Das Schicksal der Ost-Vereine #14
Hansa Rostock
Text: oliver zeyen Bild: Imago
Hansa Rostock letzter DDR-Meister? Ein Treppenwitz der Fußball-Geschichte. Doch der Überraschungs-Coup sichert dem Verein von der Ostsee-Küste bis heute die Existenz. Der letzte Teil unserer 14-teiligen DDR-Oberliga-Serie.
1. FC Hansa Rostock
Platz 1 / 35:17 Punkte / 44:25 Tore
Da müssen die Herren im Vorstand lachen. Das Präsidium des FC Hansa Rostock fühlt sich gut amüsiert von seinem Trainer-Import aus dem Westen. Fragt dieser Reinders doch tatsächlich nach einer Meisterprämie. Eine Meisterprämie? In Rostock? Große Comedy.
Letztendlich darf Uwe Reinders die Höhe der Prämie selbst bestimmen und eigenhändig in den Vertrag eintragen. Mit seinem Optimismus steht der Trainer alleine da, sein Arbeitgeber schielt bescheiden auf Rang sechs, die 2. Liga soll es werden, mehr traut man sich nicht zu. Warum auch? Ein wirklicher Überflieger waren die Hanseaten in den letzten Jahren nicht, sie sind schon froh, wengistens das Image des Fahrstuhlklubs abgelegt und sich im oberen Mittelfeld etabliert zu haben. Als Kandidaten auf den Titel gehen andere in die Saison, Dresden natürlich, die Chemnitzer, vielleicht die Magdeburger, aber Hansa?
Reinders und die große Comedy
Die Manager westdeutscher Vereine meiden den Weg an die Ostsee, glauben, dort sei nichts zu holen, verzichten auf Rostocker Spieler. Ein intaktes Team bleibt somit zusammen und lässt sich von Reinders' glänzender Rhetorik um den Finger wickeln. Er macht seine Spieler heiß, erzählt ihnen von den Verlockungen des Profifußballs, fährt die Kumpelschiene. Reinders predigt aber auch Eigenverantwortung und vermittelt neben den Privilegien ebenfalls die Pflichten eines Profis. Reinders passt ins Profil des Klubs. Sie wollen einen Coach aus dem Westen, einer, der den bezahlten Fußball kennt, einer, der dem Verein die Trägheit nimmt. Sie setzen auf Reinders und machen damit alles richtig.
Von Anfang dominiert der FC Hansa die Oberliga, der einstige Punktelieferant setzt sich ganz oben fest. Sie entwickeln endlich ein Talent für dreckige Siege, sind plötzlich nicht mehr diese Schönwetterfußballer. Galt die Truppe in den Vorjahren als selbstgefällig und zu schnell zufrieden, tritt sie nun bissig und entschlossen auf. Die Mannschaft wirkt wie eine Sekte, die in Reinders ihren Erlöser gefunden hat. Der vermeintliche Guru nutzt seinen Höhenflug an der Küste, um sein eigenes Image zu polieren. Wer Anno 1990 von West nach Ost geht, hat seine Gründe. Reinders' Grund ist sein Image, er läuft davon, gilt im Westen als Zocker, als Lebemann, als unseriös. Hansa ist sein Neustart. Reinders nimmt diese Chance ernst, verzichtet auf die Rolle des »Besserwessis« und ist sich darüber im klaren, dass er den Verein genauso braucht wie der Verein ihn.
Der Neustart gelingt. Auf beiden Seiten.
Schon drei Spieltage vor Schluss macht Hansa alles klar, 3:1 gegen Dynamo Dresden, darunter zwei grandiose Freistoßtore von Juri Schlünz, dem Vorzeige-Hanseaten. Der Verein, der eigentlich mit Platz sechs geliebäugelt hatte, ist damit Meister. Qualifiziert für die Bundesliga. Obendrauf gibt es ein paar Wochen später nach einem mauen Endspiel gegen Eisenhüttenstadt auch noch den Pokal. Gerade noch rechtzeitig vor der Abwicklung des DDR-Fußballs beendet Hansa seine chronische Titellosigkeit, der Running Gag vom »ewigen Zweiten« findet ein jähes Ende. Gerechnet hat damit niemand. Außer Reinders, der nun um seine selbst bestimmte Meisterprämie reicher ist.
Ergänzung zu Heft#96 11/2009
Die große Freiheit Wende und Fußball
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