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24.04.2011

Rudolfo Esteban Cardoso über River Plates El Monumental

»Knarren und Feuerwehrschläuche«

Interview: Felix Laurenz  Bild: Imago

Rodolfo Esteban Cardoso spielte zwar für River Plates Erzrivalen Boca Juniors, doch in der Umkleidekabine des El Monumental fühlte er sich der Seele des argentinischen Fußballs besonders nah. Hier erzählt er davon.

Rudolfo Esteban Cardoso über River Plates El Monumental - »Knarren und Feuerwehrschläuche«


Rodolfo Esteban Cardoso, was macht El Monumental so besonders?

Rodolfo Esteban Cardoso: Seine Geschichte. River Plate hat hier unzählige Titel geholt. Die Nationalelf spielt immer dort, und Argentinien wurde 1978 im Monumental zum ersten Mal Weltmeister.

Hatten Sie diese Ereignisse im Hinterkopf, wenn Sie im Monumental aufliefen?

Rodolfo Esteban Cardoso: Natürlich. Als Kind habe ich die WM 1978 im Fernsehen miterlebt. Und auf einmal stand ich als junger Spieler mit Estudiantes La Plata im Stadion und blickte zu dieser Anzeigetafel, die ich bisher nur aus Berichten über die WM kannte. Wenn man den Spielertunnel verlässt, ist es schon ein besonderes Erlebnis.



Es ist derselbe Tunnel, den Mario Kempes 1978 verließ, bevor er Argentinien zum Titel geschossen hat.

Rodolfo Esteban Cardoso: Das hat mir als jungem Spieler damals wirklich die Konzentration geraubt. Andauernd hatte ich diese Bilder von der WM im Kopf. In der Kabine etwa dachte ich: »Wie haben sich wohl Kempes und Passarella gefühlt, als sie damals hier saßen?«

Ein Mythos, der einen Spieler fast erdrückt.

Rodolfo Esteban Cardoso: Die ganze Welt kennt dieses Stadion. Wenn Touristen nach Argentinien kommen, schauen Sie sich natürlich El Monumental an. Niemand würde auf die Idee kommen das Stadion abzureißen, nur weil es alt ist. Kein Vereinspräsident würde sich das trauen.

Sieht man dem Bau sein Alter an?

Rodolfo Esteban Cardoso: Schon. Es wurde zwar immer mal wieder geflickt, aber insgesamt spürt man die vielen Jahrzehnte, die es mitgemacht hat. Der Beton ist rissig geworden, und wenn die Zuschauer ausrasten und im Rhythmus springen, hat man das Gefühl, dass sich das ganze Stadion bewegt.

Ist El Monumental also ein zuschauerunfreundliches Stadion?

Rodolfo Esteban Cardoso: Nein. Die Zuschauer können von überall aus gut sehen. Selbst von den billigsten Plätzen. Auch der Zugang zu den Tribünen ist sehr angenehm. Da gibt es keine dunklen Katakomben. Stattdessen läuft man einfach eine Treppe außerhalb der Tribünenkonstruktion hoch und bleibt somit an der frischen Luft.

Auch sonst bleibt man hier an der frischen Luft. »El Monumental« ist nicht überdacht. Wie halten es die Zuschauer im Sommer aus?

Rodolfo Esteban Cardoso: Da kommt die Feuerwehr. In der Halbzeit spritzt sie mit ihren Wasserwerfern das Publikum nass, um ihnen ein bisschen Abkühlung zu verschaffen. Und für die Spieler gibt es manchmal kurze Pausen zum Trinken.

Sind wenigstens die Umkleidekabinen klimatisiert?

Rodolfo Esteban Cardoso: Nein, die sind auch noch ganz ursprünglich. Bänke, ein Schrank und eine große Fläche zum Warmlaufen.

Eine Fläche zum Warmlaufen?

Rodolfo Esteban Cardoso: In Argentinien läuft sich keine Mannschaft auf dem Spielfeld warm. Das würde nicht gehen, weil bei den Fans die Emotionen hochkochen. Es wäre gefährlich. Deshalb müssen sich die Spieler vor der Kabine warmlaufen.

Der Ruf der argentinischen Fans ist legendär. Muss man sich vor manchen wirklich fürchten?

Rodolfo Esteban Cardoso: Die Hooligans in Argentinien sind gefährlich. Egal bei welcher Mannschaft. Die Besonderheit bei River Plate sind die internen Machtkämpfe. Es gab in den letzten Jahren immer wieder Kämpfe darum, wer die Fanszene kontrolliert. Es kam zu Schlägereien, manchmal wurden auch Leute erschossen.

Fürchten sich auch die Spieler vor den Fans?

Rodolfo Esteban Cardoso: Sicher. Wenn eine Mannschaft schlecht spielt, stehen auch schnell mal ein paar Jungs mit Knarren am nahegelegenen Trainingsgelände. Und wenn es während des Spiels nicht läuft, drohen die Fans schnell mal per Gesang den Spielern der eigenen Mannschaft.

Das passt so gar nicht zum Image von River Plate als Klub der piekfeinen Leute.

Rodolfo Esteban Cardoso: Ach, das ist alles etwas konstruiert. Das Stadion liegt in der schönsten Ecke von Buenos Aires und ist umringt von netten Häusern und schicken Restaurants. Deshalb, und weil River Plate immer teure Spieler gekauft hat, kam irgendwann dieses Gerücht vom Klub der Reichen auf. Aber auf das Publikum bei River Plate trifft das sicherlich nicht zu.

Feuern River-Plate-Fans ihr Team anders an als Fans in Europa ihre Mannschaften?

Rodolfo Esteban Cardoso: Euphorischer. Da ist es egal, ob die Mannschaft gerade gut oder schlecht spielt. In Deutschland wird es vor allem laut, wenn ein Tor fällt oder nach einem Foul. Bei River Plate singen die Fans durchgehend. Ein weiterer großer Unterschied ist, dass es keine VIP-Logen gibt wie in deutschen Stadien. Aber in Argentinien würde ohnehin niemand auf die Idee kommen, im Anzug zum Spiel zu gehen. Was die Stimmung betrifft, ist es auch egal, wo man sitzt, es gibt keine Unterschiede. Egal ob jemand zehn Euro oder hundert Euro für eine Karte zahlt: Jeder will gewinnen und feiern.



Aus Heft#113 04/2011

Uns Poldi – Ein Heimatroman






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Kommentare

  • User
  • 26.04.2011 06:05:28 Ramon Diaz

    Die Besonderheit bei River Plate sind die internen Machtkämpfe. Es gab in den letzten Jahren immer wieder Kämpfe darum, wer die Fanszene kontrolliert.

    Das ist keine Besonderheit, in sämtlichen Barras gibt es diese Internas, es geht um sehr viel Geld, dadurch wird mittlerweile nicht mehr auf den Gegner eingedroschen,gestochen,geschossen sondern auf vermeintliche Gleichgesinnte. Das ist bei River so(Adrian Rousseau als "offizielle" Vertretung der Borrachos del Tablon gegen jene Schenkler Nahen), bei Boca genauso(man denke nur an die Angst die umging als Di Zeo aus dem Knast durfte oder die Schiesserei zwischen Fraktionen der 12 im Mc Donald´s) und selbst bei den "gut" geführten Clubs, Estudiantes(der Kerl der dem anderen während des Spiels in den Rücken schiesst), Lanus und Velez(die Barra ist allerdings so klein, dass es nicht viel ausmacht) sind die Internas alltäglich. Hier in Santa Fe ist es bei Colon auch nicht anders.
    Es ist ja kein Homogenes Konstrukt sondern setzt sich aus verschiedenen Fraktionen zusammen welche gegen Gegner von außen zusammen stehen, intern jedoch mit allen Mitteln, wie z.B. Gewalt und Einfluss sowie Präsenz um den Goldenen Platz am Futtertrog kämpfen.
    Und noch etwas zu Rodolfos Aussagen, River hat nicht immer teure Spieler gekauft, der Spitzname geht auf einen Spieler in den 30ern zurück, sondern ist einer(wenn nicht der, bedenkt man die Qualität der Spieler aus der River Jugend) der besten Ausbilder des Landes und auch auf Globalem Niveau gesehen nicht zuverachten. Mit Di Stefano und Sivori stammen zwei der besten Spieler aller Zeiten aus der "Cantera" River Plates, diese wurden für viel Geld VERkauft. Das teuerste Team aller Zeiten bestand auch zum Großteil aus eigenen Spielern, welche fürstlich entlohnt wurden und leider keine großen Titel gewannen...
    Auch im heutigen Kader ist der Großteil aus der eigenen Jugend, während andere alles halbe Jahr Millionen für Spieler die woanders ausgebildet wurden ausgeben...

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