Die herzergreifende Geschichte des Prince Tagoe
Prinz Eisenherz
Text: Alex Raack und Ron Ulrich Bild: Joel Micah Miller
Die Bundesliga hat Prince Tagoe fast vergessen. Doch seine Geschichte gehört zu den kuriosesten Vorfällen des vergangenen Jahrzehnts. In Ausgabe 100 berichteten wir über herzergreifende Geschichte von Prince Tagoe.
Die »Ratsstube Steidel« in Sinsheim-Dühren hat an diesem 9. Juni 2009 einen besonderen Gast: Prince Tagoe, ein 22-jähriger Fußballer aus Ghana, der soeben seinen ersten Profivertrag in Europa unterschrieben hat. Begleitet wird der junge Mann von Jan Schindelmeiser, Geschäftsführer von Tagoes neuem Arbeitgeber TSG Hoffenheim, und Djuro Ivanisevic, dem Berater des Spielers. »Als ich meinen Namen auf das Papier schrieb«, erinnert sich Tagoe, »fühlte sich das an, als ob mein Leben neu beginnen würde.«
Auf dem internationalen Fußballmarkt ist der wuchtige Angreifer mit den feinen Rastazöpfen im Sommer 2009 längst kein Unbekannter mehr. Bereits drei Jahre zuvor hat der FSV Mainz 05 um seine Dienste geworben. Erfolglos. Für viel Geld wechselte Tagoe nach Saudi-Arabien. Doch der Aufenthalt auf der arabischen Halbinsel sollte für den flinken Offensivspieler nur eine Zwischenstation auf dem Weg zum Traumziel Europa werden.
Angebote aus Mailand und Valencia – Tagoe geht nach Hoffenheim
Im Frühjahr 2009 geht der Traum in Erfüllung. Vor Tagoe liegen unterschriftsreife Verträge von Inter Mailand und dem FC Valencia. Die Tür zur großen weiten Fußballwelt steht offen. Und Tagoe? Entscheidet sich für die TSG Hoffenheim. Dort spielt bereits sein Freund Isaac Vorsah, und gemeinsam mit den Beratern kann der seinen talentierten Landsmann für den Bundesligisten in der Rhein-Neckar-Provinz begeistern. Djuro Ivanisevic will seinem Schützling auf der Karte einen Ort zeigen, der dort gar nicht vermerkt ist. Aber was bedeuten schon Einwohnerzahlen und Breitengrade, wenn man in der Liga spielen kann, in der ghanaische Nationalhelden wie Sammy Kuffour und Tony Yeboah ihre Karrieren starteten? Tagoe vertraut seinen Beratern und dem alten Kumpel Isaac. Am 9. Juni 2009 wird doppelt gefeiert: ein gutes Geschäft und der Beginn des Fußballtraums, den Prince Tagoe ab sofort leben darf.
Damit sollte die Transfergeschichte des begabten afrikanischen Jungfußballers in die Bundesliga eigentlich beendet sein. Stattdessen aber geht sie an dieser Stelle erst los. »Denn plötzlich«, sagt der Berater Djuro Ivanisevic, »begann dieser Alptraum.«
Fußballer sind die Ware, die den Mehrwert erzeugen
Professionelle Fußballvereine sind längst zu wirtschaftlichen Unternehmen avanciert, in denen das Personal auf dem Platz die Ware ist, die den Mehrwert erzeugen muss. Falsche Transfers können die wirtschaftliche Situation eines Klubs schnell in Schieflage bringen. Die Deutsche Fußball Liga sieht zudem in ihren Lizenzauflagen vor, dass sich Spieler einem zweiteiligen medizinischen Check unterziehen müssen: einer orthopädischen und einer kardiologisch-internistischen Untersuchung. Erst wenn der behandelnde Arzt die Sporttauglichkeit erteilt, erhält ein Fußballer in Deutschland seine Spielerlaubnis. Die Auflagen sind streng, die Strafen bei einem Fehlverhalten können drastisch sein.
Prince Tagoe wird am 8. Juni 2009 untersucht, einen Tag vor der Vertragsunterzeichnung. Das Zeitfenster ist eng, denn Tagoe kämpft mit seiner Nationalmannschaft um die Teilnahme bei der ersten WM auf afrikanischem Boden. Die Pause zwischen den Länderspielen will der 22-Jährige nutzen, um bei seinem neuen Verein alle Formalitäten zu klären. In seiner Heidelberger Praxis erwartet Hoffenheims Mannschaftsarzt Dr. Pieter Beks den Patienten. Begleitet wird Tagoe von Djuro Ivanisevic und dessen Partner Goran Milovanovic. Alles soll nach Plan verlaufen, also haben sie ihrem Schützling Turnschuhe für die Spiroergometrie besorgt, ein Standardverfahren bei der kardiologischen Erstuntersuchung von Profifußballern. Beks belässt es laut Ivanisevic im Rahmen dieses Checks allerdings bei den orthopädischen Tests: »Zur Spiroergometrie kam es damals nicht. Dr. Beks sagte: ›Keine Sorge, das reicht.‹« Die Turnschuhe bleiben eingepackt.
Aus Heft#100 03/2010
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