Brasiliens Weltmeister Jorginho im Interview
»Gott hätte Lothar geholfen«
Interview: oliver zeyen Bild: Imago
Sechs Jahre lang sorgte der brasilianische Weltmeister von 1994, Jorginho, für Samba, Fluggrätschen und Bibelkreise in der Bundesliga. Im Interview spricht der ehemalige Verteidiger von Bayer Leverkusen und Bayern München über Erdbeerkuchen und Lothar Matthäus.
Jorginho, seit der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika, bei der Sie an der Seite von Dunga die Seleção betreuten, ist es ruhig um Sie geworden. Sind Sie überhaupt noch im Fußballgeschäft aktiv?
Jorginho: Unsere Niederlage im WM-Viertelfinale gegen Holland war sehr bitter. Nach der Weltmeisterschaft und einem kurzen Intermezzo bei Goiás (einem brasilianischen Verein, d. Red.), habe ich mir erstmal eine Auszeit genommen und bin durch Deutschland gereist. Seit März diesen Jahres bin ich wieder in meiner Heimat beim Erstligisten Figueirense FC als Trainer tätig.
Sie waren vergangenes Jahr in Deutschland?
Jorginho: Durch meine Zeit in Leverkusen und München habe ich noch viele Freunde in Deutschland. Mit Heiko Herrlich, meinem ehemaligen Zimmernachbar, verbindet mich bis heute eine intensive Freundschaft. Und Bruno Labbadia, den ich bei Bayern kennenlernte, habe ich erst kürzlich in Stuttgart besucht. Außerdem erkundigen sich gelegentlich Bundesligatrainer bei mir über brasilianische Spieler.
Zum Beispiel?
Jorginho: 2007 suchte Felix Magath einen Stürmer für den VfL Wolfsburg und interessierte sich bei mir nach Nilmar und Grafite. Beide sind hervorragende Fußballer, aber auf Grund seines besseren Kopfballspiels und seiner Robustheit, empfahl ich ihm Grafite für den deutschen Fußball. Das war ja letztlich kein so schlechter Tip.
Apropos Wolfsburg – kürzlich sorgte Ihr Landsmann Diego durch seine Disziplinlosigkeit für einen Skandal. Wieso fällt Fußballern aus Brasilien die Integration in Deutschland häufig so schwer?
Jorginho: Viele brasilianische Fußballer wollen den Lebensstil, den sie aus ihrer Heimat kennen, auch in Deutschland fortführen. Sie bleiben unter sich, lernen die Sprache kaum, und zeigen wenig Interesse an der deutschen Kultur. Dieses Verhalten isoliert sie und verursacht Konflikte. Ein Fußballer der sich nicht wohl fühlt, kann auch keine gute Leistung abrufen.
Sie hingegen sollen bereits nach wenigen Monaten deutscher als Ihre deutschen Kollegen gewesen sein. Was war Ihr Geheimnis?
Jorginho: Als ich im September 1989 nach Leverkusen kam, versuchte ich schnell die deutsche Sprache zu erlernen, um mit meinen neuen Mitspielern zu reden. Dieser Tatendrang sorgte in der Mannschaft häufig für Gelächter: Dass man nach dem Essen »Mahlzeit« und nicht »Halbzeit« sagt, verrieten mir die Jungs erst nach Wochen. Außerdem begann ich nach einer Eingewöhnungsphase das deutsche Essen und sogar das eisige Wetter zu lieben. Wie oft sehne ich mich heute in Brasilien danach, auf dem Marienplatz zu sitzen und ein Erdbeerkuchen zu essen oder im Winter einen Schneespaziergang zu machen!
Jorginho – Die Karriere des brasilianischen Weltmeisters in der Bilderstrecke!
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1989 wechselte Jorginho von Flamengo aus Rio de Janeiro zu Bayer Leverkusen. Hier neben Mannschaftskollege Andreas Thom.





