Die Geschichte der Fußballfans

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03.10.2011

Ost-Experte Hanns Leske über Fehler im System

»Der Osten wird zur Steppe«

Interview: Alex Raack  Bild: Imago

Nur wenige kennen den ostdeutschen Fußball so gut, wie Dr. Hanns Leske. Der ehemalige Politiker nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht Missstände anzuprangern. Ein Gespräch über Vergangenheit, Erpressung und öde Steppen.

Ost-Experte Hanns Leske über Fehler im System - »Der Osten wird zur Steppe«


Herr Dr. Leske, in Ihrem Buch »Erich Mielke, die Stasi und das runde Leder« beschreiben Sie die entscheidende Rolle der so genannten »Bezirksfürsten« in den jeweiligen Vereinen der DDR-Oberliga. Wie entscheidend war dieses Verhältnis, als es 1988/90 zum Bruch des Systems kam?

Der Niedergang des heutigen ostdeutschen Fußballs hat ja drei Gründe. Erstens: Mangel an der ökonomischen Basis, zweitens: fehlerhafte Führungsqualität in den Vereinen und drittens: die Fans, von denen ein Großteil rechtsradikal ist. Diese Punkte muss man nun einzeln



Nur zu.

Direkt nach der Wende, also 1991, sind Fehler gemacht worden, weil die sportlichen Leitungen völlig überfordert waren. Keiner kannte die Gesetze des Kapitalismus. Und die, die aus dem Westen eingeflogen worden, waren zumeist – das ist heute hinlänglich bekannt – gewissenlose Bauunternehmer, die im Westen gescheitert waren. Das beste Beispiel ist Dynamo Dresden mit dem später verurteilten Rolf-Jürgen Otto. Diese Unternehmer haben später entsprechend große Ruinen im Osten hinterlassen – davon haben sich die Ost-Vereine nur schwer bis gar nicht erholt. Zwischen 1990 und 1992 sind ja Millionen D-Mark aus Spielertransfers in den Osten geflossen. Beim BFC Dynamo waren es alleine fast zehn Millionen D-Mark. Und niemand weiß heute mehr, wo dieses Geld geblieben ist. Das ist unbemerkt versiegt.

Liegt das Versagen nur bei den ostdeutschen Vereinen oder auch im Westen?


Sie müssen das betrachten, wie in der normalen Wirtschaft auch. Die ehemaligen DDR-Klubs sind völlig übergangslos in den Kapitalismus entlassen worden. Mit der Folge, dass die westdeutschen Aasgeier gekommen sind und die Ost-Vereine platt gemacht haben. Das heißt: Ihnen die besten Spieler weggekauft haben. Obwohl man das ja noch verstehen kann, aber es geht ja weiter. Bestes Beispiel ist Bayer Leverkusen: Calmund hat ja nicht nur im Seniorenbereich gewildert, sondern auch im Nachwuchsbereich bei den B- und A-Junioren. Insbesondere beim BFC Dynamo. Der hat sich dort die besten Spieler rausgepickt, die haben dann zwei oder drei Jahre bei Bayer Leverkusen gespielt und wenn dann der Kader für die neue Saison bekannt gegeben wurde, stand drauf: Neuzugang – Eigener Nachwuchs. Das war natürlich eine Frechheit. Calmund ist da nicht der Einzige gewesen, er ist nur das extremste Beispiel.

Welche Fehler muss man den Ost-Vereinen ankreiden?


Ich tue mich immer schwer damit die ganze Schuld den Vereinsfunktionären anzulasten. Viele Regionen im Osten haben ja nicht nur sportlich den Anschluss verloren, in der Kultur oder produzierenden Wirtschaft ist das genauso. Wie soll man eine angemessene Struktur aufbauen, wenn die Geldgeber dafür nicht vorhanden sind? Sicherlich sind zum Beispiel in Leipzig oder auch Dresden die Probleme hausgemacht. Dort gibt es die Konflikte mit den Fans. Auch deshalb, weil im Osten eine zivilisierte Fan-Kultur, wie es sie im Westen gibt, nicht vorhanden ist.

Das hört sich für mich so an, als wenn Sie die Fans im Osten über einen Kamm scheren und in die rechte Ecke drängen. Dabei gibt es doch in Jena oder auch Berlin Gegenbeispiele.

Sie müssen aber dabei beachten, dass die aktuelle Fankultur im Westen Produkt jahrelanger mühsamer Arbeit an der Basis ist. In den achtziger Jahren war das noch ganz anders, siehe beispielsweise die rechtsradikale Borussen-Front. Die Fanprojekte haben seitdem aber gute Arbeit geleistet. Diese Fankultur gibt es in der ehemaligen DDR leider nicht. Das liegt auch daran, dass Fanprojekte oder Fanbetreuer teilweise überfordert sind oder eine eigene Hooligan-Vergangenheit haben und dementsprechend nicht in der Lage sind solche Tendenzen in den eigenen Reihen zu unterbinden.

Kann man daraus nicht schlussfolgern, dass der Westen einfach gute zehn Jahre Vorsprung in der Fanarbeit hatte und ergo im Osten die aktuellen Probleme in einem Jahrzehnt ebenfalls beseitigt sind?


Ich bin kein Soziologe, aber auffallend ist doch der rechtsradikale Anteil bei den Hooligans der ehemaligen DDR-Vereine. Offiziell gab es in der DDR keinen Rechtsextremismus, aber die Wurzeln dafür waren natürlich vorhanden und nach 1989 sind die voll ausgeschlagen. Dieses Problem hat man seitdem nicht richtig in den Griff bekommen. Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit – das sind sicherlich auch Aspekte, die die Anfälligkeit für rechte Tendenzen verstärken.

Ist es nicht vielleicht auch so zu deuten, dass es in der Zeit des DDR-Regimes eigentlich keinen größeren Widerstand geben konnte, als sich im rechten Spektrum zu bewegen und diese »Bewegung« nach der Wende quasi rüber gerettet wurde?

Ganz bestimmt. Wenn jemand in der DDR gebeutelt war, bestand natürlich die Gefahr, dass derjenige ins andere Extrem schwenkte – also zum Rechtsradikalismus. Das ist eben leider Gottes vor allem unter Fußball-Fans hängen geblieben. Aus teilweise politischem Widerstand ist Rechtsextremismus geworden. Das ist für die Vereine ein riesengroßes Problem. Es ist auch ein Führungsproblem.



Ergänzung zu Heft#96 11/2009

Die große Freiheit Wende und Fußball


weiterlesen [1] [2]





Jubel, Trubel, Einigkeit? Walter Ulbricht (über er von Sportler) beim Spiel Empor Rostock gegen Dynamo Berlin.


Fotostrecke

  • Jubel, Trubel, Einigkeit? Walter Ulbricht (über er von Sportler) beim Spiel Empor Rostock gegen Dynamo Berlin.
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  • Wind Nordost, Startbahn Nulldrei: Mannschaftsfoto von Vorwärts Berlin anno 1968.
  • Galt als einer der besten Torhüter Europas: Jürgen Croy von Sachsenring Zwickau.
  • Wird gleich beim privaten Fotoshooting auf den Kopf geschissen und ahnt es schon: Lothar Kurbjuweit aus Jena steht 1972 vor der Kamera.
  • Von wegen in der DDR war alles grau: Buntes Tribünenvolk schwenkt, was es zu schwenken gibt.


Kommentare

  • User
  • 06.11.2009 22:09:24 tafelrunde

    Danke für dieses Interview. Aufschlussreich, ohne Floskeln, ehrlich. Die Sache mit dem Ost-Fußball mag wenige Leute im Westen interessieren, es sollte aber. Denn es zeigt, wie Mechanismen funktionieren. Nicht nur im Fußball, nicht nur im Ost-West-Prozess, sondern auch sonst.
    Obwohl selbstverständlich viele Besonderheiten durch die Wiedervereinigung erstmals zu Tage getreten sind, zeigt sich durch diesen Blick auf die wesentlichen Dinge durch Hanns Leske, was wir jetzt schon und künftig zunehmend auf der europäische-internationalen Ebene erleben und noch erleben werden. Groß frisst klein. Das war, ist und bleibt immer schon so.
    Das bedeutet: Managementqualitäten, Wirtschaftsumfeld, Markenbekanntheit und –beliebtheit werden stetig zunehmend über das Wohl und Wehe der Fußballclubs bestimmen. Denn nur darüber lässt sich das nötige Kleingeld generieren, dass Profifußballer zum Laufen bringt.
    Sehr oft kommt ein Banner bei den Übertragungen der Bayern-Spiele im Bildausschnitt (Gute PR-Arbeit. Reschpeckt!): „Gegen den modernen Fußball!“. Nun ja. Genauso gut könnte man drauf schreiben: „Für besseres Wetter“.
    Aber wie sagte soeben Heribert Bruchhagenbeim Halbzeitstand von 0:3 für seine Eintracht: „Es gibt immer eine Resthoffnung.“

  • User
  • 06.11.2009 22:28:23 Schwatte

    ...und die stirbt schließlich immer zuletzt. Also hoffe ich das beste.

    Auch der DFB hätte einen Teil seiner besten Leute in den Osten schicken müssen. Wenn beispielsweise Leverkusen, Dortmund oder Bremen jeweils zwei Mitarbeiter aus ihrer Geschäftsstelle für zwei Jahre nach Dresden, Leipzig oder Rostock geschickt hätten, dann hätte dort eine gesunde Struktur wachsen können.

    Das wäre in der Tat ein interessanter Ansatz gewesen.

  • User
  • 06.11.2009 22:39:18 tafelrunde

    @schwatte: hätte, wäre, könnte hat ja im Fußball bekanntermaßen nichts zu suchen. Das Resultat zählt!
    Aber: Es kommt oft unverhofft, und immer anders als man denkt.
    Deshalb kann und muss man sich Bruchhagens Meinung einfach anschließen.
    Noch ne Floskel: Den Fußball als solches zu kontrollieren, hat noch keiner geschafft. Es wird auch keiner schaffen!!!

  • User
  • 06.11.2009 22:52:25 Hessenfan94

    @Tafelrunde: Ja den Sport an sich vielleicht nicht, aber um den geht es bei dr Diskussion auch nicht.

    Ich hätte mir eine noch viel weiterführende Vorgehensweise vom DFB und den Vereinen gewünscht, die über den Nachwuchsbereich hätte hinausgehen müssen (also auch Transfersperren für alle Profispieler mind. für den Zeitraum von einem Jahr wenn nicht eher drei Jahren).

    Desweiteren hätte ich die Hälfte der Ostklubs in die 2. Liga eingegliedert und den Rest in die 3. Liga mit einer "Unabsteigbarkeit" für drei Jahre. Die Vereine hätten sich mit der neuen Situation zurecht finden können ohne gleich Gefahr zu laufen, durchgereicht zu werden bzw. um das Überleben zu kämpfen. Dazu die Idee mit dem Austausch von Leuten West/Ost und es hätte etwas Grundsolides entstehen können.

    Aber das Leute wie Rainer Calmund an sowas nicht interessiert sind, ist doch wohl klar. "Nur allein essen macht dick"

  • User
  • 06.11.2009 23:21:49 tafelrunde

    @hessenfan94: Schon wieder hätte, wäre, kann und aber. Fakt ist, das Wetter ist wie es ist und der Fußball und die Welt verändern sich. Spieltechnisch und gesellschaftspolitisch.
    Die Frage ist: Wie geht man damit um? Das meint: Wenn ganz viele zu ganz wenigen Futterplätzen streben und das Futter begrenzt ist, wer wird dann wohl überleben? So ist die Situation - nicht nur - im Profifußball.
    Selbst wenn der DFB mehr und zielgerichteter agiert hätte, wäre die Grundkonstellation keine andere. Die Kernthese der o.g. Aussagen beinhaltet vielmehr, wie der gemeine Fußballanhänger mit diesen sich teilweise ins Extrem neigenden Rahmenbedingungen umgehen lernt. Eines ist sicher. Die Masse hat sich und wird sich weiter arrangieren. So oder so.

  • User
  • 06.11.2009 23:23:24 Schwatte

    Desweiteren hätte ich die Hälfte der Ostklubs in die 2. Liga eingegliedert und den Rest in die 3. Liga mit einer "Unabsteigbarkeit" für drei Jahre.

    Dein Vorschlag in allen Ehren, aber das wäre nun wieder den Westvereinen gegenüber unfair gewesen.

    tafelrunde, ich hoffe du hast schon kräftig was fürs Phrasenschwein gespendet ;-)

  • User
  • 06.11.2009 23:28:42 tafelrunde

    @schwatte: schon vor Jahren habe ich mir ein solches zugelegt. Und was soll ich sagen? Wer zahlt am meisten rein? Preisfrage. Der Gewinner kriegt…. ;-)
    Aber warum soll man auf die gesammelte Wahrheit der Geschichte verzichten? Gerade, wenn’s nun mal die Wahrheit ist?

  • User
  • 09.11.2009 11:57:49 Schdielie

    mal wieder ein sehr gutes interview zu diesem thema. und es liefert sicherlich vielen (mir auch) noch einige antworten.
    bin sehr erfreut, daß sich aktuell viele artikel hier thematisch mit derlei beschäftigen.

    nun und zum zu exzessiven gebrauch des konjuktivs in dem zusammenhang: es hilft der jetzigen situation, speziell den vereinen, zwar nicht, aber sind solche betrachtungen eben notwendig, weil sie fehler eingestehen lassen und zu lernfähigkeit führen können.

    das bild, daß herr leske am ende zeichnet, ist zwar deprimierend, sehe ich aber ganz genauso für den gesamtdeutschen fußball. ein paar leuchttürme wird es geben (hoffentlich steht bald wieder einer in dresden ;) ), aber ansonsten wird unterhalb der 1.BL nicht viel revolutionäres mehr zu erwarten sein.

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