Die Geschichte der Fußballfans

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30.06.2011

»Wir fahren überall hin«

Warum wird man in den USA Fußballfan, Bryan James?

Interview: oliver zeyen  Bild: Imago

Amerikanische Fußballfans gelten in Europa als ähnlich exotisch wie Bananen in der DDR. Zurecht? Wir sprachen mit Bryan James, Vorsitzender des Philadelphia-Union-Fanklubs »Sons of Ben«, über US-amerikanische Fankultur.

»Wir fahren überall hin« - Warum wird man in den USA Fußballfan, Bryan James?


Bryan James. die »Sons of Ben« existieren länger als der Klub, den sie unterstützen. Wie ist das möglich?

Bryan James: 2007 sah es nicht so aus, dass wir in Philadelphia mal einen MLS-Klub bekommen würden. Also haben zwei Freunde und ich den Fanklub gegründet, um der Kommission zu zeigen: Philadelphia will unbedingt einen Fußballverein.



Stimmt es, dass Ihr schon andere Klubs als Rivalen hattet, obwohl es Philadelphia Union noch gar nicht gab?


Bryan James: Ja, das liegt an der Rivalität zwischen Philadelphia, New York und Washington, die es eigentlich in jeder amerikanischen Profisportart gibt. Wir haben uns einfach daran gewöhnt, diese Städte nicht besonders zu mögen. Egal um welchen Sport es gerade geht.

Die »Sons of Ben« haben mehrere tausend Mitglieder, obwohl es Philadelphia Union erst seit letztem Jahr gibt. Wie bekommt man so schnell so viele Mitglieder?


Bryan James: Wir waren schon recht bekannt, als Union gegründet wurde. In den letzten Jahren hatten wir jede Menge Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit. Vier Monate nach unserer Gründung hat 2007 das britische Magazin FourFourTwo eine Geschichte über uns gemacht. Einen Monat später hat Sports Illustrated, die größte Sportzeitschrift der USA, über uns geschrieben. Zweimal haben wir es auf das Cover des Philadelphia Inquirer, der größten Zeitung hier in der Gegend geschafft. Dadurch wurden wir so bekannt, dass wir 2500 Mitglieder hatten, noch bevor es ein Team gab.

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Viele andere Sportarten sind in den USA deutlich größer und beliebter als Fußball. Warum wird man in so einem Umfeld Fußballfan?


Bryan James: Da passiert einfach dauernd etwas. Beim American Football hat man eigentlich eine Spielzeit von nur einer Stunde. Aber am Ende dauert das Spiel oft über drei Stunden weil es andauernd irgendwelche Unterbrechungen gibt. Aber das Tollste ist für mich die Atmosphäre beim Fußball. Da feuert man die Mannschaft nicht auf den Befehl irgendeines Signals an. Die Fans entscheiden, wie sie ihr Team anfeuern und nicht ein Typ, der im Stadion arbeitet.

Ihr geltet schon nach einer Saison als die vielleicht leidenschaftlichsten Fans der Eastern Conference.

Bryan James: Das stimmt. Wir fahren überall hin, sind immer dabei. Das wird auch vom Team und der Vereinsführung gewürdigt. Wir konnten zum Beispiel entscheiden, wo wir im neuen Stadion sitzen wollten. Sogar der Spielertunnel wurde extra dorthin verlegt.

Und Ihr seit immer noch so enthusiastisch wie letztes Jahr, obwohl Philadelphia Union Vorletzter geworden ist?


Bryan James: Das hat den Enthusiasmus nicht im geringsten gedämpft. Wir verstehen, dass wir nicht sofort ganz oben sein können. Und wir feuern unsern Klub nicht weniger an, weil uns die Resultate mal nicht stimmen.

Letzte Woche habt ihr euren Klub auch beim MLS-Superdraft angefeuert, wo die Klubs der MLS neue Spieler auswählen. Wie funktioniert dieser Draft?


Bryan James: Alle Spieler die nicht vom Klub selbst, sondern von einem College ausgebildet wurden, können dort von den Klubs der MLS ins Team geholt werden. Die Teams dürfen dann in der umgekehrten Reihenfolge der letztjährigen Tabellenplatzierung wählen. DC United war das schlechteste Team, deshalb durften sie sich zuerst einen Spieler aussuchen. Insgesamt gibt es drei Runden, in denen Spieler ausgewählt werden.

Mit wie vielen Fans seid Ihr angereist?


Bryan James: Zwischen 150 und 200. Es war eine lustige Reise. Wir hatten Bier dabei, Whiskey und auch andere Getränke. Da waren wir am Ende der Fahrt gut drauf und bereit, unsere neuen Spieler anzufeuern.

Wie muss man sich den Draft vorstellen? Ist das eine eher dröge Veranstaltung oder eine richtige Show?


Bryan James: Früher war es recht lahm. Aber in den letzten Jahren sich das geändert. 2010, als wir zum ersten Mal ein eigenes Team hatten, waren wir mit fast 300 Leuten da. New York und Washington hatten ähnlich viele Leute mitgebracht, weil die sich vor uns Emporkömmlingen natürlich nicht blamieren wollten. Deshalb ist es mittlerweile ein deutlich größerer Event als früher. Dieses Jahr hat ESPN den Draft sogar live übertragen.

Karl-Heinz Granitza über die NASL >>

Wart Ihr die größte Gruppe?


Bryan James: Ich denke schon. Wir haben auch als einzige einen eigenen Bereich auf der Tribüne bekommen. Die Fans aus New York und Washington mussten sich einen teilen, weil es nicht so viele waren. Und am lautesten waren wir übrigens auch.

War der Draft ein Erfolg für Philadelphia Union?


Bryan James: Auf jeden Fall. Wir haben einen guten Torwart bekommen, der in ein oder zwei Jahren unser Stammtorwart sein kann und einen Mittelfeldsspieler, den ich für sehr talentiert halte. In der dritten Runde haben wir Levi Houapeu gewählt, der von einem kleineren College kommt. Ein echter Geheimtipp denke ich.

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Der Name »Sons of Ben« leitet sich vom berühmtesten Sohn Philadelphias Benjamin »Ben« Franklin ab. Außerdem spiegeln die Initialen »SoB« die Meinung vieler Amerikaner über die etwas sehr leidenschaftlichen Sportfans aus Philadelphia wieder. »SoB« ist die geläufige Abkürzung für »Son of a bitch«.






Franz Beckenbauer bittet seine amerikanischen Fans zur Autogrammstunde. Netterweise hat er auch direkt ein Fähnchen mit seinem Namen mitgebracht – falls doch mal jemand nicht weiß, welcher »Soccerpromi« da steht.


Fotostrecke

  • Franz Beckenbauer bittet seine amerikanischen Fans zur Autogrammstunde. Netterweise hat er auch direkt ein Fähnchen mit seinem Namen mitgebracht – falls doch mal jemand nicht weiß, welcher »Soccerpromi« da steht.
  • Cheerleading durfte in der North American Soccer League (NASL) natürlich nicht fehlen. Johann Cruyff zeigt sich aber völlig intolerant gegenüber fremden Kulturen und zerstört die Formation.
  • Ein findiger Blick auf die Tribüne im Hintergrund enthüllt: Selbst bei Péles Abschiedsspiel war die Hütte nicht voll. Dem Brasilianer wars egal: Nach Abpfiff vergoß der dreifache Weltmeister die eine oder andere Träne.
  • Edelfan Rod Stewart versucht ein wenig von der unvergleichlich lässigen Aura des George Best mitzunehmen – Es gelang ihm nicht.
  • Gelbe Puschel für den Fußball. Ob die Fans im Hintergrund für den niederländischen Profi Willem van Hanegem oder die leicht bekleideten Mädels mit gut sitzenden Fönfrisuren jubeln wird nicht ganz klar.
  • Da Gerd Müller vor seinem ersten Spiel mit den Fort Lauderdale Strikers der Landessprache der Einheimischen noch nicht mächtig war, haben die Fans des Klubs vielsagende Botschaften auf Deutsch für den Bomber vorbereitet.


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Kommentare

  • User
  • 21.01.2011 16:10:04 AntiMöller

    Aber das Tollste ist für mich die Atmosphäre beim Fußball. Da feuert man die Mannschaft nicht auf den Befehl irgendeines Signals an. Die Fans entscheiden, wie sie ihr Team anfeuern und nicht ein Typ, der im Stadion arbeitet.

    Diese naive Unschuld bricht mir fast das Herz. Möge er weiter ein leidenschaftliches Fandasein leben und von dieser perversen Capokultur nie etwas erfahren.

  • User
  • 21.01.2011 16:21:23 Yvy

    Schön auch die Löwenbräu T-Shirts fürn Bayern-Spieler....

    Daß sie seinen Namen auf den Schildern "Mueller" buchstabieren, rechne ich ihnen aber hoch an. Üblich ist ja international Muller

  • User
  • 21.01.2011 16:28:33 Cantona 7

    mal so ne einwände gegen diese ganzen anti-kapo einträge hier im forum...schon mal erlebt was für ne stimmung entsteht wenn mal keine ultras mit kapos im stadion sind ?? (siehe diesen komischen t-home cup auf gelsenkirchen, bei dem die meisten ultragruppen nicht teilgenommen haben). Da bekommt man ja fast angst...mein cousin hat sich da ein paar spiele reingezogen und der fand es "arsch langweilig ohne die ganzen gesänge"...

    klar, vill liegts auch daran das man sich dran gewöhnt hat und es ohne die jungs einfach langweilig wirkt. klar, man kann sich zurecht über gewisse dinge bei den ultras aufregen, aber die leute in der bekommen einfach nichts einheitlich gebacken wenn sie ohne kapo in der kurve stehen...

  • User
  • 21.01.2011 16:35:29 AntiMöller

    @Cantona: ja, ich kenne die Vor-Capozeit auch aus dem Stadioninneren. Und ja, es war schöner! Da wurde geraunt, es gab ein An- und Abschwellen der ATHMOSPHÄRE, je nachdem, wohin der Ball getrieben wurde...

  • User
  • 21.01.2011 16:39:38 Cantona 7

    und auf gesänge stehste goar nisch?

    wie gesagt, bei manchen liedern übetreibens die jungs, da wird dann der text bis zum erbrechen wiederholt...und ob der dauersupport so gut ist, darüber lässt sich auch diskutieren...

  • User
  • 21.01.2011 16:42:08 gelsenkirchen

    in der hinrunde freiburg - schalke waren unsere ultras nicht da, wg. buspanne. stimmung war in ordnung!

  • User
  • 21.01.2011 16:42:11 AntiMöller

    Auf 99 % der Gesänge stehe ich gar nicht. Ich stehe auf rein Spielbezogene Atmosphäre. Das kann unglaublich reinknallen.

  • User
  • 21.01.2011 16:46:44 Cantona 7

    naja aber z.B beim supercup in augsburg anfang des jahres war ich auch dabei...schrecklich, egal ob bayern oder schalke fans, das einzige was wir hingebracht haben war ein "scheisse nuuuuuuuuuuuull 4" aber das ordentlich ....und gemeinsam im chor mit den schalkern...

  • User
  • 21.01.2011 16:49:33 AntiMöller

    Ich sprach von 99 %. Dein Beispiel fällt nicht darunter. Spitzentext! :)

  • User
  • 21.01.2011 16:53:15 Rhoenschaf

    Möge er weiter ein leidenschaftliches Fandasein leben und von dieser perversen Capokultur nie etwas erfahren.

    Mal die Kirche im Dorf lassen, ein Besuch bei einem normalen Bundesligaspiel unterscheidet sich schon sehr deutlich von einem Spiel der NFL.
    Ich hab mir im Rahmen meines USA Aufenthaltes 2 Spiele der Green Bay Packers angesehen und das war eine ganz andere Hausnummer was den Kommerz angeht. Da kann (noch) kein Buliclub mithalten da sind alle Vereine Lichtjahre davon entfernt.

  • User
  • 21.01.2011 16:54:57 Cantona 7

    naja wenigstens kann dich 1 % begeistern!

  • User
  • 21.01.2011 17:32:36 gygax

    "ein Besuch bei einem normalen Bundesligaspiel unterscheidet sich schon sehr deutlich von einem Spiel der NFL."

    Stimmt, sind verschiedenen Sportarten

  • User
  • 21.01.2011 17:56:02 Links_Aussen

    Wenn die Stimmung ohne Ultras heutezutage in diversen Stadien mauer wird, liegt das eher daran, dass die viele Leute die präcapoistische Zeit gar nicht mehr kennen. Sie müssen dann das Spiel schauen statt auf den Capo zu blicken und stellen plötzlich fest, dass da und wie Fußball gespielt wird. Das überfordert die DSDSC (Deutschland sucht den Supercapo) Zuschauer. Wir stürmen? Was schreit man denn da? Welche sind wir überhaupt?
    Müßten, dürften, könnten sie also einige Spiele die selbstgewählte Unmündigkeit verlassen, würden sie wahrscheinlich irgendwann den Dreh wieder raus haben.

    Aber irgendwann werden die Amis sich auch diese Unmündigkeit auferlegen. Bei denen wird der Capo dann vermutlich sogar auf der Leinwand bzw. den Stadionmonitoren gezeigt mitsamt Untertiteln für Gehörlose.

  • User
  • 21.01.2011 19:47:30 gelsenkirchen

    ich glaube tennis ist auch voll kommerz! und leichtathletik, meine herren!

  • User
  • 21.01.2011 19:47:33 rs_vienna

    Cooler Typ, cooles Interview.

  • User
  • 22.01.2011 03:28:35 prazzomoto

    Ich find die Tussie in der ersten Reihe heiss.

  • User
  • 22.01.2011 13:50:14 suppenteller

    wat? die gealterte pipi langstrumpf?

  • User
  • 22.01.2011 14:14:58 Tobi123

    Ich seh da auch nix. Aber soll ja bekanntermaßen Geschmackssache sein.

  • User
  • 22.01.2011 17:27:18 qwertz3000

    Aber das Tollste ist für mich die Atmosphäre beim Fußball. Da feuert man die Mannschaft nicht auf den Befehl irgendeines Signals an. Die Fans entscheiden, wie sie ihr Team anfeuern und nicht ein Typ, der im Stadion arbeitet.

    Vielleicht sollte man auswandern?

  • User
  • 23.01.2011 14:03:33 mehmetwirdankendir

    Ich muss Cantona leider recht geben.
    Wenn wir unsere Amateure anfeuern, ist das auch ein ständiger Schwall von 100 Minuten. Teilweise Chants die eine Minute dauern, ohne sich zu wiederholen. Und ich muss sagen, es macht brutalen Spaß.

    @Anti Möller
    Damals wars einfach einfacher zu supporten. Mann konnte einzelne Spieler anfeuern, weil man gewusst hat, dass er auch in drei Jahren noch Spieler des selben Vereins ist.
    Heute bleibt kaum ein Spieler länger als 3-5 Jahre beim selben Club. Also wozu die Mühe sich was witzig-spritziges einfallen zu lassen? Noch dazu, wo m.E. der einzelne Spieler im modernen Fußball ohnehin keine große Rolle mehr spielt. Austauschbares 0815 Rumgelaber ohne was zu sagen. Nichts als verschiebbares Menschenmaterial. Das einzige was - hoffentlich - bleibt ist der Verein. Feuert man die einzelnen Spieler nicht mehr an, will aber dennoch spielbezogen reagieren, ist es ein einziges Raunen.
    Was, wie ich finde auch einen gewissen Reiz hat, wiederum nur etwas bringt, wenn sich viele dran beteiligen.
    Manchmal ärgert es mich aber auch, wenn einer unserer Spieler schwer gefoult am Boden liegt, wir aber immer noch beim Klopapier in Singapur sind. Naja, kein Vorteil ohne Nachteil.

  • User
  • 24.01.2011 09:13:04 Rhoenschaf

    Stimmt, sind verschiedenen Sportarten
    gygax ernsthaft jetzt? Man warum sagt mir das denn keiner! Ich steh da 3 oder 4 Stunden aufm Stühlchen und schreie mir die Seele ausm Laib "HHHAAAAAAANNNNDDD" "ABSEITS" "Foul" "Schiri kauf dir ne Brille" und so weiter.
    Hier kann man echt noch was lernen :D

  • User
  • 24.01.2011 09:23:04 gelsenkirchen

    @rhoenschaf: mit den packers hast du allerdings noch eines der besseren stadien wohl erwischt. ich war damals da auch, die waren ganz schön laut. green bay, oakland und pittsburgh gelten als die teams mit den lautesten fans.
    natürlich absolut nicht mit fussball vergleichbar, das muss man aber auch nicht, da absolut unterschiedliche sportart und kultur. muss man sich halt drauf einlassen.

    baseball war noch lockerer, das ist eher von der kategorie "sonntagsausflug mit picknick im park", haha!

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