Was von der WM bleibt
Die Stille nach dem Schluss
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
»Ich weiß, was von dieser Weltmeisterschaft in Erinnerung bleibt«, sagte der große Zinédine Zidane. »Der Name des Weltmeisters und die Verweigerung der Franzosen.« War das wirklich alles? Wir ziehen noch einmal Bilanz.
Am Aztekenstadion von Mexiko City hängt eine Bronzeplatte, die an das Halbfinale der WM 1970 zwischen Italien und Deutschland erinnert. Ein Jahrhundertspiel sei dieses 4:3 gewesen, vielleicht sogar das beste aller Zeiten. Gianni Rivera, Italiens »Golden Boy«, schoss damals das Siegtor für die Squadra Azzurra. Fragt man ihn heute nach seiner Meinung zu dieser Partie vor 40 Jahren, lächelt er nur und sagt: »In technischer Hinsicht war es nicht besonders berauschend.«
Eine selten nüchterne Einschätzung. Denn für gewöhnlich neigen die Protagonisten zu den blumigsten Erinnerungsberichten. Kommen sie ins Erzählen, werden sie zum Radioreporter ihrer selbst. Sie sehen es noch einmal vor sich, so wie es damals war: den Pass, den Schuss, das Netz, das sich wölbt.
Aber war es wirklich so? Oder hat sich im Laufe all der Jahre die eine oder andere Übertreibung in die Erzählungen gemogelt? Wie auch immer, die Fans hängen an ihren Lippen. Diese Legenden sind die Substanz all des Redens über Fußball, das ansonsten ziemlich dröge wäre. Und so ist das, was von einem Turnier bleibt, nicht die Erinnerung, sondern die Verklärung.
»Un‘estate italiana« – Ach, 1990!
Von der WM 1970 blieb das Jahrhundertspiel, das keines war. Von der WM 1986 blieben die 20 Sonnen von Guadalajara, Briegels Laufduell mit Burruchaga und der geröchelte Satz des ZDF-Menetekels Rolf Kramer: »Toni, halt den Ball ... Nein.« Von der WM 1990 blieb der über den Rasen des Olympiastadions von Rom schreitende Franz Beckenbauer, der schon vier Wochen vorher gewusst haben will, dass Deutschland Weltmeister würde, und nun seine Apotheose zur Lichtgestalt genoss. Dazu dudelt »Un‘estate italiana« von Gianna Nannini noch immer im kollektiven Gedächtnis. Ach, 1990!
Von der WM 2010 werden uns noch eine Weile die Vuvuzelas in den Ohren klingen. Es war das lauteste und auch das kälteste Turnier aller Zeiten. Was aber wird darüber hinaus in Erinnerung bleiben? Das wissen wir wohl erst in ein paar Jahren, wenn es mit Mythen aufgeladen worden ist.
Wenn es denn überhaupt dazu kommt. Der Stoff dafür ist jedenfalls rar.
Früher bot jede WM ihre ureigene Kulisse. Heute ist alles gleich, egal wo. Der Wanderzirkus der FIFA zieht von Land zu Land, lässt Stadien hochziehen, die einander gleichen wie ein Ei dem anderen, die Werbeflächen sind dieselben und die Pausenclowns, die davor posieren, erst recht. Einziges Zugeständnis an die Regionalkultur sind folkloristische Darbietungen bei der Eröffnungsfeier, wenn vermeintlich landestypische Phantasiewesen im Mittelkreis tanzen. Und trottet ein Zebra durch eine MAZ, ahnt der Fan: Es geht im weitesten Sinne um Afrika.
Aus Heft#105 Sonderheft 2010/11






