Walter Seinsch, der Macher beim FC Augsburg
Spaziergang in die Bundesliga
Text: Christoph Biermann Bild: Carsten Behler
Wenn seine Mannschaft spielt, geht Walter Seinsch durch den Wald. Doch der lange Aufstieg des Bundesliganeulings FC Augsburg wäre ohen den Präsidenten des Klubs nicht möglich gewesen. In 11FREUNDE #115 stellen wir ihn vor.
Im Garten des Hauses von Walther Seinsch steht ein Buddha aus Stein so deutlich am Ende des perfekt gepflegten Rasens platziert, dass man ihn für ein Bekenntnis halten könnte. »Den habe ich aus dem Gartencenter«, ruft der Präsident des FC Augsburg von der Küche herüber und kommt mit dem Kaffee zurück ins Wohnzimmer, das die Größe einer Schulturnhalle hat. Kunstbände und Reisebücher stehen in den Regalen, eine beeindruckende Fensterfront geht zum Garten hinaus. Als Seinsch sich setzt, sagt er, dass ihm an der buddhistischen Weltanschauung einiges gefällt. Er sagt das so betont beiläufig, als wolle er darüber nicht reden. Und die sanfte Stimme des 69-Jährigen täuscht nicht darüber hinweg, dass er es gewohnt ist, sich und seinen Willen durchzusetzen.
Das war schon früh so, als er mit 14 Jahren die Schule verließ, eine Lehre als Steuerberater begann und bereits zwei Nebenjobs hatte. Später kämpfte Seinsch sich zum Manager bei Kaufhof hoch und gründete schließlich die beiden Textilmarktketten Takko und Kik. 1997 verkaufte er sie, um in einen Ruhestand zu gehen, der natürlich keiner werden sollte. Denn Seinsch kümmert sich nun noch mehr um seine neun Kinder, von denen sechs adoptiert sind. Er engagierte sich zwischenzeitlich politisch und gründete zudem die Stiftung »Gegen Vergessen. Für Demokratie«, die Forschungsarbeiten über den Nationalsozialismus unterstützt. Nicht zuletzt suchte er aber einen Verein, um seiner Fußballbegeisterung eine Heimat zu geben.
Einzelgänger, die ihre Klubs erst groß machten
In der Geschichte der Bundesliga hat es immer wieder Männer gegeben, die alleine Klubs groß machten. Klaus Steilmann, wie Seinsch ein Textilunternehmer, bei Wattenscheid 09, der legendäre Jean Löring bei Fortuna Köln oder zuletzt Dietmar Hopp in Hoffenheim. Doch bei Seinsch liegt der Fall trotz einiger Parallelen anders. Als sich zur Jahrtausendwende herumgesprochen hatte, dass in Lindau am Bodensee, wo er damals vor allem lebte, ein so fußballverrückter wie wohlhabender Mann gerne bei einem Klub einsteigen würde, verstanden die Bittsteller zumeist nicht, dass dieser mehr wollte, als einfach nur geplünderte Kassen aufzufüllen.
»Er ist ein Visionär und als klassischer Unternehmer zugleich knochentrocken«, sagt Augsburgs Manager Andreas Rettig. Wer Seinsch in seinem pinkfarbenen Polohemd und weißen Turnschuhen für einen erfolgreichen Macher hält, der es mit zunehmendem Alter etwas lockerer angehen lässt und sein Golfhandicap verbessern will, der täuscht sich. Seinsch ist auch keiner dieser Männer, die sich einen Fußballklub als Spielzeug halten, damit Geselligkeit erkaufen oder zur Befriedigung der persönlichen Eitelkeit leisten. »Ich habe mein Ego schon in früheren Zeiten befriedigt«, sagte er.
Seinsch bekommt leuchtende Augen: »Liverpool!«
Was ihn am Fußball wirklich fasziniert, liegt zunächst vor allem den Gefühlen vieler normaler Fans verblüffend nahe. Man merkt das etwa, wenn Seinsch voller Begeisterung von einem Traum zu erzählen beginnt, den er kürzlich in der Stadionzeitung beschrieben hat. Er handelt von einem Europapokalspiel des FC Augsburg, bei dem er von 20 000 Fans begleitet wird, die jede Aktion des Teams auf dem Platz bejubeln und mit der Anfeuerung nicht aufhören, obwohl es zur Pause mit 0:3 zurückliegt. Mit dieser Unterstützung schafft die Mannschaft in der zweiten Halbzeit die Wende und gewinnt noch 4:3. »Sie wissen schon, worauf ich mich da bezogen habe«, sagt Seinsch mit leuchtenden Augen und gibt die Antwort gleich selbst: »Liverpool!« Die Engländer gewannen gegen den AC Mailand vor sechs Jahren das Finale der Champions League und feierten eines der größten Comebacks der Fußballgeschichte auch deshalb, weil ihre Fans nie den Glauben daran verloren.
Doch die Fußballträume des Walther Seinsch enden nicht hier, beim Spiel und seinen Mythen. »Es macht ja gerade der Begriff ›Sozialromantiker‹ die Runde, aber Seinsch ist wirklich einer«, sagt Walter Sianos. Den Fanbeauftragten hat Seinsch in den Aufsichtsrat des FCA geholt, weil er fand, dort sollte ein Vertreter der Anhängerschaft sitzen. »Gerade die Fans, die lange dabei sind, lieben ihn«, sagt Sianos. Sie haben ihn oft genug als deftig volksnahen Präsidenten zum Anfassen erlebt und können sich daran erinnern, dass Seinsch beim FCA nicht zuletzt deshalb einstieg, weil dort ein »Fußball gegen Rassismus«-Transparent am Zaun hing.
»Wir müssen das Positive, Menschliche und Soziale, das der Fußball mit sich bringt, so weit wie möglich erhalten«, sagt Seinsch, und das führt bei ihm zu mitunter verblüffenden Haltungen. Die Proteste gegen Montagsspiele in der zweiten Liga kritisiert er als egoistisch, weil doch sonst nicht Hunderttausende die Spiele im Free-TV sehen könnten. Andererseits hat er neulich bei einem Treffen mit Fans die Einrichtung einer Sozialkasse für jene vorgeschlagen, die unter Hartz IV fallen und plötzlich nicht mehr genug Geld für eine Eintrittskarte haben. »Ich fand die Idee toll, der Verein hätte sogar etwas dazugetan, aber sie hatte null Resonanz«, sagt Seinsch.
Er denkt eher sozialpraktisch als sozialromantisch und beschwört kein Fußballidyll: »Fast das ganze Leben ist Kommerz, und wir sind es auch. Wer das nicht akzeptieren will, muss zu Schwaben Augsburg gehen, aber die spielen eben in der Landesliga.«
50 Stunden in der Woche für ein neues Stadion
Manager Andreas Rettig hat oft genug erlebt, wie grantig Seinsch werden kann, wenn auf der Geschäftsstelle des Klubs zu viel Papier verbraucht wird oder die Putzfrau zu oft kommt. Saniert hat er den FC Augsburg nicht durch großzügige Alimente, sondern klassisch unternehmerisch. Seinsch stieg im Januar 2000 erst ein, nachdem der mit vier Millionen Euro überschuldete Verein aus finanziellen Gründen keine Lizenz bekam und in die vierte Liga abgestiegen war. Dann setzte er bei den Gläubigern zunächst einen massiven Schuldenerlass durch und brachte anschließend vor allem seine Arbeitskraft ein. In den ersten Jahren waren das oft mehr als 50 Stunden in der Woche, in denen es vor allem darum ging, den Bau eines neuen Stadions durchzusetzen.
Aus Heft#115 06/2011
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