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Pokalheld René Müller blickt zurück

»Bis 7 Uhr durchgemacht«

Text: Mathias Ehlers  Bild: Imago

Vor 22 Jahren setzte sich Lok Leipzig im Halbfinale des Pokalsieger-Cups gegen Bordeaux durch. René Müller hielt dabei zwei Elfmeter und verwandelte den entscheidenden selbst – ins linke obere Eck. Hier erinnert er sich.

Pokalheld René Müller blickt zurück - »Bis 7 Uhr durchgemacht«


Herr Müller, Ihre Biographie trägt den Namen »Ins linke obere Eck«. Deute ich den Titel richtig, wenn ich annehme, dass das Spiel gegen Bordeaux das Spiel ihres Lebens war?

Das kann man schon so deuten. Das war natürlich ein einmaliger Höhepunkt. Es war für viele Menschen ein Highlight, da sich im Zentralstadion viele Zuschauer aus der ganzen DDR versammelt hatten und wenn man dann das Glück hat, den Schlusspunkt dieses Spiel zu setzen, ist das natürlich etwas Außergewöhnliches.

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Wie oft denken Sie denn noch an dieses Spiel?

Kaum. Wenn ich darauf angesprochen werde, dann schon. Aber das Leben geht ja weiter, und man muss jeden Tag versuchen, das linke obere Eck zu treffen. Das gelingt nicht immer, es kann auch mal der Pfosten, die Latte oder ein Torwart dazwischen stehen.

Also ein sehr doppeldeutiger Titel. Trotzdem bezieht er sich in erster Linie auf den entscheidenden Elfmeter gegen Bordeaux?

Ja, ich habe darüber lange mit dem Verleger gesprochen, und wir haben uns dann auf diesen Titel geeinigt, weil er einfach am besten gepasst hat.

Sie traten in dieser Zeit oft gegen französische Teams an.

Mit Frankreich verband mich eine lange Liebe. So ab 1984 habe ich sehr oft gegen französische Teams gespielt, sei es mit Lok oder der Nationalmannschaft. Im Europapokal hatten wir ein paar Jahre vorher schon einmal gegen Bordeaux gespielt und sie aus dem Wettbewerb geworfen. Wir hatten 3:2 in Bordeaux gewonnen, zu Hause dann sogar 4:0. Sie haben uns total unterschätzt, obwohl sie damals eine sensationelle Mannschaft waren und einen großen Teil der Europameistermannschaft stellten. Deswegen war das Duell von 1987 ein ganz anderes Aufeinandertreffen. Das Stadion in Bordeaux war inzwischen zu einem reinen Fußballstadion umgebaut. Dass wir dann trotzdem dort gewonnen haben, noch nicht einmal unverdient, hat natürlich für eine gute Stimmung gesorgt.

Waren Sie denn so etwas wie der Angstgegner von Bordeaux?

Deutsche Mannschaften waren nie angenehm für die Franzosen. Wenn man die Geschichte bemüht, zeigt sich, dass sie in Leipzig schon immer den Hintern voll bekommen haben. Nicht umsonst steht in Leipzig das Völkerschlachtdenkmal (lacht).

Hat sich die Mannschaft in den Ligaspielen zwischen Hin- und Rückspiel bewusst geschont?

Nein. Wir hatten ja eine ganz verworrene Vorbereitung, mit vielen Verletzten. Dazu war der Winter sehr unangenehm, von Januar bis März lag Schnee. Rasenheizungen gab es noch nicht. Wir hatten riesige Verletzungsprobleme infolge des langen Winters. Die Kader waren nicht so groß wie heute, wir hatten keine 24 Spieler, sondern mussten mit 15, 16 Spielern auskommen. Deswegen haben wir nichts schleifen lassen können. Wir wollten in dieser Saison Meister werden, sind aber knapp gescheitert. Dafür sind wir Pokalsieger geworden und haben das Europapokalendspiel erreicht.

Konnten Sie danach noch entspannt durch Leipzig laufen – oder waren Sie vor Schulterklopfern nicht mehr sicher?

Wir Nationalspieler mussten schon am nächsten Tag um 12 Uhr in der Sportschule Kienbaum sein, wo sich die Auswahl auf das Länderspiel gegen die Sowjetunion in Kiew vorbereitete, obwohl das Spiel erst den Mittwoch darauf stattfand. Man hat es uns also nicht gegönnt, mal zwei Tage durchzuatmen. Stattdessen mussten wir morgens den Bus besteigen und zur Sportschule fahren.

Die Feier fiel also flach?

Nein, die Feier fiel nicht flach. Wir haben bis 7 Uhr durchgemacht. Das haben wir uns einfach gegönnt und sind dann ohne Schlaf in den Bus gestiegen. Bernd Stange (Anm.: Nationaltrainer der DDR) war dann klug genug, uns in den Wald zu schicken, dort sind wir dann spazieren gegangen. Aber auf die Idee, uns direkt am nächsten Tag antreten zu lassen, würde nie ein Trainer kommen. So etwas konnte nur eine Sportführung machen, die mit Fußball nichts am Hut hatte. Eigentlich lässt man so eine Feier zwei Tage weitergehen und trifft sich entsprechend später. Dann wäre immer noch genügend Zeit gewesen, sich auf das Länderspiel vorzubereiten, aber viele haben es einfach verstanden, uns den Spaß zu verderben.

Wie wurden die Lok-Spieler im Kreise der Nationalmannschaft empfangen?

Sie müssen wissen, dass die Spieler nicht wie heute in noblen Hotels untergebracht sind, sondern in Sportschulen, zusammen mit anderen Sportlern wie den Leichtathleten oder den Turnern. Spartanische Zimmer ohne Fernseher. Man hat sich da abends auf sein Zimmer zurückgezogen und geplaudert.

Und was haben die Spieler aus Berlin oder Dresden zu Ihnen gesagt?

Ob es ehrlich war oder nicht, weiß man ja nie, aber ich glaube schon, dass viele Spieler uns das gegönnt haben. Andere Spieler haben das wiederum nicht, aber das ist ja heute auch noch so. Aber das Schlimme war für mich, dass wir direkt am Tag nach dem Bordeaux-Spiel zur Nationalmannschaft mussten und dort abends schon wieder Sitzung hatten. Das war alles nervend. Wir hatten keine Gelegenheit, Abstand zu gewinnen und das Erlebte zu verarbeiten. Und wir hatten ja einiges zu verarbeiten: diese riesige Kulisse. das Stadion war unglaublich voll, 110.000 Menschen. Dazu Verlängerung und Elfmeterschießen, das zu verarbeiten dauert natürlich ein paar Tage, und das will man dann natürlich am liebsten zu Hause machen.


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Kommentare

  • User
  • 22.04.2009 18:47:52 Lederfresse

    ...Halt den FCL in Ehren, das er strebt empooor, er wird sich noch sehr vermehren, FCL stürmt vor !!!! Danke Rene` für `87

  • User
  • 25.04.2009 12:33:14 AntiMöller

    Danke für`s Interview und bitte mehr von/über DDR-Fußballer!

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