Darmstädter Fans auf dem Fenstersims
Häuserkampf!
Text: Andreas Bock Bild: Simon Koy
Weil das Regionalligaspiel 1860 München II gegen Darmstadt 98 unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfand, besetzte ein Fanklub eine Wohnung am Grünwalder Stadion – sanft und subversiv. Wir waren dabei.
Eine Woche vor dem Spiel hatte er es erfahren. Alex Lehné, 24 Jahre alt, Azubi bei einer Versicherung, saß vor dem Computer, als die Meldung über den Bildschirm flimmerte: »Der DFB hat 1860 München nach den schweren Ausschreitungen beim Regionalliga-Spiel ihrer zweiten Mannschaft bei der SpVgg Weiden zu einer Geldstrafe in Höhe von 10 000 Euro verurteilt.« Schwere Ausschreitungen? Alex hatte von ein paar Böllerwürfen gehört. Er las weiter: »Zudem muss das Team das Heimspiel gegen Darmstadt 98 unter Ausschluss der Öffentlichkeit austragen.«
Gerade diese Partie in München, dachte Alex, gehören doch Reisen in Großstädte in diesen Zeiten, in denen Darmstadt an einem Wochenende in Sonnenhof Großenaspach und am nächsten in Alzenau spielt, zu den wenigen Saisonhighlights. Kurze Zeit später wussten seine Jungs vom Fanklub »Allesfahrer Darmstadt« Bescheid. »Wir verkleiden uns als Mitarbeiter vom Roten Kreuz«, schlug einer vor. »Vielleicht geht es mit einer Leiter«, meinte ein anderer, »an der Ostkurve ist die Mauer gerade mal fünf Meter hoch.«
Eine Leiter am Stadion? Bei einem bewachten Geisterspiel?
Alex Lehné ist Groundhopper, einer, der sein Ground-Heftchen pflegt und gute Ausreden parat hat, wenn er zu Spielen ins liechtensteinische Ruggell oder ins slowenische Velenje fährt. Er hat in den letzten Jahren Geschichten für ganze Almanache gesammelt, er lernte in Zagreb Halbweltgestalten kennen und im bosnischen Bihać einen Wettpaten, der ihm demonstrierte, wie man Spiele schieben kann. Doch eine Leiter am Stadion? Bei einem bewachten Geisterspiel? Das klang zwar radikal, mutig allemal, aber das Spiel wollte er gerne länger als drei Minuten sehen. »Lasst uns doch die Anwohner fragen!«, warf Alex ein und skizzierte sein Vorhaben. »Hinter der Ostkurve verläuft die Grünwalder Straße mit fünfstöckigen Wohnhäusern, teilweise mit Flachdächern oder Balkonen. Wenn wir dort hinein gelangen, haben wir beste Sicht.« Der Plan schien einfach, aber genial, und so recherchierte Alex über Satellitenbilder, welche Häuser in dem Abschnitt hinter der Ostkurve des Stadions liegen. Mit zwei weiteren Klicks fand er die dazugehörigen Namen der Bewohner samt ihrer Telefonnummern. Danach begann die Kaltakquise. Über 30 Mal wiederholte Alex seinen Text am Telefon, doch entweder zeigten die Wohnungen zum Hof oder sie lagen zu tief. Eine sehr alte Dame antwortete: »Bestimmt a Mordsgaudi, aber mei Hom is mei cassel.«
Doch Alex gab nicht auf. Und was war eigentlich mit diesem Eckhaus, das seinen Eingang in der Zasingerstraße hat, dessen Fenster aber zum Stadion zeigen? Er hatte es übersehen. Und dieses Mal war ein Volltreffer dabei: Dr. Ralf Hain* hieß ihr Mann in München. Seine Bedingungen: 70 Euro und keine Saufparty. Alex sagte zu und kündigte den Gastgeber im Fanklub als sympathischen Geschäftsmann an, wenngleich er hinzufügte, dass dieser wohl eher ein Typ »Arena-Fan« sei als ein waschechter Regionalliga-Ultra. Doch das sollte für die Gang nun nebensächlich sein, denn der Blick aus der Wohnung, so versprach Dr. Hain, sei besser als auf manch einem Stehplatz im Stadion.
Aus Heft#96 11/2009
Die große Freiheit Wende und Fußball
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