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07.03.2010

Ode an die Co-Kommentatoren

Der 90-Minuten-Sidekick

Text: Andreas Bock  Bild: Imago

In den Neunzigern gehörten Fußballer, die als Co-Kommentatoren Heribert Faßbender ins Wort fielen, zum TV-Inventar. Heute sind sie von der Bildfläche verschwunden oder haben eigenen Sendungen. Schade eigentlich.

Ode an die Co-Kommentatoren - Der 90-Minuten-Sidekick


Thomas Helmer ist ein Taktikfuchs. Immer montags erklärt er im DSF komplexe Doppelpässe, bewertet Laufwege von Schiedsrichtern oder analysiert weite Einwürfe. Dem Ex-Profi Helmer stehen dabei andere Ex-Profis zur Seite, die vor einer riesigen Videowand und hinter einem Podest den Zuschauern das Gefühl von Fernuniversität (Hagen, Fachrichtung: Sportwissenschaft) oder Bundestagsdebatte (Berlin, Thema: Irgendwas) vermitteln. Immerhin: Nach Thomas Müllers Tor gegen den 1. FC Nürnberg deckte Helmer mit seinem Expertenstab das neue System des FC Bayern auf – die sogenannte Zorrotaktik. Zur Verdeutlichung seiner These illustrierte er, welchen Lauf der Ball vor Müllers Tor genommen hatte und zog ein großes schwarzes »Z« auf den Bildschirm. Es sollte überraschend wirken, brechen mit den gängigen Analysen, irgendwie anarchisch und spontan. Dabei war all das natürlich gut vorbereitet worden, der Teleprompter, die »Analyse«, die Quintessenz, das »Z«, selbst das Grinsen.



Es gab eine Zeit, in den Neunzigern, da hatten Ex-Profis und Ex-Trainer einen festen Platz beim Fernsehen. Sie waren die legeren Co-Kommentatoren der grauen Männer mit ihrem verkalkten Sportschau-Sprech und den eng gebundenen Krawatten. Sie waren Sidekicks, denen man ein Geheimwissen zusprach, schließlich waren sie Kenner der Materie. Ein »Z« brauchten sie zur Veranschaulichung ihres Knowhows nicht. Sie brauchten nicht mal eine Videowand, denn diese Wortkünstler gaben ihr Wissen aus dem Stegreif und ausschließlich verbal weiter. So wusste Andy Brehme 1998 auf Anhieb, warum die Brasilianer besser als die Dänen waren (»Die sind ja auch alle technisch serviert«) und Karl-Heinz Rummenigge analysierte bei der WM 1990 messerscharf die Schusstechnik von Guido Buchwald (»Das war nur ein Meter davon entfernt, ein zentimetergenauer Pass zu sein«).

Ein Rummenigge spricht französisch

Sowieso: Karl-Heinz Rummenigge anno 1990. Ein Paradebeispiel des rhetorischen Zufalls. Ein Co-Kommentator, der einfache Sachverhalte komplex machen konnte (»Wenn man über rechts kommt, muss die hintere Mitte links wandern, da es sonst vorne Einbrüche gibt«), der mit französischem Vokabular überraschte (»Ein gefährliche Parabole aufs Tor«) und der auch mal seine Meinung in aller Deutlichkeit kund tat (»Dieser Schiedsrichter! Ich hoffe, wir sehen ihn nicht mehr bei dieser WM. Höchstens als Kartenabreisser«). Dazu der eigentliche Kommentator Gerd Rubenbauer, Ästhet des Überschwangs und der lang gezogenen Konsonanten. Nie wieder waren sich zwei so einig wie Rummenigge und Rubenbauer im Inge-Meysel-haften hysterischen Torschrei, als Andy Brehme gegen Argentinien den Elfmeter versenkte.

Heute wollen die prädestinierten Co-Kommentatoren lieber Moderatoren in eigenen Sendungen sein – oder zumindest Experten in fremden. Und spätestens seit RTL bei der WM 2006 bei RTL mit Pierre Littbarski das Comeback des Co-Kommentators im Fußball feierte, grassiert die Angst vor dem Fettnäppfchen. Kein Sender will der nächste sein, der den falschen Mann am falschen Ort platziert – nämlich in der Sprecherkabine. Es ist die Panik vor einem Co-Kommentator, der das »Äh« zum Prädikat oder wahlweise Objekt erhebt, der bei der Bewertung von Spielern jegliche Distanz vermissen lässt (»Nakamura spielt so schlecht, der kommt noch nicht einmal am Schiedsrichter vorbei«) oder der Trainer auf dem Platz zum Rauchen animiert (»Mexikos Trainer La Volpe guckt so mies drein. Der soll sich endlich mal eine anstecken. Dann geht’s ihm vielleicht besser«). Ein Ratschlag, der in das Nachmittagsprogramm – zwischen »Sesamstraße« und »Marienhof« – so gut reinpasst wie ein Aufklärungsfilm über Drogen in den Berliner Großraumclub »Berghain«.


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Kommentare

  • User
  • 03.03.2010 17:40:27 skifahrer

    Wer Frank Wörndl als Co-Kommentator jetzt in Vancouver erlebt hat, also ihr offenbar nicht, der würde sich nicht über seine Anfänge im Fernsehen lustig machen, sondern wäre dankbar für dessen Sachkenntnis, an der er uns teilhaben ließ. Ich bin fest überzeugt: der erste Text, den der Autor Andreas Bock einst veröffentlicht hat, war besser als dieser hier. Auch wenn er im Kern Wahres beschreibt, es könnte schon schmunzelnder geschrieben sein.

  • User
  • 03.03.2010 19:53:36 der wilde george

    a propos Vancouver: Wer am letzten Tag der Spiele zufällig auf Eurosport das Eishockeyfinale gesehen, und dazu den Co-Kommentar Rick Ammans gehört hat; könnte sich ein gutes Bild davon machen, wie es denn wäre, wenn das Kommentieren wieder im "Sidekick-Modus" ausgeführt würde. Höchst unterhaltsam nämlich. Und überschäumendes Fachwissen kann man zu Zeiten von "unseriös ist das neue seriös" und den immergleichen Reporterfloskeln sowieso nicht der Anspruch sein, den man an einen Fussballkommentator stellen sollte. Siehe: der 11 Freunde Ticker.
    Zu Zeiten des Digitalen Fernsehens wäre es doch sowieso angebracht, Fussballübertragungen mit mehreren Tonoptionen zu übertragen. Einen Kommentator für die Heim- und einer für die Auswärtsmannschaft. Unterhaltung pur.

  • User
  • 03.03.2010 21:18:47 Jonathan Niva

    Wer K.-H. Rummenigge als Co erleben musste, den würde selbst der Loddar nicht erschüttern. Es gab, es gibt und es wird nix Schlimmeres geben, als einen kommentierenden Kalle Rummenigge. Es war damals einfach grauenvoll.

  • User
  • 04.03.2010 00:26:28 AbteilungAttacke

    Also ich weiß nicht, hab nu' Vancouver nicht so mitverfolgt - aber auf Eurosport fand ich die Doppelbesetzung bei der Kommentation immer grau-en-haft, egal obs beim Eiskunstlaufen oder Tennis oder Spitz-Pass-Auf war... das war prägend und von daher finde ich die deutsche Praxis ganz schön. Meist redet einer ja schon soviel Blech, dass es für zwei reicht (ja, ich meine Bela Rethy)

  • User
  • 04.03.2010 03:06:42 UrmelAusmEis

    Im englischen Fußball ist es ja auch heute noch gängige Praxis, dass da zwei kommentieren. Und ich muss sagen, dass ich darin bislang nur selten einen Mehrwert erkennen konnte. Gut - mir ist klar, dass der näselnde Schotte für den englischen TV-Zuschauer ein Idol sein mag, spätestens seit dem tollen Solo gegen Portsmouth. Während er für mich ein Niemand ist, dessen Name mir nichts sagt, dessen einstige Großtaten ich nicht kenne, nur eine Blubbermaschine mit beschissener Aussprache, die ständig Nasri und Fabregas verwechselt, nur weil beide rote Schuhe tragen.

    Der einzige Vorteil, den ich erkennen kann, ist, dass bei der Beurteilung von strittigen Szenen selten völliger Schwahsinn herauskommt: selten liegen sie beide völlig daneben.

  • User
  • 04.03.2010 09:36:29 Redondo71

    und dazu den Co-Kommentar Rick Ammans gehört hat;

    Ricko Ammann, Ricko Ammann, Ricko Ammann Fan-Club - RAF

    Ein echter Haudegen! Und seine Side-Kicks waren wirklich schön.

    Beim Handball gefällt mir auch Bob Hanning.

  • User
  • 04.03.2010 12:47:26 derpanzer

    Mir fällt es immer auf wenn ich meinem Hobby virtuell nachgehe; Die Kommentare von Wolf-Dieter Poschmann und Co Werner Hansch machen den Road to World Cup Fifa98 immer wieder zum absoluten Spiele-Hit, während ich bei moderneren Spielen, trotz besserer Spielanlage, fast einschlafe.

    Was anderes: Gestern wurde dierekt nach Pausenpfiff beim Spiel Deutschland-Argentinien Musik (bad romance) eingespielt, die man auch noch bei der Halbzeitanalyse von Hohenstein und Kahnemann hörte. Ein Gräul!

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