Henrik Larsson hört auf
Auf Wiedersehen, Jugend!
Text: Dirk Gieselmann Bild: Imago
Mit wehenden Dreadlocks eilte Henrik Larsson Anfang der 90er über die Plätze Europas. Einen Friseurbesuch und eine Wahnsinnskarriere später geht der Schwede nun in Rente – und beendet damit auch die Jugend seiner Fans.
Das wäre doch nicht nötig gewesen: Der FC Barcelona verlor gestern Abend 1:2 gegen den russischen Niemand Rubin Karsan. Selbst für den zu Pathos und Weltschmerz neigenden Klub war diese Geste dann doch eine Nummer zu kitschig.
Aber traurig, ja traurig darf man sein, dass der große Henrik Larsson am 1. November seine Karriere beendet. Denn es ist der Tag, an dem auch die Jugend seiner Fans sich verwandelt in ein Erwachsensein, befremdet von dem Blingbling und dem getoasteten Teint der neuen Generation.
Ein letzter Gruß des Helden: Henrik Larsson war es, der im hohen Alter von 35 Jahren Barca den Gewinn der Champions League sicherte. Im Finale 2006 gegen Arsenal London beim Stand von 0:1 eingewechselt, legte der angegraute Stürmerfuchs noch zwei Tore auf. Als er die Riesenvase in den Himmel von Paris stemmte, war das die späte, aber wunderbar logische Krönung einer zwei Jahrzehnte andauernden Karriere.
Den europäischen Fans war Larsson erstmals Anfang der 90er Jahre aufgefallen. Montagabends sah man ihn in der Sendung »Eurogoals« für Feyenoord Rotterdam wirbeln, einen der wenigen niederländischen Vereine, die der Goldenen Generation von Ajax Amsterdam überhaupt Paroli bieten konnten.
Damals trug »Henke« noch Dreadlocks und die Jungs an seiner Seite ebenfalls: Gaston Taument und Regi Blinker. Dreads waren noch nicht so salonfähig wie heute, da jeder zweite Gymnasiast seinen Kamm wegwirft. Die Filzhaare, die Larsson, Taument und Blinker über die Plätze wallen ließen, schockten noch und faszinierten zugleich: Wer waren diese Raggamuffins, die so verdammt gut kicken können?
Henrik Larsson war der beste der drei Fußball-Marleys, weil er schon in jungen Jahren nicht nur spielen wollte – er wollte immer auch beißen. Seine Effizienz bescherte seinem Heimatland Schweden auch einen der größten Erfolg auf der internationalen Fußballbühne: Bei der WM 1994 holten die »Tre Kronors« die Bronzemedaille, auch weil Larsson im Viertelfinale gegen Rumänien eiskalt zuschlug.
»Wenn ich gegen ihn spiele, fühle ich mich klein und ahnungslos«
Es mag zunächst seltsam erscheinen, dass er in der Folge nicht zu einem europäischen Riesenverein wechselte, zu Real Madrid, dem AC Mailand oder Juventus Turin – schließlich war er neben Dennis Bergkamp der versierteste Jungstürmer des Kontinents und im Begriff, die schon im Karriereherbst dämmernden Vialli, Weah und Stoichkov zu beerben. Larsson ging zu Celtic Glasgow nach Schottland – eine Liga, in der pro Jahr zwei Spiele spannend sind: Celtic gegen die Rangers und die Rangers gegen Celtic. Warum also dieser Transfer?
Unklar ist, ob Larsson den festen Plan hatte, König von Schottland zu werden. Doch sieben Jahre, 221 Spiele, 174 Tore und vier Meistertitel später war er es. Die Dreadlocks waren einer Kampfglatze gewichen, »Henke« war härter geworden, gegen sich, gegen andere, er war nun kaum noch aufzuhalten.
Collin Hendry, Innenverteidiger der Rangers und ein Mann wie zwei Bäume, maunzte nach einem Duell mit ihm deprimiert: »Wenn ich gegen ihn spiele, fühle ich mich klein und ahnungslos.« Allein 2001 schoss Larsson 37 Tore – in 37 Spielen. Er erhielt als bester Torschütze Europas den »Goldenen Schuh«, wurde mit dem Titel »Member of the British Empire« ausgezeichnet und zum besten schwedischen Fußballer der letzten 50 Jahre gewählt.





