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12.06.2010

Erinnerungen an vergangene Turniere

Fischer fliegt, Rudi rutscht

Text: Philipp Köster  Bild: Imago

Kurz vor einer WM denkt der sentimental veranlagte Fußballfan gerne noch einmal zurück an all die Turniere, die er bereits bei klarem Bewusstsein erlebt hat. Philipp Köster über Jugendfreizeiten und Fischers Fallrückzieher.

Erinnerungen an vergangene Turniere - Fischer fliegt, Rudi rutscht


1982 feierte ich mein WM-Debüt. Zum ersten Mal durfte ich länger aufbleiben. Mit müden Augen und offenem Mund sah ich, wie Klaus Fischer im Halbfinale gegen Frankreich die Schwerkraft besiegte. Während des Finales beobachtete ich dann staunend, wie Bundeskanzler Helmut Schmidt sich mit dem vollkommen entfesselten italienischen Präsidenten freute, anstatt protokollgemäß eine Trauermiene aufzusetzen.



1986 brach auch bei uns daheim ein infernalischer Jubel los, als Rudi Völler die deutsche Elf im Finale gegen Argentinien mit ihrem Superstar Diego Maradona zurück ins Spiel brachte und auf Knien in Richtung Eckfahne rutschte. Damals ahnte ich noch nicht, dass Franz Beckenbauer am Abend vor dem Finale Lachkrämpfe bekommen hatte, als er sich noch einmal vor Augen führte, mit welcher Graupentruppe er da eigentlich ins Finale eingezogen war.

Brehmes Elfmeter und den WM-Titel 1990 feierte ich im Rahmen einer Jugendfreizeit in einer Kneipe auf Korsika. Noch während die deutschen Spieler die Medaillen um den Hals gehängt bekamen, wurden wir allerdings aus dem Lokal geschmissen. Unser Wirt hatte begriffen, dass wir ab der 32. Minute auf Selbstversorgung umgestiegen waren und unsere Getränke fortan kostengünstig aus einem nahegelegenen Supermarkt bezogen hatten.

2006 schließlich: ein einziger Rausch. 150.000 fröhliche Schweden auf der Heerstraße, Tausende Mexikaner mit riesigen Sombreros in Leipzig, der fassungslose Argentinier Cambiasso nach Lehmanns Sprung in die richtige Ecke. Und während des Endspiels saß ich auf der Pressetribüne neben einem Italiener, der 120 Minuten lang die Ereignisse auf dem Spielfeld in sein Mobiltelefon brüllte - ohne einmal Luft zu holen. Ich nahm an, der eifrige Reporter kommentiere die Partie für einen Radiosender in der Heimat. Als ich ihn nach dem Spiel darauf ansprach, erklärte er entrüstet, er habe natürlich (natürlich!) mit seiner Familie telefoniert.

Wenn nun die WM in Südafrika beginnt, sind es meine Söhne, die das erste Mal länger aufbleiben dürfen. Und es wenn es gut läuft, findet sich wieder jemand, der die Schwerkraft besiegt.






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Kommentare

  • User
  • 12.06.2010 00:41:31 Catilina

    mit welcher Graupentruppe er da eigentlich ins Finale eingezogen war.

    Wenn man sich mal anschaut, welche Spieler 1986 im Kader standen, stellt man fest, daß die Truppe von derjenigen, die 4 Jahre später Weltmeister wurde, nicht so verschieden war.

    Allerdings ! Nur die Spieler, um welche sie verschieden war, lassen eine Tendenz erkennen: Wolfgang Rolff, Norbert Eder...

    Nominell war die Mannschaft gar nicht übel: Ihr Problem bestand darin, daß sie einen aufgehörten Superstar (Rummenigge) einschloß, einen Weltklasse-Spielmacher, der in der Nationalelf gewöhnlich ein, zwei Klassen schlechter spielte als im Verein (Magath), ein einstiges Wunderkind, das in der zunehmend physischen Spielweise der Bundesliga nicht recht zur Entfaltung kam (Littbarski) sowie Spieler, die erst ins Ausland wechseln mußten, um ihre Talente voll zu entfalten (Völler, Brehme, Matthäus).
    Die WM 1986 fiel in eine Zeit, als die einen ihren Zenit schon lange überschritten hatten, während die anderen ihn noch nicht erreicht hatten. Wo die Mannschaft nominell wirklich schlechter war, als 4 Jahre zuvor oder danach, war die zweite Linie: Da gab es Spieler wie Herget, Rahn, Frontzeck.... Herget war ein glänzender Techniker, aber zu schusselig, um auf internationaler Ebene einen guten Abwehrchef abzugeben.

  • User
  • 12.06.2010 00:44:22 Catilina

    Ach ja: Im Finale kam noch Dieter Hoeneß zum Einsatz.

  • User
  • 12.06.2010 00:58:35 Catilina

    Ich mochte die 86er Mannschaft: Sie hatte so etwas von against all odds.

    Im Gegensatz zu den Grinse-Visagen der Klinsi, Reuter & Co sahen die Spieler der 86er Mannschaft auf den Gruppenphotos ernst und reif aus.

    Obwohl Litti auch schon dabei war, wären solche Entgleisungen wie dieser Dingsda-Quatsch 1986 undenkbar gewesen. Wenn man ernstgenommen werden möchte, sollte man sowas nicht machen.
    Fatal, daß zwei der begnadetsten deutschen Fußballer sich für solchen Blödsinn hergaben.

    Wenn man das wiedersieht, bekommt man eine Ahnung, warum die beteiligten Spieler hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben mußten. Jürgen Kohler hatte nur einen Bruchteil dieser natürlichen Begabung, aber dafür hatte er, was Häßler und Littbarski nicht hatten: Biß, Willensstärke, Selbstvertrauen.
    Er, der Klopper, hat sich beim Weltverein Juve durchgesetzt, während der mit Talent so reich gesegnete Häßler nach einem Jahr weitergereicht wurde.

    Ich komme vom Thema ab. :-/

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