kleine clubs die nen finanziellen zuschuss braeuchten, den aber wegen "unwichtigkeit" nicht kriegen?
    ich denke halt, dass egal wer die kohle zahlt, die situation verzerrt wird. es profitiert ein verein von dem geld und nicht ne ganze region ud da spielt es keine rolle, wer das geld zahlt

  • User
  • 22.06.2011 13:03:20 Fix

    @polo: hab mal aus erzählungen gehört das vizekusen wirklich mal ne werkself war.

    @sar: stimmt, auf alle fälle ne verzerrung. ist die frage lieber ein großer verein, sozusagen als identifikationsmerkmal in ner region oder viele kleine, nicht in geldnot steckende vereine?

  • User
  • 22.06.2011 13:08:28 saloth sar

    die frage ist doch eher, willste einen grossen verein als identifikationsmerkmal gesponsort von ner privatperson/-unternhemen oder gesponsort vopm staat? darauf laeuft's raus.

    und den einwand mit mit der werkself verstehe ich nicht

  • User
  • 22.06.2011 13:19:15 Fix

    ich will viele kleine vereine. andere frage: kann ich direkt auf die verteilung der steuergelder durch politiker in nem bundesland einfluss nehmen. viele politiker sehen die verein bzw. den verein der region als symbol: nach dem Motto der muss erfolgreich sein und seine millönchen bekommen. wenn ich das als bürger nicht ändern kann, brauch ich mir darüber keine gedanken machen ob der mäzen aus der politik mit steuergeldern oder als privatmann daher kommt.
    wenn ich das sponsoring durch steuergelder für falsch halte kann ich nur auf den privatmann hoffen, solang ich dem erfolg alles unterordne.
    ich kann mich aber auch mit nem kleineren verein abfinden, nur das dieser wohl kaum ohne steuergelder auskommt, vermute ich mal.

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