Manchester United gegen Manchester City
Mein neureicher Nachbar
Text: Neil Billingham Bild: Imago
Heute spielt Manchester United gegen Manchester City. Altes Geld gegen neues Geld, Glazer gegen Scheich, Rot gegen Blau – ein Hassduell. Beim dramatischen 4:3 im Jahre 2009 war unser Korrespondent Neil Billingham mitten im Geschehen.
Auf den ersten Blick war es einfach nur ein Plakat, und doch war es so viel mehr als das. Am Morgen des 18. Juli erblickten die Einwohner von Manchester in ihrer Stadt ein riesiges himmelblaues Poster, auf dem das Konterfei von Carlos Tevez zu sehen war, darunter die Worte »Welcome to Manchester«.
Das Plakat ließ mehrere Interpretationen zu. Die naheliegendste war, dass Manchester City, das den zuvor bei United angestellten argentinischen Nationalspieler soeben für 25 Millionen Pfund unter Vertrag genommen hatte, sich öffentlich darüber freute, nun mit dem Stadtrivalen mithalten zu können, wenn es darum ging, die besten Spieler der Welt zu holen. In Old Trafford hatte Tevez große Popularität genossen, und wäre es nach den Fans gegangen, wäre der Vertrag mit dem Stürmer längst verlängert worden. Doch Sir Alex Ferguson entschied sich, Tevez ziehen zu lassen und erklärte, er sei nicht bereit, für einen Spieler, der in wichtigen Partien meist auf der Bank saß, unverhältnismäßig viel Geld auszugeben.
Eben darin steckte die zweite Botschaft des überlebensgroßen Posters: Ferguson und sein Trainerstab, so die Unterstellung, hätten Tevez nie das Gefühl gegeben, wirklich gebraucht zu werden. Im Eastlands Stadium würde sich das signifikant ändern.
Die dritte Botschaft war eher geografischer Natur. Das Plakat war an der Grenze zu Stretford im Bezirk Trafford aufgestellt worden, wo sich auch das Stadion Old Trafford befindet. Seit United 1910 ins Old Trafford in Stretford umzog, weist City gerne darauf hin, der einzige im Gebiet Manchester ansässige Klub und somit der einzig wahre Verein der Stadt zu sein.
Mochte das Plakat auch drei verschiedene Bedeutungen haben, das Resultat war ein und dasselbe: ein Krieg der Worte. Und Sir Alex schluckte den Köder. Statt die Bedeutung des Posters herunterzuspielen oder es einfach zu ignorieren, ließ er seiner Empörung auf einer Pressekonferenz in China, wo United auf Werbetour war, freien Lauf. »City ist ein kleiner Klub mit einer kleinkarierten Mentalität«, schäumte Ferguson. »Sie reden immer nur über Manchester United. Es ist das Einzige, was sie beschäftigt, und das ist dumm. Sie wollen uns provozieren, aber sie werden schon sehen, was sie davon haben.» Die Tirade ging noch weiter. »Ich betrachte City nicht als unseren größten Herausforderer. Sie glauben, es wäre ein Riesenerfolg, uns Tevez weggeschnappt zu haben. Das ist armselig. Ich hatte mich schon lange damit abgefunden, dass er zu City gehen würde. Jetzt muss ich mich wenigstens nicht mehr mit Spielern herumschlagen, die unzufrieden sind, weil sie nicht spielen. Ich habe es hier mit Profis zu tun.«
Ferguson betrachtet den Stadtrivalen nicht als echte Bedrohung
Seit dem ersten Derby im Jahr 1894 herrscht zwischen den Roten von United und den Blauen von City eine erbitterte Rivalität. Die Nummer Eins der Stadt war aber zumeist United. City übernahm für kurze Zeit die Vorherrschaft, als sie 1968 Meister wurden (United holte im gleichen Jahr den Europapokal), 1969 den FA-Cup gewannen und 1970 im League Cup wie auch im Europapokal der Pokalsieger triumphierten. 1974 erzielte der ehemalige United-Stürmer Denis Law beim legendären 1:0-Sieg von City im Old Trafford per Hackentrick das entscheidende Tor. Die Niederlage besiegelte damals den Abstieg der Roten. United kehrte aber nur ein Jahr später in die erste Liga zurück, und seitdem ist das Duell zwischen beiden Klubs ziemlich einseitig verlaufen. Seit Sir Alex 1986 als Manager anheuerte, gewann United in 23 Jahren elf Meisterschaften, zweimal die Champions League und zwölf weitere Titel. City hat in der gleichen Zeit gar nichts erreicht, außer sich zum Gespött des englischen Fußballs zu machen. Obwohl der Klub mit die treuesten und leidenschaftlichsten Fans der Insel hat, machte er vor allem durch Streitereien in der Führungsetage, Trainerentlassungen, überteuerte Spieler und schlechte Leistungen von sich reden. Den Tiefpunkt erreichten die Blauen 1998, als sie als erster früherer Europapokalsieger in die dritte Liga abstiegen. Sir Alex Ferguson betrachtete den Stadtrivalen seit jeher nicht als echte Bedrohung und war viel mehr damit beschäftigt, sich der Angriffe von Liverpool in den Achtzigern, Arsenal in den Neunzigern und Chelsea in den letzten Jahren zu erwehren.
Aus Heft#96 11/2009
Die große Freiheit Wende und Fußball





