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25.03.2010

Über den Wandel der Zweikampfkultur

Sag mir, wo die Grätschen sind

Text: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

Fehlende Vereinstreue und totale Berichterstattung haben das Zweikampfverhalten von Abwehrspielern radikal verändert. Früher wurde gehackt, heute zärtlich gezuppelt. Ein Verlust, den man beweinen kann. Wenn man Härte liebt.

Über den Wandel der Zweikampfkultur - Sag mir, wo die Grätschen sind


Krach! Körbel gegen Hrubesch, Förster gegen Schatzschneider, Höttges gegen Fischer – das waren nicht nur Zweikämpfe. Es waren Duelle über Jahre und Jahrzehnte. Rainer Bonhof, in den Siebzigern Defensivmann in der legendären Gladbacher Elf, erinnert sich an die Spiele gegen den Dauerrivalen Bayern München. Und an seine regelmäßigen Showdowns mit dem pfeilschnellen Uli Hoeneß: »Wenn der Uli sich im Hinspiel etwas geleistet hatte, dachte ich: Nächsten Monat habe ich ihn wieder, packen wir das Paket doch noch mal an.«   



So entstanden Rechnungen, die offen blieben und beglichen werden mussten. Und wieder von vorn. Quitt war man erst, wenn die Karriere vorbei war, oft also erst nach über 300 Spielen auf dem Buckel. 

»Es waren überschaubare Zeiten, Transfers selten«, schwelgt Bonhof. »Ich wusste oft ein Jahr vorher, wer beim Spiel gegen Bayern mein Gegenspieler sein würde.« Ein 365 Tage andauernder Traum von der perfekten Fluggrätsche. Beziehungsweise: ein Alptraum.   

»Rudi war einfach zu schnell«

Männer wie Bonhof waren keine schlechteren Menschen als die Profis der Gegenwart. Sie hatten nur einen anderen Ehrenkodex, indoktriniert von einer anderen Gesellschaft. Ihre Fouls wurden noch nicht von Dutzenden Kameras beäugt und vom »Doppelpass«-Tribunal gegeißelt. Heute muss Vedad Ibisevic die Verbannung fürchten, weil er zärtlich an Patrick Owomoyelas Wursthaar zuppelt. Klaus Augenthaler hingegen, der Rudi Völler 1985 für ein halbes Jahr ins Krankenhaus senste, wurde von seinem Trainer Udo Lattek freigesprochen: »Rudi war einfach zu schnell.«  

Nun gibt es die Super-Slowmotion, die jeden Nasenstüber aus acht Winkeln durchleuchtet. Und auch die von Transfers sind ungleich häufiger geworden als noch zu Bonhofs Zeiten. Nicht nur zwischen den Vereinen wechseln die Spieler hin und her, auch innerhalb rotieren sie. Selbst wenn ein Verteidiger sich über Jahre seines Stammplatz in einer Mannschaft sicher sein kann – woher soll er vorher wissen, gegen welchen Bayern-Stürmer er spielt? Klose? Toni? Gomez? Olic? Müller? Das weiß ja noch nicht mal Louis van Gaal.   

Gewachsene Hasslieben gehören der Vergangenheit an. Den Spielern eilt heute kein Kampfname mehr voraus wie »Eisenfuß« (Höttges) oder »der Killer mit dem Babyface« (Förster). Man kennt den Marktwert des anderen aus der »SportBild«. Pedro Geromel gegen Paulo Guerrero – das ist kein Showdown mehr wie zwischen Bonhof und Hoeneß. Das ist ein Meeting.

Man kann es finden wie man will, fest steht: Etwas ist für immer verloren gegangen. 






Wunderbar, wie sich in dieser Szene beim Europapokal-Endspiel zwischen Atletico Madrid und Bayern München der Schnäuzer von Gerd Müller (rechts) symetrisch zur Grätsche verbiegt.


Fotostrecke

  • Wunderbar, wie sich in dieser Szene beim Europapokal-Endspiel zwischen Atletico Madrid und Bayern München der Schnäuzer von Gerd Müller (rechts) symetrisch zur Grätsche verbiegt.
  • Eingesprungene Fluggrätsche von Erich Obermayer (Österreich, rechts) gegen den bedauernswerten Rene van de Kerkhof (Niederlande).
  • Eine herrliche Beinschere setzt hier Hans-Heinrich Pahl (Braunschweig) gegen Klaus Allofs (Köln) an. Bestnoten gibt es für die elegante Armhaltung. Eindrucksvoll.
  • Die Doppelgrätsche, sitzend, formvollendet ausgeführt von Johan Neeskens (Holland) im WM-Finale 1974. Zu Fall gebracht: Rainer Bonhof.
  • Fred Hesse (Düsseldorf, links) grätscht dem Lauterer Wolfgang Seel in die Parade. Freunde der Anatomie werden begeistert sein von der wunderbaren Aufnahme sämtlicher Oberschenkelmuskeln.
  • Welcome back, Kaiser! Jürgens Gelsdorf (links, Leverkusen) und Jürgen Glowacz nehmen Franz Beckenbauer nach seiner Rückkehr in die Bundesliga freundschaftlich in die Mangel.


Kommentare

  • User
  • 07.12.2009 10:36:39 die satanische ferse

    Ich will jetzt nicht wieder das Fass mit dem Aufkleber "Geilheit der Medien" aufmachen, aber: Nachrichten aus allen Winkeln der Erde sind so schnell bei den CNNs der Welt, da kann man nicht ernsthaft erwarten, dass beim Fußball nach wie vor die Totale von der Tribüne reicht...

  • User
  • 07.12.2009 11:09:52 Blauweiss

    Super Bilder!

  • User
  • 07.12.2009 11:50:33 siemsator

    Besonders bei dem Foto mit Koerbel und Hoeness will man ausrufen: "Ball getroffen, Schiri!"

  • User
  • 07.12.2009 12:40:19 Kudde1887

    Sehr treffender Artikel und coole Bilder. Irgendwie fehltnur Hollerbach bei den Bildern, der ja immer mal für eine gute Grätsche zu haben war. Und solche Typen fehlen wirklich!

  • User
  • 07.12.2009 13:38:58 M37

    Bevor Missverständnisse aufkommen: Ich bin ein großer Freund der gepflegten Grätsche als eines der schönsten Utensilien im Werkzeugkasten der Defensivkünstler. Die Bilder beweisen eindrucksvoll die Ästhetik dieser Kunstform...
    ...allerdings nur wenn sie gut und vor allem sauber - das heißt fair - gemacht ist!

    Doch nun zu meinen Einwänden:
    Der Artikel verklärt die Vergangenheit ein wenig und lenkt auch davon ab, dass es auch heute die Grätsche (sowohl die faire als auch die unfaire) immer noch ihren Platz im Fußball hat.
    Allerdings haben die Trainer inzwischen auch herausgefunden, dass die Grätsche nicht das allein glücklich machende Mittel der Defensivarbeit ist. Man bringt modernen Verteidigern (zum Glück) inzwischen bei, dass es nicht immer die beste Möglichkeit ist zu früh "auf den Boden zu gehen". Stattdessen ist es oftmals ratsamer, seinen Körper einzusetzen und die Angreifer abzublocken oder im besten Fall sogar abzulaufen. Das geht natürlich nur, wenn man noch steht. Ist man einmal auf dem Hosenboden, so kann man den Gegner logischerweise beim heutigen Tempo nicht mehr verfolgen und ist somit aus dem Spiel, falls man den Ball (oder den Gegner) bei der Grätsche mal nicht trifft. Die Grätsche ist also ein riskantes (wenn auch spektakuläres) Mittel und oftmals die ultima ratio, wenn sonst gar nichts mehr geht und man hofft, den Gegner nur noch mit einem beherzten Sprung erreichen zu können.
    Modernes Abwehrspiel versucht also nunmal so oft auf die Grätsche zu verzichten und daher ist sie vielleicht insgesamt etwas seltener geworden.

    Und nun zum Thema Hollerbach:
    Der Metzger aus der Zellerau als leuchtendes Beispiel zu beschreiben ist meiner Meinung nach wohl so ziemlich das letzte. Denn bei seinen Grätschen hat er nicht nur einmal eine Verletzung seines Gegenspielers billigend in Kauf genommen. So etwas als Vorbild zu beschreiben halte ich für sehr kritisch. Letztes Wochenende fühlte ich mich mal wieder sehr an ihn erinnert:
    Die Grätsche von Nikolce Noveski gegen Eljero Elia hätte auch von Hollerbach sein können und war so ziemlich das unfairste was ich in dieser Saison bisher gesehen habe. Die gelbe Karte, die er dafür bekommen hat, war absolut lächerlich. Rot die einzig richtige Entscheidung. In dieser Situation wollte er nichts anderes als den Konter des HSV stoppen - und das mit allen Mitteln. Schon als er losgesprungen ist, wusste er genau, dass der Ball für ihn unerreichbar sein würde und er Elia nur durch einen Tritt stoppen könnte. Für die Frage, ob gelb oder rot ist es dabei auch völlig unerheblich, ob er von "der Seite" gekommen ist oder "von hinten". Dieses Foul war einfach nur brutal und mit Vorsatz begangen. Dass sich Elia nicht schwerer verletzt hat, war reines Glück.

    my2cents zum Thema Grätschen ;-)

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