Die Geschichte der Fußballfans

11FREUNDE-Spezial: Nr. 1

Die Geschichte der Fußballfans

Neu hier? Alle Infos zu 11Freunde Community
12.06.2010

Warum England nicht gewinnen kann

Warten auf die Damenwahl

Text: Matthias Paskowsky  Bild: Imago

Seit 44 Jahren wartet England auf den Gewinn der WM. Liegt das etwa an zu viel Sex, Drugs & Rock´n´Roll im Teamquartier? Matthias Paskowsky sagt: Eher an einem Bündel von Versäumnissen und Defiziten. Und an einem Fluch.

Warum England nicht gewinnen kann - Warten auf die Damenwahl


Die Geschichte ist ein halbes Jahrhundert alt und vermutlich nicht einmal wahr. In englischen Diplomatenkreisen erzählt man sie trotzdem gern. Baron George-Brown, Labour-Politiker und späterer Außenminister, soll bei einem offiziellen Anlass während einer Südamerikareise auf eine eindrucksvolle Erscheinung in einem purpurnen Gewand Kurs genommen und um den nächsten Tanz gebeten haben. Doch dem Mann schlug vernichtende Ablehnung entgegen: »Erstens sind Sie betrunken. Zweitens ist dies kein Walzer, sondern die peruanische Nationalhymne. Und drittens bin ich der Erzbischof von Lima.«



Nicht immer liegen die Gründe für den Misserfolg auf internationaler Bühne so klar auf der Hand wie im Falle des alkoholisierten Politikers. Schon gar nicht, wenn es um die englische Nationalelf geht. Ihr letzter und einziger großer Erfolg datiert allerdings fast genauso lange zurück wie Browns missglückte Avancen. Aus »thirty years of hurt« sind mittlerweile 44 Jahre schmerzhaften Wartens auf die Damenwahl geworden. Wie kommt es, dass das Land, das den modernen Fußball erfand und wo die stärkste Liga spielt, letztmals vor so langer Zeit die Trophäe holte?

Der Diebstahl des Jahrhunderts

Beginnen wir mit diesem Titel von 1966, den die Gastgeber – wenngleich nicht unverdient – auf dem Rücken einiger kontroverser Entscheidungen holten, von denen das berühmt-berüchtigte Wembley-Tor nur die Spitze des Eisbergs war. Die Argentinier nennen das verlorene Viertelfinale gegen die Engländer noch heute den »Diebstahl des Jahrhunderts«, bei dem ihnen der deutsche Schiedsrichter Rudolf Kreitlein nicht nur ihren Kapitän vom Platz stellte, sondern den Engländern auch noch das spielentscheidende Abseitstor zuerkannte. Das folgende Halbfinale gegen Portugal wurde ins Wembley-Stadion verlegt, obwohl die Portugiesen im kleineren Goodison Park von Liverpool »Heimrecht« besessen und dort vor weniger erdrückender Kulisse gespielt hätten. Portugal verlor 1:2. Und zum Finale gegen Deutschland ist wohl alles gesagt. England wurde auf eigenem Boden zum ersten und bislang letzten Mal Weltmeister. Doch dem Team scheint seitdem ein Fluch anzuhaften. Und mit Flüchen ist es wie mit guten Anekdoten: Wahr oder nicht, sie sind verdammt schwer auszurotten.

Zehn Weltmeisterschaften sind seit dem Sieg von Wembley vergangen und an lediglich sieben von ihnen hat England überhaupt teilgenommen. Bis auf jene inspirationslose Niederlage gegen Brasilien 2002 ist England immer gegen eines jener drei Teams aus dem Turnier geflogen, gegen die es die letzten drei Spiele der WM 1966 bestritt. Das ist keine Verschwörungstheorie und kein Aberglaube, das ist zunächst mal Statistik. Für karmagläubige Fußballfreunde stand jedoch schon der Auftritt des Titelverteidigers in Mexiko 1970 unter keinem guten Stern.

Bobby Moore soll geklaut haben

So stieß Mannschaftskapitän Bobby Moore etwas später zum Team. Er war in Bogotá festgehalten worden, weil ihn der Hoteljuwelier wegen Diebstahls eines Goldkolliers angezeigt hatte. Bei der Rekonstruktion der Ereignisse fiel den kolumbianischen Ermittlern auf, dass die Hose, aus deren Tasche ein Zeuge das Geschmeide hatte hängen sehen wollen, gar nicht über eine solche verfügte. Bis heute ist ungeklärt, was damals wirklich geschah. Und obgleich Moore zwei Jahre später höchstrichterlich von jedem Verdacht freigesprochen wurde: Auf Alf Ramseys Wunschliste für eine konzentrierte WM-Vorbereitung dürfte der Einschluss seines Kapitäns in einem südamerikanischen Gefängnis keine Rolle gespielt haben. Es kam, wie es kommen musste: England verlor in der Vorrunde gegen Brasilien und nahm aus der denkwürdigen Viertelfinalniederlage gegen Deutschland gleich mal einen neuen Angstgegner mit, der das Team noch ein paar Jahrzehnte verfolgen sollte.



Aus Heft#103 06/2010

Das WM-Sonderheft


weiterlesen [1] [2]





Ähnliche Artikel

Kommentare

  • User
  • 12.06.2010 18:42:23 Catilina

    Nicht nur die Massenmedien, auch Ehemalige wie Bobby Charlton tragen dazu bei, die Erwartungen in die Höhe zu treiben.

    Wie immer im Leben, liegen Selbstzweifel und Selbstüberschätzung eng beieinander.

    Zwischen 1964 und 1984 hatten die Spanier das Problem, daß die Spieler der großen Clubteams zwei Klassen schlechter spielten, wenn sie das Trikot der Nationalmannschaft überstreiften. Weitere 25 jahre vergingen, in denen die Spanier bei den meisten Turnieren mit den kultiviertesten Fußball vorführten, aber entscheidenden Moment entweder versagten oder kein Glück hatten.

    Heute dominieren sie so souverän wie keine andere Fußballnation vor ihnen den europäischen Fußball. In puncto Spielkultur mögen Holland und Portugal nicht weit von ihnen entfernt sein, aber abgesehen davon, daß sie Europameister sind, haben sie auch, was Geschlossenheit, Disziplin, Chancenverwertung angeht, die Nase deutlich vorn.

    A propos: Ich hab Holland und Spanien noch nie gegeneinander spielen sehen, auch Argentinien-Spanien und Portugal-Argentinien nicht. :-/

  • User
  • 12.06.2010 20:28:16 Gruni

    Es gibt keinen Fluch. Ich habe noch nie eine englische Mannnschaft gesehen, die einen großen Titel verdient hätte. Ähnlich wie Holland versagen sie immer wenns darauf ankommt.
    Auch in Südafrika werden sie 2 oder 3 spektakuläre Spiele abliefern, bis ihnen die Grenzen aufgezeigt werden oder Rooney wieder einem in die Eier tritt und für den Rest des Turniers gesperrt wird.

  • User
  • 12.06.2010 22:33:06 Olaf Marschall

    Geradewegs aus dem Guardian Live-Ticker:
    "Draw with the US, a couple of unconvincing wins against Algeria and Slovenia, finish second to the US on goal difference and we'll be perfectly placed to lose to Germany on penalties in the second round."
    Seh ich ma auch so,wa.Bingo.

  • User
  • 13.06.2010 07:55:06 schappi1848

    Bin me not sure ob die überhaupt die second round reachen! It was not überragend yesterday

  • User
  • 13.06.2010 11:12:22 saloth sar

    hier sind einige ganz schoen gereizt.

  • User
  • 13.06.2010 11:57:56 Statistikfreund

    Na ja, die Engländer hätten ja irgendwie 1:0 gewonnnen und es wäre nicht wirklich viel passiert. In jedem Fall kein Grund die USA jetzt als "Geheimfavoriten" auszurufen und die Engländer schon abzuschreiben.

    Die Wahrheit liegt dazwischen und wird in slowenisch vorgelesen. Ich weiß nicht warum, aber viele unterschätzen die Slowenen: ein kompaktes Team, eingespielt, taktisch diszipliniert und mit individueller Klasse, die allemal ausreicht um alles Vorrundengegner in Schach zu halten.

    Welche Rolle da Algerien spielen kann, weiß ich nicht einzuschätzen.

    Beim Spiel England-USA sah man zwei äußertst limitierte Mannschaften, was vor allem bei den Engländern dann doch in dem Maße überraschte. Ich meine auch nicht, dass es die "erste Spiel" Problematik war: dazu hatten die Engländer das schnelle 1:0; ich meine, es ging einfach nicht mehr. Und wenn man an die großen Chancen des, nicht schlecht spielenden, Heskeys und Lennons sah, sie mit der großen US-Chance in der zweiten HZ verrechnet, dann hätten die Engländer 3:2 gewonnen. Aber das wird eben das Problem der Engländer sein bzw. bei dieser WM werden: hätte.

    Ich denke de Engländer konkurrieren nun mit den USA und Algerien um Gruppenplatz zwei. Die Slowenen werden heute Algerien und später die USA schlagen und es ist nicht anzunehmen, dass die Slowenen nicht ähnlich der USA gegen die Engländer agieren könnten. Und damit wäre Rang eins für die Engländer auch schon futsch, gewinnt Slowenien gar, dann gehts ab nach Hause.

zum Forum

Logge Dich ein, um einen Beitrag zu schreiben!

VON DEN LESERN EMPFOHLEN



DIE AKTUELLE UMFRAGE

Thema: Fußballfans. Eure Wunschgäste für Maischberger, Lanz, Plasberg und Co.?

Werner Schulze-Erdel
Charly Steeb
Alf
Bono
Frank Zander
Zini
Max Power
Johannes B. Kerner
Günter Wallraf
Campino
Andreas Elsholz
Alfred Biolek
Vera Int-Veen
Marius Müller-Westernhagen
Ich




Deutschlands Tennisstar Andrea Petkovic im Interview

11Freunde Liveticker

DVD Edition