Die Geschichte der Fußballfans

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09.02.2012

Rainald Grebe im Interview

»Bundesliga ist wie Brecht mit Catchern«

Interview: Lucas Vogelsang und Dirk Gieselmann  Bild: Jim Rakete

Was hätte Thomas Bernhard über Felix Magath geschrieben? Ist Zettel-Ewald ein Dramatiker? Und wie hoch flog Beckenbauers Heli wirklich? Der Kabarettist Rainald Grebe über die Gemeinsamkeiten von Fußball und Theater.

Rainald Grebe im Interview - »Bundesliga ist wie Brecht mit Catchern«


Rainald Grebe, wie fühlen Sie sich?

Rainald Grebe: Im Moment fühle ich mich ganz gut. Danke.

Und wie würden Sie sich fühlen, wenn Sie nach jedem Auftritt ein Reporter fragen würde: »Wie fühlen Sie sich?«

Rainald Grebe: Durchaus angefressen. Ich würde also mindestens sagen: »Hau ab!« Als Theatermann bin ich in dieser Situation übrigens geschützt. Es gibt da so eine Minutenregelung: Wenn ich jemanden unmittelbar nach dem Auftritt ohrfeige oder sogar ein Verbrechen begehe, stehe ich unter Immunität. Das müsste man für Fußballer auch mal einführen, dann würden die Antworten bestimmt interessanter ausfallen.



Wir fragen auch deshalb, weil Sie in einem Ihrer Lieder singen: »Ich fühl mich heut' so wie Franz Beckenbauer kocht, ich weiß gar nicht, wie der kocht.« Wir tippen auf Knorr-Tütensuppen, für die er früher Werbung gemacht hat: »Knorr in den Teller, Kraft auf den Tisch.« So fühlen Sie sich also?

Rainald Grebe: Es überrascht mich jetzt, dass Beckenbauer ein Tütensuppen-Typ ist. Ich kenne ihn eher als Weißbier-Menschen. Stichwort »Qualität und Zuversicht«. Obwohl man da ganz deutlich sieht, dass der Schaum nicht echt ist. 

Wie oft kommt es vor, dass Sie über Beckenbauer nachdenken?

Rainald Grebe: Ab und an. Vor allem natürlich bei der WM 2006: der Kaiser in seinem Helikopter über Deutschland, das war was! Schon beim ehemaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher haben die Leute sich gewundert, dass er an so vielen Orten gleichzeitig sein konnte, ja, dass er sich selbst über dem Ozean begegnete. Daran musste ich immerzu denken, als der so genannte Kaiser über Deutschland kreiste.

Welche Gedanken gingen Beckenbauer wohl selbst durch den Kopf?

Rainald Grebe: Vielleicht: »Ja, Herrschaften, in meinem Leben hat ja wohl mal alles geklappt!« Nur bei Goethe und Mandela ist alles so sauber wie bei ihm. 

Über seinen Misserfolgen schweben, sogar über seinen Erfolgen, über einer WM und einem ganzen Land – wie schafft Beckenbauer es, sich selbst nicht mit Gott zu verwechseln?

Rainald Grebe: Das dürfte in der Tat schwierig sein. Beckenbauer ist unantastbar, der bekommt keine Kratzer. Was umso erstaunlicher ist, da er als Redner alles andere als brillant ist. 

Sind Gott und der Fußballgott ein und derselbe?

Rainald Grebe: Beides ist ein Synonym für den Zufall. Dem Zufall bin auch ich als Künstler unterworfen. Die eigentliche Kunst besteht darin, den Zufall wie Absicht aussehen zu lassen. Man muss die Behauptungskraft haben – man könnte es auch Scharlatanerie nennen –, erst sich und dann anderen weis zu machen, dass man Herr der Lage ist, während man insgeheim Luft melkt. So dürfte es auch im Fußball sein: Jemand hat eigentlich keine Ahnung, wo der Ball gerade ist, nennt es aber Dribbling.


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Kommentare

  • User
  • 18.02.2011 16:18:55 Atatenango

    Rainald Grebe ist der Größte!

  • User
  • 18.02.2011 17:05:39 estragon

    Es ist wahnsinnig, dass ein so banaler Sport durch das Geld, das in ihn hineingepumpt wird, so bedeutungsvoll wird. Insofern ist der Herr Daum also ein Staatsmann, wie Barschel einer war, wenn er im Fernsehen auftritt und sein »Ehrenwort« gibt.

    Da geh ich nicht mit. Man kann sich natürlich drüber streiten, was den Fußball so bedeutungsvoll macht, ist nicht uninteressant. Aber dass es das Geld ist, das in ihn hineingepumpt wird, vertauscht Ursache und Wirkung. Weil der Fußball aus irgend einem Grund bedeutungsvoll ist, wird Geld hineingepumpt (und natürlich auch wieder rausgeholt), andersrum würde es nicht funktionieren. Für niemanden, den ich kenne, macht das Geld die Faszination am Fußball aus; andersrum könnte man eine Sportart wie z.B. Badminton auch mit noch so viel Kohle nicht zu einer ähnlichen Bedeutung wie dem Fußball verhelfen.

    Der Daum-Barschel-Vergleich zieht für mich auch nicht. Barschel und alle anderen Politiker in Notlagen müssen lügen, weil das die einzige Strategie ist, die möglicherweise ihren Arsch retten kann. Das ist einfach nur pragmatisch und vernünftig gedacht. Daum hat sich dagegen verzockt, und zwar ohne Not. Er hätte sich einfach auf die Unschuldsvermutung berufen und die Sache aussitzen können, so wie Kohl (zeitgleich?). Kein Politiker wäre auf die hirnrissige Idee gekommen, sich "Haare entnehmen" zu lassen, obwohl er wusste, dass er lügt und dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit auffliegen würde. Wenig staatsmännisch, das.

  • User
  • 18.02.2011 18:21:31 AntiMöller

    1000 Dank, wunderbar! Vielleicht das Beste, was ich hier online lesen durfte!

    Estragon: angenehme Haarspalterei! ;-)

  • User
  • 18.02.2011 18:59:14 FCBayern1963

    Rainald Grebe ist Klasse! Mein Hörtipp "Guido Knopp" aus dem Jahr
    2005.

  • User
  • 18.02.2011 19:47:11 buenaventura

    Kein Politiker wäre auf die hirnrissige Idee gekommen, sich "Haare entnehmen" zu lassen, obwohl er wusste, dass er lügt und dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit auffliegen würde.

    ersetze "Haare entnehmen" durch "seine Dissertation durch Ghostwriter zusammen kopieren".

  • User
  • 18.02.2011 20:02:00 schabernack

    Kein Politiker wäre auf die hirnrissige Idee gekommen, sich "Haare entnehmen" zu lassen, obwohl er wusste, dass er lügt und dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit auffliegen würde.
    --
    ersetze "Haare entnehmen" durch "seine Dissertation durch Ghostwriter zusammen kopieren".


    War das nicht so, dass Daum zuvor schon insgeheim einen Test gemacht hatte und der negativ war?
    Ich glaube er hat gedacht, dass es nicht mehr nachweisbar wäre..

    Jedenfalls nichts, was stereotypische Politiker nicht auch machen würden, wenn "das die einzige Strategie ist, die möglicherweise ihren Arsch retten kann."

  • User
  • 18.02.2011 20:26:23 AbteilungAttacke

    Das Trio la Haze tritt dort nicht mehr auf, dafür sitzt da jetzt der Sohn von Udo Jürgens und macht den DJ.

    Rainald Grebe: Wie bitte? Das ist doch scheiße.


    Amen. "DJ Munich". Was haben die bloß mit der Band gemacht ? Vielleicht haben Wonti und Udo die ja UMGEBRACHT.

    @ 11 Freunde

    Danke für das schöne Interview

    @ estragon

    Barschel und alle anderen Politiker in Notlagen müssen lügen, weil das die einzige Strategie ist, die möglicherweise ihren Arsch retten kann. Das ist einfach nur pragmatisch und vernünftig gedacht.

    Was daran vernünftig sein soll, im Endeffekt die Fundamente unserer demokratischen Grundordnung zu zersetzen, leuchtet mir nicht ein.

    Da geh ich nicht mit. Man kann sich natürlich drüber streiten, was den Fußball so bedeutungsvoll macht, ist nicht uninteressant. Aber dass es das Geld ist, das in ihn hineingepumpt wird, vertauscht Ursache und Wirkung.
    Für niemanden, den ich kenne, macht das Geld die Faszination am Fußball aus; andersrum könnte man eine Sportart wie z.B. Badminton auch mit noch so viel Kohle nicht zu einer ähnlichen Bedeutung wie dem Fußball verhelfen.


    Ich gehe da voll mit Grebe mit.
    Fussball ist banal - und seine Massentauglichkeit hat er erst Dank der modernen Vermarktung, sprich, Geld, erhalten. Der Knackpunkt ist da für mich 1990, wo man m.E. einfach auch einen Wechsel innerhalb der Gruppe von Leuten feststellen konnte, die sich für Fussball interessieren.
    Natürlich ist Fussball interessanter, breiter akzeptiert als Badminton. Insofern ist es nicht nur Geld, sondern eine Wechselwirkung, die m.E. vor allem auf eines basiert: Erfolg.

    Man nehme nur den Tennis. In den 90iger Jahren bin ich quasi mit Boris Becker, Michael Stich, Steffi Graf, Anke Huber aufgewachsen. Und die Sender konnten viel Kohle zahlen, damit diese Spiele in der Primetime liefen, auf renommierten Sendern und nicht auf DSF verschämt um 12 Uhr nachts. Andere Beispiele: Radfahren (Ullrich), Skispringen (Schmidt). Waren alle sehr populär zu ihrer Zeit, eben Dank Erfolg aber auch Geld in Form öffentlicher Vermarktung.

    Wären es nur die Leidens- und Traditionsfans von Bochum, Frankfurt oder Hannover - Fussball wäre kein so großes Geschäft. Erst mit den Bayern in der CL und einigen wenigen Clubs im internationalen Geschäft, mit der Nationalmannschaft und ihrer langen Erfolgsgeschichte war und ist die Tür geöffnet, damit Geld reinfliesst - und damit Fussball massentauglicher wurde.

    Sicher, "Geld" macht Fussball nicht interessant: Aber teure Spieler wie Robben, schmucke Stadien wie auf Schalke und eine Marketinglawine in den öffentlich-rechtlichen (Gebühren!) und Sky machen den Fussball interessant.

  • User
  • 18.02.2011 23:11:39 Buthelezi

    @ AbteilungAttacke

    Deinen Ausfuehrungen (und auch Rainald Grebe) waere entgegenzuhalten, dass z.B. die WM 1954 stattfand als es in Deutschland noch lange keine Profiliga gab und das Ereignis wurde von der damaligen Gesellschaft trotzdem mit enormer Bedeutung bedacht wurde. Sicher besondere Umstaende, aber ich denke, dass es kein Zufall ist, dass ausgerechnet dem Weltmeistertitel im Fussball eine solche Bedeutung beigemessen wurde. Ich glaube nicht, dass ein WM-Titel in einer anderen Sportart entsprechend aufgenommen worden waere - mir wuerde (als Mannschaftssport) noch am ehesten Handball einfallen.

    Ich denke Fussball hat auch bereits vor der Kommerzialisierung (wobei ich mich auch gerade frage, wann "die Kommerzialisierung" stattgefunden hat - ist eigentlich ein unzulaessiger Begriff) eine grosse Rolle in der dt. Gesellschaft gespielt - allerdings kann ich jetzt aus dem Stehgreif auch nicht erklaeren, woran das liegt. Durch das Aufpumpen des Betriebs mit Milliarden von Euro/Pfund/Rubel hat er aber sicher noch an Bedeutung gewonnen, vor allem weltweit.

    Aber ich schweife ab. Nettes Interview mit einem sehr grossen Kuenstler. Aber ganz ehrlich: Da hoer ich mir lieber seine Lieder an, als seine Interviews zum Fussball zu lesen.

  • User
  • 19.02.2011 13:19:41 pandrodor

    Die Vermarktung hat eine zusätzliche Klientel dazu gebracht, aber das Geld hat überhaupt nichts mit der Bedeutung des Fußballs ansich zu tun. Es wurde doch überhaupt erst wegen der Bedeutung reingesteckt. Den Investoren und Firmen ist die Sportart im Endeffekt doch vollkommen egal, obs nun Hallenhalma oder Fußball ist, hauptsache es spricht viele Leute an und noch besser sorgt für Emotionen.

    Fußball ist durch die Begeisterung ein Massenphänomen geworden und dadurch sind Geldgeber erst interessiert gewesen.

    Fußball ist doch auch gerade weil er eben so banal ist populär. Auch weil er zum selber spielen so einfach ist. Da spielen Kinder mit der zusammengerollten Strumpfhose ihrer Oma als Ball und zwei Rucksäcken als Tor.
    Menschen werden auf ein Phänomen aufspringen wenn es richtig vermarktet wird, nur ohne Substanz springen sie auch schnell wieder ab und zum nächsten.

  • User
  • 19.02.2011 16:34:13 AbteilungAttacke

    @ Buthelezi

    Zum einen schränkst du ja selber die Wirkung bzgl. 1954 ein - eben er "Wir sind wieder wer"-Effekt. Zum anderen widerspricht dein Beispiel meinen Ausführungen aber eben nicht, denn was sorgte denn für die Begeisterung ? Eben, der Erfolg, Weltmeister geworden zu sein. Wobei

    @ pandrodor


    Auch weil er zum selber spielen so einfach ist.


    Dagegen spricht, dass es eine Menge Sportarten mit relativ leicht verständlichen, ja sogar verständlicheren Regeln als Fussball gibt, die gleichwohl nicht so im öffentlichen Interesse sein. Die Regeln sind es - allein - jedenfalls nicht.


    Fußball ist durch die Begeisterung ein Massenphänomen geworden und dadurch sind Geldgeber erst interessiert gewesen.


    Das ist natürlich so ein bisschen wie die Henne-und-Ei-Diskussion. Sofort sei eingeräumt, dass es eine gewisse "Grundbegeisterung" braucht - und diese Begeisterung wird eben nicht nur, aber auch vornehmlich durch Erfolg erzeugt.
    Wobei dem Fussball möglicherweise wegen seinem "Nation bulding"-Element noch besondere Bedeutung zukommen, aber das sei dahingestellt.

    Damit aber aus einer "Grundbegeisterung" eine dauerhafte Sache mit massentauglichem Charakter wird, bedarf es der Investition, die natürlich erfolgt, weil Den Investoren und Firmen die Sportart im Endeffekt doch vollkommen egal [ist], hauptsache es spricht viele Leute an - und bringt Profit.

    Doch kommt es auf die Henne-und-Ei-Diskussion auch gar nicht an und es mag sein, dass Geld an sich nichts mit der Bedeutung von Fussball - oder irgendeiner Sache, in die es hineinfliesst, hat.
    Denn zur Zeit ist der Fussball ein mit Geld vollgepumptes Geschäft - und die Bedeutsamkeit ergibt sich ja nicht nur für die Anhänger des Vereins oder der Mannschaft, sondern aller, die davon betroffen sind, auch wirtschaftlich (Stadiobau) oder politisch (Angie in der Umkleidekabine). Allein wie die Politik mit dem Fussball seit der medial und komerziell gehypten WM 2006 umgeht, stellt einen "Paradigmenwechsel" dar, den man in der Qualität vorher - jedenfalls bei der Nationalmannschaft - vergeblich sucht.
    Insoweit kann man dann schon sagen, dass Geld mit der Bedeutsamkeit des Fussballs zu tun hat - und zwar in nicht geringem Umfang.

  • User
  • 19.02.2011 19:46:10 Buthelezi

    Auch weil er zum selber spielen so einfach ist.

    Dagegen spricht, dass es eine Menge Sportarten mit relativ leicht verständlichen, ja sogar verständlicheren Regeln als Fussball gibt, die gleichwohl nicht so im öffentlichen Interesse sein. Die Regeln sind es - allein - jedenfalls nicht.


    Da wuerden mich jetzt aber Beispiele interessieren. Und zwar nicht bzgl. der Regeln, sondern bzgl. des Faktors, dass man Fussball eben ueberall auf der Welt spielen kann und dazu nichts anderes braucht als einen Ball (oder ballähnlichen Gegenstand).

    Allein wie die Politik mit dem Fussball seit der medial und komerziell gehypten WM 2006 umgeht,

    Das hat aber doch eher nichts mit dem reingesteckten Geld als vielmehr mit einer sich veraendernden politischen Kultur zu tun. Wuerde ich jedenfalls sagen. Und das Politik generell die Naehe zum Sport - und dabei besonders zu beliebten/erfolgreichen Sportlern - sucht, ist ja auch schon sehr lange der Fall (siehe: -> Sport als Mittel der Propaganda in so ziemlich jedem totalitaeren System des 20. Jh.).

    Das Geld eine Rolle spielt ist klar, aber wie gross diese Rolle ist werden wir wohl an dieser Stelle auch nicht herausfiltern koennen. Sollte doch jemand auf die genaue Aufschluesselung in Prozenten kommen: Er moege sich melden!

  • User
  • 19.02.2011 20:02:52 AbteilungAttacke

    @ Buthelezi

    War zugegeben auf die Regeln bezogen. Aber Basketball kann man quasi auch überall spielen, mit einem "Ballähnlichen" Gegenstand. Handball gewissermaßen auch. Trotzdem sind beide in Mitteleuropa nicht so beliebt wie Fussball. (Hier ist Handball ein schönes Beispiel: Was mühsam im "Wintermärchen" erspielt wurde, wird nun nach und nach verdaddelt)


    Das hat aber doch eher nichts mit dem reingesteckten Geld als vielmehr mit einer sich veraendernden politischen Kultur zu tun.

    Das ist die Frage, nicht wahr ? Meine These lautet wie folgt: Die veränderte, politische Kultur ist nicht zuletzt den Investionen, dem Geldfluss, im Fussball geschuldet.
    Ein konkretes Beispiel: Wäre die WM 2006 nicht ein derartig medial und kommerziell aufgeblasenes Schauspiel gewesen (Fähnchen, Werbung, Goleo, Publich-Viewing), wäre das "Sommermärchen" so nicht realisierbar gewesen. Diese "neue" Form der Begeisterung weit aus breiterer Massen für das Phänomen Fussball schrie natürlich danach, von Politikern instrumentalisiert zu werden.

    Das Anbiedern von Politikern an Fussball war natürlich immer da - dafür braucht es kein Rückgriff auf totalitäre Systeme. Gerhardt Schröder instrumentalisierte immer gern seine Amateurkarriere. Oder wie Grebe in der "Kandidat" so richtig singt: Wo ist die Torwand, ich schieß' auf jede Torwand.
    Auch ist es nicht ungewöhnlich, dass Bundeskanzler bei Spielen der deutschen Mannschaft auch im Ausland anwesend. Herr Brandt war auch beim Finale 1982 dabei.
    Aber die Nummer von Angie in der Umkleidekabine hat doch schon eine neue Qualität.

    Wo man m.E. den Einfluss des Geldes auf Bedeutung für den Fussball und des Fussballs sehen kann, ist doch die Fernsehvermarktung. Genau wie Investoren Geld in den Fussball gesteckt haben, um neuen Profit zu erschliessen

    Das Geld eine Rolle spielt ist klar, aber wie gross diese Rolle ist werden wir wohl an dieser Stelle auch nicht herausfiltern koennen.
    Und das ist hier auch nicht mein Anliegen gewesen. Auch habe ich ja nicht behauptet, die Faszination des Fussballs läge allein im investierten Geld begründet.
    Was ich aber behaupte ist, das Geld sehr wohl eine Rolle bei der derzeitgen "Bedeutung" von Fussball spielt, und zwar eine nicht geringe, und dass, Erfolg vorausgesetzt, mit genügend Investitionen sich wohl eine ähnliche Beliebtheit bei anderen Sportarten erzielen liesse, wie es Tennis, Skifahren, Formel 1, Radfahren, Boxen zum Teil schon bewiesen haben.

  • User
  • 19.02.2011 21:39:29 AbteilungAttacke

    Herr Brandt war auch beim Finale 1982 dabei.
    Ja ja, so kommt das, wenn man Wunschdenken äußert. War natürlich der Herr Schmidt, der, wenn ich nicht irre, als Bundeskanzler mit im Stadion saß.

  • User
  • 19.02.2011 23:09:21 Buthelezi

    Okay, noch einer muss, aber dann is' Schluss.

    Fuer Basketball braucht man Koerbe. Handball geht noch eher, macht aber ohne einen guten, glatten Boden und Kreis auch eher weniger Spass. Vorteil Fussball.

    Dass es dir nicht um Faszination sondern Bedeutung des Fussballs geht verstehe ich, meine aber, dass sich die Bedeutung zu einem groesseren Teil aus der Faszination denn aus dem investierten Geld speist - und immer schon gespeist hat.

    Als letztes (versprochen) noch eine Anmerkung: die von dir genannten Sportarten, die durch (dt.) Erfolge geboomt haben, haben m.M.n. eins gemeinsam: der Boom haelt nicht ewig an und ihre Bedeutung liess irgendwann nach. Das scheint mir beim Fussball andwrs zu sein. Indiz fuer eine Bedeutung unabhaengig von (dt.) Erfolgen und investiertem Geld?

  • User
  • 19.02.2011 23:54:28 Teufelsgreis

    Dass Fußball beständiger fasziniert als Tennis, Skifahren, Formel 1, Radfahren, Boxen, das liegt wohl auch zu großen Teilen daran, dass man dauerhaft Fan sein kann. Tennisspieler, Skifahrer, Boxer usw haben ja keine Karriere, mit der man sein ganzes Leben lang mitfiebern kann, Fußballvereine schon - auch wenn es mal Tiefs geben mag. Die Liebe zum Verein kann man ja sogar 'vererben'. Vorteil Fußball, ganz ohne dass auch nur ein Euro im Spiel wäre.

    Man kann auch sagen, dass das für alle Mannschaftssportarten gilt, doch da greift dann Buthelezis Argument, dass Fußball immer und überall ohne Hilfsmittel gespielt werden kann. Der Kick auf dem Pausenhof mit Coladosen auf Tore aus Jacken: kein Problem... man braucht also nichtmal einen Ball. Das geht mit keinem anderen Sport.

    Klar sorgt das Geld für das Anlocken zusätzlicher Massen und eine immer aufgeblähtere Medienberichterstattung - doch die ursprüngliche und langanhaltende Begeisterung, die die Investoren überhaupt erst aufhorchen ließ, die kam von ganz woanders her. Fußball würde auch dann noch einen großen Teil der Menschen begeistern, wenn Medien und Kapital ganz andere Säue durch's Dorf zu treiben versuchten... was sie auf absehbare Zeit nicht tun werden.

  • User
  • 19.02.2011 23:58:49 Teufelsgreis

    ps: Wird sogar andersrum ein Schuh draus - Fußball ist derart faszinierend, dass seine Bedeutung für das Leben vieler Menschen nichtmal durch Medienüberflutung und Kapital kaputt gemacht und ausgeblutet werden kann. Selbst wenn der ganze Profibetrieb totkommerzialisiert würde und viele des ganzen überdrüssig würden, wäre der Sport im Amateur-Bereich weiterhin die Nummer Eins... behaupte ich einfach mal.

  • User
  • 20.02.2011 10:41:03 AbteilungAttacke

    @ buthelezi

    der Boom haelt nicht ewig an und ihre Bedeutung liess irgendwann nach. Das scheint mir beim Fussball andwrs zu sein. Indiz fuer eine Bedeutung unabhaengig von (dt.) Erfolgen und investiertem Geld?

    Der Boom hielt doch nicht an, weil den jeweiligen Leistungsträgern (Becker, Graf, Ullrich, Schmidt, Hannawald, Schuhmacher etc etc.) kein gleichwertiger Ersatz folgte und damit der Sport an Aktraktivität verlor.
    Gegenfrage(n): Glaubst du, dass der Fussball so eine Bedeutung in Deutschland haben würde, wenn nicht die Nationalmannschaft beständig um den Erfolg kämpfen würde, selbst in Schwächephasen zwischen 1998 und 2006, wo es immerhin zu einer WM-Finalteilnahme reichte ?
    Würde der Fussball in Deutschland so eine Rolle spielen, wenn die Vereine, momentan die Bayern voran, nicht auch im internationalen Wettbewerb erfolgreich mitspielen würden ?
    Ich behaupte mal: Nein. Begeisterung kommt von Erfolg, so einfach. Als Faustregel wird man wohl sagen können: je geringer die Liga, desto geringer die Zuschauer vor Ort. Treue sind sicher ein Grund ins Stadion zu gehen. Tore waren aber immer wirkmächtiger.

    Sicher stimmt es, dass der Fussball als Sport breiter aufgestellt ist - und da gebe ich im Bezug auf Fussball Teufelsgreis Recht. Mehr Vereine als bei anderen Sportarten bilden ein ungleich größeres Reservoir, auf dass die Profivereine zurückgreifen können. Hinzu kommt natürlich der auch breit aufgestellte Fussball(transfer)markt.

    Doch dass soviele Vereine, auch im Amateurbereich, leben und arbeiten können (und damit die Basis der Faszination schaffen), hängt, so würde ich mal behaupten, an den getätigten Investitionen. Bereits in den unteren Ebenen kann doch kein Verein überleben allein von den Mitgliedsbeiträgen. Da braucht es dann den örtlichen Baumarkt als Sponsor oder die Tatsache, dass der Chef des Vereins zeitgleich Besitzer der hiesigen Bäckerei ist. Dieser Maßstab potenziert sich natürlich, je weiter der Fussball sich dem Profibereich annährt.

    Nicht nur des Krieges, auch des Fussballs Sehnen scheinen unendlich Geld zu sein.

  • User
  • 20.02.2011 10:55:58 saloth sar

    Gegenfrage(n): Glaubst du, dass der Fussball so eine Bedeutung in Deutschland haben würde, wenn nicht die Nationalmannschaft beständig um den Erfolg kämpfen würde, selbst in Schwächephasen zwischen 1998 und 2006, wo es immerhin zu einer WM-Finalteilnahme reichte ?
    Würde der Fussball in Deutschland so eine Rolle spielen, wenn die Vereine, momentan die Bayern voran, nicht auch im internationalen Wettbewerb erfolgreich mitspielen würden ?
    Ich behaupte mal: Nein. Begeisterung kommt von Erfolg, so einfach.

    da widerspreche ich dir eindeutig, da meine erfahrungen mir sagen, dass es auch laender gibt, die fussballtechnisch am ende der leistungsskala stehen, deren bevoelkerung sich aber trotzdem sehr fuer fussball begeistert.


    Als Faustregel wird man wohl sagen können: je geringer die Liga, desto geringer die Zuschauer vor Ort. Treue sind sicher ein Grund ins Stadion zu gehen. Tore waren aber immer wirkmächtiger.

    auch da will ich dir widersprechen, da der zuschauerboom in deutschl;abnd doch eigentlich dann losging, als der deutsche fussball eher auf dem absteigenden ast war (vereinstechnisch gesehen - die nm ist da irgendwie ne ausnahme)

  • User
  • 20.02.2011 11:57:11 AbteilungAttacke

    Kann sein, dass ich es da, weil ich eben so ein NM-Fan bin, zu einseitig sehe, aber: Der Fussball(zuschauer)boom, von denen dann die Vereine profitiert haben, wurde doch maßgeblich von der N11 beeinflusst.

    Nicht umsonst sprach ich 1990 an. Da kommen natürlich auch andere Faktoren dazu, sprich, Wiedervereinigung. Aber seit diesem Jahr konnte man merklich eine Steigerung bei den Zuschauerzahlen feststellen.

    Selbst wenn der Vereinsfussball einen Durchhänger hat, fängt die N11 das erfolgstechnisch auf. Umgekehrt mag es da auch Effekte geben (so mag z.B. Bayern 1999 die Fahne hochgehalten haben, als der deutsche Fussball dahinribbeckte)

    Und dies betrifft ja nicht nur die sportliche Seite: Die schmucken Stadien, die für 2006 gebaut wurden (auch hier wieder die Geldfrage), kommen doch heute auch dem Vereinsfussball zu Gute.

    Sicher ist das eine Sache, wo man geteilter Meinung sein kann.
    Mit "Erfolg" ist bei mir übrigens nicht nur Titel und Tore, sondern einfach auch die Spielklasse, in der man sich aufhält, gemeint.
    Wenn Bochum in der 1. Liga spielt, hat es mehr Zuschauer, als wenn es in der 2. Liga spielt. Obgleich der Spielstil, das Umfeld, die "Faszination", die Tradition alles die selben sind. Je tiefer es in der Liga absteigt, desto geringer werden die Zuschauerzahlen vor Ort sein - oder irre ich mich generell in diesem Punkt ?

  • User
  • 20.02.2011 11:59:12 AbteilungAttacke

    Und jetzt bitte nicht mit Hannover kommen - die Fans vor Ort können den Erfolg ja vermutlich noch viel weniger glauben, als der Rest der Republik. Die müssen das erstmal realisieren, dann steigen auch die Zuschauerzahlen. (als Positivbeispiel hier: Hertha. Kaum schnuppern sie Meisterschaftsluft, steigen auch die Zuschauerzahlen)

  • User
  • 20.02.2011 12:01:59 saloth sar

    Je tiefer es in der Liga absteigt, desto geringer werden die Zuschauerzahlen vor Ort sein - oder irre ich mich generell in diesem Punkt ?

    nene, da irrste natuerlich nicht, ich wollte auch eher auf die fussballbegeisterung in laendern raus deren nationalmannschaften oder clubs so gar nix auf die reihe kriegen.
    nur mal als beispiel hier in der region ist der einheimisch gebotenen fussball unter aller sau, trotzdem ist die begeisterung hier riesig, sprich staendig wird irgendwo gekickt und natuerlich wissen die hier die pl und cl ergebnisse besser als eufi

  • User
  • 20.02.2011 12:10:25 AbteilungAttacke

    Hmmm - vielleicht ist es ja auch ein europäisches Phänomen und mein Blick zu sehr darauf zentriert.
    Mich würde z.B. mal sehr interessieren, wie es in Ungarn ausschaut. Dort rennt die N11 ja ihrem früheren Mythos hinterher und der Vereinsfussball ist für mich auch ein Buch mit sieben Siegeln. Was ist in Ungarn Sportart Nr. 1 ? Da müsste mal jemand fragen, der Ahnung hat. Wir haben doch hier Freunde von der "osteuropäischen Szene" ?

  • User
  • 20.02.2011 12:15:29 saloth sar

    farg hotte, der is unser ungarn spezialist.

  • User
  • 20.02.2011 12:16:11 saloth sar

    entweder frag oder farc, aber farg geht nun mal gar nicht

  • User
  • 20.02.2011 19:09:23 einrudithömmes

    Pardon, ich habe vergessen, ebenfalls estragons Feststellungen weit, weit oben zu unterschreiben.

  • User
  • 20.02.2011 21:12:14 Hotte80

    in ungarn ist fußball seit eh und je sportart nr. 1. daran konnte auch der schleichende niedergang sowohl der nationalmannschaft als auch der clubs nichts ändern, - und seit drei, vier jahren blüht ein zartes pflänzchen, es gibt leise hoffnungen auf eine bessere zukunft - auch nicht die hooliganproblematik. wobei letzteres mit ein grund für die schwache zuschauerresonanz in den stadien ist. populär sind zudem vor allem handball und der schwimmsport, auch der fechtsport hat verhältnismässig viele anhänger. gerade im schwimmen, vor allem wasserball und im fechten erzielt ungarn regelmässig beachtliche erfolge. das ist sicherlich ein grund, warum die diskrepanz zum fußball wohl nicht ganz so groß ist wie z.b. hierzulande. aber wie gesagt, fußball thront über alem und ganz ungarn freut sich auf das ende der winterpause am kommenden wochenende.

  • User
  • 21.02.2011 16:06:46 Atatenango

    Ich würde ja sagen, dass die Kommerzialisierung des Fußballs mit ran bzw. Anpfiff (also in Deutschland jetzt) so richtig losging. Wann war das? 1996 oder so? Ich kann mich auf jeden Fall noch sehr gut daran erinnern als ich anfing zu studieren, das war 1992! Wenn ich da hab verlauten lassen, dass ich mich für Fußball interessiere, wurde ich wirklich schief angeguckt. Gegen Ende meines Studiums (1998) war das schon völlig anders. Und heutzutage meint sowieso jeder sich für Fußball interessieren zu müssen. ich bin ja jemand, der sich die Spiele meistens inner Kneipe auf Sky anguckt. Was man da von irgendwelchen Möchtegern-Kennern so mitkriegt im Hintergrund ist häufig nicht mehr schön, da überlegt man schon fast, ob man sich nicht doch nen Skyabo kauft, damit man das dumme Gesülze nicht länger ertragen muss (würde ich allerdings nie machen...das mit Sky mein ich).
    Auf jeden Fall wäre da ja mal wieder die Frage nach dem Ei und der Henne? Ich glaub bei Fußball ist das so'ne wechselseitige Wirkung, dass sowohl Interesse da ist als auch Geld, und sich das halt gegenseitig befruchtet. Wenn ich mir aber z.B. den ganzen Wintersport angucke, dann frag ich mich schon manchmal, ob das tatsächlich irgendwen interessiert, oder ob es die Leute nur interessiert, weil es eben im Fernsehen kommt. Bei gewissen Disziplinen kann ich die Faszination ja noch nachvollziehen, aber sowas wie Bobfahren interessiert doch eigentlich niemanden, oder? Und es kommt trotzdem ständig im Fernsehen...also ohne Scheiß, da find ich Curling oder Dart noch wesentlich unterhaltsamer!

  • User
  • 22.02.2011 06:23:29 saloth sar

    Wann war das? 1996

    saison 92/93 9ging's mit ran los

  • User
  • 22.02.2011 13:21:28 Atatenango

    oh je! Punkt für Dich!

  • User
  • 22.02.2011 13:42:34 gelsenkirchen

    erfolgreiche sportarten werden geschaut, müssen allerdings um ihre anerkennung kämpfen, siehe die angesprochenen tennis, radsport oder skispringen. das wird dann nur noch von leuten mit partikularinteresse geschaut (in meinem falle wäre dies der radsport).
    beispiel: eishockey. als die nationalmannschaft letztes jahr nach grausamer vorstellung bei olympia plötzlich zur heim-wm eine mitreissende leistung bot stiegen auch die zuschauerzahlen. ich bin sicher: wenn die die klitzekleine chance im halbfinale genutzt hätten und dann im finale gegen die tschechen hätten rangemusst, das wäre ein straßenfeger gewesen!

    dem fussball den rang ablaufen wird keine sportart schaffen. der erfolg begründet sich auf erfolge im profibereich, sowohl vereinstechnisch als auch mit der NM, als auch über die attraktive liga (volle stadien, hochklassiger sport, einige stars, komfortable stadien, medieninteresse, etc.) und der stellung im amateurbereich. auch wenn nach und nach kleinere clubs vor die hunde gehen weil die jugendlichen heutzutage lieber basejumpen, raketenautofahren und apnoetauchen wird es noch lange dauern bis der fussball seinen breiten zuspruch im amateurbereich verloren hat (soziale komponente!). da haben andere sportarten weitaus mehr probleme im amateurbereich. mir schwebt da aus eigener erfahrung der handball vor, dem in der breite gesehen der wm titel von 2007 kaum genutzt hat.

    fussball ist halt einfach. es bedarf kaum regeln, es bedarf nur einer einigermaßen geraden fläche, etwas was man kicken kann und mindetens 2 leute. los geht's!

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