Eine Hommage an den Kicker-Almanach
Die Bibel des Fußballs
Text: Ulrich von Berg Bild: Imago
Der Kicker-Almanach war in den 50er Jahren für viele das Nachschlagewerk schlechthin. Zahlen und Statistiken über Spiele und Spieler – wer sich im Fußball auskennen wollte, schlug auf den bleiüberfluteten Seiten nach.
Hat Spieler A eigentlich mehr Länderspiele oder Spieler B? Wer erzielte im Jahr C beim Spiel gegen D das entscheidende Tor? Wo fand noch mal das Europacupfinale im Jahr E statt? Auf welchem Platz landete Bundesligist F in der Saison G? Kickte Spieler H zuerst bei Verein I und dann bei Verein J oder war’s umgekehrt? Wer kennt sie nicht, all diese trivialen Fragen, die bei Streitgesprächen oder anlässlich Wetten beantwortet werden wollen, die einem aber oft auch ohne Anlass, wie aus dem Nichts, in den Sinn kommen. Für Klärung sorgt, falls die gesuchte Information nicht zu abwegig oder höchstens von lokaler Bedeutung ist, seit mehr als einem halben Jahrhundert der »Kicker–Almanach«.
Das vor Namen, Resultaten und Tabellen schier überquellende, hinsichtlich seiner optischen Aufbereitung aber auf jeglichen Schnickschnack verzichtende (Obacht, Bleiwüste!) und inzwischen weit über 700 Seiten umfassende Paperback ist für wohl die meisten, die den Kopf voll Fußball haben, das wichtigste deutschsprachige Periodikum überhaupt - die jeweils aktuellste Ausgabe würde man definitiv mit auf die berühmte einsame Insel nehmen.
Fast jeden Tag schaut man einmal rein. Immer häufiger nicht etwa, weil man eine neue Information sucht, sondern weil man etwas vergessen hat. Einen Namen, ein Ergebnis, eine Tabellenkonstellation. Man meint, es wissen zu müssen, die Antwort liegt einem auf der Zunge, aber man kommt auch nach intensivem und frustrierendem Grübeln nicht drauf. Die grauen Zellen sterben eben ab, die Erinnerungsspeicher sind randvoll, das Langzeitgedächtnis funkt längst schon S.O.S. Und es hört ja nicht auf, jedes Jahr kommt eine Flut neuer Daten hinzu, die memoriert werden wollen. Man hilft sich da mit der tröstlichen Lebensklugheit populärkultureller Preziosen: »I Forgot More Than You’ll Ever Know« heißt Cecils Nulls zeitloser Countrysong, den die große Skeeter Davis zum Hit gemacht und Bob Dylan später gecovert hat. Oder mit der dämlichen, von verknöcherten Studienräten übernommenen Lebenshilfe »Man muss nicht alles wissen, aber wissen, wo es steht.«
Wenig Alternativen
Dann greift man, wenn es um Fußball geht (und das eigentliche Problem ist ja, dass es nicht nur um Fußball, sondern, in diesem Fall, auch um Kino, Musik, die Geschichte des amerikanischen Bürgerkrieges und noch ein paar hingebungsvoll und mit viel Zeitaufwand gepflegte Interessensgebiete mehr), zum »Kicker–Almanach«. Natürlich braucht man, anglophil wie man nun einmal ist, auch den (inzwischen von »Sky« gesponserten) »Rothman’s«, der, weil er vier Landesverbände abdecken muss, ungleich mehr Datenmaterial zu bewältigen hat und daher eindeutig weniger international ausgerichtet ist. Doch das wäre eine andere Geschichte.
Der »Kicker–Almanach« ist ein Kind, ein off shot, des „Kicker“, sonst würde er ja nicht so heißen. Ach, der »Kicker«. So weit man zurückdenken kann, mokiert man sich über den Biedersinn, den er verströmt; über seine semioffiziöse Verschnarchtheit; über seine tapsigen Versuche, modern (was immer das ist) zu wirken und auszusehen, wobei er den Moden (laut Walter Benjamin auch nur »die ewige Wiederkehr des Neuen«) doch nur hoffnungslos hinterher hechelt; über die, besonders in den Kommentaren, immer wieder aufblitzende Geisteshaltung des subalternen Kleinbürgers. Und trotzdem liest man ihn, seit man lesen kann. Um seine Vorurteile bestätigt zu finden, weil er überall zu haben ist, weil es wenig Alternativen gibt, because old habits die hard.
Ergänzung zu 11 FREUNDE-Spezial: 50er





