Die Geschichte der Fußballfans

11FREUNDE-Spezial: Nr. 1

Die Geschichte der Fußballfans

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01.01.2011

Was von der WM bleibt

Die Stille nach dem Schluss

Text: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

»Ich weiß, was von dieser Weltmeisterschaft in Erinnerung bleibt«, sagte der große Zinédine Zidane. »Der Name des Weltmeisters und die Verweigerung der Franzosen.« War das wirklich alles? Wir ziehen noch einmal Bilanz.

Was von der WM bleibt - Die Stille nach dem Schluss


Am Aztekenstadion von Mexiko City hängt eine Bronzeplatte, die an das Halbfinale der WM 1970 zwischen Italien und Deutschland erinnert. Ein Jahrhundertspiel sei dieses 4:3 gewesen, vielleicht sogar das beste aller Zeiten. Gianni Rivera, Italiens »Golden Boy«, schoss damals das Siegtor für die Squadra Azzurra. Fragt man ihn heute nach seiner Meinung zu dieser Partie vor 40 Jahren, lächelt er nur und sagt: »In technischer Hinsicht war es nicht besonders berauschend.«



Eine selten nüchterne Einschätzung. Denn für gewöhnlich neigen die Protagonisten zu den blumigsten Erinnerungsberichten. Kommen sie ins Erzählen, werden sie zum Radioreporter ihrer selbst. Sie sehen es noch einmal vor sich, so wie es damals war: den Pass, den Schuss, das Netz, das sich wölbt.

Aber war es wirklich so? Oder hat sich im Laufe all der Jahre die eine oder andere Übertreibung in die Erzählungen gemogelt? Wie auch immer, die Fans hängen an ihren Lippen. Diese Legenden sind die Substanz all des Redens über Fußball, das ansonsten ziemlich dröge wäre. Und so ist das, was von einem Turnier bleibt, nicht die Erinnerung, sondern die Verklärung. 

»Un‘estate italiana« – Ach, 1990!

Von der WM 1970 blieb das Jahrhundertspiel, das keines war. Von der WM 1986 blieben die 20 Sonnen von Guadalajara, Briegels Laufduell mit Burruchaga und der geröchelte Satz des ZDF-Menetekels Rolf Kramer: »Toni, halt den Ball ... Nein.« Von der WM 1990 blieb der über den Rasen des Olympiastadions von Rom schreitende Franz Beckenbauer, der schon vier Wochen vorher gewusst haben will, dass Deutschland Weltmeister würde, und nun seine Apotheose zur Lichtgestalt genoss. Dazu dudelt »Un‘estate italiana« von Gianna Nannini noch immer im kollektiven Gedächtnis. Ach, 1990!

Von der WM 2010 werden uns noch eine Weile die Vuvuzelas in den Ohren klingen. Es war das lauteste und auch das kälteste Turnier aller Zeiten. Was aber wird darüber hinaus in Erinnerung bleiben? Das wissen wir wohl erst in ein paar Jahren, wenn es mit Mythen aufgeladen worden ist.

Wenn es denn überhaupt dazu kommt. Der Stoff dafür ist jedenfalls rar.

Früher bot jede WM ihre ureigene Kulisse. Heute ist alles gleich, egal wo. Der Wanderzirkus der FIFA zieht von Land zu Land, lässt Stadien hochziehen, die einander gleichen wie ein Ei dem anderen, die Werbeflächen sind dieselben und die Pausenclowns, die davor posieren, erst recht. Einziges Zugeständnis an die Regionalkultur sind folkloristische Darbietungen bei der Eröffnungsfeier, wenn vermeintlich landestypische Phantasiewesen im Mittelkreis tanzen. Und trottet ein Zebra durch eine MAZ, ahnt der Fan: Es geht im weitesten Sinne um Afrika. 



Aus Heft#105 Sonderheft 2010/11

Die neue Bundesliga-Saison!


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Kommentare

  • User
  • 01.01.2011 13:42:48 Plumpe

    Gibt doch gar keinen Bergbau mehr in Bochum, oder ?

  • User
  • 01.01.2011 18:22:12 Rafael Thunderfart

    Schnellinger, selbst darüber, wie mies das Jahrhundertspiel tatsächlich war.

    Wenn das Spiel mies war, fragt sich, welchen Kriterien ein Spiel genügen muß, um auch nur als halbwegs anständiges Spiel in die Geschichte einzugehen.

    Nein - daß das Spiel mies gewesen sei, ist aus Schnelligers Zitat nicht herauszulesen.

  • User
  • 01.01.2011 20:54:55 AbteilungAttacke

    Das Schöne an diesem Artikel, der niemals den Ruch verliert, von einem Motzki geschrieben worden zu sein, ist, dass er sich ständig selbst widerlegt - wenn man sich denn die Mühe macht, ihn ganz zu lesen.

    Als Kleines Beispiel: Der Stoff dafür ist jedenfalls rar, nur um dann die Selbststilisierung Maradonnas, die Handparade Suarez' oder aber die Selbstzerfleischung der Franzosen aufzuzählen. Und warum die Epigonen nicht selbst Mythos seien sollen, bleibt Herr Gieselmanns ureigenstes Geheimnis.

    Auch spannend die Fokussierung: Da wird die ganze Seite 2 lang über die Fernsehberichterstattung gemäkelt - und die war auch wirklich schlecht. Aber gab es da nicht den ein oder anderen 11Freunde-Bericht, der in die selbe Kerbe schlug ? Nur halt ein bisschen mehr Indie ? Etwa der Reporter, der quer durch den Kontinent reiste und von den Negerlein berichtete oder die wöchentliche Berichterstattung der Cheers-Reporter-WG? Das ist dann wiederum gut, weil ja nicht so Mainstream. Da ist inneres Afrika ok.

    Und manche Sätze sind so meckernd dämlich, dass man nur den Kopfschütteln kann. Wer also darauf hoffte, dass die Spiele in Südafrika in einem typisch südafrikanischen Ambiente stattfinden würden, hätte genauso gut im Budapester Drive-In original ungarisches Gulasch bestellen können. Schlau formuliert, die Beschwerde. Alle Achtung. Aber wer hatte wirklich diese Erwartung ? Welcher Fussballfan, um genau zu sein ? Oder jemand mit einem Hirn. Nur weil Shakira Waka Waka singt ? Das kenne ich noch von der Muppet Show. Oder der Sepp was von Repräsentation faselt ? Also bitte, wirklich. 2006 erwartete doch niemand Deutschland in Lederhosen oder 2002 Südostasien in Samuraikostümen.

    Was aber in Gänze fehlt: Die sportliche Betrachtung - da hätte man wirklich mal was kritisches zu sagen können. Mehr jedenfalls als die gewagte Behauptung, der Diego sei ja nicht so charismatisch wie Oliver Kahn und Iniesta und Xavi seien ja auch nur Retorte. Ja ne is klar, früher war ja auch mehr Lametta.
    Und wie kann eine Taktik halsstarrig sein ? Aber wurscht.

    Die WM 2010 hatte sicherlich viele Schwachpunkte, doch muss sie sich hinter den Veranstaltungen von 1994, 2002 oder auch 2006 jedenfalls sportlich nicht zu verstecken.

  • User
  • 01.01.2011 21:46:41 mehmetwirdankendir

    Ich stehe dem Artikel ambivalent gegenüber.
    Treffend dargelegt ist meines Erachtens die Nivellierung dieses Großereignisses. Katastrophal war die Kartenvergabe. Die FIFA hat erechnet, dass der durchschnittliche Südafrikaner 25 EUR für eine Karte ausgeben könne. Wohl wissend, dass es einen durchschnittlichen Südafrikaner nicht gibt.
    (Nachgewiesenermaßen interessiert sich das obere 1/8 nicht sonderlich für Fußball...)
    Ebenso wurden Standbetreiber, die landestypische Speisen anboten, vertrieben da MC Donalds die alleinigen Rechte an der Verköstigung in Stadionnähe erworben hat.
    Andererseits ist diese Entwicklung nicht neu.
    Abteilung Attacke hat übrigens recht:
    Die WM bietet, trotz der schlechten Rahmenbedingungen, einige bleibende Erinnerungen, die in diesem Artikel nicht aufgeführt sind:
    - Die Tränen nach dem 3. deutschen Tor von Maradona
    - das de Jong-Foul
    - das reguläre Tor von Lampard gegen uns
    - Vincente del Bosque, ein Real Madrid-Urgestein, der es geschafft hat von Barca-Spielern vollumfänglich aktzeptiert zu werden

  • User
  • 02.01.2011 12:49:32 Gruni

    Dem Kommentar von Attacke ist nichts mehr hinzuzufügen. Man möchte fast meinen, dem lieben Dirk ist über Weihnachten die Frau oder der Hund weggelaufen und nun ist die Welt halt schlecht.

    Hier noch mein persönliches Highlight, einfach herrlich banal:
    Wer sich bei einer Weltmeisterschaft ausschließlich in den Stadien bewegt, dürfte alsbald vergessen haben, wo auf der Welt er sich genau befindet.

  • User
  • 02.01.2011 14:49:40 S Block

    Herr Gruni, ganz abgesehen davon, dass man nicht persönlich beleidigend werden muss, was ist denn an diesem Satz so herrlich banal? Was stimmt denn daran nicht? Man muss noch nicht mal nach Afrika schauen, um den Satz zu verstehen.

    Die Stadien ähneln sich immer mehr, höchstens noch zu unterscheiden an dem feil gebotenen - mit Glück örtlichen - Bier. Aber auch darauf kann man sich nicht mehr verlassen. Ohne Erkundungstouren der fremden Gegend abseits einer Fanmeile wird einem kaum etwas in Erinnerung bleiben. FIFA und UEFA machen das schon. Oder der DFB.

    Und die WM 2010 im Vergleich zu der von 1990: Maradona hat man 1990 schon besser heulen gesehen.

  • User
  • 02.01.2011 16:40:31 mehmetwirdankendir

    ... auch nicht mehr am feilgebotenen Bier. Alles Budweiser. Nicht das gute tschechische, sondern der Froschurin aus Übersee.
    Paulaner musste damals in München die Stände extra räumen.

  • User
  • 02.01.2011 18:21:56 Gruni

    Hallo S-Block,

    zunächst einmal verstehe ich unter einer persönlichen Beleidigung etwas anderes. Aber um politisch korrekt zu bleiben werde ich das nächste mal fragen, ob ihm eine Laus über die Leber gelaufen ist. Einverstanden?

    Dann frage ich mich, wie realistisch es ist, sich während einer WM ausschließlich in den Stadien zu bewegen. Oder anders gefragt: Wie blöd muss man sein, um so etwas zu tun? WM-Stadien sind in erster Linie Zweckbauten, die mindestens 40.000 Menschen die Möglichkeit bieten soll, sich ein Fußballspiel anzuschauen. Wenn man Menschen und (Ess)Kultur kennenlernen will, ob in Südafrika, Deutschland oder z. B. in Bremen, muss man halt raus aus dem Betonkasten.

  • User
  • 02.01.2011 19:25:34 AbteilungAttacke

    Auch könnte man anmerken, dass diese Stadion-Uniformität keineswegs "made by WM" ist - obgleich dies auch dem "Event" angekreidet wird. Den Vereinsfussball trifft da doch auch das "tu quoque".
    Wie vieles am Artikel ist es nicht falsch, was Herr Gieselmann schreibt, nur was es mit spezifischer WM-Kritik zu tun hat, erschliesst sich mir jedenfalls nicht.

    Was angesichts des breit angelegten Artikels noch fehlt: Die Korruption bezüglich der Vergabe. Könnte man auch viel darüber meckern - nur hat das was damit zu tun, was (sportlich) von der WM in Erinnerung bleibt ?

    Und eines bleibt leider vollständig aussen vor: Vor der WM gab es nicht wenige Bedenkenträger (ich hatte da auch meine Zweifel), ob die Neger Stadien bauen könne, ob die Neger organisieren können, ob die Neger da nicht alle Touris ausrauben, ob Südafrika mit Temperatur- und Höhenunterschiede nicht eine Art WM im Cocytus ist, kurz, ob bei der erstem WM in Südafrika nicht Nazis auf Dinosauriern herumreiten.
    Und was war ? Nix war.
    Oder ist die erste WM auf afrikanischem Boden schon so normal, so selbstverständlich, dass dies nicht mal eine Zeile Wert ist ? Dafür aber die nervigen Tröten und der olle Paul ?

    Dass der Artikel dann noch mit Berufung auf Zizous Zitat eingeleitet wird, macht es noch bizarrer, wenn man seine Rolle bei der "Verweigerung" der Franzosen denkt. Da würde ich mich an seiner Stelle auch an nix anderes erinnern können.

  • User
  • 02.01.2011 22:36:30 feuerwehrmann

    Dieser Artikel trieft dermaßen von Selbstverliebtheit in die vermeintliche Anmut und Intelligenz der eigenen Worte, dass der Inhalt zur Nebensache geraten ist...

    "In ihrer sämigen Fußballerexistenz, die nur zwischen Stadion und Hotel oszilliert" oder "Shakira, der singende Popo" sind nur zwei von vielen bemühten Formulierungen oder Wortspielen auf die der Verfasser wahrscheinlich sehr stolz ist (wenn er sie nicht ebenso abgeschrieben hat wie die Formulierungen "...schaffte sich ab..." von Sarrazin oder "spätrömische Dekadenz" von Westerwelle). Nur leider haben diese Wortakrobatiken mit der Sache Fußball nicht das geringste zu tun.

    Jede WM steht für sich. Man kann 1970 auch in keinem anderen Bereich des Lebens mit 2010 vergleichen. Warum muss immer alles verglichen werden? Man muss weder die unbestreitbare Kommerzialisierung mögen noch den modernen 4-4-3 oder sonstwas Systemfußball oder gar Spaniens "Tiki-Taka"; man muss auch nicht vergleichen, was nun besser oder schlechter war: Beckenbauers Schlinge oder die Gipsmanschette von Berthold 1986, das Team der Ungarn 1954 oder das der Engländer 1966, Pelé oder Maradona oder Platini oder Messi oder, oder, oder. Ich habe die Spiele, die mir gefallen haben genossen und wenn ein Spiel öde war, habe ich die Glotze ausgeschaltet und was anderes gemacht, na und? Vielleicht habe ich die Glotze 2010 öfters als 2006, 2002 oder 1986 oder sonstwann ausgeschaltet, kann sein, na und? Wer schaut denn auch allen Ernstes irgendwelche von Ex-Schwimmerinnen moderierten Dokus oder Waldis WM Club mit den C- und D- Promis des Fußballs??? Da ist mir jedes Kreis- oder Bezirksligaspiel lieber... Im Supermarkt gibt es auch Regale voller Tampons, trotzdem kaufe ich keine! Und schon gar nicht beschwere ich mich an der Kasse über das Tampon-Angebot...

    Ich sehe also keinen Grund, hier so einen "Motzki"-Artikel (ganz recht, Abt. Attacke!) über die WM 2010 zu verfassen. Andererseits: seien Sie doch froh, Herr Gieselmann, wäre die WM 2010 die beste WM seit 1934 gewesen - Sie hätten vielleicht nie die richtigen Worte dafür gefunden und diesen Artikel nie schreiben können.

  • User
  • 02.01.2011 22:46:11 Jim Panse

    Was bleibt:
    Die Skandale (Massenmord, unfertige Stadien, Rückkehr der Apartheid) blieben aus oder wurden großzügig verschwiegen.

    Ansonsten eine WM ohne Highlights, zum vergessen eben.

  • User
  • 02.01.2011 23:13:56 Orangeat und Sukkade

    Mal davon abgesehen, dass Erinnerungen an so ein breitgefächertes Sportereignis doch meistens eh sehr subjektiv sind. Als Tore André Flo Brasilien 1998 im Hintergrund abschoss, habe ich an meiner ersten Freundin herumgeknabbert... Und die WM bot dann doch genügend (Halb-)ereignisse, die man mit persönlichen Dingen kombinieren kann. Die 2002er-WM war auch nicht so super. Davala Ümits Golden Goal oder was es war, gegen den Senegal, habe ich im Stummfilm vor dem Geschäft "HiFi-Fischer" gesehen, anschließend hat mich der Zahnarzt ausgemeckert, wegen der Verspätung. Wen interessieren da schon Hyundai und Budweiser, zumal es vorab eh schon bekannt war...?

  • User
  • 02.01.2011 23:19:33 Jim Panse

    Für mich bleibt eine Szene bei der WM in den USA unvergessen, als alle Zuschauer auf die Uhr schauten, jubelten und sich anschließend wunderten, dass die Partie noch weiterläuft. Wie bei so ziemlich allen amerikanischen Sportarten lief die Uhr nämlich rückwärts, aber im Soccer ist eben nicht zwangläufig nach 90 Minuten Schluß. Und Böörti Böörti Vogts von Stefan Raab, aber sonst ist auch diese WM passé.

  • User
  • 02.01.2011 23:33:13 AbteilungAttacke

    Und diese WM - zumindest aus deutscher Sicht - wird sicher länger in Erinnerung bleiben als 94, 98 und vielleicht sogar 2002 (trotz Oliver Kahns Paraden), einfach weils der schönste, deutsche Fussball bei einem dieser Turniere seit laaaaangem war. Das 4:1 und 4:0, der Müller-Torschützenköniog (der Junge heisst Müller, Diego), Klose Reborn, Wembley Reloaded, mal wieder in der Vorrunde gegen eine Balkanmannschaft abgekackt, zittern im dritten Gruppenspiel, Abwehrschlacht gegen Spanien... stimmt, wenn ich so darüber nachdenke, ziemlich belanglos, das Turnier.

  • User
  • 02.01.2011 23:36:27 feuerwehrmann

    Welches Turnier eigentlich...? Worüber reden wir? War schon WM???

  • User
  • 02.01.2011 23:39:07 Orangeat und Sukkade

    Mich regt es auch immer wieder auf, was die WM 2002 doch für ein Feedback bekommen hat. Teilweise natürlich auch zu Recht! Aber dies war meine verdammte WM, in einem Alter, in dem man das exessive Biertrinken und so entdeckt und die Eltern langsam milde werden, was die Rückkehr im Morgengrauen usw. angeht. Deutschland-Saudi-Arabien, in einem Alter, in dem man noch ohne schlechtes Gewissen die Bild-Schlagzeilen vor sich hinsummen durfte. 8:0 beim Grillen im Sommer. Bierhoff macht auch noch seine Bude. Das 1:1 von Robbie Keane - im Stau, auf der Autobahn, im Radio! Deutschland - Kamerun, früher aus der Schule getürmt, in der Halbzeit vor Aufregung Darmdurchbruch. Bode mit der Bude! Bode, der fairste Spieler aller Zeiten. Welch Verklärung! Paraguay als einziges Vormittagsspiel bei dieser WM. An einem Samtag! Welch Glück! In der Schulpause Tage später das Radio angestellt - wer wird unser Gegner im Viertelfinale? Der ewige Geheimtipp Mexiko? Oder das Fußball-Entwicklungsland USA? Ja! Die Amis! Das Halbfinale als bis dato letztes Spiel mit Vattern zusammen geguckt ("Krieg dich mal wieder ein! Nur weil da ein Tor gefallen ist!" - zu Recht als bis dato letztes Spiel!). Dann die schlaflose Nacht vorm Finale, das selbstorganisierte WM-Studio zum Endspiel, das Unwetter bei den Hymnen, Klebersons Lattenknaller, der kleine Mob in meiner Heimatstadt.

    Trotzdem war sie nicht toll, diese WM. Alles in allem. Gebe ich freimütig zu...

  • User
  • 03.01.2011 00:12:09 the barbarossa

    Der Artikel ist wunderbar! Zynisch, aber was ist eine WM denn heute noch? Natürlich mal abgesehen von den Spielen. Da waren schon einige dabei, die ich auch nicht vergesse.

    Und was bleibt über? "Plastik"

  • User
  • 03.01.2011 10:18:00 AbteilungAttacke

    Barb, wie ich schon oben schrub: Mag ja sein, dass das alles nunmehr künstlich ist. Aber: Was genau hat das spezifisch mit der WM zu tun ? Statt dessen könnte man auch einen Text schreiben, dass Fussball generell scheiße ist. Ersetze WM durch CL und und denke man sich die TV-Kritik weg, kann man den Artikel geradezu beliebig austauschen. Mit dem Titel, wie gesagt, "früher war mehr Lametta". Man muss nicht mal die Spielernamen austauschen. Damals in der CL, der Zidane, der Olli, boah wat waren dat Helden. Der Diego trifft diese CL-Saison ja nichma das Wasser, wenner aussem Boot fällt. Einfach weiller nich' sonne Aurora hat, ganz klar.

    Sportlich kommt da zu wenig. Wie schauts zum Beispiel damit aus, dass der Vorrundenmodus zu aufgebläht ist ? Wie sieht es mit den- gefühlten - vielen öden Vorrundennummern aus ? Was ist der wahre Grund, warum Favoriten wie Messi, die Engländer oder - in geringerem Maße - Ronaldo, nicht glänzten ?
    Da kommt wenig bis gar nix, allein kurz wird auf das olle "Überspielt"-Argument eingegangen, wogegen aber schon kundige Leute hier im Forum argumentiert haben, dass dies allein wohl kaum eine Erklärung ist. Iniesta und Schweinsteiger haben nicht weniger gespielt und "Überspielt sein" erklärt kaum die grottige Gesamt-Nichtleistung der Engländer in der Vorrunde.

    Einen "zynischen" Anti-WM-Vermarktungsartikel kann man ja schreiben - aber 5 Seiten trägt das Thema kaum, wie der Text oben m.E. hübsch zeigt.

  • User
  • 03.01.2011 12:28:17 feuerwehrmann

    "...aber was ist eine WM denn heute noch? Natürlich mal abgesehen von den Spielen."

    Hört sich an wie: "Was ist denn ein Hawaii-Toast heute noch? Mal abgesehen vom Käse, dem Schinken und der Ananas." Was außer den Spielen macht denn eine WM aus?

    "Früher bot jede WM ihre ureigene Kulisse. Heute ist alles gleich, egal wo."

    Und das hört sich in der Tat an wie: "Früher war mehr Lametta!". Da kann man AbteilungAttacke nur recht geben.

    Müssen die FIFA oder die Sender also auch die kulturellen Besonderheiten des Gastgeberlandes auf die heimischen Bildschirme bringen? Müssen die DFL und SKY dann auch die norddeutsche Mentalität rüberbringen, wenn der HSV zuhause spielt, oder Biergartenfeeling aus München?

    Sportlich hatte die WM, wie auch Attacke richtig bemerkt, schon einiges zu bieten. Für mich war diese WM mehr denn je vom sogenannten Systemfußball geprägt. Die Siegenthalers dieser Welt scheinen mit ihren Analysen des Gegeners vor dem Spiel mehr und mehr an Bedeutung zu gewinnen und so wird versucht, die Schlacht bereits am Reißbrett zu gewinnen. Eine Folge von diesen taktischen Korsetts, die den Spielern angelegt werden, sind dann öde und emotionslose taktisch geprägte Spiele. Haben sich nicht gerade Löw und die N11 den Vorwurf nach dem Halbfinale anhören müssen, dass zwar hinten alles gut stand, man aber nach vorne zu emotionslos, mit zu wenig Mut und Herz gespielt habe. Aber das ist nur meine laienhafte Meinung und eine sportlich orientierte, fachmaännisch fundierte Diskussion des Erbes der WM 2010 bietet der Artikel wie gesagt leider nicht.

    Ein Punkt, der dauerhaft von der WM bleiben wird, lässt sich jedoch leicht finden: von 1966 blieb und bleibt in erster Linie (für uns Deutsche) das Wembley-Tor; nach 2010 wird die Erinnerung an das Wembley-Tor aber ergänzt durch "die Rache", oder "den Ausgleich" für das Wembley-Tor. Das dieses Tor überhaupt gegeben wurde, ist übrigens nur Manuel Neuer zu verdanken. Hätte er nicht geistesgegenwärtig weitergespielt, als ob nichts gewesen ist, wären den Schiris möglicherweise doch noch Zweifel gekommen. Nicht wenige hätten, ob der Eindeutigkeit des Nicht-Tores, nicht einfach so weitergespielt. Neuers Reflex war der Initiator und Wegbereiter für dieses legendäre Nicht-Tor. Auch so eine Geschichte der WM 2010...

    Jeder hat seine Geschichten, die eine WM zu etwas besonderem machen. Pauschal und für alle zu urteilen: das war nix!, halte ich für unangebracht.

    Früher war mehr Lametta...

  • User
  • 03.01.2011 14:12:27 Rafael Thunderfart

    Zidane nimmt seine revoltierenden Landsleute viel zu wichtig. In schnellebigen Zeiten wie diesen bleibt von großen Turnieren generell nicht viel, jedenfalls nichts, worauf sich die Akteure und Zuschauer aller Länder problemlos zu einigen vermöchten. Der defensivtaktische Trend bei Teams wie Brasilien, Holland, Portugal war wohl der Erfahrung geschuldet, daß Teams voller überspielter Stars bei einem großen Turnier schnell mal den Biegerich machen.

  • User
  • 04.01.2011 10:21:36 AbteilungAttacke

    Das ganze wird ja dadurch noch absurder, als das der gute Zizou bei der Palastrevolute zumindest teilweise den Isnogud gab. Klar, wenn ich Putschist wäre, würde ich mich im Jahre meines Putsches auch vor allem daran erinnern....

  • User
  • 04.01.2011 11:38:35 rumpler

    Aber gab es da nicht den ein oder anderen 11Freunde-Bericht, der in die selbe Kerbe schlug ? Nur halt ein bisschen mehr Indie ? Etwa der Reporter, der quer durch den Kontinent reiste und von den Negerlein berichtete oder die wöchentliche Berichterstattung der Cheers-Reporter-WG?

    Ich nenne mal nur Esther Koogelboom - oder wie das Ding heißt.

    Und die voll coolen Superreporter, die jeden Tag in die eine gleiche Kneipe rennen - total "indie"!

  • User
  • 06.01.2011 00:59:18 kune

    Diese WM hat doch genug Geschichten, die man sich noch in 50 Jahren erzählen wird: Spieleraufstand der Franzosen, der Green-Keeper, der Sieg von Bloemfontein inklusive Rache für Wembley, Maradonas Tränen, Gyans Lattenknaller mit vorhergehendem Handspiel auf der Linie und am Ende hat die unbestritten beste Fußballmannschaft gewonnen.

    Sicher kann man den Kommerz um den Fußball beklagen. Ich finde die Gruppenphase der Champions und Europa League auch nicht besonders interessant. Aber trotz FIFA-Drumherums ist eine Weltmeisterschaft geradezu altmodisch, die Spieler werden hier nicht auf dem freien Markt gehandelt. Zwar kann man auch für das Land seiner Großmutter spielen, aber wenn man das einmal in einem Pflichtspiel getan hat, ist man festgelegt. Außerdem gibt es eine WM nicht jedes Jahr. Ich kann alle Weltmeister seit dem ich geboren bin im Schlaf aufsagen, ich habe aber schon Probleme den Champions-League-Sieger von 2007 zu benennen.

  • User
  • 21.02.2011 16:30:51 GoPanse

    was überbleibt ist klar :

    8 Stadien, von denen in 7 seit der WM kein Fußballspiel mehr stattgefunden und 5 (!!) seit der WM keine einzige Veranstaltung mehr beherbergten.

    Und wenn Gieselmann sich an nicht s erinnern kann oder will ist das doch klar, er wird alt. Ist bei mir genauso. Die erste WM an die ich denken kann war 1986 und da war alles tooll, weil man als kleiner Knirps eben alles mit Fußball toll findet, 90 Weltmeister also auch toll; 94 mau, 98 noch mauer, 2002 okay, aber irgendwie keine Stimmung, 2006 geilste WM aller Zeiten, 2010 ordentlich, aber auch null Stimmung (dafür die N11 teilweise Weltklasse).

    Es bleiben die weißen Elefanten.

  • User
  • 21.02.2011 16:33:21 gelsenkirchen

    9warum war denn 98 mauer als 94???

  • User
  • 21.02.2011 16:41:47 GoPanse

    ich persönlich fand 98 nicht so gut, 94 hatte noch dieses flair, dass die spiele spät abends waren und man sogar für ein nachtspiel aufbleiben musste und ich war charakterlich noch nicht so weit, dass ich mir eingestehen konnte, dass die deutsche Mannschaft zu alt und zu schlecht war um Weltmeister zu werden, hatte also noch grenzenlose zuversicht, was 98 gar nicht mehr der fall war; furchtbare truppe damals auf dem Platz und mit 2000 und 2004 das schlechteste deutsche turnier, an das ich mich erinnern kann.

  • User
  • 21.02.2011 16:48:34 oberhofer

    Ich fand die WM '98 von der Stimmung und den sportlichen Darbietungen her besser als 2006. Das Halbfinale Brasilien gegen Holland steht in einer Reihe mit Deutschland - Frankreich '82. Tolle WM.

  • User
  • 21.02.2011 16:57:11 GoPanse

    ja, holland-brasilien war stark 98, aber es war irgendwie auch viel leerlauf, was aber unbestritten auch 2006 der fall war (ich habe nur karten für portugal-angola in köln, eine absolute katastrophe....) trotzdem ist mir im nachhinein 2006 als "gesamtwerk" irgendwie sehr positiv in erinnerung, während ich 98 meist mit dem schrecklichen 0:3 (WÖÖÖÖÖÖRNS!) gegen Kroatien assoziiere und dabei solche Perlen wie Brasilieln-Holland oder auch das gute Endspiel verdränge. Aber wir sind uns doch alle einig, jede WM hat für jeden Geschichten, an die er sich ewig erinnern wird.

    86 - für mich der Russe, der 5 Buden in einem Spiel gemacht hat und Toni Schumachers Abwurf, mit dem er das 2:0 gegen Frankreich einleitete
    90 - Loddars Solo, Olaf Thon beim 11m schießen rechts oben in den Winkel, Roger Milla
    94 - Hagi, Effe, Tante Käthe, Bergkamps super Tor
    98 - WÖÖÖÖRNS !
    2002 Kahn, 8:0, Ballacks Opfergrätsche, Neuville gegen Paraguay
    2006 Lahms Tor, Frings Hammer, 11m Zettel, Rosickys Tor, Maxi Rodriguez gegen Mexico, Neuville gegen Polen
    2010 4:2, 4:0, Krake Paul, er heißt Müller, Diego; Neuseeland ungeschlagen, Uruguay gegen Ghana, Holland....war doch super, die WM

  • User
  • 21.02.2011 18:32:44 gelsenkirchen

    98 habe ich als sehr gute wm in erinerung, mit vielen guten spielen, einem fast-jahrhundertspiel (das von obi erwähnte brasilien-holland), einem sehr ansehnlichen finale, vollen stadien, einer angenehmen überraschung (kroatien). da fand ich 94 und 02 bedeutend lahmer. ich glaube bei 06 ist man befangen.
    10 war mau, allein dass es über eine woche gedauert hat um überhaupt mal ein gutes spiel vorgesetzt zu bekommen.

  • User
  • 21.02.2011 18:34:11 gelsenkirchen

    der russe (oleg salenko) der 5 tore in einem spiel gemacht hat war 94.

  • User
  • 21.02.2011 19:52:34 AbteilungAttacke

    @ gopanse

    Warum stelle ich mir nur vor, dass du "Wööööörns" so aussprichst ?

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