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26.09.2011

Wie Eintracht Frankfurt die Liga verzückte

Und es war Sommer

Text: Alex Raack  Bild: Imago

Im Spätsommer 1993 begeistert eine Mannschaft die Bundesliga, der man knapp ein Jahr zuvor eigentlich den Todesstoß versetzt hatte. Eintracht Frankfurt spielt so wunderbaren Fußball, dass Maurizio Gaudino heute noch sagt: »Schöner war es nie«.

Wie Eintracht Frankfurt die Liga verzückte - Und es war Sommer


Der Hesse an sich ist eigentlich kein großer Romantiker. Die großen Gefühle überlässt man in der Mitte Deutschlands gerne anderen Bundesländern. Die Gemütslage ändert sich jedoch dramatisch, wenn man an den Spätsommer 1993 erinnert. Zumindest bei Anhängern von Eintracht Frankfurt. Die ewige Diva, die in diesem Jahr, drei Jahre nach dem WM-Gewinn der deutschen Fußballer in Italien mehr Starlet, als Diva ist. Die Erinnerung an diese Monate lässt Frankfurter Gesichtszüge entspannen, Augen fangen an zu funkeln. Die Mannschaft aus der Bankenstadt spielte hinreißenden Fußball. Wie von einem anderen Stern.



Klaus Toppmöller ist am 1. Juli 1993 noch ein unbedarftes Gesicht in der 1. Bundesliga. Der Mann mit dem Vogelnest auf dem Kopf hatte sich zuvor beim FSV Salmrohr, SSV Ulm und Waldhof Mannheim seine Sporen verdient. Als Dragoslav Stepanovic seinen Dienst in Frankfurt quittiert, stößt die Vereinsführung auf den 41-jährigen Toppmöller. Der beginnt sein Engagement und stößt auf einen namhaften, aber ungeordneten Kader. Mit der Verpflichtung von Maurizio Gaudino gelingt den Hessen ein findiger Transfercoup, pikant ist nur, dass der Mittelfeldspieler gut ein Jahr zuvor mit dem VfB Stuttgart die Meisterschaft ins Schwabenland holte und damit Teil des größten Traumas der Frankfurter Vereinsgeschichte ist. Das Saisonfinale 1992 mit dem nicht gegebenen Elfmeter durch Schiedsrichter Berg und der Niederlage gegen Rostock hat sich tief ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Wie lange wird man daran zu knabbern haben? Toppmöller hat diese alten Wunden nicht, er bastelt seinen Kader zusammen. Aus Hamburg kommt der erfahrene Pole Jan Furtok an den Main.

In der Offensive besitzt Toppmöller großartige Alternativen – jedenfalls auf dem Papier. Ob er die Stars Yeboah, Okocha, Bein und Stein zu einer Mannschaft formen kann, ist vor dem Saisonstart ungewiss. Kritiker werfen ihm fehlende Erfahrung vor, ausgerechnet dieser Mann soll die Eintracht aus Frankfurt zu Ruhm und Ehre führen? Niemals.

Frankfurts Auftakt zieht »Töppi« die Locken glatt

1. Spieltag. Freitagabend, Gladbacher Bökelberg. 35.000 Menschen stehen und sitzen auf den steilen Betontribünen um zu sehen, wie sich Kastenmaier, Neun und Dahlin gegen Bein, Binz und Bommer behaupten. Toppmöller steht neben seiner Trainerbank und kaut auf den Fingernägeln. Was er dann sieht, zieht »Toppi« fast die Locken glatt: seine Auswahl spielt nicht, sie zelebriert. Uwe Bein hat das Mittefeld fest in seiner Hand, wenn die Pässe aus seinem linken Fuß zucken und Tony Yeboah Geschwindigkeit aufnimmt, hält der Bökelberg den Atem an. Binz und Bindewald halten den Laden dicht, in der Mitte hat sich Gaudino bereits auf faszinierende Art und Weise auf seine neue Position am rechten Spielfeldrand eingestellt, Ralf Webers mutige Vorstöße kommen mit der Wucht einer Wildpferd-Herde. Nach 90 Minuten steht es 4:0, Furtok, Bein, Weber und Yeboah haben getroffen, Toppmöller glühen die Augen vor diebischer Freude. Dabei kann er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass er zehn Spieltage nacheinander nicht ein Spiel verlieren wird.

Warum ist ausgerechnet Klaus Toppmöller, 1951 in Rivenich, einer Ortsgemeinde im Landkreis Bernkastel-Wittlich/Rheinland-Pfalz geboren, der richtige Mann für diese Mannschaft? »Der Töppi«, sagt Maurizio Gaudino, heute als Spielerberater tätig, »war für uns damals der perfekte Motivator. Er konnte von Beginn an mit allen Spielern richtig umgehen. Selbst mit Uli Stein.«

Uli Stein, der exzentrische Torwart. Beckenbauer-Beleidiger, Stinkefinger-Provokateur, zuweilen passionierter Faustkämpfer. 1993 bald 40 Jahre alt und immer noch einer der besten Torhüter der Bundesliga. Toppmöller findet den richtigen Ton bei Stein.

Uli Stein: Faustkämpfer, Exzentriker

Auch bei Uwe Bein, dem Weltmeister von 1990. Hat der Schnauzbartträger seinen Spaß, ist er ein Genie. Seine Pässe: so präzise, wie chirurgische Schnitte. Co-Trainer hoffen beim Trainingsspiel am Donnerstag auf Ausfälle, damit sie an der Seite von Bein spielen können. Der serviert ihnen die Bälle zu exakt, dass selbst übergewichtige Mit-Fünfziger noch ihre Buden machen. Maurizio Gaudino erinnert sich an Beins Vorlagen, wie ein Großvater an seine erste Jugendliebe: »Wenn Uwe den Ball hatte, brauchtest du nichts anderes machen, als einfach weiterzurennen. Du hast den Ball immer so bekommen, als sei er aus Eisen und deine Schuhe Magneten.«

Bein, das ist die andere Seite der Medaille, ist jedoch beileibe kein stiller und treuer Mannschaftsdiener. »In Frankfurt fängt die Woche am Donnerstag an«, ist eine allseits bekannte Weisheit in der Finanzmetropole. Am Donnerstag erscheint Uwe Bein das erste Mal zum Training.

Seit Toppmöller die Hüttchen aufstellen lässt, verpasst der Linksfuß keine Übungseinheit mehr. »Der Uwe war immer voll dabei«, erinnert sich Gaudino, »wir hatten im Training so viel Spaß, da wollte keiner fehlen.« Die Co-Trainer trauern.


weiterlesen [1] [2]



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Kommentare

  • User
  • 20.09.2009 14:55:44 noel

    die Münchener Meisterschaftsanwärter verlieren zum gleichen Zeitpunkt 0:1 gegen Bremen durch den Treffer von ??. Aha, danke.

  • User
  • 20.09.2009 15:17:44 Buthelezi

    Text ist wohl durch die Korrektur gerutscht.

    Das Tor für Bremen erzielte Bernd Hobsch. Oder sollte der anonym bleiben?

  • User
  • 20.09.2009 16:06:52 Alex Raack

    Ihr aufmerksamen Leser: Dankeschön, ist korrigiert.

  • User
  • 20.09.2009 20:19:56 Haase88

    Ist fast die gleich Geschichte wie Hoffenheim letze Saison.

  • User
  • 21.09.2009 09:54:53 Shinook

    Hasse recht Haase, zumal mit dem Ausfall von Ibisevic, eine direkte Parallele will ich jetzt nich sagen, ein sehr ähnlicher Fall was den Topgoalgetter angeht passierte. Nur das Tony viel großartiger war. Viel großartiger!

    Aber trotzdem danke für den Artikel, liest sich gut und macht warme Gedanken!

  • User
  • 21.09.2009 12:14:23 misterkite

    hachja...mir alsn ochthesse kann ja keine sympathie fürdie eintracht quasi nachgesagt werden ABER...frankfurt anfang der 90er...das war der hammer.während meine bayern da teilweise echten grobschnitt abgeliefert haben,hat die sge da echten traumfussball gespielt..und uwe bein..sagenhaft. okocha, yeboah...mann mann mann...binz/bindewald...hach ja..damals..die gute alte zeit *wein*

  • User
  • 22.09.2009 01:49:02 Hessenfan94

    Ja da kullern die heissen Tränen der Wehmut wenn ich an diese Zeiten zurückdenke. Nie zuvor und nie danach war man wieder so dicht an der Möglichkeit Meister zu werden, wie in den beginnenden 90ern. Auf jeder Position Weltstars, die heute wahrscheinlich mehr Kosten würden als Messi und Ronaldo zusammen: Ulli Stein, Uwe Bindewald, Manni Binz, Mauricio Gaudino, Ralf Weber, Ralf Falkenmayer, UWE BEIN...Jesus...UWE BEIN!!!! Jay Jay Okocha, Antony Yeboha. Wenn man sich die Tore aus dieser Zeit mal in dem ein oder anderen Youtube-Video ansieht (!!!Okocha gegen den KSC...ein unvergessener Leckerbissen; "meine Sendezeit ist schon vorbei, doch sollen sie mich rausschmeissen, ich zeige die Szene nochmal!!") schnallzt man unweigerlich mit der Zunge und die Augen leuchten. Fussball 2000 wurde da gespielt...man hat die Zeichen der Zeit zu später erkannt und die falschen Leute entscheiden lassen. Man wurde über's Ohr gehauen in einer Saison, in der man Meister hätte werden müssen. Es kam zu viel zusammen, als das der Untergang zu verhindern gewesen wäre...

    Eine solide Führung wie heut und die Mannschaft von damals, man könnte wahrscheinlich schon die Dauerkarten für die Champions-League kaufen und von Bayern München würde keiner mehr sprechen. Sei es drum, die letzten Jahre geben eigentlich Hoffnung, das man eines Tages vielleicht wieder in Schlagdistanz kommt. ich hoffe ich erlebe das noch mit.

    Grüsse an alle Eintracht-Fans. Nur die SGE, nur die SGE!

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