Wie Eintracht Frankfurt die Liga verzückte
Und es war Sommer
Text: Alex Raack Bild: Imago
Im Spätsommer 1993 begeistert eine Mannschaft die Bundesliga, der man knapp ein Jahr zuvor eigentlich den Todesstoß versetzt hatte. Eintracht Frankfurt spielt so wunderbaren Fußball, dass Maurizio Gaudino heute noch sagt: »Schöner war es nie«.
Der Hesse an sich ist eigentlich kein großer Romantiker. Die großen Gefühle überlässt man in der Mitte Deutschlands gerne anderen Bundesländern. Die Gemütslage ändert sich jedoch dramatisch, wenn man an den Spätsommer 1993 erinnert. Zumindest bei Anhängern von Eintracht Frankfurt. Die ewige Diva, die in diesem Jahr, drei Jahre nach dem WM-Gewinn der deutschen Fußballer in Italien mehr Starlet, als Diva ist. Die Erinnerung an diese Monate lässt Frankfurter Gesichtszüge entspannen, Augen fangen an zu funkeln. Die Mannschaft aus der Bankenstadt spielte hinreißenden Fußball. Wie von einem anderen Stern.
Klaus Toppmöller ist am 1. Juli 1993 noch ein unbedarftes Gesicht in der 1. Bundesliga. Der Mann mit dem Vogelnest auf dem Kopf hatte sich zuvor beim FSV Salmrohr, SSV Ulm und Waldhof Mannheim seine Sporen verdient. Als Dragoslav Stepanovic seinen Dienst in Frankfurt quittiert, stößt die Vereinsführung auf den 41-jährigen Toppmöller. Der beginnt sein Engagement und stößt auf einen namhaften, aber ungeordneten Kader. Mit der Verpflichtung von Maurizio Gaudino gelingt den Hessen ein findiger Transfercoup, pikant ist nur, dass der Mittelfeldspieler gut ein Jahr zuvor mit dem VfB Stuttgart die Meisterschaft ins Schwabenland holte und damit Teil des größten Traumas der Frankfurter Vereinsgeschichte ist. Das Saisonfinale 1992 mit dem nicht gegebenen Elfmeter durch Schiedsrichter Berg und der Niederlage gegen Rostock hat sich tief ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Wie lange wird man daran zu knabbern haben? Toppmöller hat diese alten Wunden nicht, er bastelt seinen Kader zusammen. Aus Hamburg kommt der erfahrene Pole Jan Furtok an den Main.
In der Offensive besitzt Toppmöller großartige Alternativen – jedenfalls auf dem Papier. Ob er die Stars Yeboah, Okocha, Bein und Stein zu einer Mannschaft formen kann, ist vor dem Saisonstart ungewiss. Kritiker werfen ihm fehlende Erfahrung vor, ausgerechnet dieser Mann soll die Eintracht aus Frankfurt zu Ruhm und Ehre führen? Niemals.
Frankfurts Auftakt zieht »Töppi« die Locken glatt
1. Spieltag. Freitagabend, Gladbacher Bökelberg. 35.000 Menschen stehen und sitzen auf den steilen Betontribünen um zu sehen, wie sich Kastenmaier, Neun und Dahlin gegen Bein, Binz und Bommer behaupten. Toppmöller steht neben seiner Trainerbank und kaut auf den Fingernägeln. Was er dann sieht, zieht »Toppi« fast die Locken glatt: seine Auswahl spielt nicht, sie zelebriert. Uwe Bein hat das Mittefeld fest in seiner Hand, wenn die Pässe aus seinem linken Fuß zucken und Tony Yeboah Geschwindigkeit aufnimmt, hält der Bökelberg den Atem an. Binz und Bindewald halten den Laden dicht, in der Mitte hat sich Gaudino bereits auf faszinierende Art und Weise auf seine neue Position am rechten Spielfeldrand eingestellt, Ralf Webers mutige Vorstöße kommen mit der Wucht einer Wildpferd-Herde. Nach 90 Minuten steht es 4:0, Furtok, Bein, Weber und Yeboah haben getroffen, Toppmöller glühen die Augen vor diebischer Freude. Dabei kann er zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass er zehn Spieltage nacheinander nicht ein Spiel verlieren wird.
Warum ist ausgerechnet Klaus Toppmöller, 1951 in Rivenich, einer Ortsgemeinde im Landkreis Bernkastel-Wittlich/Rheinland-Pfalz geboren, der richtige Mann für diese Mannschaft? »Der Töppi«, sagt Maurizio Gaudino, heute als Spielerberater tätig, »war für uns damals der perfekte Motivator. Er konnte von Beginn an mit allen Spielern richtig umgehen. Selbst mit Uli Stein.«
Uli Stein, der exzentrische Torwart. Beckenbauer-Beleidiger, Stinkefinger-Provokateur, zuweilen passionierter Faustkämpfer. 1993 bald 40 Jahre alt und immer noch einer der besten Torhüter der Bundesliga. Toppmöller findet den richtigen Ton bei Stein.
Uli Stein: Faustkämpfer, Exzentriker
Auch bei Uwe Bein, dem Weltmeister von 1990. Hat der Schnauzbartträger seinen Spaß, ist er ein Genie. Seine Pässe: so präzise, wie chirurgische Schnitte. Co-Trainer hoffen beim Trainingsspiel am Donnerstag auf Ausfälle, damit sie an der Seite von Bein spielen können. Der serviert ihnen die Bälle zu exakt, dass selbst übergewichtige Mit-Fünfziger noch ihre Buden machen. Maurizio Gaudino erinnert sich an Beins Vorlagen, wie ein Großvater an seine erste Jugendliebe: »Wenn Uwe den Ball hatte, brauchtest du nichts anderes machen, als einfach weiterzurennen. Du hast den Ball immer so bekommen, als sei er aus Eisen und deine Schuhe Magneten.«
Bein, das ist die andere Seite der Medaille, ist jedoch beileibe kein stiller und treuer Mannschaftsdiener. »In Frankfurt fängt die Woche am Donnerstag an«, ist eine allseits bekannte Weisheit in der Finanzmetropole. Am Donnerstag erscheint Uwe Bein das erste Mal zum Training.
Seit Toppmöller die Hüttchen aufstellen lässt, verpasst der Linksfuß keine Übungseinheit mehr. »Der Uwe war immer voll dabei«, erinnert sich Gaudino, »wir hatten im Training so viel Spaß, da wollte keiner fehlen.« Die Co-Trainer trauern.
---
News, Interviews, Blogs, Statistiken und Service zu: Eintracht Frankfurt





