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14.03.2010

1992: Als Jugoslawien unterging

Das letzte Aufgebot

Text: Fabian Jonas  Bild: Imago

Prosinecki, Boban, Suker, Mijatovic, Stojkovic, Pancev – was für Spieler! Die jugoslawische Nationalmannschaft galt als Mitfavorit der Europameisterschaft 1992. Doch mit dem Land ging auch das Team im Bürgerkrieg unter.

1992: Als Jugoslawien unterging - Das letzte Aufgebot


Im August 1991 kommt von den kroatischen Spielern nur noch einer zur jugoslawischen Nationalmannschaft: Torwart Tomislav Ivkovic liefert beim Freundschaftsspiel in Schweden nach eigener Aussage sein schlechtestes Länderspiel ab. 3:4 heißt es am Ende. Er habe sich, sagt Ivkovic heute, von der Mannschaft und insbesondere von Nationaltrainer Ivica Osim verabschieden wollen. »Er war der beste Trainer, den ich je hatte, und ich habe auch unter Ernst Happel, Bobby Robson und Miroslav Blasevic gespielt. Er hatte es verdient, dass ich ihm persönlich sage, dass ich nicht mehr komme. Weil ich Kroate bin und mich als Kroate fühle.« 



Rund zwei Monate zuvor, am 25. Juni, haben Kroatien und Slowenien ihre Unabhängigkeit von der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien erklärt. Kurz darauf kommt es in beiden Ländern zu offenen Auseinandersetzungen mit der serbisch dominierten Jugoslawischen Volksarmee. Es herrscht Krieg auf dem Balkan. In diesem Klima ist vor allem für die Kroaten nicht daran zu denken, noch einmal für Jugoslawien zu spielen. Selbst wenn sie wollten. Ivica Osim kassiert gleich reihenweise Absagen und erfährt später, dass sich seine Spieler teils massiven Drohungen ausgesetzt sahen. »Alle – die Politiker, die Zuschauer und die Medien – haben gedacht, sie könnten den Spielern Angst machen, indem sie immer weiter Druck aufbauen, damit sie sich nicht mehr zur Nationalmannschaft trauen«, sagt er.

»Robbi, die Kugel wartet auf dich«

Welche Ausmaße das annehmen kann, wird am Beispiel des Mittelfeldstars Robert Prosinecki deutlich. Seine Mutter ist Serbin, der Vater Kroate. Er fürchtet um das Wohl seiner Eltern, egal, in welche Richtung er sich äußert, und schweigt. Wie richtig er damit liegt, erfährt er, als er eines Tages die Zeitung aufschlägt. »Robbi, die Kugel wartet auf dich«, heißt es dort, geäußert von einem kroatischen Armeeangehörigen für den Fall, dass Prosinecki noch einmal für die jugoslawische Nationalelf auflaufen sollte. Torwart Tomislav Ivkovic will von Drohungen gegen sich oder seine Familie nichts wissen. Entrüstet weist er den bloßen Gedanken von sich, jeder in der Heimat habe schließlich gewusst, dass er ein »großer Kroate« sei. Er zeichnet das Bild moderner Profis, die vor allem der eigenen Karriere wegen überhaupt für die Auswahl gespielt haben: »Wir haben nie für Jugoslawien gespielt, immer nur für uns. Ich hätte nur gerne mit dieser Mannschaft weitergemacht, weil wir befreundet waren und sehr viel hätten erreichen können.«

Anderen fällt es nicht so leicht, so pragmatisch auf die politischen Entwicklungen zu reagieren. Dejan Savicevic, später ein glühender Verfechter der Unabhängigkeit Montenegros, sagt in dem Dokumentarfilm »The Last Yugoslavian Team«: »Ich wurde als Jugoslawe erzogen, und wenn die Leute mehr an das Land, an die Einheit gedacht hätten, wäre das nie passiert. Die Frage, ob du Serbe, Montenegriner, Bosnier oder Kroate bist, ist unsere große Tragödie.« 

Schon als Nationaltrainer Ivica Osim 1986 sein Amt antritt, brodelt es im Land. Staatsgründer Tito ist seit sechs Jahren tot, seither fehlt ein Anführer, der für die nationale Einheit sorgt. Nationalistische Stimmen werden in allen Teilrepubliken immer lauter, vor allem in Kroatien fühlen sich viele von der Dominanz Serbiens unterdrückt. Auf Osims Arbeit hat das zunächst nur bedingt Einfluss. Die Mannschaft, die er übernimmt, kommt aus allen Teilen des Landes. Viele Spieler sind miteinander befreundet, weil sie schon jahrelang in den Nachwuchsnationalmannschaften zusammengespielt haben. Nationale, ethnische oder gar religiöse Ressentiments gibt es nicht.

Der Kader ist eine Verheißung für die Zukunft

Vor allem aber handelt es sich bei dieser Mannschaft um eine goldene Generation. Nie zuvor hat es  in Jugoslawien auf einen Schlag so viele talentierte Spieler und eine so ausgewogene Mischung gegeben. Zu den Erfahrenen, die bei Olympia 1984 die Bronzemedaille gewonnen haben, kommen noch vor der WM 1990 die U 20-Weltmeister von 1987. Der Kader ist eine Verheißung für die Zukunft. Spätere Weltstars wie Robert Prosinecki, Zvonimir Boban, Davor Suker, Predrag Mijatovic, Dragan Stojkovic, Darko Pancev, Dejan Savicevic, Sinisa Mihajlovic oder Vladimir Jugovic konkurrieren um die Plätze.

Das Problem besteht für Coach Osim hauptsächlich darin, aus der Vielzahl von Offensivkünstlern eine funktionierende Mannschaft zu formen. »Im heutigen Fußball wäre das eine Utopie, aber wir haben letztendlich mit sechs Spielmachern gespielt. Offensiv waren sie alle begnadet, defensiv konnte man sie vergessen«, sagt er. Doch das Zusammenspiel klappt, die Spieler wissen um ihre Stärke und respektieren einander. »Wir hatten wirklich nie Probleme bei der Integration: weder wegen der Nationalität noch wegen der spielerischen Klasse oder des Alters.«

Außerhalb des Teams ist die Stimmung dagegen weniger harmonisch. Der Tonfall in Politik und in den Medien wird immer martialischer, vor allem die Schreiber aus Zagreb und Belgrad sind einander spinnefeind, auch in der Sportberichterstattung. »Die kroatischen Journalisten protegierten kroatische Spieler, die serbischen forderten, dass ihre Landsleute immer spielen müssten. Das war die Art dieser Leute, ihren eigenen Patriotismus zu demonstrieren«, so Osim. »Es wurde überhaupt nicht mehr in Betracht gezogen, dass sie auch zusammen spielen könnten.« 

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Aus 11 FREUNDE-Spezial: 90er

Das waren die Neunziger






Kommentare

  • User
  • 11.03.2010 10:31:31 ColePorter

    Toller Artikel! Kompliment...


    ...für den Rest muss ich mir wohl die Spezial-Ausgabe zulegen...

  • User
  • 12.03.2010 17:13:23 Zadar101

    Bei dem Thema könnte ich heulen.
    Bin selber halb Kroate und halb Serbe also Jugoslawe.
    Wenn dieser SCHEISS Krieg nicht gewesen wäre hätten wir bestimmt einen Titel geholt.
    Was ich aber noch schlimmer finde ist was aus der jugo-liga geworden ist.
    6 mini Verbände.Wir können keinen guten Spieler halten. Alle gehen ins Ausland. Dabei hätten wir eine richtig starke Liga wenn alle zusammen spielen
    würden. Siehe Roter Stern Belgrad 1990.
    Ich treume davon eines Tages wieder ein Ligaspiel zwischen meinem Hajduk Split und Roter Stern Belgrad in Split zu sehen.
    Krieg ist SCHEISSE!!!!!!!!!!!!!!!

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