1992: Als »ran« auf Sendung ging
»Die rote Jeansjacke ist heilig«
Interview: Andreas Bock Bild: Imago
Als »ran« am 14. August 1992 erstmals auf Sendung ging, war die Irritation groß: Der Moderator trug eine Jeansjacke und die Kameras fokussierten häufiger die Spielerfrauen als den Ball. Gaby Papenburg war von Anfang an dabei.
Gaby Papenburg, stimmt es eigentlich, dass Reinhold Beckmann vor der ersten »ran«-Sendung eine Index-Liste von altbackenen Wörtern und Phrasen an das Team ausgab?
Die gab es. Allerdings galt diese Liste eher für die Kommentatoren.
Was durfte nicht mehr gesagt werden?
Das fassbendersche »N’Abend allerseits« war natürlich verpönt. Zudem Phrasen wie »Olaf Thon steht heute auf dem Prüfstand« oder »Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen«. Schlimm auch Redundanzen wie »Die nachfolgende Ecke brachte nichts ein«. Bei Ernst Huberty gingen bei solchen Nullsätzen die Alarmglocken an.
Bei Ernst Huberty?
Er war einer von unseren Rhetorik-Trainern, die Reinhold Beckmann für die Sendung engagiert hatte. Das mag verwunderlich klingen, schließlich kam Huberty von der ARD, also von dort, wo dieser Sprech sich über Jahre verselbständigt hatte. Doch Huberty war ein extrem guter Lehrer, und ich glaube, er hatte stets genügend Distanz zu dem Thema, um Plattitüden und Worthülsen einschätzen zu können.
Sie verabschiedeten sich allerdings nicht nur vom Sportschau-Vokabular. Was gerade zu Beginn für Verwirrung sorgte, war die große Anzahl an Kameras.
Das war eines unser Hauptanliegen. Wir wollten mit den Gepflogenheiten brechen, ein Spiel mit zwei oder drei Kameras zu erzählen. Bei »ran« hatten wir in Hochzeiten ja bis zu elf Kameras.
Einige Kritiker unkten, dass »ran« diese ausschließlich dafür verwendete, um die Ränge abzufilmen?
Das war ja kein Geheimnis. Und das rief damals natürlich etliche Fußballpuristen auf den Plan, die meinte, dieser Schickimicki-Rattenschwanz gehöre nicht zum Fußball. Sie hielten sich an Otto Rehhagel: »Wichtig ist auf dem Platz.« Das war auch unser Credo: Natürlich ist wichtig auf dem Platz, doch wichtig ist eben auch neben dem Platz. Und daher scannte ein Kamerateam 90 Minuten die Ränge, und wenn was interessantes passierte, dann hielten sie die Kamera drauf. Die restlichen Kameras waren aber auf dem Spielfeld, neun oder zehn Kameras. So konnte ein Spiel viel dichter und rasanter erzählt werden. Wir orientierten uns somit an dem Versuch, den RTL zuvor mit Anpfiff unternommen hatte, die unserer Meinung nach schon vieles richtig gemacht hatten.
Auf das Sportschau-geschulte Auge wirkte das neue Tempo gewöhnungsbedürftig.
Vielleicht haben wir den Zuschauer anfangs überfordert. Allerdings schien sich das Publikum schnell daran gewöhnt zu haben, nach einigen vernichtenden Kritiken in der Presse, gab es fast nur noch positives Feedback. Wobei ich nicht weiß, ob uns die Redaktionsassistenten die negativen Kritiken unterschlagen hat. (lacht)
Sie gehörten neben Nachwuchsmoderator Johannes B. Kerner und dem Gründer Reinhold Beckmann zum ersten Team von »ran«. Wie kamen Sie in das Team?
Als Reinhold Beckmann bei SAT.1 anfing, arbeitete ich bereits bei dem Sender. Ich war in der Sportredaktion tätig und hatte diverse Sportübertragungen moderiert. Schon kurz nach seinem Eintritt bei SAT.1 sagte Reinhold mir, dass er gerne eine Frau im Team hätte und dass ich diese sein sollte.
Seit Carmen Thomas’ »Schalke 05«-Fauxpas im Aktuellen Sportstudio hatte keine Frau mehr eine Fußballsendung moderiert. Wie hoch war der Druck?
Eine gewisse Nervosität vor meiner ersten Sendung im September 1992 war durchaus vorhanden. Zumindest war da die Sorge, dass die Männerwelt meine Moderation nicht annehmen könnte.
Und dann trötete Peter Neururer noch: »Ach, jetzt versucht's wieder mal eine Frau. Sollte die doch besser lassen.«
Ach, der Peter. (lacht) Das meinte der nicht so. Er hat diesen Satz damals in seiner typisch-flapsigen Art gesagt, und somit nahm ich das nicht persönlich. Ich hatte jedenfalls nie das Gefühl, dass er mir bei Interviews Steine in den Weg legte oder mich in irgendeiner Art sabotierte.
Erinnern Sie sich an grobe Patzer?
Ich erinnere mich an ein Interview mit Ottmar Hitzfeld nach einem Sieg des FC Bayern gegen Borussia Mönchengladbach. Ich schweifte während des Interviews kurz mit meinen Gedanken ab und war plötzlich am heimischen Esstisch meiner Eltern. Ich sah, wie meine Mutter, ein Köln-Fan, wieder einmal meinen Vater, einen glühenden Gladbach-Anhänger, aufzog. Dann platzte es aus mir heraus: »Oh Gott, jetzt gibt es zu Hause wieder Zank.« Im nächsten Moment schoss mir durch den Kopf: »Was zum Teufel redest du hier?« Und dann sah ich schon die Reaktionen der Zuschauer und der Presse mit ihren Kommentaren: »Typisch Frau, kann sie ihre Emotionen nicht unter Kontrolle halten.« Und so weiter. Aber so war es nicht, die Leute fanden’s irgendwie nur lustig. Das Redaktionsteam hat auch herzlich gelacht.





