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Dieter Kurrat über Dortmund-Liverpool 1966

Stans Placebo

Text: Dieter Kurrat (Protokoll: Andreas Bock)  Bild: Imago

Finale im Pokalsieger-Cup 1966. Vor dem Spiel spottet Liverpools Coach Bill Shankly: »Borussia Dortmund? Wer ist das denn?« Das Lachen vergeht ihm spätestens nach einer Stunde. Dieter Kurrat erzählt vom Spiel seines Lebens.

Dieter Kurrat über Dortmund-Liverpool 1966 - Stans Placebo


Als ich in die Kabine kam, sagte niemand ein Wort. Ich schaute in skeptische Gesichter. Na super, sie hatten alle den Zeitungsartikel gelesen, in dem Liverpools Trainer Bill Shankly fragte: »Borussia Dortmund – wer ist das denn?« Natürlich waren die Liverpooler klarer Favorit und im Gegensatz zu uns eine Mannschaft, die ausschließlich aus Vollprofis bestand, die stellten ja die halbe englische Nationalmannschaft: Bobby Moore, Roger Hunt oder Peter Thompson. Das waren klangvolle Namen, ich kannte sie bis dato nur aus dem Fernsehen, ich hatte gesehen, wie sie im Viertelfinale Honved Budapest und im Halbfinale die Glasgow Rangers aus dem Wettbewerb geworfen hatten.

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Weiter Stille. Dann ergriff Willi Multhaup das Wort. Zunächst sagte er: »Meine Herren, wir wollen unsere Haut so teuer wie möglich verkaufen.« Wir nickten. Doch bevor wir aufstehen konnten, bedeuete Multhaup sitzen zu bleiben, seine Rede war noch nicht vorbei. »Männer«, sagte er nun und atmetete tief ein, »von zehn Spielen gegen diese Mannschaft verlieren wir neun.« Er blickte in die Runde, entschlossen, angriffslustig. »Doch heute«, Multhaup wurde lauter, »heute ist das zehnte Spiel.« Diese Ansprache motivierte uns bis in die Fußspitzen. Dann dieser Blick von Multhaup, er glaubte tatsächlich an unsere Chance und plötzlich war auch bei uns wieder der Gedanken: An einem guten Tag können wir jeden schlagen.

Von der ersten Minute mussten wir uns nicht nur gegen die Offensive der Engländer stemmen, wir hatten auch das Publikum gegen uns. Es waren leider sehr wenige Zuschauer gekommen, in den Hampden Park passten damals über 100.000 Zuschauer rein, doch es waren kaum mehr als 40.000 gekommen – und die meisten standen auf Seiten der Engländer. Doch wir überstanden die erste Halbzeit schadlos. In der Halbzeit musste Multhaup keine großen Reden mehr schwingen, wir wussten, dass wir durchaus mithalten können. Und so gingen wir mit breiter Brust raus und nutzten einen der ersten Konter zum 1:0.

Traubenzucker für Libuda

Kurze Zeit später fiel das 1:1 durch Hunt – ein irregulärer Treffer, denn der Ball hatte zuvor die Auslinie überquert. Wir hatten jedenfalls das Spielen eingestellt und unsere Arme gehoben, doch der Schiedsrichter ließ weiterlaufen. Es ging also in die Verlängerung. Und da schlug die Stunde von Stanse. Der Stan war ja seit jeher ein sehr schüchterner und sensibler Spieler. In Heimspielen umkurvte er seine Gegenspieler nach Belieben und spielte ihnen Knoten in die Beine. Auswärts gelang ihm viel weniger. Das Publikum und die Gegenspieler machten ihn nervös. Und wenn man ihn dann zurechtstutzte, zog er sich immer weiter in sein Schneckenhaus zurück. Vor Auswärtsspielen fragte Stan unseren Trainer Willi Multhaupt häufiger nach Beruhigungsmitteln. Multhaupt gab ihm dann eine Tablette, Stan warf sie ein, dann hatte er sich einigermaßen im Griff. So war es auch vor dem Spiel gegen Liverpool. Was Stan allerdings nie erfuhr: Multhaupt gab ihm lediglich eine Traubenzucker-Tablette. Es war sein Placebo.


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