Die Nationalmannschaft in den 80ern
Mit Kalle zum Hahnenkampf
Text: Eike Immel (Protokoll: Andreas Bock) Bild: Imago
Frankreichs Nationalmannschaft kämpft mit der Erinnerung an die Skandal-WM 2010? Pff, saufen und rumhuren konnten die Deutschen aber besser. Eike Immel erinnert sich an ein Jahrzehnt zwischen Schluchsee und »Anpfiff«.
1.
Halbfinale
Auf einmal war alles anders. Die Lichter der Kameras, die Ansprachen der Trainer, meine Motivation und vor allem der Druck von außen. Ich stand in den Spotlights, ich war die Nummer Eins, der Torwart, der für Deutschland den dritten EM-Titel festhalten sollte. Acht Jahre hatte ich auf diesen Moment gewartet, ständig im Standby-Modus, immer dabei, doch nie mittendrin. Aufgemuckt hatte ich nie. Vielleicht, weil ich keine Lobby hinter mir wusste, keine wichtigen Journalisten, die sich getraut hätten der Kölner und Münchner Presse die Stirn zu bieten, die mit mir den Kampf um die Nummer Eins gefochten hätten.
Doch nun hatte Toni Schumacher dieses ominöse Buch »Anpfiff« geschrieben und sich selbst aus der Nationalmannschaft befördert. So sehr ich mich in jenem Sommer 1988 auf das Turnier freute, so war ich mir auch sicher, dass dies meine einzige Chance sein würde: Wenn wir im eigenen Land nicht den Titel holten, würde sich was verändern, ganz egal wie ich halte. Es würde mein letztes Turnier als Nummer Eins sein, denn hinter mir scharrten bereits Bodo Illgner und die mächtigen Kölner »Bild«-Reporter mit den Füßen.
Die Vorrunde meisterten wir souverän, und nach dem 2:0-Sieg gegen die starken Spanier waren wir sicher: Wir werden Europameister. Erste Zweifel kamen wenige Stunden vor dem Anpfiff des Halbfinales gegen die Niederlande auf. Auf dem Weg zum Hamburger Volksparkstadion passierten wir eine Brücke, von der wir auf die bereits gut gefüllten Tribünen blicken konnten – sie waren fast vollständig in orange gefärbt. Überall wo man hinsah: orange! Ich weiß bis heute nicht, wie es den niederländischen Fans möglich war, so viele Karten für dieses Spiel zu bekommen. Frank Mill sagte später: »Schön wäre es gewesen, wenn wir heute ein Heimspiel gehabt hätten.« Dann dieser unfassbar schlechte Schiedsrichter. Sicher, die Holländer haben verdient gewonnen und wurden am Ende zu Recht Europameister, die hatten ja eine Jahrhundertmannschaft – alleine die Namen: van Basten, Gullit, Koeman oder Rijkaard.
Zwar war es in jenem Halbfinale nicht so, dass ein Angriff nach dem nächsten auf unser Tor rollte, doch die Holländer schnürten uns fast 90 Minuten in unserer Hälfte ein – die müssen 70 Prozent Ballbesitz gehabt haben. Dem entgegen standen Entlastungsangriffe von uns. Dennoch: Wir machten das erste Tor und ich bin mir sicher: Es wäre beim 1:0 geblieben, hätte de Schiedsrichter den Holländern nach dem angeblichen Foul von Kohler an van Basten nicht den Elfmeter geschenkt.
Wenn du heute mit der deutschen Mannschaft in das Halbfinale eines großen Turniers kommst, sind alle zufrieden, damals war das Aus der Weltuntergang und die 89. Minute wie ein Schlag ins Gesicht der ganzen Nation. Ich erinnerte mich vor dem Spiel noch an die Worte von Sepp Maier: »Wenn du als Torwart sicher in ein Turnier startest, in den ersten Spielen keine Fehler machst, wirst du immer besser, du wirst unbezwingbar.« Und dann sah ich den Ball von Marco van Basten an meiner rechten Hand vorbei ins Tor rollen.
2.
Erste Schritte
Meine Karriere verlief von Anfang an in einem so hohen Tempo, dass ich kaum hinterherkam. Schon nach meinem ersten Spiel trugen sie mich auf Händen. Ich wusste damals, im August 1978, gar nicht so richtig, was passiert war. Plötzlich stand Sepp Maier vor mir, der große Sepp Maier, und gratulierte mir. Doch ich nahm nichts mehr wahr, um mich herum nur Blitzlichter und ein ohrenbetäubender Lärm von 50000 Fans im Dortmunder Westfalenstadion. Von einem solchen Debüt träumt vermutlich jeder Junge: Auf der einen Seite die schier unbezwingbaren Bayern, die im Minutentakt auf das Tor anrennen und auf der anderen Seite der Jungspund, gerade mal 17 Jahre alt, der sie alle abwehrt, als ob er nie was anderes getan hätte.
Es ging rasant weiter. Ich war kaum in der Bundesliga angekommen, da stand ich schon im Tor der Nationalelf. Im Sommer 1980 nahm mich Jupp Derwall als dritten Torwart zur EM nach Italien, und schon ein paar Monate später, im Oktober 1980, debütierte ich bei einem Freundschaftsspiel in den Niederlanden. Die Nationalmannschaft hatte zu dem Zeitpunkt seit 21 Spielen nicht verloren. Natürlich bammeln da die Beine, man will ja nicht derjenige sein, der die Serie vermasselt. Doch es ging alles glatt. Ich wurde in der zweiten Halbzeit eingewechselt und hielt, was zu halten war. Spätestens als ich am nächsten Tag die Zeitungen aufschlug und die durchweg guten Kritiken las, wusste ich: Jetzt hast du den Fuß in der Tür, pass auf, dass er nicht wieder hinausrutscht.
Aus 11 FREUNDE Spezial: 80er






