Udo Lattek blickt zurück
»Andere mussten. Ich durfte!«
Text: Alex Raack Bild: Imago
Udo Lattek, Chef-Inquisitor und einer der erfolgreichsten Trainer des deutschen Fußballs, blickt zurück. Auf Krisen und Erfolge, auf Weisweiler und Beckenbauer. Und auf seine Zeit als bestbezahltester Trainer Deutschlands.
Udo Lattek, am Samstag werden Sie 75 Jahre alt. Wie geht es Ihnen?
Ich komm gerade vom Arzt, Schnupfen, Heiserkeit und der ganze Mist.
Sind das die Gebrechen des Alters?
Quatsch. Ich war ein paar Tage Skifahren, da muss ich mir was eingefangen haben.
Spüren Sie eigentlich schon etwas von der angeblichen »Weisheit des Alters«?
Das tue ich tatsächlich, vor allem meine Kinder und Enkel merken das. Ich bin viel ausgeglichener als früher. Da bin ich ja wie ein HB-Männchen durch die Gegend gesprungen. Du musstest mich nur schief angucken, und ich bin explodiert. Heute lache ich darüber. Insofern lassen sich da gewisse Parallelen zu Jupp Heynckes erkennen. Den hat das Alter ja scheinbar auch beruhigen können.
Sie sind also ein richtiger Märchenonkel geworden?
Genau. Ich kann nur noch im »Doppelpass« noch giftig werden.
Müssen Sie als kritischer TV-Experte in eine Rolle schlüpfen?
Ich spiele keine Rolle. Der »Doppelpass« ist ja quasi mein Ziehkind, ich bin als einziger seit Anfang an dabei, und was ich da sage, wie ich mich verhalte, das geschieht nicht einfach aus einer Laune heraus. Vor der Kamera kann ich auch mal ausrasten, zu Hause bin ich ganz entspannt. Ich bin wie Dr. Jekyll und Mr. Hyde, wenn man so will.
Lassen Sie sich vom Fußball noch den Tag verderben?
Nein, die Zeiten sind vorbei. Inzwischen gibt es andere Werte in meinem Leben, und so abgedroschen es aus meinem Mund klingen mag: Fußball ist zur wichtigsten Nebensache geworden. Ich habe für den Fußball, vom Fußball gelebt und diesem Sport viel zu verdanken, aber irgendwann muss auch mal gut sein.
Als Sie 2000 überraschend bei Borussia Dortmund anheuerten, sah das allerdings nicht danach aus.
In diesen fünf Wochen habe ich ganz deutlich gemerkt: Das ist nicht mehr meine Welt. Ich wollte immer den richtigen Absprung schaffen und zwar dann, wenn ich es will, und nicht, weil andere es entscheiden. Das ist Gott sei Dank geglückt.
Hätten Sie zu Ihrer Blütezeit als Trainer in den siebziger, achtziger Jahren gedacht, dass Sie das jemals sagen würden? Damals sah es ja danach aus, dass Sie irgendwann auf der Trainerbank sterben würden.
Dafür war ich doch viel zu gesund! Mein Vorteil war damals auch, dass ich den Druck, der sich zwangsläufig in mir gebildet hatte, während des Spiels rauslassen konnte. Ich habe einfach wild Anweisungen auf das Spielfeld gebrüllt, die aber sowieso keiner verstanden hat. Die Jungs haben nur genickt und gedacht: »Lass den Alten mal reden«. Aber ich war den Druck los.
---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Bayern München, Borussia Dortmund, Borussia Mönchengladbach, Schalke 04


Welch ein Karrieresprung: Prüfungsleiter und Bundestrainer Helmut Schön bekommt während der Abschlussprüfung der Fußballlehrer von Ausbilder Hennes Weisweiler einen Tipp: »Der Lattek isn Juter!« Schön holt den Novizen in sein Team und der darf ? 30 Jahre jung ? gleich mal mit Peter Grosser, Werner Krämer und Uwe Seeler (von links) abklatschen. Hier nach dem WM-Quali-Spiel 1965 in Stockholm gegen Schweden.





