Die Geschichte der Fußballfans

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22.06.2011

Peter Shilton im Interview

»Maradona fehlten die Eier«

Interview: Alex Raack  Bild: Imago

Manche dachten, er hört nie auf zu spielen: Erst mit 46 Jahren beendete der englische Torwart Peter Shilton seine Karriere. Wir sprachen mit ihm über die »Hand Gottes«, seine Nachfolger und Küsse von Brian Clough.

Peter Shilton im Interview - »Maradona fehlten die Eier«


Peter Shilton, die Welt kennt Sie als einen der besten Fußball-Torhüter aller Zeiten. Heute arbeiten Sie als »After Dinner Speaker« und treten in Tanzshows auf. Ist Ihnen die Lust am Fußball vergangen?

Überhaupt nicht. Aber ich habe 30 Jahre lang den gleichen Job gemacht: Fünfmal in der Woche Bälle gehalten und am Sonntag im Tor gestanden. Als Torwarttrainer würde meine Arbeit so aussehen: Fünfmal in der Woche Bälle aufs Tor schießen und am Sonntag auf der Bank sitzen. Das will ich mir nicht antun.



Als Sie nach der WM 1990 Ihre internationale Karriere beendeten, übernahmen Sie allerdings prompt den Torwarttrainer-Posten in der englischen Nationalmannschaft...

...was ein Fehler war.

Wieso?

Weil es dafür viel zu früh war. Eben noch stand ich in Italien bei der Weltmeisterschaft für mein Land zwischen den Pfosten, nun sollte ich meine ehemaligen Kontrahenten trainieren. Das hat nicht funktioniert. Heute fehlt mir die Motivation mit Profis zusammen zu arbeiten. Beim Nachwuchs ist das etwas anderes. Mit Kindern arbeite ich gerne.

Warum?

Weil die Welt glaubt, England könne keine guten Torhüter produzieren. Das ist Unsinn.

Die letzten Jahre haben allerdings nicht gerade das Gegenteil bewiesen. Immer wieder stehen englische Torhüter in der Kritik.

Teilweise ja auch zu Recht. Unsere Gilde hat sich auf internationaler Ebene nicht mit Ruhm bekleckert. England fehlt ein Torwart, der in den vergangenen fünf oder sechs Jahren unumstritten die Nummer eins zwischen den Pfosten war. Einen Oliver Kahn oder Jens Lehmann haben wir in der jüngeren Vergangenheit nicht gehabt. Aber das bedeutet nicht, dass wir nur schlechte Torhüter besitzen – das Talent ist da, was fehlt ist die Konstanz.

Torhüter Robert Green wurde von der englischen Öffentlichkeit regelrecht zerfleischt, als er bei der Weltmeisterschaft gegen USA mit einem Fehler den Ausgleich einleitete. Können junge Torhüter in so einem Klima überhaupt wachsen, wenn sie wissen, dass jeder Fehler brutal bestraft wird?

Nein, und das ist ein weiteres Problem unserer Gesellschaft: Wir scheinen nur darauf zu warten, dass ein Torhüter wieder einen dummen Fehler macht. Dann sind wir da und hacken auf ihn ein, bis er vor lauter Schmerzen nicht mehr aufstehen kann.

Aktuell wird Joe Hart von Manchester City als möglicher Kandidat für den Posten des Stammtorwarts in der Nationalmannschaft gehandelt. Kann er die Ansprüche erfüllen?

Ich glaube schon. Joe ist ein überaus talentierter Schlussmann. Er bringt alles mit, um eine große Nummer eins zu werden. Aber er ist jung und hat noch nicht viele Möglichkeiten erhalten, sein Talent unter erschwerten Bedingungen zu beweisen.

Joe Hart ist 23 – in seinem Alter hatten Sie schon mehr als 150 Ligaspiele und eine Handvoll Länderspiele absolviert.

Das stimmt, aber ich habe auch meine Fehler gemacht und dadurch erst reifen können. Die hat nur nicht jeder gesehen. Wir hatten damals mehr Zeit, damit aus talentierten Fußballern gute Fußballer werden.

Sie wurden einer – und später sogar Teil der Europapokal-Geschichte, als Sie mit Nottingham Forest 1980 den Europacup erfolgreich verteidigten. Durch ein 1:0 gegen den Hamburger SV...

Um ehrlich zu sein: Ein verdienter Sieger waren wir nicht. Wir machten ein schnelles Tor (John Robertson traf nach 19 Minuten, d. Red.) und igelten uns dann in der eigenen Hälfte ein. Wir waren müde, hatten fast 60 Saisonspiele in den Knochen und dann auch noch dieses Finale – also hofften wir auf einen dreckigen Sieg und hatten Glück.

Nottingham Forest wurde damals vom charismatischen Brian Clough trainiert. Was hat Clough so besonders gemacht?

Es klingt abgedroschen, aber er konnte aus seinen Spielern das Beste herauskitzeln. Fragen Sie mich nicht, wie er das gemacht hat, aber so eine Gabe haben in der Geschichte des Fußballs nur wenige Trainer besessen. Er hatte für jeden seiner Spieler ein Mittel, um dessen Qualitäten zur vollen Entfaltung kommen zu lassen.

Tony Woodcock hat von einer eigentümlichen Macke Cloughs gesprochen. Demnach soll er seine Spieler gerne auch einmal abgeküsst haben, nur um ihnen einen Tag später die kalte Schulter zu zeigen.

Ehrlich? Davon weiß ich nichts. Wahrscheinlich ging die Knutscherei los, als ich den Verein bereits verlassen hatte. Oder Tony war der Einzige, der die Küsse vom Trainer bekam. Im Ernst: Solche Spielchen waren typisch für Clough. Mal war seine Stimmung gut, mal war sie schlecht – einen Mittelweg kannte er nicht.


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Am 18. September 1949 in Leicester geboren, fällt der junge Schüler-Torwart mit 13 Jahren erstmals dem großen Gordon Banks auf. Der gibt seinem Trainer den Tipp, den vielverprechenden Nachwuchsmann im Auge zu behalten – vier Jahre später verdrängt Shilton Banks aus seinem Kasten.


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  • Am 18. September 1949 in Leicester geboren, fällt der junge Schüler-Torwart mit 13 Jahren erstmals dem großen Gordon Banks auf. Der gibt seinem Trainer den Tipp, den vielverprechenden Nachwuchsmann im Auge zu behalten – vier Jahre später verdrängt Shilton Banks aus seinem Kasten.
  • Im Mai 1966 gibt Shilton – blutjunge 16 Jahre alt – sein Erstliga-Debüt für Liecester gegen Everton. 1967 gelingt ihm gegen Southampton gar ein Tor vom Anstoßpunkt aus.
  • Wesentlich beeindruckender als seine Torgefahr sind Technik, Talent und Athletik, mit denen Shilton die Liga aufmischt. Mit 19 erreicht er 1969 sogar das FA-Cup-Finale, scheitert jedoch an Manchester City. Shilton wird nie wieder in seiner Karriere in einem FA-Cup-Finale stehen.
  • England calls. Im November 1970 gibt Shilton sein Debüt gegen die Nationalmannschaft der DDR. Nachdem Gordon Banks bei einem Autounfall 1972 ein Auge verliert, streiten sich Shilton und Ray Clemence um den Platz im engliglischen Tor.
  • 1974, nach 268 Spielen für Leicester folgt Shilton seinem Idol Gordon Bank und wechselt zu Stoke City. Drei Jahre und 110 Spiele später zieht es den Nationalkeeper zu Nottingham Forest.
  • Die 250.000 Pfund Transferkosten sind gut angelegt – Nottingham gewinnt 1977/78 die Meisterschaft, Shilton lässt in 37 Ligaspielen nur 18 Gegentreffer und wird 1978 zum »Spieler des Jahres« gewählt. 1979 holt Forest sensationell den Europapokal der Landesmeister, im Finale von München schlagen die von Brian Clough trainierten Engländer den schwedischen Vertreter Malmö mit 1:0.


Kommentare

  • User
  • 11.11.2010 10:27:55 L3v3l0rd

    Sehr sympathischer Mensch. Hut ab!

  • User
  • 11.11.2010 11:13:59 gelsenkirchen

    Nein. Wie hätte Neuer in diesem Bruchteil einer Sekunde erfassen können, was passiert war? Ich mache auch den Schiedsrichtern keinen Vorwurf, jedenfalls nicht so rabiat wie meine Landsleute. Lampards Schuss war so hart, so gewaltig und der Ball daher so schnell, dass es einfach verdammt schwer zu erkennen war, ob er drin war oder nicht.

    danke! ich fand es unerträglich wie jeder, vom sofa aus, in bester tv-perspektive mit 90-facher zeitlupe auf dem bildschirm meinte, dass der schiedsrichter dieses tor hätte sehen MÜSSEN.

  • User
  • 11.11.2010 11:14:57 Jim Panse

    Pfft. Ich habs sogar gesehn ohne hinzuguggn.

  • User
  • 11.11.2010 11:18:31 gelsenkirchen

    ach so: außerordentlich angenehmes interview. hätte shilton so gar nicht eingeschätzt, so bescheiden.

  • User
  • 11.11.2010 11:37:17 MarcRamone

    Also ich kann mich noch an eine Aussage von Neuer erinnern in der er selbst sagte, er habe versucht so zu tun als wäre nichts gewesen und er hat den Ball so schnell wie möglich wieder ins Spiel gebracht, um den Schiri davon abzulenken und auf Trapp zu halten.

    Das wird (oder wurde) auch hier nochmal thematisiert:

    Eine andere Quelle mit seinen eigenen Worten finde ich jetzt gerade nicht.

    welt.de - Manuel Neuers Betrug ist kein Kavaliersdelikt

    Trotzdem klasse, wie Shilton das sieht!

    Ansonsten:
    Mit Torkamera und / oder Chip im Ball und technischer Unterstützung wäre das Tor sofort nicht gegeben worden. Da haben wir den Salat, wieder ein Thema weniger auf dem Stammtisch... nämlich dieses Tor zu einem legendären Spiel. Man würde darüber nicht mehr reden...

    Bei Maradona finde ich, kann er sich nicht so ganz in dessen Lage versetzen. Ich verstehe wie Shilton es meint, aber irgendwie kann ich Maradona nachvollziehen.

    Aber sind auch die zwei polarisierendsten Themen im Interview und sollten nicht vom Rest ablenken. Das Interview finde ich klasse!

  • User
  • 11.11.2010 11:40:37 LowerRhenania

    Ich hab ihn das erste Mal bei der WM 90 wahrgenommen, aber der Typ war ja wirklich IMMER schon dabei. Wieviele Länderspiele hat der denn bitte gemacht? Unfassbar!
    Und den richtigen Zeitpunkt zum Rücktritt hat er auch noch gefunden.

    Sehr sachlicher Kommentar zum Blaomfontein-Tor; aber er hat ja schließlioch auch mal selbst so ein Ding rausgefischt...

  • User
  • 11.11.2010 11:42:13 LowerRhenania

    Bloemfontein heißt es natürlich

  • User
  • 11.11.2010 11:45:20 L3v3l0rd

    Heute 10:54:25 von giselher
    Peter Shilton, sie haben 125 Länderspiele und 1005 Ligaspiele absolviert.

  • User
  • 11.11.2010 11:47:39 gelsenkirchen

    @MarcRamone: ja, den kommentar habe ich auch gelesen. allerdings sagte neuer meines wissens nicht, dass er sich sicher war dass der ball im tor war. ich glaube er spielte einfach weiter um nach aussen darzustellen dass der ball eben nicht drin gewesen wäre. dass er das selber gesehen hat, auch wenn er mit dem gesicht dem ball zugewandt war, glaube ich nicht. das war wirklich der bruchteil einer sekund und er hängt dabei noch quer in der luft.
    naja, eigentlich wollte ich so eine diskussion nicht anschmeissen. ich war nur zufrieden mal eine nüchterne betrachtung des ganzen zu lesen.

  • User
  • 11.11.2010 12:13:04 MarcRamone

    Ja, das Tor sollte nicht weiter vertieft werden. Ich wollte nur kurz zeigen, dass auch Schalker kritisch mit den eigenen Jungens sein können...

    Und Shilton (ich will immer aus Gewohnheit
    Sheldon schreiben) war schon klasse. Mir gefällt übrigens seine Sicht auf den Torwarttrainerjob sehr gut!

  • User
  • 11.11.2010 12:46:51 Donaldo

    "Peter Shilton, die Welt kennt Sie als einen der besten Fußball-Torhüter aller Zeiten"

    Echt jetzt? Ich hab' ihn nur im zweiten Drittel seiner Karriere erlebt, aber sooo gut war er doch nun auch wieder nicht...

    (Das Interview ist übrigens Spitze)

  • User
  • 11.11.2010 17:57:15 Rafael Thunderfart

    Trotzdem klasse, wie Shilton das sieht!

    Er hat wohl die nötige Reife, um einzusehen, wie lächerlich es ist, die Schuld an der engl. WM-Performance dem Referee in die Schuhe zu schieben. Soweit ich sehe, ist das Gegreine über den Schiedsrichter auf die unvermeidlichen hyper-nationalistischen Bierärsche beschränkt. Unschön für den Schiri - er wäre nicht der Erste, der nach Morddrohungen englischer Patriotards seine internationale Karriere an den Nagel hängen muß.

    Ebenso lächerlich ist es, Neuer einen Vorwurf zu machen. Daß ein Fußballspieler in einer solchen Situation reflexartig handelt, heißt nicht, daß er seine Handlungen reflektiert, sondern das Gegenteil. Ein Fußballspieler, der in solcher Lage etwas anderes tut, als sich den Ball zu schnappen und ihn wieder ins Spiel zu bringen, tut wahrscheinlich auch in anderen Grenzsituationen nicht das Richtige. Er ähnelt einem Orchestermusiker, der, nachdem er einen falschen Ton getroffen hat, vor Schreck das Spielen einstellt.

    Als Sie mit Nottingham 1980 den Europapokal-Sieg von 1979 wiederholten, waren Sie bereits seit zehn Jahren Teil der englischen Nationalmannschaft


    1980 war Ray Clemence die Nummer 1 im englischen Tor.

  • User
  • 11.11.2010 18:12:09 gelsenkirchen

    es steht doch auch nur "teil" da, nicht "nr. 1".

  • User
  • 11.11.2010 18:24:57 WorpswederTyp

    Genau wegen solchen Interviews liebe ich 11Freunde! Ihr könnt euch mit gutem Recht "das Magazin für Fußballkultur" nennen!

  • User
  • 13.11.2010 01:44:18 Veltinsbauch Eufi

    England wäre weitergekommen, wenn das Tor von Lamps gegeben worden wäre...

    So ein Skandal... !!! Die deutsche Abwehr is eh schon geschwommen...

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