Lars Ricken über das Spiel seines Lebens
»Schieß - von wo auch immer«
Interview: Daniel Wehner Bild: Imago
Mit dem Tor des Jahres 1997 schoss Lars Ricken Borussia Dortmund zum Champions League-Gewinn gegen Juventus Turin. Ein Gespräch über Peruzzis permanente Flucht aus dem Gehäuse und den geplanten 30-Meter-Heber.
Lars Ricken, werden Sie noch oft mit dem Champions League-Finale gegen Juventus Turin konfrontiert?
Lars Ricken: 2007 hat sich das Spiel zum zehnten Mal gejährt. Deshalb gab es zu dieser Zeit relativ viele Anfragen.
Gibt es bei solchen Anfragen bestimmte Fragen, die Sie besonders stören?
Lars Ricken: Das würde ich nicht sagen. Aber es ist ganz interessant, dass ich immer wieder gefragt werde, wie oft ich mir das Tor zum 3:1 angeschaut habe. Anscheinend sind manche Menschen der Meinung, dass ich mir das Tor nachts ansehe, damit ich besser schlafen kann.
Wie ist es mit Fragen zur konkreten Spielsituation vor dem Tor?
Lars Ricken: Ich werde häufig gefragt, wie oft ich die Geschichte dieses Tores schon erzählen musste. Dabei ist es doch so, dass jeder die Geschichte des Tores gesehen hat. Daher ist es meistens genau umgekehrt: Ich muss nicht meine Geschichte erzählen, sondern die Leute erzählen mir, wie sie das Tor erlebt haben.
Ist Ihnen eine der Geschichten besonders in Erinnerung geblieben?
Lars Ricken: Ein Fan hat mir erzählt, wie sehr er mich für meinen Schuss verflucht hat. »So ein Idiot, wie kann der aus dieser Situation aufs Tor schießen«, hat er gewütet und sich abwinkend weggedreht. Wenige Sekunden später brach der Jubel los und seine Freunde und er lagen quer übereinander. Das ist für mich die größtmögliche Bestätigung: Mit einem Tor habe ich den Menschen einen unvergesslichen Augenblick beschert.
Sie haben einmal gesagt, dass Sie vor ihrem Tor von der Bank aus beobachtet haben, dass Peruzzi oft zu weit vor seinem Kasten stand. Das heißt, Sie hatten diesen 30-Meter-Heber von der Bank aus geplant?
Lars Ricken: Vor der Halbzeit gab es eine Situation, in der er sich rund 30 Meter von seinem Gehäuse entfernt hatte. Als ich das von der Bank aus sah, habe ich gesagt, dass ich den Ball bei meinem ersten Ballkontakt blind draufhaue.
Ganz so blind geschossen sah der Heber später nicht aus.
Lars Ricken: Andreas Möller hatte mich ein paar Sekunden nach meiner Einwechslung so frei gespielt, dass ich nicht mehr blind draufhauen musste. In dieser Situation war der Distanzschuss die beste Variante. Aber ich hatte schon die ganze Zeit im Hinterkopf: Schieß – von wo auch immer.
So einen Heber im Champions Legaue-Finale hätte sich nicht jeder 20-jährige zugetraut. Woher haben Sie das Selbstbewusstsein genommen?
Lars Ricken: Mein Ruf, ein Mann für die wichtigen Tore zu sein, kam ja nicht von ungefähr. Ich habe mir diesen Ruf mit erarbeitet. Da es damals noch das Golden Goal gab, hat Jürgen Kohler vor dem Spiel gesagt: »Wenn jemand das Tor schießt, ist es Lars.« Letztlich hatte ich ein gewisses Selbstverständnis und wusste, dass ich in bedeutenden Spielen immer da bin.
Dennoch hat Sie Ottmar Hitzfeld im Finale zunächst auf der Bank sitzen lassen. Teilte er Ihnen diese Entscheidung in einem persönlichen Gespräch mit?
Lars Ricken: Er hat mich einen Abend vorher angerufen und es mir gesagt. Ich war natürlich schon enttäuscht, weil ich die entscheidenden Tore gegen Auxerre und Manchester geschossen hatte. Und es ging schließlich um die Möglichkeit, Vereins- und Europapokalgeschichte zu schreiben.
Was war der Grund für Ihre Nichtberücksichtung?
Lars Ricken: Unser Team war gespickt mit Nationalspielern. Da alle fit waren, habe ich schon vorher geahnt, dass ich auf der Bank sitzen muss. Aber nach einem sehr guten Gespräch mit Ottmar Hitzfeld wusste ich, dass ich nah an der Mannschaft bin und zu meiner Chance kommen würde.
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