Das gekaufte Halbfinale von Anderlecht
Nur ein Darlehen
Text: Alex Raack Bild: Imago
Ein neuer Wettskandal erschüttert Fußball-Europa. Es sollen über 200 Spiele verschoben worden sein. Wir erinnern an das gekaufte Rückspiel im UEFA-Cup-Halbfinale von 1984 RSC Anderlecht gegen Nottingham Forest.
»Eine unerfreuliche Geschichte«, murmelte Lennart Johansson im Frühherbst 1997 und meinte ein Spiel, das 13 Jahre zuvor abgepfiffen wurde. Johansson, 1997 noch Präsident der UEFA, tat sich sichtlich schwer damit einzugestehen, dass ausgerechnet in einem Halbfinale des Vorzeige-Wettbewerbs seines Verbandes ein mittelschwerer Skandal nachträglich aufgeklärt werden musste.
Im März 1984 war dem belgischen Klub RSC Anderlecht die vermeintliche Sensation geglückt, als man im Rückspiel vor heimischer Kulisse das 0:2 aus dem Hinspiel gegen Nottingham Forest mit einem furiosen 3:0-Erfolg wettmachte und damit den Einzug ins UEFA-Cup-Finale schaffte (dass man dann im Elfmeterschießen gegen die Tottenham Hotspurs verlor). Eine sportliche Sensation? Nicht ganz. Anderlechts früherer Präsident Constant Vanden Stock hatte kräftig nachgeholfen und Schiedsrichter Emilio Carlos Gurizeta Muro aus Spanien eine saftige Geldspritze über eine Millioen Franc setzen lassen. Der Referee, pflichtbewusst gegenüber des großzügigen Geldgebers aus Belgien, tat alles in seiner Macht stehende, um Anderlecht den Einzug ins Endspiel zu ermöglichen.
Eine Geldspritze in Form von einer Million Franc
Zunächst verwehrte er den Briten einen regulären Treffer, kurz vor dem Ende der Partie übersah Muro großzügig ein Foulspiel der Belgier im eigenen Strafraum. 13 Jahre später nun, musste sich auch der amtsmüde UEFA-Chef mit dem Fall befassen, 16 ehemalige Nottingham-Akteure hatten vor Gericht eine Klage gegen das Spiel eingereicht. Noch trauriger wurde Johansson über die Tatsache, dass offenbar selbst in seiner eigenen Zentrale nicht für reinen Tisch gesorgt wurde: »An mich ist 1992 ein dickes Paket mit Papieren geschickt worden. Ich habe es bis vor einigen Tagen nicht gesehen und nichts davon gehört.« Noch schöner war nur noch der Kommentar des Unschuldlamms aus der Anderlecht-Chefetage. Constant Vanden Stock: »Es handelte sich bei dem Betrag lediglich um ein Darlehen.« Schiedsrichter Muro konnte diese Behauptung 1997 weder bestätigen noch revidieren, er starb 1987 bei einem Autounfall.
Das Ergebnis des Prozesses: Anderlecht sollte für ein Jahr aus dem europäischen Wettbewerb ausgeschlossen werden, Nottingham dafür den Platz der Belgier übernehmen. Doch dazu kam es nicht. Der CAS (Court of Arbitration for Sport), ein Tribunal des Internationalen Olympischen Komitees, revidierte die Entscheidung der UEFA.





