10.11.2009 17:51:03
hab ihn gefunden, dex.
iss allerdings die unkorrigierte fassung und mit
2,3 fehlern behaftet. ist zwar enorm lang für ein
forum aber passt ja zum thema. irgendwie. bei
bedarf schick ich dir trotzdem das heft gern zu.
da sind dann noch schick fotos, unter anderem das
programmheft von dem 1-9, dabei.
Zeit reißt viele Wunden
von Uschi
Dein Verein ist Deine Liebe. Aber Affären?
So stellte ein Teilnehmer des 11-Freunde-Forums
vor ca. 18 Monaten eine verhängnisvolle Frage. Es
ging um die Liebe zu deinem Verein und ob du schon
fremdgegangen seist. Mit Anderen. Mit Vereinen,
die dich über Liebeskummer trösten. Vereine,
welche plötzlich in dein Leben treten. Auf Grund
von Wohnortwechsel, wegen anderer Stadien,
besserer Stimmung. Es gab dazu viele interessante
Kommentare. Bilder von Sinnkrisen, Statements zur
ungebrochenen Vereinstreue, Zweifel und
Optimismus.
Meine Antwort nahm sich so aus: "Ich stecke
wahrhaft in meiner ersten Beziehungskrise. Meine
Sandkastenliebe seit dem 6.Lebensjahr ist
ausgezogen. Nach 27 Jahren Ehe. Sie sagt, in eine
schönere Wohnung, eine Größere. Auch behauptet
sie, ich könne ihr nicht mehr alles geben. Sie
hätte Besseres verdient. Mehr Aufmerksamkeiten,
mehr Nähe, mehr Wärme; und dass ich besser zuhöre,
wenn sie Kummer hat. Sie weiß noch nicht, ob es
endgültig ist. Ob nur eine Trennung auf Zeit. Die
Scheidungspapiere hat sie wohl zurecht gelegt. Und
in ihrer neuen großen Wohnung werde ich sie nicht
besuchen. Das bräche mir das Herz. Weiter würde
ich sie lieben, immer weiter. Auch wenn sie so
fern ist. Meine Tür stünde immer offen, ich wär’
immer für sie da. Komm zurück, meine BSG
Chemie...."
Hintergrund war der Umzug ins WM-Stadion. Weg vom
Alfred-Kunze-Sportpark, rein in die Welt der
großen Arenen, des Spektakels Fußball. Mir brach
es das Herz und eine lange Liebe schien zu
zerbrechen. Ich widmete mich meiner Freundin,
Union Berlin, und vielen Geliebten fernab der
Heimat.
Jedoch setzte dieser Umzug einen lang sträflich
vernachlässigten Prozess in Gang. Wie es zu all
dem kommen konnte, wie es anfing mit mir und
Chemie, welchen Weg ich mit ihr bestritt, warum
ich lachte und weinte - warum ich am Ende nicht
mehr hingehen mag. Zur Ehefrau.
311er Wartburg und Oddset-light
Alles begann ungefähr vor 28 Jahren. Ich war 6
oder 7 und mein Bezug zu Fußball bestand
weitestgehend aus Spielen auf dem Schulhof und
nachmittags zwischen Teppichklopfstangen im
wunderbaren, gerade neuentstehenden Neubaugebiet
Leipzig-Grünau / Wohnkomplex IV. Mein Kumpel Adi
war bestmöglicher Mitspieler, hatte er doch Ahnung
vom Fußball, keine 2 linken Füße und einen
gesunden Ehrgeiz beim 11e-12e-spielen. Darüber
hinaus hatte er einen großen Bruder, welcher schon
damals mitten im Block des
Georg-Schwarz-Sportparks stand und fürchterliche
Geschichten von grölenden, sich raufenden Massen
zum Besten gab. In der Wohnung der beiden gab es
alte Programmhefte aus Leutzsch, aus Zeiten, in
denen Chemie zweimal Meister und Pokalsieger
wurde. Erbstücke von Oma - und später zu
katastrophalen Preisen auf dem Schwarzmarkt
verkauft um Adis Auswärtsfahrten zu finanzieren.
Alles in Allem also beste Vorraussetzungen für
eine Mannschaftswahl. DIE Mannschaftswahl. Die
lässigen Jungs aus unserer Klasse schlossen sich
uns an, es stand 9-2 Chemie gegen Lok.
Es wurde die FuWo gekauft, das Deutsche Sportecho
für EVP 0,20 Mark und über Namen gesprochen, zu
denen man nur schwarzweiß-grieselige Gesichter aus
der Zeitung kannte. Für einen Besuch im Stadion
fehlte das Geld. Oder der Mut. Oder die passende
Begleitung....
Diese trat 1981 in mein Leben. Von da an nahm mein
semiprofessionelles Fanleben Fahrt auf. Heinz kam
in die Familie. Heinz wurde der "neue Mann" meiner
Mutter, nachdem ich mich gegen andere noch
standhaft erwehren konnte. ICH war schließlich
Mann im Haus und ein anderer sollte es nicht
werden. Bei Heinz lag die Sache allerdings anders.
Oh nein, nicht dass es bei uns gleich Eierkuchen
zum Friedensabkommen gab. Dieser Kerl war aus
besonderem Holz. Der ließ sich nicht kleinkriegen
durch präpubertäres Verhalten und allerlei Proben.
Heinz war Fußballfan. Und ihm habe ich zu
verdanken, so tief einzutauchen in die Welt der
Bockwürste, der roten Limo, der Fischbrötchen, des
kaum-was-sehens auf den Sportplätzen dieser Welt
(nun ja, es bezog sich zwar nur auf den Bezirk
Leipzig, aber, für MICH war das die Welt). Heinz
arbeitete bei GISAG, einem Stahlunternehmen in
Leipzig-Leutzsch. Und er besuchte regelmäßig
Spiele der BSG Stahl Nordwest Leipzig, seiner
Betriebsmannschaft. Was ich zu diesem Zeitpunkt
allerdings nicht wusste war die Tatsache, dass
dieser Verein quasi zum Abtrainieren verdienter
Chemiespieler diente. Ein Otto Skrowny spielte
dort, ehemaliger Torschützenkönig ( Saison 69/70
mit sage und schreibe 12 Treffern!) von Chemie
Leipzig und auch er wohnte in Grünau und ich
durfte ihm ab und an die Hand schütteln.
Das Aufeinandertreffen von Heinz`
Betriebsmannschaft, Stahl NW, und meiner
kindhaften Liebe, Chemie, war nur eine Frage der
Zeit. Und was für ein Spiel dies war. Nicht, dass
ich mich an irgendetwas erinnern könnte, etwa dass
es 4-3 für Chemie ausging. Oder dass in Stahls
Reihen sieben ehemalige Chemiespieler standen.
Dass es drei Elfmeter oder einen Platzverweis gab.
Nein, dieses DRUMHERUM war es. Ich sah mit Heinz
vorher schon Chemie in Altenburg. Daran gibt es
nun absolut keine Erinnerungen. Heinz meint, es
könnte auch eine andere Mannschaft gewesen sein.
Es waren tausende Menschen im Stadion. Es wurde
gedrängelt und geschubst. Ich sah nix und
niemanden, hörte dieses Spiel mehr, als dass ich
einen Spieler erkannte. DAS war Fußball! Der
Fanblock, die Gesänge, die Farben....DA wollte ich
wieder hin. Da MUSSTE ich wieder hin.
Wir sahen noch viele Spiele gemeinsam, Heinz und
ich. Wir fuhren in seinem sonntäglich blitzblank
geputzten Wartburg 311, Rosa / Weiß mit polierter
Chromleiste, durch die Stadt und aufs Land. Wir
legten ein Tippspielbuch an mit den Ligen der
beiden deutschen Staaten sowie für den UEFA-Cup.
Für jeden falschen Tipp mussten meine Schwester
und ich 5 Pfennig, Muttern und Heinz 10 Pfennig
ins Schwein stecken. Dieses Buch bekam ich
kürzlich von Heinz zum Geburtstag geschenkt. Mir
trieb es die Tränen in die Augen. Längst
vergessene Mannschaften wie Weißenfels,
Tangermünde, Schkopau, Dukla Prag, Union Solingen
und Lüttringshausen wurden getippt. Über Jahre
entstand dadurch ein grandioses Wissen über die
Lage ausländischer Clubs.
Irgendwann beginnt dann der Abnabelungsprozess.
Man wollte allein in der Kurve stehen, ganz nah an
den Kuttenträgern...Ich ging immer öfter mit Adi
in den Georg-Schwarz-Sportpark. Zu
DDR-Liga-Spielen und zur denkwürdigen Saison
1983/84... Es war meine erste Saison mit Chemie in
der Oberliga. Kannte ich bis dahin nur
Mannschaften wie Eisleben, Schkopau, Thale, Zeitz
und Stendal in unserem Stadion, so kamen nun die
Großen. Dresden war da, und der BFC. Jena, Erfurt
und Magdeburg sah ich. Oder fühlte sie. Denn Adi
und ich standen nun mittendrin. Unter der
Anzeigetafel, hinter’m Tor. Die Fahnen oft höher
als wir. Es war immer voll. Es war immer eng. Es
gab immer Fischbrötchen für 30 Pfennig und rote
Brause für 20. Es war laut und unsere ehemals
vorhandene Angst vor diesen Massen wich Respekt
und Bewunderung. Wir gehörten dazu und wir waren
noch nicht im Stimmbruch. Ein ums andere mal
verpassten wir das Ende eines Schlachtrufes und
quiekten erbärmlich unser "CHEEEMIIIEEEE!". Lacher
aus allen Ecken trieb uns die Röte ins Gesicht. An
die Spiele selber erinnere ich mich kaum noch.
Gegen Dresden gab es ein 1-1, gegen Jena gewannen
wir 3-1. Das 2-1 hat Matthias Weiß geschossen.
Oder war es Ilge? Die Erinnerungen daran sind
deshalb so farblos, weil es in dieser Saison erst-
und letztmalig Entscheidungsspiele zum
Oberligaerhalt gab. Am letzen Spieltag hatten wir
Union zu Gast. Wir durften alles, nur nicht mit 2
Toren Unterschied verlieren. Ich erinnere mich an
die vielen Blumensträuße der Fans. An die
feierliche Stimmung. Wir hatten es in der eigenen
Hand. Und wir haben es verkackt. Wenn ich mir
heute dieses Spiel im Zusammenschnitt der
damaligen TV-Bilder anschaue, bin ich immer noch
wie versteinert. Dieser sensationelle Kopfball von
Seier ist auf meiner Netzhaut gebrannt. Ich konnte
das alles nicht fassen! Es kam zu den berüchtigten
Entscheidungsspielen. 1-1 bei Union, Tor durch
Leitzke, 2-1 im Rückspiel, Tore durch Weiß und
wieder Leitzke. Mein Idol war geboren und noch
heute fragt mich Friedrich, mein Sohn, warum ich
diesen Typen immer Fußballgott nenne, wenn er doch
Leitzke heißt. Ich sage dann immer, dass dies
nicht zu erklären sei. Das ist irgendwas ganz tief
drinnen in einem....ich ernte meist
Unverständnis.
Die nächste Saison wurde dann meine erste
RICHTIGE. Wir fuhren „auswärts“. Am 18.August
1984, wir waren gerade so noch 12 Jahre alt,
sollte es nach Dresden gehen. Es waren noch Ferien
und wir hatten das Reisegeld während unserer
Ferienarbeit in der LPG verdient. Der Haken war
jedoch meine Mutter. Diese erlaubte mir zwar, mit
Adi nach Dresden zu fahren, aber nur, wenn ein
Erziehungsberechtigter mitführe. Guter Rat war
teuer. Wir bequasselten Adis Mutter, dass noch ein
Dritter die Reise antreten würde plus dessen
Vater. Nur könnten wir diese nicht mehr erreichen,
da sie auf dem Bahnhof auf uns warten würden. So
schrieb Maria für meine Mutter auf einen Zettel:
"Hiermit bestätige ich, dass ein
Erziehungsberechtigter mit nach Dresden fährt".
Ein Blankofreifahrtsschein quasi und einen dicken
Dank an die ostdeutsche Telefongesellschaft für
die armselige Vernetzung der Familien! Ab ging es!
Massen von Menschen im Personenzug, Massen auf dem
Bahnhof, unglaubliche Massen im Dresdner Stadion.
In der 3.Spielminute (andere Quellen sprechen von
Minute 4 oder 5 , aber ich habe natürlich Recht!)
führen wir mit 1-0! Tor vom Fußballgott!
Unglaublich! Und wir waren dabei! Wir waren immer
noch am uns-Freuen, als es schon 4-1 stand.
Allerdings für Dresden und allerdings in Minute
20...Dass dies meine höchste Niederlage im Leben
werden sollte (knapp gefolgt von Unions 0-7 in
Köln ), wusste ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Am
Ende stand es 1-9 und irgendwie war es doch wieder
lustig. Wir stiegen sang- und klanglos ab. Was
folgte, waren trostlose Jahre in der Liga. Lok
Armaturen Prenzlau, Motor Ludwigsfelde, Chemie
Guben und Kali Werra Tiefenort hießen die Gegner.
Wir standen nie vor dem Aufstieg und kurz vor dem
Abstieg. Aber wir waren jung und wir hatten Spaß.
Viel Spaß!
FC FC HOFFNUNG, du Eimer!
Nach meinem Schulverweis in der 8.Klasse traf ich
durch die Geschwister einer Klassenkameradin auf
andere Leidensgenossen. Diese standen immer
gegenüber der Anzeigetafel, also im eigentlichen
Gästeblock. Da es zu Ligazeiten aber kaum
Auswärtsfans gab, wurden die Jungs um Hülse,
Nitzsche, Panker und Heiko eben dort stehen
gelassen. Und ICH wollte dort auch stehen. Mitten
in einem Fanclub. Bei Leuten in Jeanswesten und
mit Iron Maiden Rückenaufnähern. Mit Leuten, die
Motörhead auf Kassette hatten und Udo Lindenberg.
Ich musste da einfach hin. Durch Peggys Bruder
gelang der Eintritt rasch. Außerdem waren die
Jungs nicht annähernd so gefährlich wie sie
aussahen. Sie nahmen mich auf, trieben Scherze und
verpassten mir allerhand Spitznamen. Ich war der
Kleine, etwa 4 Jahre jünger, der Neue. Ich musste
Bier holen. ABER! Ich war im " Fanclub FC
Hoffnung". Wobei das "FC" für Fanclub stand.
Doppeltgemoppelt also, aber zu jener Zeit waren
Farbe und Stoff selten und teuer. Wir sagten das
auch nie irgendwie weiter, und wenn jemand fragte,
" ..dann muss das eben so sein du Eimer!".
Wir trafen uns vor den Spielen im Café MEKONG in
Grünau. Nach den Spielen trafen wir uns auch dort.
Wir trafen uns eigentlich ständig dort. Gin Fizz
war unsere Spezialität. Und Karlsbader
Schnitte.
Zu Heimspielen fuhren wir mit der S-Bahn, zu
Auswärtsspielen mit dem Zug. Oft unvorstellbar
lange. In jenen Tagen gab es für uns Schüler noch
Unterricht am Sonnabend. Leider zog dies eine
seltene Abwesenheit alle 2 Wochen während der
Saison nach sich. Chemie spielt, antwortete ich
dann regelmäßig freitags auf die Nachfrage meiner
Lehrerin. Einmal hupte während des Unterrichtes
ein Auto auf dem Schulhof. Hülse und Panker
standen mit dem Taxi auf dem Hof. Wir mussten
schleunigst zum Bahnhof, " Auf nach Schönebeck"
hieß die Parole! Kam nicht gut an, mitten im
Unterricht den Raum zu verlassen.
Wir verbrachten viel Zeit miteinander. Wir hörten
Platten vom Schwarzmarkt, fanden die Toten Hosen
und ihren Bommerlunder geil, wir spielten
Fanclubturniere in selbst bemalten Dressen, wir
tranken oft zu viel, aber für den Weltfrieden, und
wir randalierten gehörig. Einmal standen wir in
der Zeitung: "Randalierende Chemiefans schmissen
Verkehrskegel aufs Spielfeld". Diese Aktion erwies
sich aber als nachhaltig erfolgreich. Wir bekamen
einen Elfmeter zugesprochen und der Schiedsrichter
Schiss. Leider besitze ich dieses SPORTECHO nicht
mehr. Wer es in seinem Archiv findet....
Wer Rock`n`Roll lebt braucht dazu auch die
passende 2.Hälfte. Ich wurde älter und kam in die
Lehre. Koch wollte ich werden, oder musste es.
Durch meine Ausbildung lernte ich die Mutter
meiner heute 16jährigen Tochter Carolin kennen.
Fußball war noch wichtig, aber irgendwie hatte
anderes mehr Reize. Es kam die Wende und mit ihr
meine erste Ruhepause. Ich absolvierte meinen
Zivildienst, ging sporadisch zu Chemie und dann
für 1 Jahr nach Spanien. Durch diesen
Arbeitsaufenthalt sollte meine Beziehung gerettet
und Kraft geschöpft werden. Dies ging danach auch
eine Zeitlang gut, denn ich hatte ein für
unmöglich gehaltenes Arbeitsumfeld gefunden...
Tausendmarkschein für ’ne Bockwurst
Wieder zurück in Leipzig vermittelte mich das
Arbeitsamt an die „Sachsenstube“. Diese liegt
genau am Spielfeld von Chemie, die Küche bietet
unverbaute Sicht aufs Geschehen. Hier war ich den
Jungs nahe, die ich als Kind anfeuerte, für die
ich viel Geld investierte, für die ich unendlich
Zeit geopfert hatte.
Viele Jahre später muss ich konstatieren, den
beginnenden Verfall meines Vereins beobachtet zu
haben. Natürlich hatte ich die rosa-rote,
beziehungsweise grün-weiße, Brille auf. War stolz,
als Uwe Ferl in meiner Küche ein Bauernfrühstück
orderte, war begeistert, der Mannschaft nach
Siegen ein Buffet zu zaubern. Und ich war auch
fasziniert, dass ein Präsident von Chemie Leipzig,
Herr H., seine Bockwurst mit einem
Tausendmarkschein bezahlen wollte. Im Nachhinein
werte ich diese Szene für mich persönlich als
Wendepunkt Chemies vom Arbeitervorstadtclub, vom
Verein der ehemalig Aussortierten, zum Spielball
zwielichtiger Geschäftemacher. Nach der Wende
wurde die Relegation zur 2.Bundesliga grandios
versemmelt. Wir hatten zwei Umbenennungen hinter
uns, hießen kurz Grün-Weiß Leipzig und nun FC
Sachsen Leipzig. Wir hatten Trainer wie Jimmy
Hartwig und unsere Mitarbeiter im Vorstand und der
Geschäftsstelle wechselten so häufig, dass ich mir
nie die Mühe machte, mir ihre Namen zu merken.
Dies alles kam mir erst sehr viel später in den
Sinn. Zum damaligen Zeitpunkt feierte ich einen
Aufstieg in die Regionalliga, für die wir keine
Lizenz bekamen. Der Trainer hieß Eduard Geyer und
dieser Name sollte mich in den letzen Wochen
wieder einholen.
GoGo Kaubitzsch schenkte mir noch am Tag des
vermeintlichen Aufstieges ein Mannschaftstrikot
mit allen Unterschriften der Spieler. Als ich mich
nach einigen Wochen mit meinem Chef überwarf, die
Beziehung entgültig den Bach runtergegangen war
und ich dringend eine Ortsveränderung brauchte,
verschenkte ich dieses Trikot. Ich verschenkte
komplette Programmsammlungen, Gläser, Aufnäher –
eben alles, was mich mit Chemie verband. Irgendwie
hatte ich das Gefühl, es sei etwas zerbrochen.
Schluss, ich werd Bauer
Ich zog für die nächsten vier Jahre auf die Insel
Rügen. Nach all den Jahren der Abhängigkeit von
meinem Verein, nach den hunderten abgekauten
Fingernägeln, nach etlichen trostlosen und wenigen
mitreißenden Spielen, nach den unzähligen
Niederlagen, den schönen Fahrten – nach alldem
sollte Schluss sein. Ich hatte keinen Bock mehr,
der Drops war gelutscht, der Ofen war aus. Und, es
fehlte mir nichts. Sicher schaute ich Montag in
die Zeitung und überflog die Ergebnisse der
„Regionalliga Nordost“, aber es interessierte mich
nicht wirklich. Das Feuer war, so schnell es in
der Kindheit aufflammte, erloschen. Ab und zu sah
ich mir Hansa Rostock an. Es riss mich nicht vom
Sitz, mit diesem Verein verband mich nichts. Ich
sah die ersten großen Stars der Bundesliga live,
und es interessierte mich nicht. Ich ging angeln,
war sommers am Strand und winters eingeschneit,
hatte meine Skatrunde, kurz, ich war ein Bauer.
Während meiner Ausflüge nach Berlin - meine
Schwester und mein Schwager lebten dort - lernte
ich die Mutter meines Sohnes kennen und verließ
Rügen in Richtung Hauptstadt.
Zeit, die nie vergeht....
Zunächst gab es keinerlei Anzeichen, dass sich an
meiner Fußballabstinenz irgendetwas ändern sollte.
Durch Guido, dem Onkel meiner Tochter, kam ich
irgendwann zu Hertha BSC. Er schleppte mich dahin
und ich wehrte mich nicht so recht dagegen. Ich
weiß nicht, ob dieses Spiel besonders spannend
war, ich habe keine Ahnung, welchen Hebel es bei
mir umlegte. Jedenfalls hatte mich die Sucht
wieder. Nur musste ich etwas Passendes finden.
Hertha mit diesen Fans und diesem unmöglichen
Stadion konnte es nicht sein. Tennis Borussia war
ein einziger Witz in Lila. Mit Winnie Schäfer und
der Göttinger Gruppe. Der BFC war von Natur aus
Tabu, was blieb, war also Union. Eigentlich seit
den Relegationsspielen und einer ordentlichen
Maulschelle Feindesland. Aber irgendwie zog es
mich zu dieser kleinen Schlampe in den Wald. Mit
diesem kleinen schönen Stadion, dem meiner 1.Frau
so sehr ähnlich. Anfangs hielt ich mich am Rand
auf. Nachdem ich durch meine Arbeit ein paar Fans
kennen gelernt habe, stehe ich seit Jahren auf der
Gegengeraden.
Während dieser Zeit spürte ich, dass mir Chemie
irgendwie fehlt. Ich las nun häufiger deren
Spielberichte, informierte mich aus verschiedenen
Quellen. Nach einigen Spielbesuchen in der
Regionalligasaison 2000/01 und im darauffolgenden
Jahr in der Oberliga Süd wurde die Saison 2002/03
zu einem Jahr wie zu besten DDR-Oberligazeiten.
Ich verpasste, immer noch in Berlin wohnend, ein
Heim- und 3 Auswärtsspiele. Die Bahncard wurde
unendlich strapaziert und am Ende stand der
Aufstieg. Ein nicht mehr für möglich gehaltener
Aufstieg. Nach einigem Chaos im Spielplan lagen
wir während der Saison schon 15 Punkte hinter Jena
zurück. Es war das Spiel gegen eben jene
Mannschaft, das die Wende brachte. Ich hatte das
erste mal ein Glückstaschentuch in der Tasche.
Jenes festumklammernd bot ich Adi, zu dem mein
Kontakt nie vollständig abbrach, eine Wette an:
sollten wir Jena schlagen, steigen wir auf! Ich
erntete mildes Lächeln...wir schlugen Jena, und
die Woche darauf schlugen wir Lok in Probstheida.
Und wir schlugen alle anderen, die da noch kamen.
Jena ließ Punkte über Punkte liegen und am letzten
Spieltag hatten wir es selbst in der Hand. Gegen
Plauen durften wir nicht verlieren. Ich habe kaum
noch Erinnerungen an dieses Spiel. Carolin war
dabei und sprach noch Wochen später entsetzt über
mein „Geplärre“. Ich war heiser und ich war um
Jahre älter. In der letzten Minute des Spiels
schoss Plauen ein Tor. Ich brach zusammen und die
Tränen liefen. Mit mir sanken Hunderte, Tausende
zu Boden. Alles dahin, in der letzten Minute. Ein
knochenhartes, nie gewaschenes Kindertaschentuch
festkrallend hörte ich Jubel. Ich saß, ich sah nix
und wusste nicht, was los war. Das Tor, dieses
eine vernichtende Tor, wurde nicht gegeben.
Passives Abseits wurde gemurmelt. Die Tränen nach
dem Abpfiff liefen Hemmungslos. Ich umarmte Adi
minutenlang. Schweigend. 20 Jahre vorher hatten
wir ein ähnliches Glücksgefühl. 20 Jahre hatten
wir auf einen Moment wie diesen gewartet. Es waren
vor allem die letzten 8 Jahre, die mich vermuten
ließen, Chemie hat nur darauf gewartet dass ich,
ihr Ehemann, wiederkehre.
Die noch folgenden Relegationsspiele gegen
Schönberg waren irgendwie nur noch Ehrensache.
Jeder wusste oder ahnte, dass da nichts mehr
schief gehen könne. Feierte ich noch ausgelassen
den Sieg im Spiel 1 in Schönberg, so saß ich nach
dem 2. Spiel in Leutzsch nur noch stumm im
Mittelkreis. Etliche Menschen aus all den Jahren
Chemie Leipzig umarmten mich, wuschelten mir den
Kopf oder setzten sich einfach nur schweigend zu
mir. Eine Riesenlast fiel von mir. Und ein
schleichendes Gefühl einer erfüllten Mission kam
auf. ICH war aufgestiegen, ICH habe es immer
gesagt, weil ICH es immer gehofft hatte. Die
Arbeit war getan, Regionalliga wir kommen! Und
wenn wir gleich wieder verschwinden würden,
Hauptsache einmal im Leben Sankt Pauli schlagen!
Und wie sensationell wir wieder
verschwanden....
2Prozent WM-Stadion
Die Mannschaft startete schlecht. Ab dem ersten
Spieltag nisteten wir uns schön weit unten ein. Es
gab Reibereien in der Mannschaft, ein Kujat
wollte, durfte aber nicht weg und am Ende der
Saison sprach man von gekauften und verschobenen
Spielen. Eben jener Kujat und der Torhüter
Eckstein sollten darin verwickelt sein. Beides
Aufstiegshelden. Nichts wollte man glauben, aber
Alles war möglich. Es wurde der Trainer gewechselt
und als letzte Hoffnung sollte der Umzug ins neu
eröffnete WM-Stadion erfolgen.
Damit war es um meine Treue geschehen. Nicht, dass
ich Chemie alles schlechte gewünscht hätte. Nein,
es interessierte mich nicht mehr. Ich war
resigniert. Kein Name mehr, kein Stadion und Woche
für Woche Tristesse im weiten Rund.
Ich boykottierte den neuen Spielort so gut es ging
und ich tue es auch heut noch. Nur wenn ich Besuch
bekomme oder meine Tochter zum Fußball möchte,
gehe ich hin. Es ist einfach nur noch traurig.
Beim letzten Spiel der vergangenen Saison im
WM-Stadion verloren sich keine 1000 Menschen mehr
in dieser Schüssel.
Diese ganzen Geschichten und Querelen der letzten
Wochen haben mich müde gemacht. Ein Verein
verkauft seine Seele, sein Gesicht, seine
Geschichte an einen Filmerechtehändler, welcher
zwischenzeitlich über 10 Vereine im bezahlten
Fußball hofierte. Der Verein macht sich zur Hure
für ein deutsches Politikum und dessen Umsetzer.
Leipzig brauchte kein WM-Stadion. Leipzig brauchte
auch keine olympischen Spiele. Leipzig besitzt
derzeit weder das Umfeld noch den Rückhalt in der
Bevölkerung für Bundesligafußball. Einzig damit
das WM-Stadion im Wert erhalten bleibt,
potentielle Käufer interessiert werden, hindert
einen Kölmel daran, sein Spielzeug und –ball FC
Sachsen Leipzig ins Abseits zu kicken.
Was wird kommen, wenn wir in dieser Saison nicht
aufsteigen? Mit einem Eduard Geyer als
Sportdirektor und einem ehemaligen Frankfurter
Präsidenten? Was wird passieren, wenn Kölmel das
Stadion verkauft bekommt? Was, wenn die Stadt
keine Lust verspürt, weiter Steuergelder in einen
chronisch erfolglosen Verein zu pumpen? Was
geschieht, wenn das WM-Stadion zu 2Prozent gefüllt
ist?
Wird es dann den großen Befreiungsschlag geben?
Wird es an der Basis unter denjenigen, die sich
das Wünschen, einen Umzug zurück nach Leutzsch
kommen? Kommt es zu Insolvenz und einem Neubeginn
in Liga 11 oder wo auch immer? Unter dem Namen BSG
CHEMIE LEIPZIG?
Dann geb ich meiner Frau eine neue Chance.....