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04.11.2011

1992: Als »ran« auf Sendung ging

»Die rote Jeansjacke ist heilig«

Interview: Andreas Bock  Bild: Imago

Als »ran« am 14. August 1992 erstmals auf Sendung ging, war die Irritation groß: Der Moderator trug eine Jeansjacke und die Kameras fokussierten häufiger die Spielerfrauen als den Ball. Gaby Papenburg war von Anfang an dabei.

1992: Als »ran« auf Sendung ging - »Die rote Jeansjacke ist heilig«


Gaby Papenburg, stimmt es eigentlich, dass Reinhold Beckmann vor der ersten »ran«-Sendung eine Index-Liste von altbackenen Wörtern und Phrasen an das Team ausgab?

Die gab es. Allerdings galt diese Liste eher für die Kommentatoren.

Was durfte nicht mehr gesagt werden?

Das fassbendersche »N’Abend allerseits« war natürlich verpönt. Zudem Phrasen wie »Olaf Thon steht heute auf dem Prüfstand« oder »Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen«. Schlimm auch Redundanzen wie »Die nachfolgende Ecke brachte nichts ein«. Bei Ernst Huberty gingen bei solchen Nullsätzen die Alarmglocken an.



Bei Ernst Huberty?

Er war einer von unseren Rhetorik-Trainern, die Reinhold Beckmann für die Sendung engagiert hatte. Das mag verwunderlich klingen, schließlich kam Huberty von der ARD, also von dort, wo dieser Sprech sich über Jahre verselbständigt hatte. Doch Huberty war ein extrem guter Lehrer, und ich glaube, er hatte stets genügend Distanz zu dem Thema, um Plattitüden und Worthülsen einschätzen zu können.

Sie verabschiedeten sich allerdings nicht nur vom Sportschau-Vokabular. Was gerade zu Beginn für Verwirrung sorgte, war die große Anzahl an Kameras.

Das war eines unser Hauptanliegen. Wir wollten mit den Gepflogenheiten brechen, ein Spiel mit zwei oder drei Kameras zu erzählen. Bei »ran« hatten wir in Hochzeiten ja bis zu elf Kameras. 

Einige Kritiker unkten, dass »ran« diese ausschließlich dafür verwendete, um die Ränge abzufilmen?

Das war ja kein Geheimnis. Und das rief damals natürlich etliche Fußballpuristen auf den Plan, die meinte, dieser Schickimicki-Rattenschwanz gehöre nicht zum Fußball. Sie hielten sich an Otto Rehhagel: »Wichtig ist auf dem Platz.« Das war auch unser Credo: Natürlich ist wichtig auf dem Platz, doch wichtig ist eben auch neben dem Platz. Und daher scannte ein Kamerateam 90 Minuten die Ränge, und wenn was interessantes passierte, dann hielten sie die Kamera drauf. Die restlichen Kameras waren aber auf dem Spielfeld, neun oder zehn Kameras. So konnte ein Spiel viel dichter und rasanter erzählt werden. Wir orientierten uns somit an dem Versuch, den RTL zuvor mit Anpfiff unternommen hatte, die unserer Meinung nach schon vieles richtig gemacht hatten.

Auf das Sportschau-geschulte Auge wirkte das neue Tempo gewöhnungsbedürftig.

Vielleicht haben wir den Zuschauer anfangs überfordert. Allerdings schien sich das Publikum schnell daran gewöhnt zu haben, nach einigen vernichtenden Kritiken in der Presse, gab es fast nur noch positives Feedback. Wobei ich nicht weiß, ob uns die Redaktionsassistenten die negativen Kritiken unterschlagen hat. (lacht)

Sie gehörten neben Nachwuchsmoderator Johannes B. Kerner und dem Gründer Reinhold Beckmann zum ersten Team von »ran«. Wie kamen Sie in das Team?


Als Reinhold Beckmann bei SAT.1 anfing, arbeitete ich bereits bei dem Sender. Ich war in der Sportredaktion tätig und hatte diverse Sportübertragungen moderiert. Schon kurz nach seinem Eintritt bei SAT.1 sagte Reinhold mir, dass er gerne eine Frau im Team hätte und dass ich diese sein sollte.

Seit Carmen Thomas’ »Schalke 05«-Fauxpas im Aktuellen Sportstudio hatte keine Frau mehr eine Fußballsendung moderiert. Wie hoch war der Druck?

Eine gewisse Nervosität vor meiner ersten Sendung im September 1992 war durchaus vorhanden. Zumindest war da die Sorge, dass die Männerwelt meine Moderation nicht annehmen könnte.

Und dann trötete Peter Neururer noch: »Ach, jetzt versucht's wieder mal eine Frau. Sollte die doch besser lassen.«

Ach, der Peter. (lacht) Das meinte der nicht so. Er hat diesen Satz damals in seiner typisch-flapsigen Art gesagt, und somit nahm ich das nicht  persönlich. Ich hatte jedenfalls nie das Gefühl, dass er mir bei Interviews Steine in den Weg legte oder mich in irgendeiner Art sabotierte.

Erinnern Sie sich an grobe Patzer?

Ich erinnere mich an ein Interview mit Ottmar Hitzfeld nach einem Sieg des FC Bayern gegen Borussia Mönchengladbach. Ich schweifte während des Interviews kurz mit meinen Gedanken ab und war plötzlich am heimischen Esstisch meiner Eltern. Ich sah, wie meine Mutter, ein Köln-Fan, wieder einmal meinen Vater, einen glühenden Gladbach-Anhänger, aufzog. Dann platzte es aus mir heraus: »Oh Gott, jetzt gibt es zu Hause wieder Zank.« Im nächsten Moment schoss mir durch den Kopf: »Was zum Teufel redest du hier?« Und dann sah ich schon die Reaktionen der Zuschauer und der Presse mit ihren Kommentaren: »Typisch Frau, kann sie ihre Emotionen nicht unter Kontrolle halten.« Und so weiter. Aber so war es nicht, die Leute fanden’s  irgendwie nur lustig. Das Redaktionsteam hat auch herzlich gelacht.


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Kommentare

  • User
  • 12.03.2010 17:11:03 ColePorter

    Dann platzte es aus mir heraus: »Oh Gott, jetzt gibt es zu Hause wieder Zank.« Im nächsten Moment schoss mir durch den Kopf: »Was zum Teufel redest du hier?«

    Herr Bock, haben Sie diese Szene von Sat1 als Filmchen bekommen? Ich würds gerne sehen!

  • User
  • 13.03.2010 17:02:54 bright_eyes

    "Wichtig is auffem Platz" ist von Adi Preißler.

  • User
  • 13.03.2010 18:02:15 FalscherHase

    "ran" war einfach nur Scheiße.

  • User
  • 13.03.2010 18:10:03 sgu07

    richtig: war scheiße, bleibt scheiße, auch im rückblick

  • User
  • 13.03.2010 18:22:27 Veltinsbauch Eufi

    Recht habter... Wobei ich die Übertragungen in der Europa League unter dem Namen "Ran" mag.

  • User
  • 14.03.2010 10:57:39 Akki Akkermann

    Die Idee, mal etwas anderes zu machen als die verstaubte Sportschau von damals, war ja an sich gar nicht so schlecht. Was dann aber dabei raus kam, war dann allerdings schon schlecht. Mich interessiert zwar auch das ein oder andere abseits des Platzes, aber wenn in einem Spielbericht mehr Zeit für die Gesichtsausdrücke von Trainern, Spielerfrauen oder irgendwelchen Vollidioten aufgewendet wird als für das Spiel, stimmt die Relation nicht mehr.
    Leider hat nach dieser Exkursion zu Ran auch die "gute alte" Sportschau einen Teil dieser Art des Spielberichts aufgegriffen. Aber schön, dass jetzt auch Leute Fußball gucken können, die sich eigentlich gar nicht dafür interessieren...

  • User
  • 14.03.2010 11:39:49 sgu07

    ...Aber schön, dass jetzt auch Leute Fußball gucken können, die sich eigentlich gar nicht dafür interessieren...

    NEINNEINNEIN !!! eben das ist nicht schön !! und war auch nie schön!
    die berichte über meinen sport wurden ab ran so scheiße aufbereitet, dass von da an alle frauen und laien dachten, sie wissen worums um fußball geht: um farbige schuhe, verkaufszahlen von schönen trikots, spielerfrauen samt deren rivalinnen und viel geld und glamour.
    ab ran ist jede niederlage eine pleite, blamage und katastrophe, jeder torschütze auf jahre hinaus ein star oder ein held, jeder fehler wird von einem versager oder einem fußballdepp gemacht.
    vor ran war das nicht so.

  • User
  • 14.03.2010 11:54:22 Akki Akkermann

    Da triffst du den Nagel auf den Kopf.

    Wenn du möchtest, schreib ich das nächste Mal dazu, dass es sich um Ironie handelt. Weil ich das aber unnötig finde, da es meiner Meinung nach sofort ersichtlich ist, hab ich das eben weggelassen.

  • User
  • 14.03.2010 11:59:18 sgu07

    ohja, natürlich.

  • User
  • 14.03.2010 12:11:16 Akki Akkermann

    Nö, mach ich aber nicht. War eigentlich nur ne Höflichkeitsfloskel

  • User
  • 14.03.2010 12:14:02 Buthelezi

    "Ran" ist Schud an der gestiegenen - mir fällt gerade kein besseres Wort ein - Sensationslust in der Berichterstattung über Fussball?

    Bitte versteht mich jetzt nicht miß - ich bin weder ein Freund dieser DSF-Auswüchse noch von "Ran" - aber ich könnte mir glatt vorstellen, dass der Drang immer aus allem eine Sensation machen zu wollen eher mit der fortschreitenden Kommerzialisierung des Profifußballs zu tun hat. Quasi "Ran" eher als Symptom denn als Ursache.

    Ansonsten gilt natürlich wie immer in solchen Fällen;

    "Früher [vor Ran, vor der Bundesliga, vor der Erfindung des Rades] war alles besser!"

  • User
  • 14.03.2010 12:46:27 MarcRamone

    Die Idee, mal etwas anderes zu machen als die verstaubte Sportschau von damals, war ja an sich gar nicht so schlecht.

    Aber schön, dass jetzt auch Leute Fußball gucken können, die sich eigentlich gar nicht dafür interessieren...

    ab ran ist jede niederlage eine pleite, blamage und katastrophe, jeder torschütze auf jahre hinaus ein star oder ein held, jeder fehler wird von einem versager oder einem fußballdepp gemacht.

    Also das alles trifft es doch schon absolut! Danke!

    Und schade auch, dass bestimmte Elemente in der Sportschau auch aufgegriffen wurden.

    Die Spielberichte werden komplett auf Emotion getrimmt. Wenn man die ganzen Nahaufnahmen, Wiederholungen, Auswechselungen, gelben und roten Karten (als dramaturgischen Bestandteil der "Story" zu zeigen, stat nur zu erwähnen), Großaufnahmen vom Publikum, Rudelbildungen, Fouls aus mehreren Perspektiven, Emotionseinblendungen von Trainern, Managern, Promis usw. bei Toren und Gegentoren abzieht, bleiben in der Summe kaum noch Spielszenen vor.

    Es wird regelrecht eine Story präsentiert und nichtmehr das Spiel ans ich gezeigt. Manhat ja sogar das Gefühl etwas erlebt zu haben, selbst wenn es ein an sich lahmes Spiel ohne nennenswerte Torchancen war.

  • User
  • 14.03.2010 12:57:29 saloth sar

    ein fleiss punkt fuer marc ramone fuer das zusammenfassen der posts. haette man kaum besser machen koennen.

  • User
  • 11.06.2010 16:12:31 Catilina

    Beckmann sah in der roten Jeansjacke aus wie ein Zwerg: viel zu großer Kopf, durch die aufgebauschten Ärmel wirkten seine Arme noch kürzer, als sie sind.

    Soviel ich weiß, waren Beckmann und Kerner bei Radio Bremen gefeuert worden. Erst in der vollkommen kretinisierten Fernsehlandschaft der 90er konnten sie zu Ikonen werden.

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