Das Nuller-Heft

11FREUNDE-Spezial: 00er

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11.09.2011

Erinnerungen an die WM 1998

Generation Olaf

Text: Dirk Gieselmann  Bild: Imago

Das WM-Viertelfinale 1998 Deutschland gegen Kroatien verfolgte Dirk Gieselmann auf seinem Abi-Ball. Als beim Stand von 0:1 Olaf Marschall ins Spiel kam, wusste er: Das Leben ist gar nicht so toll wie ursprünglich angenommen.

Erinnerungen an die WM 1998 - Generation Olaf


Wer ist schuld daran, dass ich mich schäme, wenn ich an den Sommer zurückdenke, in dem ich mein Abiturzeugnis bekam? Berti Vogts? Davor Suker? Ich selbst?

Dreizehn Jahre hatten wir darauf hingebüffelt. Und das sollte der Lohn sein: Der Abi-Ball! Der große Abend im »Schusterkrug« in Wagenfeld, ein Exzess unter der gemieteten Lichtorgel, mit billigen Schnäpsen und noch billigeren Zigarren. Die Jungs in Anzügen mit Schulterpolstern, die Mädchen in Schweinchen-Rosa. Mein Gott, waren wir hässlich, mein Gott, waren wir schick.  

 

Die älteren Jahrgänge erzählten sich Sagenhaftes von diesem Ereignis: Lehrer, die besoffen in die Bowle hechteten, der Hausmeister im Klammerblues mit der Klassensprecherin. Wir hätten es ein »Event« genannt, aber dieses Wort kannten wir damals nur als Ausdruck für die einzelnen Disziplinen bei »Summer Games« auf dem C64. Als ich den Saal betrat, jagte der Alleinunterhalter »What is Love?« von Haddaway aus dem Synthesizer. Baby, don't hurt me.

High Five, ich hab nen Schnitt von 3,9!

Nie zuvor und nie danach ist ein Mensch so arrogant wie in dem Sommer,
in dem er von zu Hause weg geht. Das war so ein Sommer: Nichts war peinlich, nichts wichtig. Die Schule war vorbei, das Berufsleben noch in weiter Ferne. Der »Schusterkrug« in Wagenfeld war eine Promenade der kaum volljährigen Gockel. High Five, ich hab nen Schnitt von 3,9! Wir mochten noch kein Bier, aber tranken es, als hingen wir an der Flasche.    

Doch vor dem Suff stand das WM-Viertelfinale Deutschland gegen Kroatien. In einer Ecke der angrenzenden Kneipe flimmerte ein Fernsehapparat in die Rauchschwaden, missmutig saßen ein paar Altbauern am Tisch davor und glaubten von Anfang an nicht an einen Sieg: »Dat wird nix.« Dahinter wir, viel zu laut, viel zu fröhlich, viel zu ahnungslos. Im Fernsehen: »Tanne« Tarnat, Jens Jeremies, Jörg Heinrich. Und Berti Vogts. Auch wir hätten ahnen können, dass dat nix wird.   



Ergänzung zu 11 FREUNDE-Spezial: 90er

Das waren die Neunziger


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Kommentare

  • User
  • 26.10.2009 02:34:48 nottger

    abiball im schusterkrug is schon hart :D

  • User
  • 26.10.2009 08:27:18 Schwatte

    Abgesehen davon, daß die Örtlichkeit eine andere war und wir alle viiiel besser aussahen, habe ich dieses Spiel auch auf dem Abiball "erlebt" - allerdings zum Glück nur dadurch, daß der Musikbeauftragte "freundlich" die Zwischenstände ansagte. Wenigstens war das Fest schön...

  • User
  • 26.10.2009 09:22:32 kirmeszehner

    Die 98er Manschaft war wirklich schrecklich.Grausam.
    Sie gab eine Ahnung davon, dass der Satz "Alternativen gibt's immer." nicht für alle Bereiche des menschlichen Lebens gilt.
    Vor allem wenn ich an die Außen denke. Tarnat, Ziege oder Heinrich. Das Triumvirat der Unzulänglichkeiten. Grausam. Und dazu Bertis Nibelungentreue zu seinem Liebling Andy Möller. Grausam.
    Das es Sir Erich gelang diese Auswahl zwei Jahre später noch mieser zu gestalten muss man ihm hoch anrechnen. Paulo Rink. Grausam.

  • User
  • 26.10.2009 11:30:07 UrmelAusmEis

    Also Schulterpolster hat man 1998 aber nur noch im Großraum Wagenfeld getragen, oder? Und Summer Games liefen bei mir schon 1988 auf dem Amiga. Sehr zum Leidwesen meiner Joysticks, btw.
    Man sollte Herrn Gieselmann daher vielleicht nicht das Editorial zum "Das waren die 90er"-Sonderheft schreiben lassen. In und um Wagenfeld war wohl einiges ein bisschen anders.

    Oder aber Herr Gieselmann hat sich bei seiner Bewertbung in bester Yeboah-Manier ein paar Jährchen jünger geschwindelt und hat in Wirklichkeit (und in Schulterpolstern!) das Ende seiner Schulzeit mit Live-Fußball aus Hamburg, Van Basten vs. Jürgen Kohler und einem ganz anderen, nicht minder schweren deutschen Trauma erlebt. Und Olaf hieß Thon und sah gegen Arnold Muhren kein Land...

  • User
  • 26.10.2009 11:37:00 BerndB

    Das ging mir auch durch den Kopf. Muss ein seltsames Fleckchen Erde sein, wo den Abiturienten das Bier noch nicht schmeckt.

  • User
  • 26.10.2009 11:56:42 Hotte80

    Gieselmann hat gar kein Abi.

  • User
  • 26.10.2009 12:20:50 saloth sar

    wagenfeld scheint wirklich in ner anderen zeitzone zu sein, haddaway hat what is love? 1993 veroeffentlicht und war damit schon 1998 ein uralter hut

  • User
  • 26.10.2009 12:24:36 calimero

    ich hab des rätsels lösung:
    gieselmann ist ca. 8 mal sitzen geblieben (und lebt auf dem mars und löst ungeklärte kriminalfälle)

  • User
  • 26.10.2009 12:26:55 Rotorducks95

    Sommer 98, ach Du meine Güte...mein Auszug aus Hotel Mama, und dazu diese WM...für uns Österreicher wars ja noch viel schlimmer, Ihr habt es zumindest unter die letzten 8 geschafft...und eines der miesesten Spiele aller Zeiten gabs auch in Frankreich: Schottland vs Norwegen in der Vorrunde, da werden sich wahrscheinlich nicht mal mehr die Norweger und die Schotten dran erinnern.Ich aber doch, weil wir zusammen in der prallsten Junisonne auf eine Riesenleinwand starrten und dafür Vorlesung sausen haben lassen..
    Jede Vorlesung über die wirtschaftlichen Vorteile einer nachhaltig agierenden Schulterpolsterindustrie im Nordpazifik in den 1870ern wäre aufregender gewesen als dieser Hundskick..ok, selbst schuld, wer sieht sich die norwegische Nationalmannschaft freiwillig an??
    Schottland war aber fast genauso norwegisch wie Norwegen, und das ist kein wie immer geartetes Kompliment...noch heute tut mir der Kopf weh von Sonne, warmem Bier und den Stehkickern, die da ihre Nichtkünste zum Schlechtesten gaben.

  • User
  • 26.10.2009 14:57:38 Schwatte

    @saloth sar: Ich glaube anhand des Beispiels "What is Love?" verdeutlicht wohl lediglich, wie schlecht und tief provinziell der Alleinunterhalter war - eben weil Haddaway 1998 das Haltbarkeitsdatum schon weit überschritten hatte.

  • User
  • 26.10.2009 15:19:40 Veltinsbauch Eufi

    "Wer sieht sich die norwegische Nationalmannschaft freiwillig an??"

    Findet Urmel die nicht gut ? Oder nur Brann Bergen ?

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  • 26.10.2009 15:25:08 Rotorducks95

    Genau, das würd ich Urmel auch gern fragen!

  • User
  • 26.10.2009 16:33:46 Süüdkurvä

    hm, kleine gedächtnisauffrischung und siehe da: norwegen hat in der vorrunde sogar brasilien geschlagen!

    egal, das klinsi-tor gegen usa war aber echt geil, oder? in meinen augen der deutsche höhepunkt dieser wm... die mannschaft war aber zu grossen teilen die gleiche wie 96... schwerwiegendste absenz natürlich sammer... jedenfalls sehe ich die 2000er mannschaft auch noch schlechter!

    naja, nach kroatien wäre frankreich gekommen... da wäre sowieso ende gewesen... bzw. hätte die demütigung vermutlich noch ganz andere züge angenommen! vielleicht sollte man den kroaten sogar dankbar sein...

  • User
  • 26.10.2009 16:43:30 Veltinsbauch Eufi

    "naja, nach kroatien wäre frankreich gekommen... da wäre sowieso ende gewesen... bzw. hätte die demütigung vermutlich noch ganz andere züge angenommen! vielleicht sollte man den kroaten sogar dankbar sein... "

    Ja, und Deutschland wäre unter die ersten 4 gekommen. Auch wenn man gegen FRA dann deutlich den Kürzeren gezogen hätte, hätte man noch ein Spiel um den dritten Platz gehabt.

    Würd ich schon als Erfolg werten, wenn es so gekommen wäre.

  • User
  • 26.10.2009 17:20:13 Rotorducks95

    Norwegen hat Brasilien geschlagen, ja, weil die Brasilos schon in der nächsten Runde waren und so motiviert, dass es nicht zum Anschauen war.

  • User
  • 26.10.2009 17:27:05 Süüdkurvä

    ja, klar waren sie so motiviert wie gerade vor kurzem im quali-spiel gegen bolivien... kunststück, frühzeitig qualifiziert zu sein, bei der hammergruppe - norwegen, schottland, marokko...

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  • 26.10.2009 18:32:44 UrmelAusmEis

    Und es war wirklich ein übles Drecksspiel, dieses Norwegen-Brasilien-Dingensteil. Sagt der, der die norwegische Nationalmannschaft nur bis zu dem Tag gut fand...

    Wobei - nee. "Gut" fand ich sie eigentlich nie. Sympathisch, des Herkunftslandes wegen. Auch heute noch. Aber die Spielweise: nee nee nee!

  • User
  • 26.10.2009 19:24:57 Catilina

    >>Tarnat, Ziege oder Heinrich. Das Triumvirat der Unzulänglichkeiten.<<

    Ja, genau.^^
    War Steffen Freund nicht auch dabei ?

    Als Vogts 1990 von Beckenbauer übernahm, beklagte er ein Überangebot an guten Mittelfeldspielern - Matthäus, Effenberg, Doll, Häßler, Möller - und Netzer schrieb im Kicker, was die deutsche Nationalmannschaft brauche, sei ein Hacki Wimmer-Typ im defensiven Mittelfeld - "Der Schalker Steffen Freund könnte in Zukunft diese Rolle spielen".
    8 Jahre später hatte Vogts die Mannschaft nach seinem eigenen Bilde umgestaltet: ein verhinderter Techniker (Ziege) und 3 oder 4 biedere Renner. Doll und Effenberg hatte er bereits im 3. bzw. 4. Jahr seiner Amtszeit rausgeschmissen, und das, obwohl Thomas Doll (damals bei Lazio Rom) zu dieser Zeit einer der besten Mittelfeldspieler der Serie A war. Zur WM 1994 fiel Vogts nichts besseres ein, als die Helden von Italien (Matthäus, Völler, Brehme, Buchwald) zu reaktivieren. Unter Vogts` Ägide lebte die Nationalmannschaft von der schrumpfenden Substanz des 90er Kaders, und das MUSSTE irgendwann in die Hose gehen.

  • User
  • 26.10.2009 19:42:37 Kobja

    steffen freund war dabei, hatte aber einen kreuzbandriss und is tapfer zum daumendrücken geblieben. glaub ich zumindest damals in der bravo sport gelesen zu haben. ich hab das spiel damals bei meinem fußballverein gekuckt inklusive camping und unserer meisterschaftsfeier danach. und uns f-jugenlichen hat das bier damals tatsächlich nicht geschmeckt, wir hielten uns da an spezi. mein tschechischer kollege und der d-jugend trainer (schweizer) haben den ganzen tag und abend lang "hrvatska" geschrien und ich fand das ziemlich doof. christian wörns habe ich davor schon grundlos gehasst, aber dann hatte ich wenigstens nen grund.

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  • 26.10.2009 19:52:14 Hotte80

    Also der Wörns, über den kann man sagen wat man will, vor allem, das das nen richtig beschissener Kicker war. Aber die Sache mit Kroatien, da konnte er ja nun mal gar nix für, gar nix. Loddar war schuld, mit seinem Versuch, einen langen Pass ganz lässig per Aussenrist in Richtung kroatisches Tor zu zimmern. Dat Ding ging halt nach hinten los.

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  • 26.10.2009 21:03:35 seabass

    Ich hatte Glück und durfte Deutschland-Schweden 2006 sehen. Das Glück der späten Geburt!

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  • 26.10.2009 21:43:12 Catilina

    Zvonimir Soldo sagte mal, die deutsche Mannschaft habe bis zum Platzverweis richtig stark gespielt.

    Ihre Tore haben Klinsmann und Bierhoff ja gemacht, aber 2 Stürmer dieser Machart sind immer einer zuviel. Mit Klinsi und Bierhoff vor sich hätte nicht mal das Ramba Zamba-Mittelfeld von `81 - Breitner, Hansi Müller, Magath, Schuster - dem deutschen Angriffsspiel mehr Klasse zu geben vermocht. Mit Sturmspitzen, die technisch so minderbemittelt sind, bleibt dem Mittelfeld keine andere Wahl, als unentwegt lange, hohe Bälle nach vorn zu dreschen, auf daß die Stürmer ihre Kopfballstärke oder - im Falle Klinsmanns - Schnelligkeit in die Waagschale werfen können. Vergebliche Liebesmüh, solchen Stürmern den Ball präzise in den Fuß zu spielen.

    Daß ein Typ wie Bierhoff sich als Nationalspieler etablieren konnte, während ein Ausnahmetalent wie Andreas Thom nicht hat Fuß fassen können in der DFB-Auswahl, gehört zu den Dingen, die im deutschen Fußball der 90er Jahre gründlich schiefgelaufen sind.

    Warum ist eigentlich Kalle Riedle nach der WM 1994 nicht mehr berücksichtigt worden ?

  • User
  • 26.10.2009 21:50:24 AntiMöller

    Weil er häufig verletzt war und in der Saison nicht mehr als 4 Tore schiessen konnte und weil Olaf Marschall in 24 Spielen 21 eingenetzt hatte?

  • User
  • 26.10.2009 22:39:18 Catilina

    @AntiMöller

    Danke für die Info.

    Riedle hat nach USA `94 kein einziges Länderspiel mehr bestritten. Dabei hätten - sollte man meinen - nach dem endgültigen Rücktritt Völlers seine Chancen nicht so schlecht gestanden. Bierhoff war noch kein Thema, die Option Thom UND Kirsten war endgültig vom Tisch (schade drum), gesetzt war eigentlich nur Klinsmann, der damals im Zenit seiner Karriere stand. Ich vermute, daß Riedle unter Vogts nicht mehr spielen wollte - wie 1982/83 Hrubesch, Kaltz, Magath und Augenthaler wegen Derwall zurückgetreten waren.

  • User
  • 26.10.2009 23:57:15 Veltinsbauch Eufi

    "Zvonimir Soldo sagte mal, die deutsche Mannschaft habe bis zum Platzverweis richtig stark gespielt".

    Genauso isses. Das war bei dieser WM das stärkste Spiel der DFB - Elf. Ist nur unglücklich gelaufen mit dem Platzverweis kurz vor der Halbzeit und dem Gegentor ein paar Minuten später. Deutschland hat recht gut gespielt und wurde am Ende dann gnadenlos ausgekontert.

  • User
  • 27.10.2009 01:38:14 Catilina

    An dem Tag, als ICH mein Abi-Zeugnis erhielt, erschossen Ruud Gullit und Marco Van Basten in München die UdSSR.

    Über die Flanke, die der 36jährige Routinier Arnold Mühren stilwidrig aus dem linken Halbfeld lancierte, geriet Van Basten derart in Wut, daß er sie volley nahm und aus spitzestem Winkel über Keeper Dassajew hinweg ins sowjetische Tor hämmerte.

    Rastaman Ruud Gullit galt damals unter Experten als en par mit Maradona. Inzwischen kann Gullit sich glücklich schätzen, wenn er auf der ewigen Bestenliste des niederländischen Fußballs die Top 5 erreicht.

  • User
  • 27.10.2009 09:16:17 jamessirbensonmam

    Da wird mir janz blümerant, wenn ich mir vergegenwärtige, mit welcher Spielergeneration ich aufgewachsen bin. Früher war doch nicht alles besser...

    Ich meine mich auch zu erinnern, dass mein Abi-Ball Sakko '98 Schulterpolster hatte, aber in Ost-Berlin geht das immer.

  • User
  • 27.10.2009 15:21:37 Süüdkurvä

    in gewisser weise kann man nur bedauern, dass berti nach seinem (?) erfolg bei der euro 96 nicht zurückgetreten ist... wobei ich dabei natürlich nicht sagen will, ribbeck hätte schon früher anfangen sollen! mensch, wenn ottmar hitzfeld die N11 nach dem CL-sieg übernommen hätte, statt 98 zu bayern zu gehn... könnte mir schon vorstellen, dass er zumindest aus dem vorhandenen 'spielermaterial' das beste herausgeholt hätte...

  • User
  • 27.10.2009 18:14:16 Catilina

    @ Süüdkurve

    Sehr richtig. Und was für Vogts gilt, das gilt erst recht für viele seiner Spieler.

    Matthäus etwa hätte nach der schweren Verletzung, die er sich im Frühjahr `92 zuzog, nicht mehr in die Nationalmannschaft zurückkehren sollen. Was hat er heute davon, daß er 150 Länderspiele bestreiten durfte ?

    Matthäus` Stern war mitten im "silbernen Zeitalter" des deutschen Fußballs aufgegangen: im Halbfinale des UEFA-Cups standen sich 4 Bundesligamannschaften gegenüber, der HSV erreichte das Europapokalfinale, die Nationalmannschaft legte unter Derwall eine spektakuläre Serie hin, die erst bei der Mini-WM in Uruguay ihr Ende fand.
    20 Jahre später, als Matthäus abtrat, war der Glorienschein der DFB-Elf vollständig verblaßt.

    Beckenbauer war immerhin so schlau gewesen, sich nach durchwachsenen Jahren beim HSV nicht auch noch zu einem Comeback in der Nationalelf überreden zu lassen.

    Die Frage, was Matthäus davon hat, daß er deutscher Rekordnationalspieler werden durfte, ist leicht zu beantworten: Unter den großen Spielern der 80er und 90er Jahre ist er wahrscheinlich der am meisten unterschätzte. Seine Heldentaten sind in der Erinnerung verblaßt, der prätensiöse und intrigante Schwätzer, der Lothar Matthäus im Herbst seiner Karriere war, ist dagegen schmerzhaft gegenwärtig.

    Und was Hitzfeld/Ribbeck angeht: Zur selben Zeit, als die Nationalelf sich unter Ribbeck durch die EM-Qualifikation rumpelte, mischten die Bayern unter Hitzfeld mit nur 2 Legionären die Champions League auf.

  • User
  • 27.10.2009 20:19:36 UrmelAusmEis

    Brazzo und Sammy eingebürgert, Ali Daei zählt zurecht nicht. De facto 4 Legionäre, nicht minder beeindruckend.

  • User
  • 28.10.2009 14:34:38 Catilina

    @ UrmelausmEis

    Ich glaube, mich dunkel zu erinnern, daß bei den rasanten Europacup-Spielen des Frühjahrs 2000 oft nur 2 Legionäre auf dem Platz waren.

    "Tja, Ribbeck - hätt`st du mal deine Schlüsse draus gezogen und `nen Bayern-Block gebildet (OHNE Lothar)."

  • User
  • 28.10.2009 14:45:18 UrmelAusmEis

    Catilina:

    Im Frühjahr 2000 gabs nur 4 "rasante" Spiele, die meisten waren auch weitaus weniger rasant als die des Jahres zuvor. Zudem haben zumeist die Neuzugänge Andersson, Paulo Sergio und Santa Cruz mitgetan.

    Nein, die beeindsruckend "deutsche" Mannschaft war schon die von 1998/99, und tatsächlich standen immer zwischen 8 und 10 deutsche in der Startformation. Nimmt man Brazzo und Koffour noch als "Fußballdeutsche", weil sie sich erst hierzulande von Jugendlichen zu Profifußballern entwickelt haben, dann wirds noch großartiger.

    Es gibt jedenfalls keinen plausiblen Grund, warum sich die N11 unter Sir Erich derart hat abschlachten lassen, wenn gleichzeitig eine des besten Vereinsmannschaften des Kontinents (in 3 Jahren 1 CL-Sieg, 1 CL-Finale, 1 CL-Halbfinale) überwiegend aus Deutschen bestand.

  • User
  • 28.10.2009 16:40:47 Catilina

    @ UrmelausmEis

    Dann hatt` ich das wohl mit dem Vorjahr verwechselt.

    @ Jamessirbensonman

    Die Spielkultur der Bundesliga ist, so durchschnittlich und im großen Ganzen, heute besser als in den 90er Jahren. Nevio Scala, der Hexenmeister des AC Parma der frühen 90er, scheiterte in Dortmund an der fixen Idee, den Schwarzgelben das Kurzpaßspiel beibringen zu wollen.

    Dumm nur, daß die Spanier und Engländer in derselben Zeit noch erheblich größere Fortschritte gemacht haben. Die höchste Spielkultur herrscht da, wo der Fußball am gründlichsten globalisiert ist.

  • User
  • 29.10.2009 16:25:57 Catilina

    Die wichtigste Erkenntnis, die man aus den WM-Auftritten der deutschen Elf in Frankreich ziehen konnte: Viele der damaligen Nationalspieler waren dem Tempo und dem Mangel an Raum, die für das moderne Spiel charakteristisch sind, nicht mehr gewachsen.
    Sobald es eng und hektisch wurde, standen sie beim Anspiel falsch zum Ball. Ich hab während der WM mehr als einmal beobachtet, daß Spieler der DFB-Elf beinahe über den Ball gestolpert wären, wenn sie überraschend von hinten angespielt wurden.

    Wenn auch (außer Özil) keiner der aktuellen Stammspieler der Nationalelf über die technischen Fähigkeiten eines Libuda, Overath oder Flohe verfügt, so ist das allgemeine technische Niveau heute höher als früher: Reine Zerstörungs-Spezialisten a la Schulz, Höttges, Schwarzenbeck, Förster, Rolff, Borowka, Pflügler, Jeremies - die berühmten "Klopper" - sind aus dem modernen Fußball so gut wie verschwunden. Selbst ein so hartgesottener Verteidiger wie Puyol ist aus feinerem Holz geschnitzt, als seine Vorläufer in früheren Jahrzehnten, die Camacho, Goycotchea, Nadal...die einst auch im spanischen Fußball ihren festen Platz hatten.

  • User
  • 29.10.2009 18:15:07 Kobja

    wobei ich persönlich jetzt puyol in der kette "technisch versierte verteidiger" eher ans ende stellen würde...

  • User
  • 29.10.2009 18:36:34 Catilina

    >>wobei ich persönlich jetzt puyol in der kette "technisch versierte verteidiger" eher ans ende stellen würde...<<

    Aber verglichen mit Goicotchea, wirkt Puyol fast schon wie Gheorge Hagi. *lol*

    Nee, mal im Ernst: Nichts gegen Goicotchea - der Baske hat etliche Male vorgemacht, wie psychologische Kriegsführung im Fußball funktioniert. Bei der WM 1986 lief er im Achtelfinalspiel zwischen Dänemark und Spanien gleich nach dem Anstoß auf Dänemarks Wunderkind Michael Laudrup zu und stieß einen markerschütternden Schrei aus. Laudrup, dem wohl das Schicksal Schusters und Maradonas vor Augen stand, zuckte zusammen und ward für den Rest des Spiels nicht mehr gesehen. Die Spanier nahmen das favorisierte dänische One Touch-Ensemble mit 5-1 auseinander.

  • User
  • 30.10.2009 08:41:13 unionchemiker

    98 war die einzige wm seit 78, bei der ich nicht ein spiel gesehen habe. verpasst hab ich scheinbar nüscht...späte genugtuung.

  • User
  • 30.10.2009 11:34:49 Luis Enrique

    ich bin ja nicht so alt wie du, aber mir fällt grad kein wm-spiel ein, welches das 98er halbfinale holland-brasilien toppen würde. DAS war fußball!

  • User
  • 30.10.2009 16:28:42 schappi1848

    Spanien– Nigeria 2:3

    Argentinien– England 2:2 n.V. (2:2, 2:2), 4:3 i.E.

    waren auch nicht so ganz üble Spiele

  • User
  • 30.10.2009 16:34:51 Bergkamp83

    @enrique: Das war DAS Tor der WM!!!

    Argentinien vs. England war eines der besten Spiele die ich je gesehen habe. Das Owen-Tor, der Argentinien-Freistoß...Wahnsinn!!

    `98 war ne klasse WM...

  • User
  • 30.10.2009 18:22:34 Catilina

    ...ebenso Dänemark-Nigeria (4-1) und Dänemark-Brasilien (2-3)...oder die Jugoslawen, als sie UNS, d.h. Bertis Gurkentruppe, eine halbe Stunde lang ohne Ball im Kreis laufen ließen.

    Ja, der deutsche 98er Kader war der Inbegriff einer Gurkentruppe. Die 86er Mannschaft, auf die der Ausdruck urspünglich gemünzt war, nimmt sich dagegen wie ein schlafender Riese aus, voll von guten Spielern, die ihre Glanzzeit entweder schon hinter sich (Rummenigge, Magath) oder noch vor sich (Matthäus, Brehme, Bertold, Völler...) hatten. Gewesene Stars gab`s auch in dem 98er Kader, nur fehlten die vielversprechenden Talente.

  • User
  • 31.10.2009 10:52:25 Kobja

    am meisten gelacht hab ich bei niederlande - portugal 06. das war mal n spiel nach meinem geschmack!

  • User
  • 31.10.2009 15:44:48 Veltinsbauch Eufi

    Frankreich - Kroatien (2:1) wurde noch nicht genannt. War auch top.

  • User
  • 01.11.2009 20:09:10 Catilina

    Frankreich `98 war auch das erste große Turnier, bei dem das "Marseillaiser Roulette", seither der "trademark move" der fußballerischen Weltelite, vorgeführt wurde.

    In technischer und spielerischer Hinsicht war `98 - ähnlich den Weltmeisterschaften `58 und `70 - ein Quantensprung; was vielleicht daran lag, daß im europäischen Clubfußball die Vorherrschaft der Serie A zu bröckeln begonnen hatte.

    Bei den Endspielen von 1990 und 1994 hatten jeweils 10 oder mehr Leistungsträger der italienischen Eliteliga auf dem Platz gestanden, und diese hatten die defensiv-taktische Finesse des italienischen Fußballs in die Nationalmannschaften hineingetragen. Zwischen den Weltmeisterschaften 1982 und 1994 war ja alles, was Rang und Namen hatte im Weltfußball, bei italienischen Vereinen unter Vertrag gewesen.
    Clubs wie Juventus Turin, SSC Neapel, AC Mailand, Inter Mailand, Sampdoria Genua und AC Parma hatten ein Jahrzehnt lang die europäischen Wettbewerbe dominiert. Erst der spektakuläre Erfolg der von Louis Van Gaal trainierten Ajax-Mannschaft der Mitneunziger Jahre bewirkte ein Umdenken und eine Abwendung vom "Paradigma" der "kontrollierten Offensive". Auch das erste "Dream Team" des FC Barcelona hatte einen starken Anteil hieran. Zwar war Barca im CL-Finale von 1993/94 gegen den AC Mailand mit 0-4 untergegangen, doch hatte Fabio Capellos Mannschaft - in dieser Saison eine der defensivsten in Europa - im Finale die Katalanen mit deren eigenen Waffen geschlagen.

  • User
  • 02.11.2009 12:55:30 sgu07

    was man 11 jahre danach alles in so eine wm hineininterpretieren kann, respekt. die wm 98 zeigte aber eines ganz deutlich: dass der deutsche fußball der fifa zu erfolgreich war.

  • User
  • 02.11.2009 18:50:39 Catilina

    die wm 98 zeigte aber eines ganz deutlich: dass der deutsche fußball der fifa zu erfolgreich war.

    Wenn die deutsche Mannschaft wenigstens ein Tor erzielt und dann knapp verloren hätte - eine 0-3 Niederlage aber interpretiert sich selbst.

    Die Fehlentscheidung des Schiedsrichters war genauso wenig zufällig, wie die von der FIFA angeordnete Stichprobe, bei der Maradona des Dopings überführt wurde. Schließlich beruhten auch die Niederlagen bei den Turnieren von 1992 und 1994 auf Fehlentscheidungen der Referees, welche aber im Gegensatz zu dem Platzverweis gegen Wörns unmittelbar spielentscheidend waren.

    Im Finale der EURO `92 ging dem Führungstreffer der Dänen ein übles Stürmerfall voraus. Wie auch bei der WM 2 Jahre später, wurde der deutschen Mannschaft im weiteren Verlauf des Spiels ein regulär erzieltes Tor aberkannt.

  • User
  • 03.11.2009 17:12:22 UrmelAusmEis

    Oh, hört hört. Ein regulär erzieltes Tor! Damit kann aber jetzt nicht Rudis Abseitsabstauber nach Matthäus' Pfostentreffer gemeint sein. Oder doch?
    Wahrscheinlich hatte die FIFA Angst, weil der Kaiser ja was von jahrhundertelanger Unschlagbarkeit gefirlefranzt hatte. Vielleicht waren sie aber auch einfach nur eifersüchtig auf Berti, weil der bei den Frauen immer so verdammt gut ankam. Oder MV hatte ihnen beim vorausgegangenen FIFA-Kongress die letzte Kiste Rotwein weggeshootet.

    An der Sache mit Maradona sollte man auch dranbleiben. Inspektor GTI, ermitteln Sie.

  • User
  • 03.11.2009 17:15:18 UrmelAusmEis

    Korrektur: ich glaube, der Pfostenschuss war von Möller, Matthäus hat das 1:0 geschossen.

  • User
  • 03.11.2009 18:00:31 unionchemiker

    hab ich nu was verpasst oder nich!?

  • User
  • 03.11.2009 18:04:22 schappi1848

    Sicher, verpasst haste ne Menge Spiele deren Qualität nicht objektiv bewertbar ist. Oder hat jemand ne Richterskala?

  • User
  • 03.11.2009 18:28:09 UrmelAusmEis

    Du hast ne la Ola verpasst, die Urmel höchstpersönlich und ganz allein initiiert hat. Der alte Paraguay-Capo.

  • User
  • 03.11.2009 18:28:53 UrmelAusmEis

    Was bedeutet: Nach Deinen Maßstäben wiederum nix verpasst. Wobei, 1998 durfte man noch...

  • User
  • 03.11.2009 19:17:09 unionchemiker

    oh gott urmel....oder besser: danke, ich hab nix verpasst.

  • User
  • 04.11.2009 01:43:58 Catilina

    Wahrscheinlich hatte die FIFA Angst, weil der Kaiser ja was von jahrhundertelanger Unschlagbarkeit gefirlefranzt hatte.

    Daran hatt` ich noch gar nicht gedacht...aber Du hast recht, das könnte der Grund gewesen sein.

    Nach dem Rußland-Spiel hat Beckenbauer gesagt, die deutsche Mannschaft könne jeden schlagen. Mein Tip ist, daß diese Voraussage ebenso zuverlässig in Erfüllung gehen wird wie die oben zitierte...oder die vom Sommer 2007.

  • User
  • 04.11.2009 01:45:25 Catilina

    Wenn Beckenbauer es sagt, muß es ja stimmen. Ich meine, er wäre sonst nicht "Der Kaiser", oder ?

  • User
  • 05.11.2009 18:51:17 Catilina

    Also: Wenn`s eine Verschwörung war, dann dürfte ihr die grundsätzlich nicht unvernünftige Motivation zugrundegelegen haben, den erneuten Halbfinaleinzug einer Mannschaft zu verhindern, die sich seit ihrem letzten Titelgewinn rapide zurückentwickelt hatte.

    AC Milan-Crack Zvonimir Boban hatte so Unrecht nicht, als er im ersten Zorn über die Viertelfinal-Niederlage bei der Euro `96 sagte, daß ein Titelgewinn dieserdeutschen Mannschaft schlecht für den Fußball sei.

    (Die Hooligan-Aktion in Lens tat ein übrigens; und wenn die Mannschaft daran schuldlos war, so fiel die Sache doch auf sie zurück)

    Verglichen mit dieser Inkarnation einer deutschen Nationalmannschaft, muß man der DFB-Elf unter Klinsmann und Löw zugutehalten, daß sie sich - und zeitweise sogar mit Erfolg - wenigstens darum bemüht hat, attraktiven und zeitgemäßen Fußball zu spielen (und das, obwohl sie, der individuellen Klasse ihrer Spieler nach, hinter der Mannschaft, die Vogts zur Verfügung hatte, deutlich zurücksteht. In Vogts` Kader gab es immerhin drei, vier Spieler, die in glücklicheren Tagen ihrer Karriere das Prädikat "Weltklasse" erhalten hatten).

    Die fußballerische Pleite von 1998 hat mir eigentlich nur ein Schulterzucken abgenötigt - und eine verhaltene Wut darüber, daß diese von allen guten Geistern verlassene Mannschaft die Reputation früherer Generationen deutscher Nationalspieler gleich mitramponierte.

  • User
  • 05.11.2009 21:04:50 einrudithömmes

    Moment, über die Aussage von Zvono bitte nicht so schnell hinweg gehen... was bitte war denn dann die Titelgewinne von Brasilien 94... oder Griechenland 2004?

    Im Gegenteil, diese Titelgewinne, der deutsche von 96 eingeschlossen haben der Öffentlichkeit den hässlichen Fußball vor Augen geführt und für verstärkte Anstrengungen gesorgt, dass wir sowas nie wieder erleben müssen, theoretisch jedenfalls.

  • User
  • 06.11.2009 02:58:52 Catilina

    und für verstärkte Anstrengungen gesorgt, dass wir sowas nie wieder erleben müssen, theoretisch jedenfalls.

    Hier in Deutschland sind diese Anstrengungen systematisch erst nach der EM-Pleite von 2004 unternommen worden - obwohl Stimmen, die eine Reform des deutschen Fußballs an Haupt und Gliedern forderten, schon 1998 und 2000 lautgeworden waren.
    Nach Japan/Südkorea obsiegte noch einmal die Selbstzufriedenheit der üblichen Verdächtigen (Calmund, Mayer-Vorfelder, Beckenbauer...)

    Dein Hinweis auf den brasilianischen WM-Auftritt von 1994 bestätigt ja die These, daß in jenen Jahren der Weltfußball sich taktisch an der defensiven Spielweise orientiert habe, wie sie mit besonders großem Erfolg in Italien praktiziert wurde.
    Socrates wurde einmal mit dem feinen Spruch zitiert, die Spieler der brasilianischen Weltmeisterelf von `94 seien keine Brasilianer, sondern Italiener gewesen. Und Socrates` kongenialer Mittelfeld-Partner Zico hat vor kurzem im Rückblick auf das legendäre Zwischenrundenspiel zwischen Brasilien und Italien bei der WM 1982 gesagt, der überraschende Sieg der Italiener (und ihr anschließender Turniersieg) habe eine fatale Signalwirkung gehabt.

    Natürlich ist diese Sichtweise des italienischen Fußballs einseitig und ungerecht, aber ganz von der Hand zu weisen ist sie nicht; auch wenn es in der goldenen Ära der Serie A Mannschaften gegeben hat - wie etwa die von Arrigo Sacchi geformte Milan-Elf um die "holländische Achse" Van Basten, Gullit, Rijkaard vor ziemlich genau 20 Jahren - auf die das Klischee vom destruktiven Anti-Fußball so gar nicht passen will.

    Der Sieg von Otto Rehhagels Griechen bei der EURO 2004 war aus deutscher Sicht zutiefst ironisch: Trainer wie Rehhagel hatten gerade, weil sie über Jahre hinweg Erfolg hatten, großen Anteil an der Entwicklung, die zu sportlichen Debakeln wie denen von 1998, 2000 und 2004 führte. Während die deutsche Mannschaft die bitteren Früchte dieser Entwicklung erntete, trieb Rehhagel als griechischer Nationaltrainer sein System auf die Spitze und wurde - Europameister.

  • User
  • 06.11.2009 02:59:20 Catilina

    und für verstärkte Anstrengungen gesorgt, dass wir sowas nie wieder erleben müssen, theoretisch jedenfalls.

    Hier in Deutschland sind diese Anstrengungen systematisch erst nach der EM-Pleite von 2004 unternommen worden - obwohl Stimmen, die eine Reform des deutschen Fußballs an Haupt und Gliedern forderten, schon 1998 und 2000 lautgeworden waren.
    Nach Japan/Südkorea obsiegte noch einmal die Selbstzufriedenheit der üblichen Verdächtigen (Calmund, Mayer-Vorfelder, Beckenbauer...)

    Dein Hinweis auf den brasilianischen WM-Auftritt von 1994 bestätigt ja die These, daß in jenen Jahren der Weltfußball sich taktisch an der defensiven Spielweise orientiert habe, wie sie mit besonders großem Erfolg in Italien praktiziert wurde.
    Socrates wurde einmal mit dem feinen Spruch zitiert, die Spieler der brasilianischen Weltmeisterelf von `94 seien keine Brasilianer, sondern Italiener gewesen. Und Socrates` kongenialer Mittelfeld-Partner Zico hat vor kurzem im Rückblick auf das legendäre Zwischenrundenspiel zwischen Brasilien und Italien bei der WM 1982 gesagt, der überraschende Sieg der Italiener (und ihr anschließender Turniersieg) habe eine fatale Signalwirkung gehabt.

    Natürlich ist diese Sichtweise des italienischen Fußballs einseitig und ungerecht, aber ganz von der Hand zu weisen ist sie nicht; auch wenn es in der goldenen Ära der Serie A Mannschaften gegeben hat - wie etwa die von Arrigo Sacchi geformte Milan-Elf um die "holländische Achse" Van Basten, Gullit, Rijkaard vor ziemlich genau 20 Jahren - auf die das Klischee vom destruktiven Anti-Fußball so gar nicht passen will.

    Der Sieg von Otto Rehhagels Griechen bei der EURO 2004 war aus deutscher Sicht zutiefst ironisch: Trainer wie Rehhagel hatten gerade, weil sie über Jahre hinweg Erfolg hatten, großen Anteil an der Entwicklung, die zu sportlichen Debakeln wie denen von 1998, 2000 und 2004 führte. Während die deutsche Mannschaft die bitteren Früchte dieser Entwicklung erntete, trieb Rehhagel als griechischer Nationaltrainer sein System auf die Spitze und wurde - Europameister.

  • User
  • 06.11.2009 09:17:53 einrudithömmes

    Es gibt keine Finalteilnahme bei der WM2002!

  • User
  • 06.11.2009 09:35:09 noorange

    @Catilina
    Äh, äh, äh. Rehagel kann man ja ne Menge vorwerfen, aber er hat nicht, wie bei dir angedeutet, destruktiv spielen lassen. In Bremen nicht und in Kaiserslautern auch nicht.
    Mit Griechenland hatte er wohl keine andere Wahl!? Ist auch egal.

    Ihm deswegen die Schuld für das Ballgeschiebe der deutschen Nationalmannschft zuzuschieben halte ich für ... ausgemachten Blödsinn.

  • User
  • 06.11.2009 13:01:22 unionchemiker

    rehagel wurde deswegen europameister, weil die russen in der vorrunde in faro 10 hundertprozentige versemmelten.

  • User
  • 06.11.2009 14:25:55 Catilina

    @ noorange

    er hat nicht, wie bei dir angedeutet, destruktiv spielen lassen


    Sicher nicht. Bremen hat ja unter seiner Führung immer wieder begeisternde Spiele gemacht, gerade im Europacup. Aber er hat so eine beschränkte Auffassung vom Fußball vertreten, die als Ausdruck der damaligen Bremer Verhältnisse nachvollziehbar war, die aufgrund seiner Erfolge aber auch über Bremen hinaus Schule gemacht hat. Rehhagel hat als Trainer in erster Linie von seiner Fähigkeit gelebt, tatsächliche oder vermeintliche Underdog-Mannschaften gegen die "Großkopferten" zu motivieren.

    In seiner Bremer Zeit hat er immer wieder seltsame Postulate aufgestellt, z.B., daß Spieler wie Netzer und Overath im modernen Fußball keinen Platz hätten (während ausländische Beobachter, wie Morten Olsen oder der Serbe Vujadin Boskov, sich darin einig waren, daß der Bundesliga solche Spieler fehlten)
    oder (sinngemäß) daß Ballbehandlung, Technik nicht erlernbar seien usw.. Er selber war schlau genug, sich nicht daran zu halten, aber anderswo im deutschen Fußball, etwa bei der Trainer-Ausbildung, wurden solche fragwürdigen Behauptungen als unumstößliche Wahrheiten gehandelt.

    Der Gipfel war, daß einige Leute, darunter auch sogenannte Experten, nach Rehhagels EM-Triumph allen Ernstes meinten, nun müsse die deutsche Mannschaft sich unter Rehhagels Führung zum WM-Sieg mauern.

  • User
  • 06.11.2009 14:52:48 noorange

    "Der Gipfel war, daß einige Leute, darunter auch sogenannte Experten, nach Rehhagels EM-Triumph allen Ernstes meinten, nun müsse die deutsche Mannschaft sich unter Rehhagels Führung zum WM-Sieg mauern."

    Das war natürlich Quatsch und ich war wirklich froh, dass Rehhagel nicht die deutsche Nationalmannschaft übernommen hat.

  • User
  • 24.11.2010 13:02:37 einrudithömmes

    Gibt's einen aktuellen Anlass?

    Wie auch immer: danke für den Upload, da steckt viel Liebe drin, möchte man meinen.

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